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4.3.4 Föderation der Aleviten-Gemeinden in Europa e.V. – Avrupa Alev/: Birlikleri Konfederasyonu (AABF)

Der Begriff Aleviten[1] geht auf das arabische Wort 'alawi ('-' .lş) zurück und wird als Bezeichnung für die Anhänger 'Alis verwendet (Steuerwald 1988, S. 39; Wehr 1977, S. 573). Die Aleviten gingen aus einer Abspaltung des schiitischen Islams im späten Mittelalter hervor (Gülçiçek 2003; Gümüs 2007; Sökefeld 2005, S. 50, 2008b). Sie erkennen 'Ali ibn Abi Talib (598-661 n.Chr.), den Vetter und gleichzeitigen Schwiegersohn Mul)ammads, als seinen Nachfolger an (ebd.). Während die Sunniten durch Wahlen über die Nachfolge bestimmten, ist nach dem alevitischen Glauben 'Ali selbst von göttlicher Natur und nur er kann der rechtmäßige Nachfolger Mul)ammads sein, da das „Prinzip göttlicher Erleuchtung und Gottesnähe“ nur durch Blutsverwandtschaft übertragen werden kann (Sökefeld 2008c, S. 10; Vorhoff 1998, S. 12). Für die Sunniten gelten die Aleviten als Rafhzl) (Ketzer) (Kaplan 2007a, S. 32). Später wurden die Anhänger 'Alis verfolgt, auch weil diesem der Mord an 'Utman, dem dritten Kalifen, zur Last gelegt wurde, bis er selbst im Jahr 661 getötet wurde (Radtke 2005, S. 55). Auch im Rahmen der kriegerischen Auseinandersetzungen zwischen dem Osmanischen Reich und dem safavidischen Persien kämpften die Aleviten auf Seiten des safavidischen Ordens, da sie diesem aufgrund alter Stammesverbindungen nahe standen (Gülçiçek 2003; Gümüs 2007; Kaplan 2004, S. 16; Kreiser 2010, S. 25; Sökefeld 2005, S. 50, 2008b, S. 11). Mit der Schlacht von Çaldzran in Ostanatolien und dem Sieg der Osmanen über die Safaviden 1514 wurden auch die Aleviten zurückgedrängt und waren fortan Verfolgungen ausgesetzt[2] (Kreiser 2010, S. 25).

Mit der Gründung der Republik Türkei 1923 wurde die Religionsfreiheit und die Trennung von Religion und Staat eingeführt und die Aleviten wie auch andere Religionsgemeinschaften offiziell dem sunnitischen Islam gleichgestellt (Gümüs 2007; Sökefeld 2005, S. 50). Faktisch wurde die Ausübung des alevitischen Islams und die Versammlung alevitischer Gruppen aber 1925 verboten und vor allem seit dem Militärputsch in den 1980er Jahren waren die Aleviten wieder deutlichen Anfeindungen ausgesetzt (Kaplan 2007a, S. 92; Sökefeld 2005, S. 51, 2008a, S. 33). Die Aleviten zogen sich aus der öffentlichen Wahrnehmung weitestgehend zurück und versuchten, Angriffen aus dem Weg zu gehen, indem sie sich nicht zu ihrer Religion bekannten (ebd.).

Mit der Arbeitsmigration der 1960er Jahre kamen auch Aleviten nach Deutschland. Die Zahl der politisch motivierten alevitischen Migranten nahm in den 1980er Jahren zu, da sich die Diskriminierung ihrer Gemeinschaft durch die rechte türkische Regierung zuspitzte (Langer et al. 2005, S. 75; Sökefeld 2005,

S. 51). Die AABF wurde in den frühen 1990er Jahren als Reaktion auf die zunehmende Diskriminierung in der Türkei gegründet, die in Anschlägen auf eine alevitische Kulturveranstaltung in Sivas 1993 und ein alevitisches Café in Istanbul 1995 mit mehreren Toten gipfelte (Kaplan 2004, S. 19, 150; Sökefeld 2005,

S. 54; Vorhoff 1998, S. 10). Hinzu kam aber auch die steigende Zahl von sunnitischen Moscheen in Deutschland und die Öffnung des Eisernen Vorhangs, die bewirkten, dass viele Aleviten, die oftmals Mitglieder linkspolitischer Organisationen waren, ihre alevitische Identität nun stärken wollten, indem sie eigene Organisationen gründeten (Sökefeld 2005, S. 54, 2008a, S. 33). Akçapar und Yurdakul (2009, S. 144) sprechen davon, dass die Aleviten sich zunächst in Deutschland emanzipierten und diese Bewegung sich erst danach auf die Türkei übertrug.

Die offizielle Gründung fand 1993 unter dem Namen Föderation der Aleviten-Gemeinden in Europa (Avrupa Alevl) Birlikleri Konfederasyonu) statt. Die alevitische Gemeinde in Deutschland umfasst 120 bis 150 Vereine mit ca. 20.000 bis 30.000 Mitgliedern (AAGB 2010a; Kaplan 2004, S. 26; Kücükhüseyin 2002,

S. 29; Sökefeld 2008a, S. 33). Der AABF sind folgende Vereine angeschlossen: eine Jugendorganisation, der 1994 gegründete BDAJ (Bund der alevitischen Jugendlichen in Deutschland (Almanya Alevi Gençler Birligi) und ein Frauenverband, der AAKB (Almanya Alevi Kadinlar Birligi, Bund der Alevitischen Frauen Deutschland). Der BDAJ umfasst ca. 33.000 Mitglieder in fünf Regionalverbänden mit 125 Jugendvereinen (AAGB 2010a, 2010b). Der AAKB integriert weiterhin fünf Landesfrauenverbände mit 41 Frauenräten (Bund der Alevitischen Frauen in Deutschland 2011).

Auch die AABF finanziert sich größtenteils selbständig aus Spenden und Mitgliedsbeiträgen und in kleinen Teilen aus Projektmitteln des Bundes (Friedrichs und Klöckner 01.10.08, 21.01.09a). Als einzige islamisch-stämmige Religionsgemeinschaft sind die Aleviten bereits in Berlin, Hessen, Bayern und Nordrhein-Westfalen als Religionsgemeinschaft mit Körperschaftsstatus anerkannt (Deutsche Islamkonferenz 2009, 2010; Motika und Langer 2005, S. 93).

Die Anerkennung als gleichberechtigte Religionsgemeinschaft in Deutschland“ und der Bau von Gebetshäusern sind zwei ihrer wichtigsten Ziele (Friedrichs und Klöckner 01.10.08).

Wir wollen das Alevitentum weltbekannt machen, was für eine humanitäre Lehre [es] ist, was für eine menschliche Lehre (…). Wir wollen (…) speziell in Deutschland (…) [mit der] Mehrheitsgesellschaft sehr friedlich, brüderlich oder schwesterlich (…) leben (…) und wir wollen eine moderne Gesellschaft“ (Friedrichs und Klöckner 01.10.08).

  • [1] Die Aleviten werden auch als Khzhlbaş (dt. Rotköpfe) bezeichnet, was auf eine aus dem 16. Jahrhundert stammende Bezeichnung der Religionsgruppe zurückgeht, die auf die roten Kopfbedeckungen der Aleviten bzw. turkmenischer Stämme zurückgeht (Kaplan 2004, S. 182; Kehl-Bodrogi 1988; Sökefeld 2008c, S. 11; Vorhoff 1998, S. 11)
  • [2] Ausführlicher zu der Geschichte der Khzhlbaş/ Aleviten im Osmanischen Reich siehe u.a. KehlBodrogi (1988), Kreiser (2010), Momen (1985), Sökefeld (2008c)
 
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