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3.2.3 Die Wohlfahrtsverbände in der Nachkriegszeit

Nach 1945 konnten auch die meisten Wohlfahrtsverbände ihre Tätigkeiten wieder aufnehmen, die jedoch je nach Einstellung der Besatzungsmächte variierten (Boeßenecker 2005; Hammerschmidt 2005, S. 18 ff.). Da die Versorgung durch die Wohlfahrtsverbände eine finanzielle Entlastung der Besatzer bedeutete, waren die englischen und amerikanischen Truppen vornehmlich positiv eingestellt und förderten die Verbände sogar, indem sie diese in die Organisation und Planung des Wiederaufbaus einbezogen, und so entstand wieder ein organisatorischer Überbau (ebd.).

Die Besatzungsmächte Frankreich und die Sowjetunion dagegen sahen die Verbände weniger positiv. Während die französischen Besatzer zunächst sogar die für die Bevölkerung vorgesehenen Spenden konfiszierten, realisierten sie im Laufe der Zeit doch den Nutzen der Wohlfahrtsvereine und ließen diese gewähren (ebd.). In der sowjetischen Besatzungszone jedoch konnten sich die „alten“ Verbände nicht mehr frei entfalten (Gaskin et al. 1996, S. 34, 182). Vor allem das Rote Kreuz hatte es schwer, sich unter der russischen Besatzungsmacht zu etablieren. Diese sahen einen zu engen Zusammenhang mit den Nationalsozialisten und lösten den Verband auf (Boeßenecker 2005, S. 222; Riesenberger 2002, S. 376). Fortan wurden alle wohlfahrtsstaatlichen Aktivitäten unter die „Volkssolidarität“ und die Einrichtungen der Kirchen gestellt. Bereits im Oktober 1945 auf einer Konferenz des „Blocks der Antifaschistisch-Demokratischen Parteien aus KPD, SPD, LDPD, CDUD, des FDGB und den Landeskirchen“ stellten die Teilnehmer die Initiative „Volkssolidarität gegen Wintersnot“ vor (Kopke und Lembcke 2005, S. 35; Lattka 2011; Priller und Winkler 2002, S. 62; Winkler 2010, S. 6). Kleine Initiativen wurden unter staatliche Kontrolle gestellt (Kopke und Lembcke 2005, S. 33).

Doch verneinte das sozialistische System soziale Ungleichheit, womit es den Vereinen die Rechtfertigung für ihre Existenz entzog (ebd.). In den 1950er Jahren wurden die Aktivitäten der Volkssolidarität, die 1951 den Status einer Körperschaft öffentlichen Rechts bekam, weitestgehend auf die Betreuung von älteren Menschen eingeschränkt und konnten erst nach 1990 wieder ausgeweitet werden (Lattka 2011; Priller und Winkler 2002, S. 63, 64). Für die Einstellung zu freiwilliger Arbeit bedeutete dies eine gegenüber dem Ende des 19. Jahrhunderts starke Veränderung. Dem Staat gegenüber, der alle Initiativen übernahm und auch sog. „freiwilligen Zwang“ zu unbezahlter Arbeit in der Freizeit ausübte, wurde überdies hinaus keine moralische Verpflichtung empfunden, sich zu engagieren, was dazu führte, dass sich das Engagement in den kommunistisch geprägten Ländern in ganz Europa reduzierte (Gaskin et al. 1996, S. 185; Klages und Gensicke 1998, S. 192). Auch heute noch sind die Engagementquoten im Osten Deutschlands niedriger als im Westen (Bundesministerium für Familie, Senioren, Frauen und Jugend 2010).

In Westdeutschland und den anderen Besatzungszonen schlossen sich ab 1949 die verschiedenen Regionalverbände erneut in der „Liga der Freien Wohlfahrtspflege“ zusammen (Boeßenecker 2005, S. 39). Der Dachverband aller Verbände arbeitete nach 1956 auf nationaler wie europäischer Ebene unter dem Namen „Bundesarbeitsgemeinschaft der Freien Wohlfahrtspflege“ (BAGFW) (ebd.).

Die verschiedenen Verbände kümmerten sich um die zahlreichen notleidenden Menschen und Bedürftigen der Nachkriegsjahre. Mit der Flüchtlingshilfe und Familienzusammenführungen begegneten Caritas und Diakonie den Folgen des Krieges. Doch eine nicht weniger wichtige Funktion war die Vertretung der karitativen Interessen gegenüber dem Staat. Durch das kontinuierliche Arbeiten auch während des Krieges konnten die christlichen Verbände nach Ende des Naziregimes ihre Strukturen schnell wieder festigen und durch die Sicherung von großen Marktanteilen ihren Vorteil gegenüber den zeitweise verbotenen Vereinen mit sozialdemokratischer Prägung nutzen (Hammerschmidt 2005, S. 104, 123). So wurde z.B. sogar eine weitere Hilfsorganisation mit protestantischen Hintergrund geründet: das „Hilfswerk der Evangelischen Kirchen in Deutschland“ mit dem Schwerpunkt auf der Entwicklungshilfe zur Bekämpfung von Hungersnöten sowie der Unterstützung von Flüchtlingen und Arbeitslosen (Diakonisches Werk der Evangelischen Kirche in Deutschland 2008).

Die Einrichtungen des Deutschen Roten Kreuz reorganisierten sich ebenfalls. Doch erst 1952 wurde der Verband wieder international anerkannt, da die beschriebene Zusammenarbeit mit den Nationalsozialisten bei Besatzern wie neuer Regierung eine deutlich skeptische Haltung verursacht hatte (Boeßenecker 2005,

S. 138; Hammerschmidt 2005, S. 139). Auch der Paritätische Wohlfahrtsverband versuchte sich mit seiner Vergangenheit zu arrangieren, doch arbeiteten bis in die 1950er Jahre Personen mit nationalsozialistischer Vergangenheit in Leitungsfunktionen (Hollweg und Franke 2000, S. 30).

Die Arbeiterwohlfahrt wurde 1946 neu gegründet (Boeßenecker 2005, S. 161; Hammerschmidt 2005, S. 145). Der Verband erlangte mehr Eigenständigkeit und war fortan nicht mehr Wohlfahrtsverband der SPD, sondern Verband mit sozialdemokratischer Prägung (ebd.). Erst 1951 fanden die wenigen deutschen Juden (ca. 22.000) die Kraft für eine Neugründung ihres Vereins (Boeßenecker 2005, S. 239-240; Ortag 2004, S. 127; Scheller 1992; Steppe 1997, S. 175; Zentralwohlfahrtsstelle der Juden in Deutschland 2011b). Der Verein arbeitet seither unter dem Namen „Zentralwohlfahrtsstelle der Juden in Deutschland”. Die Namensänderung von „Zentralwohlfahrtsstelle der deutschen Juden“ in „Juden in Deutschland“ sollte die Abgrenzung zur deutschen Bevölkerung signalisieren (ebd.).

Auch die Vielfalt innerhalb der Mitgliedsvereine der nun sechs Wohlfahrtsverbände wurde immer größer. So integrierte die Diakonie z.B. auch Freikirchen wie die Heilsarmee, welche in den 1950er Jahren ihren Status als Körperschaft öffentlichen Rechts erhielt (Die Heilsarmee in Deutschland 2005, S. 19). Nach jahrelangen Kontroversen über Zuständigkeiten und Machtansprüche kooperierten die beiden protestantischen Verbände ab den späten 1950er Jahren und wurden institutionell im Jahre 1975 zusammengeführt zu dem „Diakonischen Werk der Evangelischen Kirche“ (Diakonisches Werk der Evangelischen Kirche in Deutschland 2008; Hammerschmidt 2005, S. 123 ff.). Die Caritas integrierte Teile des Ritterordens der Malteser im Rahmen des Malteser Hilfsdiensts e.V. (Karmon 1987, S. 177). Der Arbeiter-Samariter-Bund schloss sich 1955 dem Paritätischen Wohlfahrtsverband an (Müller 1998, S. 132). Seit den 1960er Jahren setzte eine erhebliche Professionalisierung und Ausgestaltung des Wohl-fahrtssektors ein sowie eine zunehmend positive Bewertung freiwilliger Arbeit seitens der Bürger (Gaskin et al. 1996, S. 45; Schulze 2004, S. 65).

Nach der Wiedervereinigung im Jahr 1990 geriet der Wohlfahrtsstaat in eine Krise, nicht zuletzt, da das sozialistische Regime der DDR über Jahrzehnte Bürgerinitiativen und das Vereinswesen stark reglementierte und erst neue Strukturen aufgebaut werden mussten, um den neuen Staatsbürgern in der schwierigen Situation der Eingliederung zu helfen und die Orientierung in das politische System zu erleichtern (Gaskin et al. 1996, S. 45). Weiterhin ging die Wende mit einer Welle der Arbeitslosigkeit einher, was den Anteil der Hilfebedürftigen der ehemaligen DDR ebenfalls vermehrte (Gürtler et al. 1990). Während die christlichen Vereine in Westdeutschland zu den größten Vereinen zählen, sind die Vertretungen in den östlichen Bundesländern deutlich kleiner, da der Einfluss der Kirchen unter dem kommunistischen Regime begrenzt wurde (Kopke und Lembcke 2005, S. 37). Die wenigen katholischen Organisationen Ostdeutschlands wurden Teil des deutschen Caritasverbands. Auch die anderen Wohlfahrtsorganisationen Ostdeutschlands nahmen ihre Arbeit auf, integrierten bereits vorhandene Einrichtungen und bauten ihre Vereine aus (Friedrichs und Klöckner 10.02.09, 11.02.09, 12.03.09a, 12.03.09b). Dem Roten Kreuz fiel dies besonders leicht, da er als einziger Wohlfahrtsverein in der DDR den kalten Krieg ohne große Verluste überdauerte und bis 1989 sogar 700.000 Mitglieder zählte. Die Volkssolidarität ist heute Mitgliedsverein des Paritätischen Wohlfahrtsverbands (Volkssolidarität Bundesverband e.V. 2010).

Gegen Ende des 20. Jahrhundert gerieten die Verbände zunehmend in die Kritik, da die Kosten des Wohlfahrtssystems stark wuchsen[1] (Schulze 2004, S. 65). Nicht zuletzt aus diesem Grund war es für die Vereine nur logisch, sich vermehrt unbezahlter Arbeitskräfte – freiwilliger Mitarbeiter – zu bedienen.

  • [1] U.a. aufgrund steigender Personalkosten und des demographischen Wandels
 
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