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5.1.3 Sozioökonomische und Bildungsunterschiede

Weiterhin zeigt sich in den deutschsprachigen Untersuchungen ein Zusammenhang des sozioökonomischen Status und freiwilliger Arbeit. Über die Hälfte der Engagierten, die im Rahmen des Freiwilligensurveys (56,5 %) und des Engagementatlas (62,5 %) befragt wurden, sind erwerbstätig und nur ein geringer Anteil ist arbeitslos (Freiwilligensurvey 5,4 %, Engagementatlas 2,8 %) (Tabelle 8).

In der Studie von Kopke und Lembcke (2005, S. 113) sind 9,5 % der befragten Freiwilligen arbeitslos. Die größte Gruppe machten allerdings Rentner (39,5 %[1]) – vor allem unter den Freiwilligen in der Selbsthilfe (45,0 %) – aus, gefolgt von Voll- und Teilzeitbeschäftigten (40,0 %) (ebd., S. 113). Im ersten österreichischen Freiwilligenbericht (Institut für interdisziplinäre Nonprofit For- schung an der Wirtschaftsuniversität Wien 2009, S. 211) sind 3,0 % der Freiwilligen ohne Arbeitsstelle.

Auch in der Untersuchung von Schüll (2004) sind die meisten Freiwilligen erwerbstätig (69,0 %) und verdienen mehr als das durchschnittliche Nettoäquivalenzeinkommen (63,0 %) (ebd., S. 172 f.). Ebenso zeigt die Analyse von Braun und Kollegen (1987, S. 65) ein überdurchschnittliches Nettoeinkommen Freiwilliger von über 3.000 DM im Monat im Jahr 1987[2] (Institut der Deutschen Wirtschaft 1989, S. 30). Der Zusammenhang zum sozioökonomischen Status scheint jedoch vornehmlich von einem Bildungseffekt herzurühren. 53,0 % der Befragten in Winklers (1988, S. 99) Studie hatten Abitur, was in etwa dreimal so viele Personen sind wie in Gesamtdeutschland (Statistisches Bundesamt 2012b, S. 40). Allerdings wurden sog. Funktionsbzw. Ehrenamtsträger befragt (Winkler 1988, S. 100). Es ist davon auszugehen, dass Ehrenamtsträger eine bessere Schulbildung besitzen als Personen, die kein Amt innehaben, weil an das Amt bereits bestimmte Anforderungen geknüpft sind, die besser Gebildeten eher zugeschrieben werden (ebd.). Im Speyerer Wertesurvey waren überdurchschnittlich viele Personen freiwillig tätig, die sich subjektiv der oberen Mitteloder der Oberschicht zugehörig fühlten (West: 56,0 %; Ost: 53,0 %) (Klages und Gensicke 1998, S. 182). Verglichen mit Personen, die keinen Berufsabschluss (West: 24,0 %; Ost: 18,0 %) oder eine Lehre (West: 37,0 %; Ost: 27,0 %) haben, war der Anteil Freiwilliger aber auch objektiv unter Hochschul(West: 57,0 %; Ost: 49,0 %), Fachhochschul(West: 46,0 %; Ost: 56,0 %) und Fachschulabsolventen (West: 45,0 %; Ost: 50,0 %) signifikant größer (ebd.). Die Anteile von Personen, die kein Engagement aufnehmen möchten, sind unter den Hochschul-, Fachhochschul- und Fachschulabsolventen zwischen 12 und 43 Prozentpunkte niedriger als unter Personen ohne Abschluss oder mit einer Lehre. Auch in der multivariaten Analyse konnten die Effekte der subjektiven wie objektiven Schichtzugehörigkeit bestätigt werden (ebd., S. 184).

Die Freiwilligen der Studie zur Caritas Köln zeigen auch hier andere soziodemographische Merkmale als Befragte anderer Untersuchungen. Die meisten Caritas-Freiwilligen waren Rentner im Ruhestand und fast 70,0 % haben einen Hauptschulabschluss oder Mittlere Reife (Süßlin 2008, S. 20 f.). Nur 31,0 % der vor allem älteren Freiwilligen waren berufstätig (ebd.).

Unter freiwillig tätigen Österreichern hatten die meisten Befragten den sog. Lehrabschluss[3] (37,0 %) (Institut für interdisziplinäre Nonprofit Forschung an der Wirtschaftsuniversität Wien 2009, S. 211). Der sozioökonomische Status, gemessen durch Erwerbsstatus und Bildung, war unter den Freiwilligen in formalen Organisationen deutlich höher als unter den informell tätigen Freiwilligen (ebd.). Der Engagementatlas berichtet von 20,5 %, der freiwillig arbeitenden Personen, die einen Hauptschulabschluss haben, 31,7 % haben Mittlere Reife und 39,3 % mindestens Abitur (Prognos und AMB Generali 2009).

Düx und Kollegen (2008, S. 40) konnten diesen Zusammenhang ebenfalls nachweisen. Abiturienten hatten in allen Alterskohorten die höchste Rate freiwillig engagierter Personen, gefolgt von Befragten mit Fachhochschulreife und Realschulabschluss. Die niedrigste Rate wurde für Personen ohne Schulabschluss (unter 5,0 %) verzeichnet, deren Einstiegsalter darüber hinaus bei 18 Jahren lag, während in den anderen Gruppen bereits im Grundschulalter erste freiwillige Aktivitäten zu verzeichnen waren (ebd.).

Für Personen, die in der Selbsthilfe tätig waren, lässt sich dieser Zusammenhang ebenfalls, wenn auch weniger deutlich, finden (Kopke und Lembcke 2005, S. 114). Zwar haben auch in der Selbsthilfe Engagierte am häufigsten einen Fachschul-, Fachhochschul oder Hochschulabschluss (43,0 %), doch insgesamt hat etwa ein Viertel nur einen Abschluss „unter der 10. Klasse“ (ebd.)[4]. Bei den Freiwilligen der Wohlfahrtspflege ist die Bildung insgesamt höher (ebd.).

Ob sich überhaupt engagiert wird, und auch die Art der Tätigkeit stehen in engem Zusammenhang mit dem sozioökonomischen Status gemessen durch die Schulbildung. So waren in der Studie von Düx und Kollegen (2008, S. 70) Personen mit Hauptschulabschluss häufiger praktische Helfer, während Freiwillige mit Abitur eher im organisatorischen Bereich tätig waren. Die Autoren schlussfolgern daraus, dass freiwillige Arbeit nicht als Kompensationsfunktion für geringe Ressourcen dient, da Personen mit niedrigem sozioökonomischen Status größere Einstiegshürden haben als Personen, die über mehr soziale und kulturelle Ressourcen verfügen (ebd., S. 73). Weiterhin sind Personen mit mehr Ressourcen besonders nützlich für die Vereine, weshalb diese besonders häufig angeworben werden (Nadai 1999, S. 58 ff.).

A market exists for volunteer labor, much like the market for paid labor. As in any labor market, admission to and performance in this market is conditional on 'qualifications'” (Wilson und Musick 1997, S. 695).

Gaskin und Kollegen (1996, S. 68) berichten davon, dass der positive Zusammenhang von freiwilliger Arbeit und dem sozioökonomischen Status gemessen durch Bildung, Erwerbstätigkeit und Einkommen in beinahe allen europäischen Teilnehmerländern ihrer Studie zu finden ist. Auch in amerikanischen Studien wird diese Beobachtung bestätigt (z.B. Brady et al. 1999, S. 157). Die Freiwilligen von Selbsthilfegruppen und solche, die nicht in formalen Organisationen tätig sind, zeigen weniger ausgeprägte Effekte des sozio-ökonomischen Status. Es scheint sich um eine andere Gruppe zu handeln als jene, die in Vereinen tätig sind, in denen sich vor allem für Fremde engagiert wird.

  • [1] Mittelwert aus Freiwilligen der Wohlfahrtspflege und der Selbsthilfe
  • [2] Durchschnittlicher Nettolohn je Beschäftigter im Jahr 1987 ist 2.128 DM (Institut der Deutschen Wirtschaft 1989, S. 30)
  • [3] Abgeschlossene Lehre
  • [4] Die Autoren weisen jedoch darauf hin, dass es sich um einen Alterseffekt handelt, da viele Personen, die in der Selbsthilfe tätig sind, bereits vor der Bildungsreform in den 1970er Jahren ihren Schulabschluss erworben haben. Mehr zur Bildungsreform u.a. Fuchs (2006) und Hradil und Schiener (2001, S. 158)
 
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