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5.1.2 Soziodemographische Unterschiede

In Tabelle 8 ist die Soziodemographie der Freiwilligen des Freiwilligensurveys und des Engagementatlas dargestellt. Während der Engagementatlas eine leicht höhere Frauenquote (52,1 %) unter den Freiwilligen verzeichnet, zeigen die Ergebnisse des Freiwilligensurveys 2004, dass 48,7 % der Freiwilligen weiblich und 51,3 % männlich sind. Insgesamt entspricht dies den Ergebnissen anderer deutscher Studien, in denen Männer höhere Engagementquoten zeigen, weil sie häufiger und in großer Zahl in Fußballvereinen und Rettungsdiensten arbeiten als Frauen (Düx et al. 2008, S. 37; Gaskin et al. 1996, S. 75; Klages und Gensicke 1998, S. 184 f.; Winkler 1988, S. 94). Weiterhin bekleiden Männer häufiger Ehrenämter als Frauen (Nadai 1999, S. 51; Winkler 1988, S. 94). In ihrer Studie

Hilfe und Selbsthilfe“ befragten Kopke und Lembcke (2005, S. 95) 1.584 freiwillige Mitarbeiter verschiedenster Wohlfahrtsvereine und Selbsthilfegruppen in Thüringen. Es zeigte sich, dass fast zwei Drittel der Freiwilligen in Wohlfahrtsvereinen weiblich waren und sogar 74,0 % der Freiwilligen, die sich im Rahmen von Selbsthilfegruppen engagierten (Kopke und Lembcke 2005, S. 112). Dies entspricht auch der Einschätzung Winklers (1988, S. 96), der herausfand, dass etwa zwei Drittel der Freiwilligen in Wohlfahrtsverbänden weiblich sind. In seiner Untersuchung von 1.283 Ehrenamtsträgern in deutschen Sportvereinen jedoch sind 91,0 % der Befragten männlich (ebd., S. 94). Die Allensbacher Repräsentativbefragung mit 875 Interviews freiwilliger Mitarbeiter der sozialen Dienste und Pfarrgemeinden der Caritas in Köln bestätigt diese Einschätzung (Süßlin 2008, S. 17). Unter den Freiwilligen waren 79,0 % Frauen und 21,0 % Männer (ebd., S. 20). Auch in der Schweiz und in Österreich ist zwischen Männern und Frauen ein Unterschied zu beobachten (Rameder und MoreHollerweger 2009, S. 50 ff.; Stadelmann-Steffen 2010, S. 55 ff.). Getrennt nach formellen und informellen Tätigkeiten zeigt sich, dass fast doppelt so viele Schweizerinnen (28,9 %) informell arbeiten als männliche Eidgenossen (16,8 %) (Bühlmann und Freitag 2007, S. 73). Im Rahmen ihrer Analysen von 74 qualitativen Interviews und einer telefonischen Befragung von 1.500 Personen, die in ihrer Jugend freiwillig tätig waren, stellten Düx und Kollegen (2008, S. 37) fest, dass diese Verteilung der Geschlechter auch für nahezu alle Kohorten des Einstiegsalters für freiwilliges Engagement zu finden ist.

Tabelle 8: Sozialstruktur freiwillig engagierter Personen in formalen Organisationen im Freiwilligensurvey 2004 und des Engagementatlas 2009, in %

*eigene Berechnung; Daten für Personen in formalen Organisationen; anicht in Deutschland geboren; bpro Monat 2009, da 2004 nicht erfragt; cpro Woche, dMehrfachnennungen möglich. eAnteil der Gesamtstichprobe; fAnteil der Freiwilligen; g unter Kultur mit Musik zusammengefasst; hzusammengefasst mit Sport. Quelle: Prognos und AMB Generali (2009)[1], [2].

114 Die Altersgruppen wurden aus der Vorlage des Engagementatlas übernommen und von der Autorin der vorliegenden Arbeit in den Daten des Freiwilligensurveys recodiert, um gleiche Kategorien zu erhalten.

1980 führten Beck und Kollegen (1982) eine schriftliche Befragung mit 366 Befragten in 13 Jugendverbänden durch. Die Freiwilligen setzten sich aus 245 Männern (66,9 %) und 121 Frauen (33,1 %) zusammen (Beck 1982, S. 15). Gaskin und Kollegen (1996, S. 65) fanden für Gesamtdeutschland keine statistisch relevanten Geschlechterunterschiede. Unterteilt nach Ost- und Westdeutschland stellten sie aber fest, dass die Engagementquote für ostdeutsche Männer (27,0 %) um 4 Prozentpunkte höher liegt als für ostdeutsche Frauen (23,0 %) (ebd.).

Nadai (1999, S. 57) begründet die geschlechtsspezifischen Unterschiede bei freiwilliger Arbeit mit den immer noch existierenden Vorstellungen von traditionellen Geschlechterrollen. Während Frauen häufiger „wesensmäßig soziale Betätigungen“ zugeschrieben werden, wird Männern unterstellt, freiwillige Arbeit aus Streben nach Macht und Anerkennung zu leisten (ebd., S. 53). Frauen leisteten dagegen freiwillige Arbeit, um neben der Kindererziehung und der Hausarbeit gesellschaftlich partizipieren zu können (ebd., S. 57). Einige amerikanische, aber auch deutsche Untersuchungen argumentieren damit, dass Frauen empathischer seien und häufiger altruistische Einstellungen zeigten, weshalb sie häufiger freiwillig arbeiteten und mehr Zeit dafür aufwendeten (Hodgkinson und Weitzman 1992, S. 59; Wallraff 2010, S. 135; Wilson und Musick 1997, S. 697).

Das mittlere Alter der Freiwilligen liegt im Freiwilligensurvey bei 61 Jahren. Wie in den meisten anderen Studien ist jedoch unter den Befragten beider Studien ein kurvilinearer Zusammenhang, nach welchem vor allem Personen mittleren Alters freiwillig tätig sind, zu beobachten (u.a. Bühlmann und Freitag 2007, S. 73; Bundesministerium für Familie, Senioren, Frauen und Jugend 2010; Winkler 1988, S. 91; Gabriel et al. 2004, S. 349; Prognos und AMB Generali 2009). Personen zwischen 40 und 64 Jahren machen mit 31,0 % auch den größten Anteil der schweizerischen Freiwilligen aus, Personen zwischen 40 und 69 Jahren (51,0 %) stellen in Österreich die meisten Freiwilligen (Rameder und More-Hollerweger 2009, S. 50 ff.; Stadelmann-Steffen 2010, S. 55 ff.). Die kurvilineare Beziehung zwischen Alter und freiwilliger Arbeit findet sich auch in der Untersuchung Freiwilliger in Thüringen, ist aber im Selbsthilfebereich noch deutlicher ausgeprägt als bei Mitarbeitern der Wohlfahrtspflege (Kopke und Lembcke 2005, S. 112). Auch in internationalen Studien konnte dieser Zusam-menhang bestätigt werden (Knoke und Thomson 1977, S. 61). Gaskin und Kollegen (1996, S. 66)[3] bestätigen diesen Befund für westwie ostdeutsche Befragte. In Klages und Gensickes (1998, S. 184) multivariater Überprüfung des Einflusses von Alter auf das freiwillige Engagement finden sie einen signifikanten negativen Effekt, was darauf schließen lässt, dass jüngere Personen, unter Kontrolle anderer soziodemographischer und Einstellungsmerkmale sowie Religiosität, häufiger freiwillig tätig sind als andere (ebd.). Unter schweizerischen Arbeitskräften[4] ist hinsichtlich der informellen freiwilligen Tätigkeit keine kurvilineare Beziehung zu finden: Je älter die Befragten sind, desto häufiger betätigen sie sich als informelle Helfer (Bühlmann und Freitag 2007, S. 73). Bei den Freiwilligen in formalen Organisationen ist aber sehr wohl die kurvilineare Beziehung von Alter und Engagement zu finden (ebd.). Süßlin (2008, S. 20) stellte fest, dass Personen, die in den Caritas-Pfarrgemeinden engagiert sind, durchschnittlich älter sind als Personen, die in anderen Caritas-Einrichtungen und -Diensten arbeiten. Die Befragten waren auch insgesamt älter als im Freiwilligensurvey oder dem Engagementatlas (ebd.). Es stellt sich die Frage, ob das Alter in Zusammenhang mit der Art oder Wertorientierung der Einrichtungen steht.

In einer Befragung von 65 Freiwilligen dreier Vereine in Münster, Remscheid und Köln finden sich Hinweise darauf. Das Durchschnittsalter der vornehmlich weiblichen Mitarbeiter liegt bei 48 Jahren, wobei sich die soziodemographischen Merkmalen stark nach Tätigkeitsbereichen unterscheiden (Engel 1994, S. 94 ff.). Freiwillige, die sich in der Altenhilfe betätigen, sind durchschnittlich 67 Jahre alt, vornehmlich verwitwet, ausschließlich weiblich und hatten einen mittleren Schulabschluss (ebd.). Die ausschließlich weiblichen Mitarbeiter des untersuchten Frauenhauses sind mit 45 Jahren deutlich jünger und hatten eher Familien mit Kindern, alle mindestens Fachschulabschluss und oft pflegerische Ausbildungen (ebd.). Die Freiwilligen der Strafgefangenenhilfe sind zur Hälfte männlich und mit im Durchschnitt 32 Jahren die jüngste Gruppe mit den höchsten Bildungsabschlüssen (ebd.). Braun und Kollegen (1987, S. 63) stellten für Freiwillige, die im sozialen und Gesundheitsbereich tätig sind, fest, dass sie mindestens 30 Jahre oder älter und verheiratet sind, Mittlere Reife haben und mit mehr als 3 Personen im Haushalt leben (ebd.).

Auch hinsichtlich des Familienstandes lassen sich in verschiedenen Untersuchungen ähnliche Befunde identifizieren. 57,8 % der Befragten des Freiwilligensurveys waren verheiratet oder lebten mit Partnern zusammen (Tabelle 8).

Winkler (1988, S. 99) differenzierte, dass Freiwillige zwar häufiger verheiratet sind, freiwillige Männer in Sportvereinen aber deutlich häufiger als die dort tätigen Frauen. Während nur 6,0 % der männlichen Freiwilligen seiner Studie unverheiratet sind und 90,1 % verheiratet, sind unter den weiblichen Befragten 66,4 % verheiratet und 23,6 % unverheiratet (ebd.). Im ersten österreichischen Freiwilligenbericht sind 58,0 % der Freiwilligen verheiratet (Institut für interdisziplinäre Nonprofit Forschung an der Wirtschaftsuniversität Wien 2009, S. 211). Auch unter den formell tätigen schweizerischen Freiwilligen sind die meisten verheiratet (28,5 %), dicht gefolgt von Ledigen (23,8 %) und Geschiedenen[5] (17,5 %) (Bühlmann und Freitag 2007, S. 73). Die Anteile von Geschiedenen (25,2 %) und Verheirateten (25,5 %) unterscheiden unter informell tätigen Freiwilligen nicht (ebd.). Die Ledigen machen mit 17,6 % die kleinste Gruppe aus (ebd.). In der europäischen Studie von Gaskin und Kollegen (Gaskin et al. 1996, S. 67) dagegen ist der Anteil Lediger unter den deutschen Freiwilligen höher. In Westdeutschland sind 16 % verheiratet und 20 % ledig, in Ostdeutschland 25 % verheiratet und 29 % ledig. In den anderen Ländern – außer Belgien – sind die Freiwilligen häufiger verheiratet als ledig.

  • [1] Die Berichte des Freiwilligensurveys beinhalten ausschließlich Analysen zu der Verteilung soziodemographischer Merkmale zwischen Engagierten und Nicht-Engagierten (Zeilenprozente). Daher ist es nicht möglich, Aussagen über die Zusammensetzung der Gruppe der Freiwilli- gen im Vergleich zu anderen Untersuchungen zu machen. Da der Autorin der vorliegenden Arbeit die Daten des Freiwilligensurveys für 2009 nicht zur Verfügung stehen, werden hier eigene Berechnungen des Surveys von 2004 gezeigt, die sich aber nicht von den Daten für 2009 unterscheiden, die in den Veröffentlichungen zum Freiwilligensurvey zu finden sind
  • [2] Teile der Daten des Engagementatlas wurden der Autorin der vorliegenden Arbeit von der Prognos AG Berlin zur Verfügung gestellt
  • [3] Im Westen der Bundesrepublik finden die Autoren den kurvilinearen Zusammenhang zum Alter, mit Ausnahme der Bis-24-Jährigen, die den größten Anteil an Freiwilligen haben (ebd.)
  • [4] Die Befragung enthält die schweizerische Wohnbevölkerung ab 15 Jahren
  • [5] Diese Gruppe beinhaltet des Weiteren verwitwete und getrennt lebende Personen
 
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