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4.2 Aktuelle Zahlen zum Ausländeranteil und dem Anteil der Muslime in Deutschland

Nach einem leichten Rückgang von 6,74 Millionen Personen im Jahr 2008 auf 6,70 Millionen Personen im Jahr 2009 ist eine kontinuierliche Zunahme der ausländischen Bevölkerung in Deutschland zu beobachten (Statistisches Bundesamt 2010a, S. 23). Im Jahr 2013 betrug die Zahl der ausländischen Bevölkerung in Deutschland 7,2 Millionen Personen (Tabelle 3) (Statistisches Bundesamt 2012a, S. 55). Diese Zahlen beziehen sich nur auf Personen ohne deutschen Pass, also auf Ausländer:

Als Ausländer gelten alle Personen, die nicht Deutsche im Sinne von Art. 116 Abs. 1 GG[1] sind, d.h. nicht die deutsche Staatsangehörigkeit besitzen. Dies können direkt zugezogene Personen mit einer ausländischen Staatsangehörigkeit sein oder auch deren im Land geborene Nachkommen, sofern sie nicht die deutsche Staatsangehörigkeit erhalten“ (Bundesamt für Migration und Flüchtlinge 2009, S. 29).

Tabelle 3 Ausländische Bevölkerung nach Staatsangehörigkeit und Personen mit Migrationshintergrund in Deutschland, häufigste Herkunftsländer

Herkunftsland

Ausländische Bevölkerung 31.5.2013

Bevölkerung mit Migrationshintergrund 2012

Türkei

1.575.717

2.998.000

Italien

529.417

759.000

Polen

532.375

1.543.000

Serbien und Montenegro

39.958

301.000

Griechenland

298.254

400.000

Kroatien

224.971

368.000

Russische Föderation

202.090

1.213.000

Österreich

176.314

k.A.

Bosnien und Herzegowina

155.308

253.000

Restliches Europa

1.992.498

3.707.000

Asien, Australien, Ozeanien

910.756

2.601.000

Afrika

287.954

577.000

Amerika

232.148

416.000

Sonstige

55.948

1.207.000

Alle Länder

7.213.708

16.343.000

Quellen: Statistisches Bundesamt (2012b, S. 99; 2013b, S. 40).

Die Definition für den Migrationshintergrund schließt zusätzlich zu den Ausländern alle Personen ein, die ab 1950 nach Deutschland eingewandert sind und durch Einbürgerung nach einem mindestens achtjährigen Aufenthalt in Deutschland eine deutsche Staatsbürgerschaft besitzen (Statistisches Bundesamt 2007, S. 328 f.). In der Regel wird hier von Migranten der 1. Generation gesprochen. Aber auch Personen mit eigener Migrationserfahrung und deutscher Staatsange-hörigkeit ohne Einbürgerung wie z.B. Spätaussiedler und Vertriebene gehören zu dieser Gruppe (ebd.). Kinder von Ausländern, die in Deutschland geboren wurden oder mindestens einen nicht-deutschen Elternteil haben, werden auch als Personen mit Migrationshintergrund gezählt (ebd.). Bei ihnen handelt es sich um Migranten der 2. Generation. In der vorliegenden Arbeit wird der Begriff Migranten bevorzugt und als Sammelbegriff für alle beschriebenen Personengruppen verwendet, soweit dies nicht anders spezifiziert wird. Tabelle 3 zeigt, dass die Türkei in beiden Kategorien – Ausländer und Personen mit Migrationshintergrund – die meisten Personen stellt. Im Mai des Jahres 2013 wohnten 1.575.717 Personen mit türkischer Staatsbürgerschaft in Deutschland (Statistisches Bundesamt 2013b, S. 40). Insgesamt können nach den Zahlen des Statistischem Bundesamts (Statistisches Bundesamt 2012b, S. 99.) rund 3,0 Millionen Personen mit türkischem Migrationshintergrund gezählt werden[2].

Im Vergleich zu anderen europäischen Ländern hat Deutschland keinen überdurchschnittlich großen muslimischen Bevölkerungsanteil. Dieser ist im Vergleich zu anderen Ländern in der Europäischen Union in Bulgarien mit 13,0 % am höchsten, gefolgt von Frankreich mit ca. 7,0 %, den Niederlanden mit 4,6 %, Österreich mit 4,2 %, Belgien mit 3,8 %, Griechenland mit 3,7 % sowie Deutschland und der Schweiz mit je 3,0 % (Dassetto 2003, S. xxiv f.). Besonders wenige Muslime leben mit 0,4 % in Finnland, Portugal und Rumänien weisen 0,3 %, Irland 0,2 % und Polen 0,04 % auf (ebd.). Doch absolut übertrifft die Anzahl der Muslime in der deutschen Bevölkerung nur Frankreich (mehr als vier Millionen), was an der großen Zahl nordafrikanischer Einwanderer liegt, die aufgrund ihrer französischen Sprachkenntnisse häufig nach Frankreich migrieren (ebd.). Verschiedene Autoren sprechen von drei bis vier Millionen Muslimen in Deutschland, was vornehmlich daran liegt, dass Deutschland die meisten türkischen Einwanderer in der Europäischen Union (EU) verzeichnet (Dassetto 2003,S. xxiv f.; Haug et al. 2009, S. 81; Maréchal et al. 2003; Religionswissenschaftlicher Medien- und Informationsdienst (REMID) 2012; Zentralinstitut Islam Archiv Deutschland Stiftung e.V. 2006).

Haug und Kollegen (2009, S. 81) berichten von 4,3 Millionen Muslimen, was den Islam zu der drittgrößten[3] und der größten nicht-christlichen Religions- gemeinschaft – wenn er auch rechtlich[4] nicht als solche gilt – in Deutschland macht (Beck 2005, S. 6; Lemmen 2000, S. 18; Lemmen und Miehl 2001, S. 61; Walter 2005, S. 38 f.). Die Daten zu der islamischen Religionszugehörigkeit werden auf Grundlage der überwiegenden Glaubensbekenntnisse der Bevölkerung des Herkunftslandes der Personen berechnet, die das Auslandszentralregister (AZR) sammelt (Haug et al. 2009, S. 81).

Tabelle 4: Anzahl der deutschen und ausländischen Muslime in Deutschland nach Herkunftsland

Herkunftsland

maximale Anzahl

Türkei

2.675.089

Südosteuropa insgesamt

606.159

ehem. Jugoslawien

588.257

Albanien

15.012

Bulgarien

2.891

Naher Osten

369.541

Irak

110.010

Libanon

137.023

Syrien

40.789

Nordafrika

301.573

Marokko

176.536

Rest Nordafrika

125.036

Restliches Afrika

71.594

Süd/ Südostasien

209.017

Afghanistan

96.550

Pakistan

72.949

Iran

79.772

Zentralasien/GUS

29.973

Russische Föderation

12.608

Insgesamt

4.342.71660

Quelle: Haug et al. (2009, S. 81); verkürzte eigene Darstellung der größten Gruppen.

60 In der Tabelle von Haug und Kollegen (2009, S. 81) wird eine Gesamtzahl von 4.342.716 Muslimen in Deutschland angegeben. Allerdings berechnet die Autorin der vorliegenden Arbeit 4.342.718 Personen nach der Überprüfung der Daten von Haug und Kollegen (2009).

Religionszugehörigkeit gehört nicht zu den verpflichtenden Angaben bei der Einbürgerung oder der Beantragung einer Aufenthaltserlaubnis, eines Visums oder einer Anmeldung im Bezirksamt, weshalb es keine absoluten amtliche Zahlen zu der Religionszugehörigkeit von Ausländern gibt, sondern nur Schätzungen (Auswärtiges Amt 1995b-2011, 1995a-2011; Bundesverwaltungsamt (BVA) 2010a; Lemmen 2000, S. 17, 2002, S. 17).

Nur Personen, die der römisch-katholischen oder evangelischen Kirche angehören oder Mitglieder der jüdischen Gemeinde sind, müssen zur Abführung der Kirchenoder Kultussteuer auf der Lohnsteuerkarte ihre Konfession angeben (Landesregierung Nordrhein-Westfalen 2008, § 3). Solange Personen keine Kirchenoder Kultussteuern zahlen, kann über ihre Religionszugehörigkeit keine verlässliche Aussage getroffen werden (Friedrichs und Klöckner 2009, S. 115116; Lemmen 2002, S. 17). Dadurch beinhalten vorliegende Studien größtenteils Hochrechnungen aus mehr oder weniger großen Stichproben. So berechnete die Studie „Muslimisches Leben in Deutschland“, die vermutlich zurzeit als zuverlässigste Schätzung gelten kann, nach Herkunftsländern auf Basis von Daten des Auslandszentralregisters (AZR) und einer Befragung von ca. 6.000 Personen mit Migrationshintergrund die in Tabelle 4 dargestellten Zahlen (Haug et al. 2009, S. 21). Die Türkei stellt demnach mit 2.675.089 Personen den größten Anteil der in Deutschland lebenden Muslime, gefolgt von Südosteuropa mit 606.159 und dem Nahen Osten mit 369.541 Personen (ebd.).

Doch fehlen Angaben über deutsche Konvertiten, zu denen Personen ohne Migrationshintergrund mit islamischen Glauben zählen. Es gibt keine amtlichen Daten über Konversionen deutschstämmiger Personen zum Islam, doch gehen grobe Schätzungen davon aus, dass es sich um 13.000 bis 100.000 Personen handeln könnte (Haug et al. 2009, S. 58; Lemmen 2002, S. 18; Zentralinstitut Islam Archiv Deutschland Stiftung e.V. 2006). Weiterhin handelt es sich bei den Zahlen von Haug und Kollegen (2009) um die maximale Anzahl von Muslimen, denn die Einwanderer der vornehmlich islamischen Länder sind keineswegs homogen (Lemmen 2002, S. 17). Dennoch ist die vorliegende Arbeit dieser Schätzung unterworfen und beruft sich somit auf die vorgestellten Quellen und Zahlen.

Der Anteil der sunnitischen Muslime liegt in der Türkei bei ungefähr 80 %, der Anteil der Aleviten mit ca. 10 bis 12 Millionen Personen bei knapp 20 % (Bundesamt für Migration und Flüchtlinge 2006, S. 80; Langer et al. 2005, S. 74; Lemmen 2000, S. 20; Rankin und Aytaç 2008, S. 284; Steinbach 2002). Kaplan (2004, S. 14) spricht sogar von 20 Millionen Aleviten in der Türkei. Schiitische Muslime, christliche und andere Religionsgemeinschaften nehmen einen verschwindend geringen Anteil ein und es muss davon ausgegangen werden, dass alle Personen, die keine Religionszugehörigkeit angeben, von der Diyanet 􀃸􀃺leri Ba􀃺kanl􀃕􀃷􀃕 – dem Amt für Religiöse Angelegenheiten in der Türkei – zu den Sunniten gezählt werden [5] (ebd.).

Auch die Zahlen zu der Zugehörigkeit zu unterschiedlichen Konfessionen des Islams, die in Deutschland vorliegen, beruhen auf Schätzungen und Hochrechnungen (Zentralinstitut Islam Archiv Deutschland Stiftung e.V. 2006). Das Zentralinstitut Islam-Archiv Deutschland Stiftung (2006) und der Religionswissenschaftliche Medien- und Informationsdienst (REMID) (2012) vermuten für Deutschland die in Tabelle 5 dargestellten Zahlen.

Die größte Gruppe der Muslime machen demnach in beiden Schätzungen die Sunniten aus, gefolgt von den Schiiten und Aleviten (ebd.). Schätzungen der Bundesregierung gehen davon aus, dass zwischen 500.000 und 600.000 Aleviten in Deutschland leben, was aber von den sunnitischen Vereinen bestritten und

nach unten korrigiert“ wird (Bundesamt für Migration und Flüchtlinge 2006, S. 80). Schätzungen anderer Autoren reichen von 300.000 bis zu 700.000 Aleviten (Kaplan 2004, S. 14; Sökefeld 2008a, S. 33). In einer Studie der Bertelsmann Stiftung (2008) mit 2.000 muslimischen Befragten in Deutschland fühlten sich 65 % dem sunnitischen Islam zugehörig (Thielmann 2008, S. 15). 9 % gaben an, sich dem schiitischen Islam, 8 % dem Alevitentum zugehörig zu fühlen, und 11 % der Befragten, einer anderen[6] islamischen Ausprägung anzugehören (ebd.). Das Islam Archiv (2006) schätzt, dass mehr als eine Million der Muslime die deutsche Staatsbürgerschaft besitzen, Thielmann (2008, S. 13) spricht von 800.000 Muslimen.

Ähnlich wie für die Türkei wird vermutet, dass 80 % der sunnitischen Muslime in Deutschland der hanafitischen Rechtsschule angehören (Franz 2003, S. 13; Lemmen 2002, S. 20; Vorhoff 1998, S. 11). Die hanafitische Rechtsschule (:Ianafiya) wurde von Abu :Ianifa Anfang des 8. Jahrhunderts verbreitet und ist eine der vier sunnitischen Ausprägungen des Islams (Kalisch 2007, S. 111; Kettermann und Heine 2008, S. 173; Tworuschka 2003, S. 132). Sie gilt als fortschrittlich und gleichzeitig als älteste Ausrichtung des Islams (ebd.). Es wird davon ausgegangen, dass die Hälfte der Muslime weltweit Anhänger der hanafi-tischen Rechtsschule sind, vor allem in Pakistan, China, Indonesien, Kaukasus, Zentralasien, Turkestan, Indien und in der Türkei (Kettermann und Heine 2008, S. 1723; Küng 2006, S. 336; Lemmen 2002, S. 20; Tworuschka 2003, S. 132).

Die weiteren Rechtschulen sind die Malikiya, Šafi'iya und :Ianb'Ali ya (Kalisch 2007, S. 111). Es folgen Exkurse zu zwei Ausrichtungen des islamischen Glaubens, dem sunnitischen Islam und dem Alevitentum.

Tabelle 5: Differenzierung der Muslime in Deutschland nach islamischen Schulen

Quelle: Zentralinstitut Islam Archiv Deutschland Stiftung e.V. (2006); Religionswissenschaftlicher Medien- und Informationsdienst (REMID) (2012).

63 Die Autorin der vorliegenden Arbeit berechnet nach Addition der Zahlen des Islam-Archivs

3.983.300 Personen.

64 Die Al)madiya-Muslime werden von Sunniten nicht als Muslime anerkannt, weil diese sich nicht „ausdrücklich zur Finalität des Propheten Muhammads bekennen“ und wie die Schiiten an die Auferstehung des 12. und göttlichen Imams Mul)ammad ibn :Iasan al-Mahdi glauben. Die Al)madiya selber sehen sich sehr wohl als Muslime (Ende 2005, S. 75, Lemmen 2000, S. 18, 2002, S. 18, Tworuschka 2003, S. 45 f.).

  • [1]Deutscher im Sinne dieses Grundgesetzes ist vorbehaltlich anderweitiger gesetzlicher Regelung, wer die deutsche Staatsangehörigkeit besitzt oder als Flüchtling oder Vertriebener deutscher Volkszugehörigkeit oder als dessen Ehegatte oder Abkömmling in dem Gebiete des Deutschen Reiches nach dem Stande vom 31. Dezember 1937 Aufnahme gefunden hat“ (Parlamentarischer Rat der Bundesrepublik Deutschland 1949, Artikel 116, Absatz 1)
  • [2] Die aktuellsten Berechnungen basieren auf den Daten des Mikrozensus für das Jahr 2012
  • [3] Mitglieder der katholischen Kirche im Jahr 2008 = 25.177.000, evangelische Kirche = 24.515.000, jüdische Gemeinden 2009 = 104.241 (Statistisches Bundesamt 2010c, S. 6971)
  • [4] Bisher sind islamische Vereine und Moscheegemeinden keine Körperschaften öffentlichen Rechts (Lemmen 2002, S. 17)
  • [5] Wie bereits andere Autoren berichten, konnte auch die Autorin der vorliegenden Arbeit in ihrer Recherche keine amtlichen Daten zur Religionszugehörigkeit in der Türkei ausfindig machen (vgl. Lemmen 2002, S. 20; Sökefeld 2008a, S. 33; Vorhoff 1998, S. 11). Auch nach telefonischer Auskunft des an der Technischen Universität Ankara tätigen türkischen Soziologen Mustafa Sen am 5.7.2011, der im Projekt FACIT verantwortlicher Mitarbeiter für die Türkei war, sind keine Statistiken verfügbar
  • [6] Es wurde nicht spezifiziert, welcher Ausrichtung
 
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