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3.2.2 Die Wohlfahrtsverbände in der NS-Zeit

Die beiden christlichen Verbände prägten Ende des 19. und Anfang des 20. Jahrhunderts im Rahmen der konstitutionellen Monarchie die Wohlfahrtspolitik maßgeblich (Hammerschmidt 1999, S. 138 ff.). Die Abdankung des Kaisers und damit die Auflösung der Monarchie und die folgende Gründung der parlamentarischen demokratischen Regierung der Weimarer Republik bedrohte die Stellung der kirchlichen Verbände im Deutschen Reich (Hammerschmidt 1999, S. 138 ff.). Dies führte dazu, dass diese den diktatorischen Regierungsstil der Nationalsozialistischen Deutschen Arbeiterpartei (NSDAP) durchaus befürworteten[1], in der Hoffnung, ihre herausragende Stellung auch unter der neuen Regierung beibehalten zu können (Hammerschmidt 1999, S. 138 ff.). Währenddessen gründete die NSDAP 1931 die Nationale Volkswohlfahrt[2] (NVS), die zwar wohlfahrtsstaatliche Leistungen für das „gesunde Volk“ erbrachte, jedoch die jüdische Bevölkerung ebenso wie Personen mit Handicap, Alkoholproblemen, straffällig Gewordene und gemeinhin als „hoffnungslose Fälle“ oder „Ballastexistenzen“ bewertete Personen ausschloss und fortan „rassehygienische Maßnahmen“ im Rahmen von Schulungen vermittelte, um die geplante Ermordung von 6,2 Mio. Menschen vorzubereiten (Benz 1996; Hammerschmidt 1999, S. 21, 33 ff.; Hollweg und Franke 2000, S. 20; Kopke und Lembcke 2005, S. 30; Schäfer und Herrmann 2005, S. 62; Schnurr 1997, S. 28 ff.; Steppe 1997, S. 158; Weisbrod- Frey 2001, S. 105).

Die enge Verknüpfung von Militär und Hilfsorganisationen, durch deren Tätigkeiten auf Schlachtfeldern und an Kriegsschauplätzen, wurde im Rahmen der Versailler Verträge zwar kurz unterbrochen, doch im Zuge der nationalsozialistischen Regierung in den 1930er Jahren sehr schnell wiederhergestellt.

„Bereits 1933 zielte eine Satzungsänderung auf die Remilitarisierung des DRK und führte das Führerprinzip als das verbindliche Gestaltungs- und Lenkungsprinzip ein“ (Boeßenecker 2005, S. 221).

Fortan war die teils politische Neutralität für die Vereine nur schwierig aufrechtzuerhalten. Den Fortbestand des Roten Kreuzes während dieser Zeit sicherte der Reichsminister des Inneren, indem er der NSDAP die innere Ausgestaltung des DRK vorbehielt (Kopke und Lembcke 2005, S. 31; Müller 1998, S. 107; Riesenberger 2002, S. 270). So mussten die Friedensarbeit und die Jugendorganisation des Roten Kreuzes sowie alle Sozialeinrichtungen aufgegeben werden, bis dass sich der Tätigkeitsbereich fast ausschließlich auf die Organisation von Sanitätsdiensten im Kriegsfall beschränkte (Steppe 1997, S. 164). Leitungsfunktionen konnten ausschließlich von Personen „arischer Abstammung“ ausgeführt werden (Boeßenecker 2005, S. 221; Riesenberger 2002, S. 273 f.). Die Caritas und Innere Mission der Diakonie arrangierten sich ebenfalls mit den Nationalsozialisten. Mit der Zustimmung zur Aufnahme der Nationalen Volkswohlfahrt in die Liga der Freien Wohlfahrtsverbände versuchte die Innere Mission, ihre Stellung zu festigen und die der Caritas gleichzeitig zu schwächen (Hammerschmidt 1999, S. 195 ff.). Vorstandsmitglieder wurden zwischen NVS und Innerer Mission ausgetauscht und es wurde auf verschiedenen Ebenen kooperiert (Hammerschmidt 1999, S. 195 ff.; Kirchliches Amtsblatt für Mecklenburg 1938; Klee 1989; Rarkowski 1940).

Erst als 1933 bis 1934 eine Diskussion darüber entbrannte, ob die kirchlichen Verbände in die Nationale Volkswohlfahrt eingegliedert werden sollten, veränderte sich deren Einstellung aus Angst vor Auflösung der Vereine (ebd.). Fortan konnten das Deutsche Rote Kreuz, die Caritas und die Diakonie eingeschränkt und unter Kontrolle der NSDAP ihre Arbeit weiterführen. (ebd., Hollweg und Franke 2000, S. 21; Schäfer und Herrmann 2005, S. 62). Freie gemeinnützige Tätigkeit verwandelte sich zunehmend in eine bürgerschaftliche „Zwangsverpflichtung“, die nach dem Krieg zu einem deutlichen Rückzug aus der freiwilligen Arbeit der Bürger führte (Gaskin et al. 1996, S. 34, 37).

Mit dem Gewerkschaftsverbot zwischen den Jahren 1933 und 1945 wurden Wohlfahrtsverbände in der Tradition der Arbeiterbewegung durch die Nationalsozialisten verboten oder aufgelöst (Steppe 1997, S. 161): Die Arbeiterwohlfahrt wurde 1933 verboten und ihre Vorstandsmitglieder verließen das Land; Immobilien, Einrichtungen, Heime und Institutionen wurden von den Nationalsozialisten beschlagnahmt (AWO 2011; Boeßenecker 2005, S. 161; Lemke 1979, S. 101). Der Arbeiter-Samariter-Bund wurde 1933 und der Paritätische Wohlfahrtsverband 1934 aufgelöst und in das Deutsche Rote Kreuz oder die Nationale Volkswohlfahrt überführt (Boeßenecker 2005, S. 161, 191; Hollweg und Franke 2000, S. 22; Müller 1998, S. 7; Riesenberger 2002, S. 274; Steppe 1997, S. 158). Teilweise engagierten sich Vorstandsmitglieder des Paritätischen weiterhin in einem der nun von den Nationalsozialisten kontrollierten Vereine und kehrten nach dem Krieg zum Paritätischen zurück (Hollweg und Franke 2000, S. 30).

In den Jahren nach der Machtergreifung der Nationalsozialisten bestand die Hauptaufgabe der jüdischen Einrichtungen darin, das Überleben ihrer Mitglieder zu sichern und die Auswanderung vor allem nach Palästina zu organisieren (ebd.). Der jüdische Verein wurde bereits 1933 aus der Liga der Freien Wohlfahrtsverbände ausgeschlossen (Hollweg und Franke 2000, S. 21; Landwehr 1985, S. 51). 1935 wurde der Verband zunächst zu der „Reichsvertretung der Juden in Deutschland“ umbenannt, doch 1938 sein Status als Körperschaft öffentlichen Rechts aufgelöst (Boeßenecker 2005, S. 239-240; Steppe 1997, S. 175). Nach weiteren Namensänderungen, der Kündigung als ungeeignet betrachteter Mitarbeiter durch die Nationalsozialisten und der Überführung in eine Zwangsorganisation musste der Verein 1939 seine Tätigkeiten vollends einstellen (ebd.).

  • [1] Die zunächst kontraintuitive positive Haltung der Diakonie und Caritas zum Naziregime wird in vielerlei Stellungnahmen der Verbände deutlich (vgl. Originaldokumente u.a. von Rarkowski (1940); Kirchliches Amtsblatt für Mecklenburg (1938), ausführliche Sammlung von Dokumenten in Klee (1989)
  • [2] Die Nationalsozialisten vermieden den Begriff „Nationalsozialistische Volkswohlfahrt“ und benannten den Verein „Nationale Volkswohlfahrt“. Steppe (1997) verwendet jedoch den erstgenannten Begriff
 
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