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4.3.1 Islamische Gemeinschaft Millî Görüş (IGMG)

Die Türkische Union Europa, die bereits 1976 gegründet wurde, änderte ihren Namen Anfang der 1980er Jahre in „Islamische Union Europa“ (Halm und Sauer 2007, S. 24; Lemmen 2002, S. 40). Der religiöse Verein orientierte sich an den Ideen des türkischen Politikers und Gründers der heute verbotenen „Partei Nationaler Ordnung

[1] (Millî Nizam Partisi, MNP), Necmettin Erbakan, der sich gegen den Kapitalismus und für die Aufhebung der Trennung von Staat und Religion in der Türkei einsetzte sowie die Islamisierung Europas und der Welt forderte (Bundesministerium des Innern 2010, S. 225; Heitmeyer et al. 1997, S. 132; Kepel und Galli 2002, S. 403; Kücükhüseyin 2002, S. 18). Nachdem es zu Auseinandersetzungen hinsichtlich der ideologischen Ausrichtung des Vereins in Deutschland gekommen war, schickte die Parteispitze Cemaleddin Kaplan zunächst als Schlichter nach Deutschland (Schiffauer 2000, S. 27). Doch wurde der Konflikt durch Imame aus Ostanatolien verstärkt, denn Kaplan unterstütze radikale Prediger und trennte sich 1983 von Erbakan und seiner Islamischen Union.

Kaplan gründete den Verband islamischer Vereine und Gemeinden – islami Cemaat ve Cemiyetler Birligi – (ICCB), eine radikale islamische Gruppe, und verstand sich fortan selbst als geistiger Anführer der Muslime (Kücükhüseyin 2002, S. 19; Lemmen 2001, S. 92; Schiffauer 2000, S. 31). ICCB arbeite ab 1985 unter dem Namen Avrupa Millî Görüş Teşkilantlarh (AMGT) weiter und vereinte die bis dahin unabhängig voneinander arbeitenden Vereine mit türkischnationalistisch islamischer Ausrichtung (Heitmeyer et al. 1997, S. 135; Lemmen 2002, S. 40). Mitte der 1980er Jahre zeichneten sich auch innerhalb der AMGT Konflikte unter den Parteimitgliedern ab, aufgrund dessen Kaplan die Partei noch einmal stärker radikalisierte „in eine geschlossene, zentralisierte und hierarchische Sekte“ (Schiffauer 2000, S. 31). 1991 verstärkte er die Kritik an der Regierung der Türkei und ernannte sich ein Jahr später selbst zu deren Regenten im Deutschen Exil (ebd.).

Nach seinem Tod 1995 übernahm sein Sohn Metin die Gruppierung, der bereits 1994 den „Kalifatstaat“ ausgerufen hatte (Kücükhüseyin 2002, S. 19; Schiffauer 2000, S. 32). Aufgrund erneuten Machtgerangels innerhalb der Gruppe kam es zu einer weiteren Spaltung von Anhängern des Gegenkalifen Ibrahim Sofu (ebd.). Als 1997 nach einem Mordaufruf Kaplans Sofu getötet wurde, wurde die Gruppe 2001 verboten, Kaplan in die Türkei abgeschoben und dort zu einer lebenslangen Freiheitsstrafe verurteilt (Leicht 2001; Schiffauer 2000, S. 32).

Bereits 1994 fand eine Aufgabenteilung der AMGT statt, indem sie die Islamische Gemeinschaft Millî Görüş[2] (IGMG) ausgliederte, die fortan für religiöse und soziale Belange der Vereinsmitglieder zuständig war, während sich die AMGT unter dem Namen „Europäische Moscheebau- und Unterstützungsgemeinschaft“ (EMUG) um Immobiliengeschäfte und den Moscheebau des Vereins kümmerte (Lemmen 2002, S. 40).

Noch heute wird die Islamische Gemeinschaft Millî Görüş aufgrund des Verdachts der Unterstützung islamistischer Aktionen vom Verfassungsschutz beobachtet (Bundesministerium des Innern 2010, S. 224; Topuz 2003). Verschiedene Klagen und Revisionsverfahren des Vereins gegen die „Tatsachenbehauptungen“ des Verfassungsschutzberichtes, er würde islamistische Gedanken propagieren und auf Versammlungen verbreiten, konnten von der Behörde jedoch nicht bewiesen werden, da die Beweismittel aufgrund des Schutzes von VLeuten nicht vollständig in die Prozesse einbezogen werden konnten (Bundesverwaltungsgericht (BVerwG) 2008b, 2008a).

Zwar distanziert sich Millî Görüş gegenwärtig von Necmettin Erbakan und der heute verbotenen Partei Nationaler Ordnung und auch der derzeitigen türkischen Regierungspartei, doch unterhält Millî Görüş intensive Verbindungen zu dieser Partei für Gerechtigkeit und Aufschwung (Adalet ve Kalkinma Partisi, AKP), da auch diese aus der Millî Görüş Bewegung Erbakans entstand, und nicht zuletzt, weil sein Neffe Mehmet Sabri Erbakan zum Vorsitzenden des Vereins gewählt wurde (Niedersächsisches Innenministerium 2000; Schiffauer 2010, S. 9 f.). Doch heute spricht Millî Görüş von einem Generationswechsel, der sich von extremen Positionen distanziert (Bayat 2007; Friedrichs und Klöckner 2009, 2011; Kepel und Galli 2002; Roy 2007; Schiffauer 2004, S. 86, 2010, S. 9f.). Mehmet Erbakan rief die Mitglieder des Vereins dazu auf, sich um die deutsche Staatsbürgerschaft zu bemühen, sich demokratischen Werten zu verpflichten und zu erkennen, dass Europa für den Islam neue Chancen bietet (Schiffauer 2004, S. 86, 2010, S. 9). Demokratiefeindlichkeit und Islamismus verurteilte er dabei (ebd.). Verschiedene Autoren bezeichnen diese „Überwindung des Islamismus“ als Postislamismus, der nicht zuletzt aus einer Enttäuschung darüber entstanden ist, dass die Idee des islamischen Staates bisher scheiterte und stattdessen nur Gewalt und Unterdrückung des eigenen Volkes hervorrief (Bayat 2007, S. 11 f.; Kepel und Galli 2002, S. 356; Roy 2007; Schiffauer 2010, S. 10 ff.). Necmettin Erbakan ist am 27. Februar 2011 verstorben (Bundesministerium des Innern 2010, S. 224).

Trotz der immer noch kontrovers diskutierten vermeintlich nationalistischen Ideologien Millî Görüş' lässt sich nicht abstreiten, dass viele Wohlfahrtsleistungen wie z.B. Deutschkurse, rechtliche Beratung, Rückführung ins Heimatland im Todesfalle, Betreuung von älteren und kranken Menschen, eine Vielzahl von informellen Beratungen, Übersetzungstätigkeiten bei Behördengängen, Organisation von kulturellen Veranstaltungen, Jugendgruppen und Integrationskurse angeboten werden. Alle aufgezählten Leistungen werden fast ausschließlich durch ehrenamtliche und freiwillige Mitarbeiter umgesetzt (Friedrichs und Klöckner 05.11.08, 22.01.09; Kücükhüseyin 2002). Für den Verein ist die Nachwuchsförderung zu einer ihrer Hauptaufgaben geworden. Besonders wichtig ist für die Etablierung des „Postislamismus“ die Ausbildung einer intellektuellen Nachwuchsgeneration der Arbeitsmigranten (Roy 2007, S. 17 f.; Schiffauer 2010, S. 9 f., 19, 159 f.). Die Jugendlichen und jungen Erwachsenen der zweiten und dritten Einwanderungsgeneration sind für Millî Görüş die „Chance zur Erneuerung“ (Schiffauer 2010, S. 21). Es werden Stipendien vergeben und ausdrücklich auch Mädchen gefördert, was zur Stärkung des Islam in der deutschen Gesellschaft und Europa beitragen soll (ebd.).

Die IGMG ist heute mit 600[3] Moscheegemeinden sowie Frauen-, Jugend-, Sport- und Bildungsvereinen in 15 deutschen Regionalverbänden vermutlich die größte islamische Gemeinde in Deutschland, die nicht an die türkische Regierung angebunden ist (Islamische Gemeinschaft Millî Görüş 2011; Kücükhüseyin 2002, S. 21). Verschiedene Autoren sprechen von 26.500 bis zu 30.000 aktiven Mitgliedern in Deutschland, der Verein selbst gibt ca. 90.000 Mitglieder an, wie auch in der Befragung des FACIT-Projekts (Bundesministerium des Innern 2010, S. 224; Friedrichs und Klöckner 05.11.08, 22.01.09, 2009, 2011; Innenministerium des Landes Nordrhein-Westfalen 2010, S. 201; Islamische Gemeinschaft Millî Görüş 2011; Religionswissenschaftlicher Medien- und Informationsdienst (REMID) 2012). Die Vorsitzenden des Bundesverbandes und des Regionalverbands Hamburg formulieren als ihre wichtigsten Ziele die „Erleichterung der religiösen Aufgaben“ für ihre Mitglieder, die Einstellung von Imamen und den Bau von Moscheen.

Unser übergeordnetes Ziel ist die Verwirklichung der Religion unserer Mitglieder. Das heißt, wir als Religionsgemeinschaft sorgen dafür, dass die Muslime ihre Religion hier ausüben können und dass unser Nachwuchs unsere Religion lernen kann. (…) wir erwarten von unseren Mitgliedsgemeinden (…), dass sie (…) mit der evangelischen Kirche, mit der katholischen Kirche, mit der jüdischen Gemeinde, mit der Gewerkschaft, mit der Polizei, mit der Schule, mit allen Institutionen in Verbindung [treten]“ (Friedrichs und Klöckner 22.01.09).

  • [1] Nach dem Verbot der Partei 1971 gründete Erbakan die Nachfolgepartei MSP – Milll) Selamet Partisi, die nationale Heilspartei, und nach dem Militärputsch in den 1980er Jahren die RP – Refah Partisi, die Wohlfahrtspartei (Kepel und Galli 2002, S. 404; Schiffauer 2000, S. 25). Diese gewann am 28.6.1996 die Wahl in der Türkei und Erbakan wurde Ministerpräsident (Kepel und Galli 2002, S. 401). Ein Jahr später zerbrach die Regierung zwar, doch seither ist ihre Nachfolgepartei im Parlament der Türkei vertreten, bis auch diese 1998 aufgelöst wurde (ebd.,

    S. 417). Die nächste Partei, die Erbakan gründete, hieß Tugendpartei (Fazilet Partisi), die, unter der Leitung einer neuen Generation von Politikern, versuchte, ihre islamistische Ausrichtung weniger offensiv zu vertreten und sich der EU zu öffnen (ebd., S. 418, Roy 2007, S. 34). Nach ihrem Verbot 2001 spalteten sich ihre Mitglieder in zwei Parteien auf. Die Saadet Partisi (Glückseeligkeitspartei) repräsentierte die alteingesessenen Anhänger Erbakans, der auch den Vorsitz übernahm. Die zweite Partei ist die Partei für Gerechtigkeit und Aufschwung (Adalet ve Kalkhnma Partisi, AKP), die seit 2002 unter Recep Tayyip Erdogan die Regierungspartei der Türkei ist (Franz 2003, S. 35)

  • [2] Millî (türk.) bedeutet national oder Volks-, Staats-, heimatlich oder inländisch, Görüş (türk.) lässt sich mit Sicht, Ansicht, Auffassung oder Meinung übersetzen (Kiygi 2009, S. 223, 374; Steuerwald 1988, S. 798, 426). In den meisten Werken wird Millî Görüş mit „nationale Sicht“ übersetzt z.B. Arslan (2009, S. 51) oder Schiffauer (2000, S. 25)
  • [3] Die IGMG selbst gibt 514 Gemeinden in Europa und 323 Gemeinden in Deutschland an
 
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