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5.1.1 Regionale Unterschiede

Im Rahmen der Studie von Gaskin und Kollegen (1996, S. 65; Paulwitz 1996, S.

245) gaben mehr Personen in Ostdeutschland (24,0 % zu West: 16,0 %) an, freiwillig zu arbeiten, was im Widerspruch zu den bereits vorgestellten Untersuchungen steht (Gaskin et al. 1996, S. 65; Paulwitz 1996, S. 245). Auch dieser Befund weist auf eine von den anderen Untersuchungen abweichende Interpretation der Frage hin.

Die Ergebnisse des Speyerer Wertesurvey zeigen, dass 1997 in Ostdeutschland (35,0 %) etwas weniger Personen freiwillige Arbeit leisteten als in Westdeutschland (39,0 %) und in kleineren Orten etwas mehr Personen als in größeren Städten (Klages und Gensicke 1998, S. 180). Multivariat konnten jedoch keine signifikanten Effekte für Ost- und Westdeutschland, sehr wohl aber ein signifikant negativer Effekt der Wohnortsgröße in Westdeutschland festgestellt werden (ebd., S. 184). Diese Befunde ähneln jenen im Freiwilligensurvey: In Ostdeutschland lag die Quote freiwillig Engagierter 2009 mit 31,0 % in den Kernstädten, 33,0 % im Umland und 31,0 % im ländlichen Raum niedriger als in Westdeutschland (37,0 %). In den westdeutschen Kernstädten arbeiteten 31,0 % freiwillig, 39,0 % im verdichteten Umland und 42,0 % im ländlichen Raum (Bundesministerium für Familie, Senioren, Frauen und Jugend 2010, S. 26, 97).

Müller-Kohlenberg und Kollegen (1994) berichten in ihrer qualitativen Untersuchung von unterschiedlichen Einstellungen zu ehrenamtlichem Engagement in Berlin unter Berücksichtigung der ungleichen Traditionen des Helfens im Ost- und Westteil der Stadt. Die qualitative Inhaltsanalyse umfasst insgesamt 131 Expertengespräche, Interviews mit sozial Engagierten, Gruppendiskussionen, schriftliche Befragungen von „Initiativen“ und Passantenbefragungen. Zwar weist die Studie große Heterogenität in der Methodik auf, dennoch kann sie – wie die meisten Surveys zu freiwilliger Arbeit in West- und Ostdeutschland – die Tendenz zu geringerem institutionalisiertem Engagement im Osten nachzeichnen. Freiwillige Arbeit wird dort eher als „natürliche“ Form des Helfens betrachtet, welche weniger spezieller Fähigkeiten bedarf und weniger durch berufliche als familiäre Verpflichtungen eingeschränkt wird (ebd., S. 36).

Die Ergebnisse repräsentativer Untersuchungen im deutschsprachigen Ausland wie der Schweiz und Österreich weichen von denen deutscher Untersuchungen ab[1]. Der Freiwilligen-Monitor Schweiz berichtet von 28,0 % der 6.000 Befragten über 15 Jahre im Jahr 2006 und 26,0 % im Jahr 2009, die in formalen Organisationen freiwillig tätig sind (Stadelmann-Steffen 2010, S. 47). Weiterhin arbeiten auf dem Land (21,0 %) mehr Personen freiwillig als in der Stadt (35,0 %) (ebd., S. 64). Mit einem gepoolten Datensatz aus drei Wellen der jährlichen Schweizerischen Arbeitskräfteerhebung (SAKE[2]) des Bundesamts für Statistik, in der die Wohnbevölkerung ab 15 Jahren befragt wurde, untersuchten Bühlmann und Freitag (2007, S. 69; Feusi Widmer 2004, S. 15) formell und informell freiwillig tätige Personen in den 26 Schweizer Kantonen. Als formell wird dabei die Tätigkeit in Vereinen und Organisationen bezeichnet, als informell die Hilfe im privaten Umfeld. Insgesamt waren 25,0 % der Befragten formell freiwillig tätig, informell ca. 23,0 %. Bühlmann und Freitag (2007, S. 89) sprechen von einem Gebietseffekt der Region. Sie stellten fest, dass sich in sozialdemokratisch regierten Regionen der Schweiz weniger oft freiwillig engagiert wird als in anderen. Mittels verschiedener Kantondaten zu der dort gesprochenen Sprache, dem Urbanitätsgrad, dem Bildungsniveau, dem Wohlfahrtstyp, dem Grad der direkten Demokratie und Gemeindeautonomie ermitteln die Autoren Brems- und Schubkräfte für freiwillige Arbeit, für die ein Kontexteffekt auf den Anteil formeller Freiwilliger festzustellen ist (ebd., S. 99). Mit den Effekten von Schub- und Bremskräften erklären die Autoren 56,0 % der Varianz (ebd.).

Allerdings finden Bühlmann und Freitag (2007, S. 74 f.) in den Schweizer SAKE Daten unterschiedliche Engagementquoten in den verschiedensprachigen Kantonen. Die deutschsprachigen Kantone weisen dabei die höchsten Engagementquoten in formalen Organisationen auf und erreichen zwischen 30,0 % und 40,0 %, was an die deutschen Zahlen heranreicht (ebd., S. 76). Der erste österreichische Freiwilligenbericht fußt auf einer telefonischen Zusatzerhebung des Mikrozensus Österreich mit mehr als 11.000 Befragten und verzeichnet knapp 44,0 % Freiwillige. Ebenfalls unterteilt nach formeller und informeller Arbeit ermittelten die Autoren 28,0 %, die sich in formalen Organisationen und Verei-nen freiwillig engagierten (Rameder und More-Hollerweger 2009, S. 51). Damit unterscheiden sich die Freiwilligenquoten in den beiden Nachbarländern deutlich von den Anteilen der deutschen Befragten.

  • [1] Im Folgenden muss sich die Autorin der vorliegenden Arbeit auf die Angaben der Quellen stützen, in denen nicht zu allen gewünschten Bereichen Angaben gemacht wurden. Dennoch wurde hier versucht, die größtmögliche Vergleichbarkeit zu schaffen, teils durch eigene Berechnungen
  • [2] Eine genaue Angabe zur Stichprobengröße findet sich nicht. Feusi Widmer (2004, S. 15) spricht von ca. 40.000 Interviews jährlich ab 2002, vorher sind rund 33.000 Interviews durchgeführt worden. Der Datensatz besteht also schätzungsweise aus 121.000 Befragten
 
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