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5.1 Demographie freiwillig Engagierter

Im Rahmen der ersten beiden Befragungszeiträume des Freiwilligensurveys, welches im Auftrag der Bundesregierung 1999 und 2004 durchgeführt wurde, wurden mit je 15.000 Personen Telefoninterviews geführt (Gensicke et al. 2005). 2009 wurde die Stichprobe um 5.000 Personen erhöht, so dass insgesamt 20.000 Personen befragt werden konnten[1] (Bundesministerium für Familie, Senioren, Frauen und Jugend 2010). In dem Survey wurde zunächst nach Aktivitäten in verschiedenen Bereichen außerhalb der Familie oder des Freundeskreises in Vereinen, Projekten oder Selbsthilfegruppen gefragt. Gaben die Befragten an, in einem bestimmten Bereich aktiv zu sein, folgte die Frage nach freiwilligem Engagement: „Uns interessiert nun, ob Sie in den Bereichen, in denen Sie aktiv sind, auch ehrenamtliche Tätigkeiten ausüben oder in Vereinen, Initiativen, Projekten oder Selbsthilfegruppen engagiert sind. Es geht um freiwillig übernommene Aufgaben und Arbeiten, die man unbezahlt oder gegen geringe Aufwandsentschädigung ausübt“ (Bundesministerium für Familie, Senioren, Frauen und Jugend 2010, S. keine Seitenangabe im Bericht). Die Zahlen des Freiwilligensurveys 2009 zeigen, dass sich mehr als ein Drittel der Bevölkerung (36 %[2]) in verschiedensten Formen engagiert (ebd., S. 5). Über die drei Wellen haben sich die Quoten nicht verändert (ebd.).

Auch der Bericht des Engagementatlas 2009 bestätigt mit seiner telefonischen Befragung die Freiwilligenquote von etwa einem Drittel der Bevölkerung (34,3 %) (Prognos und AMB Generali 2009). Der Einleitungstext[3] vor der Frage nach freiwilligem Engagement wurde von dem Freiwilligensurvey übernommen und mit der Frage „Engagieren Sie sich?“ (ja/ nein) kombiniert (Prognos 2009, S. 3). Mit 44.000 Befragten handelt es sich um die bisher größte Befragung zum Thema freiwilliges Engagement in Deutschland und es ist davon auszugehen, dass die Studie ein realistisches Bild über die Zahl freiwillig Engagierter bietet.

Die Zeitbudgeterhebung des Statistischen Bundesamtes von 2001 und 2002 kommt bei 15.000 schriftlich befragten Personen auf eine Quote von 44 % freiwillig Engagierten (Gabriel et al. 2004, S. 343; Gensicke und Geiss 2004, S. 363). Damit liegt die Zahl deutlich über denen des Engagementatlas und des Freiwilligensurveys. Die Frage, die im Rahmen der Zeitbudgeterhebung gestellt wurde, lautet: „Sind Sie in einem oder mehreren der nachstehenden Bereichen ehrenamtlich aktiv? Falls ja, geben Sie bitte an, ob Sie sich über die einfache Mitgliedschaft hinaus aktiv beteiligt haben oder ein Amt übernommen haben und wie hoch der durchschnittliche Zeitaufwand in Stunden pro Woche hierfür war“ (Gensicke und Geiss 2004, S. 371).

Gensicke und Geiss (2004) vermuten, dass das freiwillige Engagement aus zwei Gründen überschätzt wurde: Zum einen wurde nach einer über die Vereinsmitgliedschaft hinausgehende „aktiven Beteiligung“ gefragt, was deutlich mehr Aktivitäten einschließt als die reine Übernahme einer ehrenamtlichen Tätigkeit, die in den beiden vorab dargestellten Untersuchungen abgefragt wurde (Gabriel et al. 2004, S. 343; Gensicke und Geiss 2004, S. 363). Es ist denkbar, dass so auch die bloßen Teilnehmer an Aktivitäten die Frage bejahten. Offenbar ist die Engagementquote stark davon abhängig, wie weit der abgefragte Begriff gefasst wird. Zum anderen vermuten die Autoren, dass durch die Formulierung „beteiligt haben oder ein Amt übernommen haben“ auch länger zurückliegende Tätigkeiten und nicht nur aktuelle Aktivitäten der letzten vier Wochen angegeben wurden (Gensicke und Geiss 2004, S. 360, 371).

Die Bürgerbefragung des Projekts "Beiträge der Weiterbildung zur Förderung von sozialem Engagement und Selbsthilfe in der arbeitsfreien Zeit" von 1.883 Personen in vier deutschen Städten[4] aus dem Jahre 1984 ergab eine Freiwilligenquote von 42 %. Die meisten Befragten waren im sozialen und Gesundheitsbereich tätig (18 %) und lebten häufig in ländlichen Gebieten oder Vororten (Braun et al. 1987, S. 56). Auch die Quote, die Braun und Röhrig (1987) angeben, ist etwas höher als in dem Engagementatlas 2009 und den drei Wellen des Freiwilligensurveys. Allerdings umfasst die Frage sowohl ehrenamtliche Tätigkeit als auch Selbsthilfe. Die Frage lautete: „Es gibt viele Möglichkeiten, wie man sich ehrenamtlich oder in Selbsthilfe betätigen kann. Wie ist das bei Ihnen, sind sie selbst in einem dieser Bereiche[5] ehrenamtlich oder in Selbsthilfe tätig?“. Auch bei dieser Untersuchung ist davon auszugehen, dass die Befragten ein „weiteres Spektrum von Tätigkeiten“ angaben als im Freiwilligensurvey und im Engagementatlas, weil die Selbsthilfe hier zusätzlich angesprochen wurde (Braun et al. 1987, S. 57).

Im Speyerer Wertesurvey mit 3.000 Befragten ermittelten Klages und Kollegen (1998, S. 180) 38 % freiwillig Engagierte. Die Frage lautete: „In welchem Bereich bzw. in welchen Bereichen sind Sie ehrenamtlich in einer Organisation, einer Selbsthilfegruppe, in einem Verein, einer anderen Gruppe oder einem Projekt aktiv?“. Die Interviewer erhielten die Anweisung, im Anschluss an die Frage folgende Definition vorzulesen: „Es ist freiwilliges Engagement gemeint, das unentgeltlich (oder nur mit geringer Aufwandsentschädigung verbunden) ist. Es geht aber auch nicht um reine Spaß- und Erholungsaktivitäten oder um passive Vereinsoder Organisationsmitgliedschaften“ (Gensicke und Geiss 2004, S. 368). Die gemeinten Tätigkeiten werden hier genau eingegrenzt. Die Abweichung des Prozentanteils freiwillig Engagierter zu den genannten repräsentativen Untersuchungen ist demnach nur gering.

Die Umfrage von Gaskin und Kollegen (1996, S. 201) beinhaltete 1.717 faceto-face Interviews mit Personen über 14 Jahren, die 1994 im Rahmen eines europäischen Forschungsprojektes[6] durchgeführt wurden. Die Engagementquote lag bei 18 % und war im Vergleich zu den anderen Projektländern (27 %) unterdurchschnittlich (ebd., S. 65). Die Frage zu freiwilliger Arbeit lautete: „Haben Sie im letzten Jahr irgendeine unbezahlte Arbeit oder Aktivität, die nichts mit Ihrer bezahlten Arbeit zu tun hat und nicht nur Ihrem eigenen Nutzen oder dem Ihrer nächsten Angehörigen dient, für oder mit einer Organisation erbracht?“(ebd., S. 206). Vorab wurde in der Einleitung des Fragebogens definiert, um was es sich bei diesen Aktivitäten handelt: Tätigkeiten, die einer Organisation, Menschen oder einem bestimmten Zweck dienen, die ohne Bezahlung durchgeführt werden und die auch dem Ausführenden selbst oder seinen Angehörigen zugutekommen (ebd., S. 63 f.). Auch wenn die Einleitung den Kontext der Aktivitäten erläutert, scheint die Studie im Vergleich zu anderen Untersuchungen zumindest die Anzahl der Freiwilligen in Deutschland zu unterschätzen. Die Autoren nehmen hierzu keine Stellung, allerdings fehlen 1994 auch repräsentative Vergleichsuntersuchungen, die Referenzzahlen liefern könnten. Vielmehr werden die im europäischen Vergleich niedrigen Zahlen als „Erbe des Nationalsozialismus und Kommunismus“ interpretiert (Gaskin et al. 1996, S. 183). Es ist jedoch zu vermuten, dass die Verwendung der Begriffe „unbezahlte Arbeit“ sowie „für oder mit einer Organisation“ bei den deutschen Befragten weniger eng mit „freiwilliger Arbeit“ assoziiert ist als in den anderen Ländern der Untersuchung.

  • [1] Die Daten des Freiwilligensurveys 2012 sind noch nicht publiziert
  • [2] Im Vergleich zur ersten Welle des Surveys ist die Quote nicht signifikant gestiegen, 1999 = 34 %
  • [3]Es gibt vielfältige Möglichkeiten, sich außerhalb von Beruf und Familie ehrenamtlich zu engagieren, beispielsweise in einem Verein, einer Initiative, einem Projekt oder einer Selbsthilfegruppe. Uns interessiert, ob Sie sich in Ihrer Freizeit engagieren und ehrenamtliche Tätigkeiten ausüben. Es geht um freiwillig übernommene Aufgaben und Arbeiten, die man unbezahlt oder gegen geringe Aufwandsentschädigung ausübt“ (Prognos 2009, S. 3)
  • [4] Worms, Würzburg, Karlsruhe und Göttingen
  • [5] Es folgt eine Liste mit verschiedenen Engagementbereichen
  • [6] Weitere Projektpartner waren Belgien, Bulgarien. Dänemark, Irland, die Niederlande, Slowakei, Schweden und Großbritannien (Gaskin et al. 1996, S. 200)
 
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