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4.3.3 Union der Türkisch-Islamischen Kulturvereine in Europa – Avrupa Türk

islam Birligi, (ATiB)

Die Union der türkisch-islamischen Kulturvereine in Europa[1] (Avrupa Türk islam Birligi, ATiB) ist eine der großen Mitgliedsorganisationen des Zentralrats der Muslime in Deutschland (Kücükhüseyin 2002, S. 34). 1988 gegründet, unterstehen der ATiB im Jahr 2005 nach Angaben verschiedener Autoren 123 bis 126 Vereine mit 11.500 bis 25.100 Mitglieder (Halm und Sauer 2005, S. 27; Kücükhüseyin 2002, S. 34; Lemmen 2001, S. 94, 2002, S. 57). Hervorgegangen ist die ATiB aus der Föderation der Türkisch-Demokratischen Idealistenvereine in Deutschland (ADÜTDF), die mit der türkischen Partei der Nationalistischen Bewegung (Milliyetçi Hareket Partisi, MHP) eng verbunden ist (ebd.). Die ADÜTDF sollte die MHP in Deutschland vertreten und finanziell unterstützen, agierte jedoch unter einem anderen Namen, da es politischen Parteien in der Türkei verboten ist, sich im Ausland niederzulassen (Arslan 2009, S. 39, 126; Bozay 2009, S. 150; Heitmeyer et al. 1997, S. 132). Daher ist dieser 1978 gegründete Ursprungsverein weniger religiös als vielmehr politisch ultranationalistisch geprägt (Arslan 2009, S. 47; Bozay 2009, S. 150 f.; Heitmeyer et al. 1997, S. 132, 134; Kücükhüseyin 2002, S. 31, 34; Lemmen 2001, S. 84). Die MHP folgt einer nationalistischen Ideologie mit starkem Schwerpunkt auf die vor-islamische Geschichte und Kultur der Türken. Ziel ihrer Arbeit ist es, die türkischen Völker Zentral- und Westasiens sowie Osteuropas [2] zu vereinen (ebd.). Der Islam wurde dabei zunächst als von der arabischen Welt aufoktroyierte Ideologie gesehen und erst in den 1970er Jahren erfolgte eine islamische Ausrichtung der Partei, die die Wählerschaft vergrößern sollte (ebd.). Ihr Symbol ist jedoch auch heute noch der Graue Wolf, mit dem ein Mythos verbunden ist, nach welchem dieser den Stammvater der türkischen Völker im zentralasiatischen Altai vor dem Verhungern gerettet haben soll (ebd.).

Der Grund für die Abspaltung der ATiB von der ADÜTDF unter der Leitung von Musa Serdar Çelebi 1988 war zunächst, dass ein Drittel der Mitglieder eine stärkere religiöse statt politische Orientierung forderten und es so zu unüberwindlichen Konflikten zwischen den Ultranationalisten und eher religiös orientierten Mitgliedern der ADÜTDF kam[3] (Arslan 2009, S. 48, 132; Lemmen 2001, S. 94). Zudem wurde Çelebi mit dem Attentäter des Papstes 1981 in Verbindung gebracht, musste nach seinem Gefängnisaufenthalt von seinen Ämtern der Föderation zurücktreten und wurde von der Partei ausgeschlossen (Arslan 2009, S. 133). Schließlich führten die neuen Erfahrungen Çelebis und seiner Anhänger in Deutschland zu einer Umorientierung der vormals weitgehend homogenen Interessen der MHP-Anhänger (ebd.). Statt sich ausschließlich auf nationalistische Ideen zu konzentrieren, versucht die ATiB, das Leben ihrer Mitglieder in der deutschen Gesellschaft in den Mittelpunkt ihrer Arbeit zu rücken, was sie auch heute noch nicht ohne Kritik von der MHP näher stehenden Einrichtungen tut (Arslan 2009, S. 127 f., 133). Ein Beispiel dafür ist ATiBs Forderung nach islamischem Religionsunterricht ungeachtet der Unterrichtssprache, während ADÜTDF deutlich auf die Wichtigkeit der Vermittlung in türkischer Sprache besteht (ebd.). Heute distanziert sich die ATiB deutlich von den teils gewalttätigen Auseinandersetzungen der „Grauen Wölfe“ mit vor allem linken politischen Gegnern (Lemmen 2001, S. 84, 94). Dennoch bewahrte sich die ATiB ihre nationalistische Orientierung, wenn auch im Vergleich zu anderen Abspaltungen der MHP in abgeschwächter Form.

Die ATiB arbeitet wie fast alle „Migrantenorganisationen“ vor allem mit freiwilligen Mitarbeitern (Friedrichs und Klöckner 18.11.08). Sie erhalten keine finanzielle Unterstützung von der deutschen Regierung für ihre Dienstleistungen, zu denen wie auch bei den anderen Vereinen kulturelle und soziale Aktivitäten gehören. In erster Linie wird der Verein durch Spenden finanziert, die Imame der Moscheen sind teilweise durch das Präsidium für Religiöse Angelegenheiten (DiB, Diyanet işleri Başkanlhgh) der türkischen Regierung finanziert (Friedrichs und Klöckner 18.11.08; Kücükhüseyin 2002). Heute nennt der Bundesverband als wichtigste Ziele, durch Familienhilfe für Stabilität in den muslimischen Familien sorgen, dafür Sorge zu tragen, dass die Muslime in Deutschland ihre Rechte erhalten und ihre Pflichten erfüllen, z.B. hinsichtlich ihrer Wahlbeteiligung, und die religiöse und schulische Erziehung ihres Nachwuchses zu sichern (Friedrichs und Klöckner 18.11.08).

  • [1] Halm und Sauer (2007, S. 27) übersetzen Avrupa Türk islam Birligi mit Türkisch-Islamische Union in Europa, was der Kurzform des Namens entspricht (Arslan 2009, S. 46; Kücükhüseyin 2002, S. 34). Andere Autoren und die ATiB selbst übersetzen mit Union der TürkischIslamischen Kulturvereine in Europa (Union der Türkisch-Islamischen Kulturvereine in Europa (ATiB) 2011; Kücükhüseyin 2002, S. 34; Lemmen 2001, S. 94, 2002, S. 57)
  • [2] Ausführlich zur Geschichte der Turkvölker u.a. Findley (2005), Golden (1992), Scharlipp (1992), Teke (2008)
  • [3] Die dritte Abspaltung der ADÜTDF ist der Verein Nizam-h Alem, welcher für die vorliegende Arbeit jedoch nicht relevant ist. Sie fordern ein weltumspannendes Osmanisches Reich (Arslan 2009, S. 48)
 
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