Desktop-Version

Start arrow Politikwissenschaft arrow Freiwillige Arbeit in gemeinnützigen Vereinen

< Zurück   INHALT   Weiter >

4.2.2 Exkurs zur alevitischen Religion

Die alevitische Konfession unterscheidet sich deutlich von dem sunnitischen oder schiitischen Islam. Die religiösen Pflichten, die fünf Säulen des Islam[1], wie sie bei Schiiten und Sunniten von großer Bedeutung sind, spielen, außer dem Bekenntnis zu Gott, bei den Aleviten keine Rolle (Kaplan 2004, S. 29; Kehl-Bodrogi 1988, S. 120). Das Bekenntnis[2] wird allerdings durch den Zusatz, dass 'Ali der „Freund Gottes“ ist, ergänzt, was dessen Verehrung wie in keiner anderen islamischen Religionsgemeinschaft betont (ebd.). Der Koran wird nicht als gültiges Wort Gottes betrachtet, da dieser von den „Feinde[n] Alis verfälscht worden“ ist (Kaplan 2004, S. 38; Kehl-Bodrogi 1988, S. 120). 'Ali lebte 599 bis 661 n.Chr. und begleitete zeitlebens den Propheten Mul)ammad (Kaplan 2004, S. 123). Die Aleviten glauben, dass nicht nur er „das göttliche Geheimnis“ erfahren hat, sondern auch 'Ali selbst. 'Ali wird als der Hüter gegen alle Ungerechtigkeiten des Lebens gesehen und ist Symbol für den Kampf gegen das Unrecht (ebd., S. 125).

Die Aleviten sehen sich als Anhänger der Zwölferschia, verehren also die zwölf Imame und glauben, dass der zwölfte Imam eines Tages wiedergeboren wird (Ende 2005, S. 70; Kehl-Bodrogi 1988, S. 138; Kettermann und Heine 2008, S. 25 f.). Das Zugehörigkeitsgefühl zu der Zwölferschia ist jedoch hinsichtlich ihrer religiösen Praxis nicht korrekt, denn sie halten sich nicht an die Regeln und Gesetze der Schia (Kaplan 2004, S. 16; Kehl-Bodrogi 1988, S. 120). Letztlich stehen sie den Safaviden[3] aufgrund ihrer historischen Stammesverbin- dungen näher (Gülçiçek 2003; Gümüs 2007; Kaplan 2004, S. 16; Kehl-Bodrogi 1988, S. 120; Kreiser 2010, S. 25; Sökefeld 2005, S. 50, 2008b, S. 11). Insge-samt herrscht keine einheitliche Meinung vor, ob die Gemeinschaft der Aleviten eine eigene Religionsgemeinschaft darstellen oder zum Islam zu zählen sind, und auch innerhalb der alevitischen Gemeinde sehen sich die Einen als Muslime und andere nicht.

Ihre Riten und Glaubenssätze wurden nicht schriftlich festgelegt, doch gibt es sogenannte Buyrugu (auch Buyruk), Regeln und Gebote, die von einflussreichen alevitischen Dede-Familien[4] verwahrt und immer wieder bearbeitet wurden (Aguiçenoglu 2005, S. 133; Kehl-Bodrogi 1988, S. 104 f.). Vermutlich wurden diese Gebote vom sechsten Imam Ja'far Sadik (auch Cafer Sadik) Mitte des 8. Jahrhunderts niedergeschrieben (ebd., S. 105). Allerdings ist das Fehlen von Niederschriften auch darin begründet, dass der alevitische Glaube weniger an die Erleuchtung (Tarikat) durch das Befolgen von Verhaltensregeln glaubt, als vielmehr an „die Reinheit des Herzens und das Erkennen des eigenen Selbst“ (KehlBodrogi 1988, S. 122). Es muss keine äußerliche Darstellung wie z.B. das Gebet den Glauben beweisen, sondern sich im Umgang mit anderen zeigen, z.B. dadurch, dass selbstsüchtiges Verhalten überwunden wird (Kaplan 2007a, S. 33; Kehl-Bodrogi 1988, S. 179). Insgesamt gibt es vier Tore, die die alevitischen Werte und Ordnung, den mystischen Weg, die Erkenntnis und die Wahrheit symbolisieren, welche durch die Befolgung von je 10 Verhaltensregeln (Stufen) durchschritten werden können (Kaplan 2004, S. 29, 47 f., 2007a, S. 49 ff.). Diese Stufen sind z.B. Achtung haben, Ehrfurcht haben, geduldig und bescheiden sein (ebd.).

Die religiöse Dichtung spielt eine besondere Rolle und soll – vertont und in Zeremonien gemeinsam gesungen – Glaubensinhalte, Legenden, Rituale und religiöse Praxis vermitteln (Aguiçenoglu 2005, S. 133; Kehl-Bodrogi 1988, S. 113). Viele Inhalte der religiösen Lieder fußen auf der Glaubenslehre des heiligen Hach Bektaş Veli (1209-1295), dem Gründer des Bektaşi-Derwischordens, dessen Lehre durch den Dichter Yunus Emre (1238-1320) musikalisch überliefert wurde (Kaplan 2004, S. 17, 127, 129). Weitere wichtige Dichter sind Kaygusuz Abdal und Pir Sultan Abdal, die im 15. und 16. Jahrhundert wirkten (ebd.). Eines der wenigen und gleichzeitig wichtigstes Gebot ist „eline, diline, beline sahip ol“, was frei übersetzt bedeutet, nicht zu stehlen, nicht zu lügen und nur in der Ehe zwischen Mann und Frau Geschlechtsverkehr zu haben (KehlBodrogi 1988, S. 163; Klöckner und Friedrichs 07.04.10).

Wie es im Christentum die Dreifaltigkeit Gott Vater, Jesu und den Heiligen Geist gibt, wird auch im Alevitentum eine Trinität aus Hak[5]-Mul)ammad-'Ali verehrt (Kehl-Bodrogi 1988, S. 135; Öznur 2007, S. 48). Auch hier wird die göttliche Herkunft 'Alis betont und auch im Buyrugu (s.u.) werden Gott, Mul)ammad und 'Ali als „Eins“ beschrieben (Kehl-Bodrogi 1988, S. 136).

Die Aleviten unterscheiden sich danach, ob sie von einem der zwölf Imame abstammen (Ocakzade) oder Schüler bzw. Strebende (Talip) sind, ohne verwandtschaftliche Verhältnisse zu den zwölf Imamen (Kaplan 2007a, S. 92 f.; Kehl-Bodrogi 1988, S. 167). Die Ocakzade leiten die Gemeinden insgesamt gibt es ca. 140 Familien, die zu den Ocakzade gezählt werden (Kaplan 2007a, S. 92). Ein wichtiges Amt hat auch der Dede[6], der mit dem Imam der Sunniten ver- gleichbar ist. Der Dede ist der Ritualleiter, der auch das Cem[7], den alevitischen Gottesdienst, abhält (Kaplan 2004, S. 59 f.). Beim Gebet werden die Talip von dem Dede in religiösen Angelegenheiten unterwiesen und unter seiner Leitung werden religiöse Fragen erörtert (Karolewski 2005, S. 125). Wichtig ist das Ritual des Aussöhnens oder auch Einvernehmens (Rhzalhk), dabei fungiert der Dede als Schlichter, falls Streit zwischen Teilnehmern des Cems herrscht (Kaplan 2004, S. 55; Karolewski 2005, S. 126). Erst wenn keine Unstimmigkeiten zwischen den Teilnehmern bestehen, kann der Dede mit dem eigentlichen Gottesdienst beginnen. Das Rhzalhk hat auch außerhalb des Cems eine große Bedeutung für die Aleviten und wird als Ethik der Toleranz, Akzeptanz und Einvernehmen verstanden (Kaplan 2007a, S. 93). Anschließend wird singend an verschiedene Pflichten erinnert, die danach ausgeführt und deren Träger vom Dede gesegnet werden (ebd.). Nach dem gemeinsamen Lokma (dt. Mahlzeit) werden die Teilnehmer aus dem Cem entlassen (Kaplan 2004, S. 65, 2007a, S. 130).

Auch im Alevitentum gibt es zwei unterschiedliche Strömungen, die Khzhlba ş und die Bektaşi. Letztere entstanden durch die Ordensgründung Hach Bektaş Velis im 13. Jahrhundert und die Khzhlbaş durch die Gründung des iranischen Ordens gleichen Namens im 17. Jahrhundert (Aguiçenoglu 2005; Kaplan 2007a,

S. 94). Sie unterscheiden sich vor allem dadurch, dass die Khzhlbaş sich aufgrund verwandtschaftlicher Verhältnisse verbunden sehen, die Bektaşi offen für Personen sind, die sich für einen Beitritt in die Gruppe entscheiden. Außerdem werden Ämter durch Wahlen vergeben, nicht wie bei den Khzhlbaş durch die Abstammung (Aguiçenoglu 2005, S. 134).

Die Unterschiede in der Auslegung des Glaubens haben innerhalb des Islams zu Spannungen vor allem in dem Punkt der Ausbildung und des Religionsunterrichts in Deutschland geführt (Gülçiçek 2003; Gümüs 2007; Kaplan 2004, S. 95; Sökefeld 2008b). Seit August 2008 jedoch werden über 60.000 alevitische Schüler in Nordrhein-Westfalen, Hessen und Bayern in ihrem Glauben unterrichtet, Anträge in weiteren Bundesländern werden laufend bearbeitet (Kaplan 2008, 2010). An zehn Grundschulen in den Städten Dortmund, Bergkamen, Köln, Duisburg und Wuppertal unterrichten Lehrer alevitischen Religionsunterricht in deutscher Sprache (Kaplan 2008).

  • [1] Das Glaubensbekenntnis, das Pflichtgebet, die Pflichtabgabe, das Fasten und die Pilgerfahrt nach Mekka (Tworuschka 2003, S. 102 ff.)
  • [2]Ich bezeuge, dass es keinen Gott gibt außer Gott und dass Muhammad der Gesandte Gottes ist“ heißt es im Qur'an (Kaddor et al. 2008, S. 20). Das alevitische und schiitische Glaubensbekenntnis lautet: „Es gibt keinen Gott außer Allah, Muhammad ist sein Prophet und Ali sein Freund“ (Öznur 2007, S. 48)
  • [3] Die Safawiden sind um 1300 aus einem zunächst sunnitisch Derwischorden in Persien entstanden und später zum schiitischen Glauben übergetreten (Kettermann und Heine 2008, S. 83)
  • [4] Dede (dt. Großvater, Ahn, Vorfahr) werden im alevitischen Glauben die Vorbeter genannt (Steuerwald 1988, S. 261)
  • [5] Hak ist die alevitische Bezeichnung für Gott, Allah ist aber auch gebräuchlich (Steuerwald 1988, S. 450)
  • [6] Seit 2004 gibt es auch weibliche Anas (dt. Mutter), die das Amt ausführen (Kaplan 2004, S. 60, 2007a, S. 93; Motika und Langer 2005, S. 77). In verschiedenen Quellen gibt es unterschiedli- che Aussagen dazu, ob der Dede von den zwölf Imamen abstammen muss oder nicht (Aguiçenoglu 2005, S. 141; Kaplan 2004, S. 60, 2007a, S. 92; Kehl-Bodrogi 1988, S. 169)
  • [7] Cem ist gleichzeitig die Gebetsstätte. Durch das Attentat auf 'Ali in einer Moschee, durch das er im Jahr 661 zu Tode kam, wird im Alevitentum in Cems gebetet und nicht in Moscheen (Halm 1988, S. 14)
 
< Zurück   INHALT   Weiter >

Related topics