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1 Einleitung und Überblick

In der Literatur zur freiwilligen Arbeit wird diese als „Rückgrat“ des deutschen Wohlfahrtsstaats und der Gesellschaft bezeichnet (Landesregierung RheinlandPfalz 1997, S. 9; Senatsverwaltung für Gesundheit, Soziales und Verbraucherschutz 2004, S. 4).

Das Gemeinwesen eines Landes wird geprägt von der Bereitschaft seiner Bürger zur Freiwilligenarbeit, insbesondere zum ehrenamtlichen Engagement und zu Hilfeleistungen für andere Personen. Aktivitäten dieser Art spielen eine wichtige Rolle für die Integration einer Gesellschaft und für die Stabilität und Funktionsfähigkeit der Demokratie“ (Gabriel et al. 2004, S. 337).

Insbesondere seit dem am 1. Juli 2011 von der Bundesregierung beschlossenen Entwurf zur Aussetzung der Wehrpflicht ist freiwillige Arbeit von großer Bedeutung für den deutschen Wohlfahrtsstaat, da fortan auch der Zivildienst eingestellt wurde (Deutscher Bundestag 2011). 2,7 Millionen Männer leisteten zwischen 1961 und 2011 ihren Wehrersatzdienst, der bereits seit Mitte der 1990er Jahre sukzessive von einer dreizehnmonatigen auf eine sechsmonatige Vollbeschäftigung im Jahr 2010 gekürzt wurde[1] (Bundesamt für Familie und zivilgesellschaftliche Aufgaben 2011b; Bundesministeriums der Justiz 2005, § 24, 2011, § 5; Bundesamt für Familie und zivilgesellschaftliche Aufgaben 2010). Dennoch leisteten die „Zivis“ im Jahr 2010 noch über 65 Millionen[2] Arbeitsstunden im sozialen und Gesundheitsbereich (Die Bundesregierung 2011; Bundesamt für Familie und zivilgesellschaftliche Aufgaben 2011a; Institut für Arbeitsmarkt- und Berufsforschung IAB 2011).

Zur Kompensation dieser Arbeitsstunden trat am 3. Mai 2011 das Bundesfreiwilligengesetz in Kraft (Pressestelle des Bundesamts für Familie und zivilge-sellschaftliche Aufgaben 2012). Es regelt seither die Rahmenbedingungen, unter welchen Freiwillige für den Wohlfahrtsstaat tätig werden können, den Bundesfreiwilligendienst. Im Rahmen dieses Dienstes können sich Interessierte z.B. im Rahmen des „Freiwilligen Sozialen Jahres“ (FSJ) und des „Freiwilligen Ökologischen Jahres“ (FÖJ) zwölf Monate in Vollzeit engagieren. Um Freiwillige zu gewinnen, startete die Bundesregierung im Mai 2011 eine große Kampagne mit dem Titel „Zeit, das Richtige zu tun“. Im ersten Jahr des Bundesfreiwilligengesetzes konnten knapp 28.000 Freiwillige gewonnen werden (Pressestelle des Bundesamts für Familie und zivilgesellschaftliche Aufgaben 2012; Die Bundesregierung 2011). Im Jahr 2014 engagierten sich bisher 36.520[3] Freiwillige (Bundesamt für Familie und zivilgesellschaftliche Aufgaben 2014). Mit der aktuellen durchschnittlichen Arbeitszeit für Vollbeschäftigte von etwa 1.600 [4] Stunden entspricht dies fast 60 Millionen Arbeitsstunden, die im Jahr 2014 von den Freiwilligen übernommen werden.

Diese Zahl lässt zunächst vermuten, dass es sich um eine gelungene Überführung des Zivildienstes in den Bundesfreiwilligendienst handelt. Doch lastet ein großer Druck auf den Wohlfahrtsverbänden, die als freie gemeinnützige Einrichtungsträger bedarfsorientiert und nicht erwerbswirtschaftlich soziale und Gesundheitsdienstleistungen anbieten (Boeßenecker 2005, S. 34; Deutscher Verein für Öffentliche und Private Fürsorge 2007, S. 344; Schulze 2004, S. 10). Die Verbände müssen die Zahl der Freiwilligen halten und immer wieder neue Freiwillige gewinnen, da nicht mehr „automatisch“ zivile Dienste von unbezahlten bzw. staatlich subventionierten Kräften übernommen werden.

Nicht zuletzt durch die Finanzkrise und den demographischen Wandel sind die finanziellen Ressourcen des Wohlfahrtsstaats knapper denn je und gleichzeitig ist die Nachfrage nach Dienstleistungen gestiegen (Bode 2003; Gabriel 2007,

S. 32; Friedrichs und Klöckner 2009, 2011). Zum einen wurden umfangreich Mittel gekürzt, die Lohnkosten stiegen, die Zahl der hauptamtlich Beschäftigen der Wohlfahrtsverbände gesenkt, die entgeltlichen Dienste gekürzt, Projektförderungen stärker zeitlich begrenzt, weshalb nicht-regelfinanzierte Dienste wie solche, die nicht durch Krankenoder Pflegeversicherung abgedeckt werden, nur noch eingeschränkt angeboten werden können (Friedrichs und Klöckner 2009, 2011; Gaskin et al. 1996, S. 185).

Zum anderen ist seit 1980 die Zahl der Arbeitslosen und der Personen, die von Transferleistungen abhängig sind, ständig gestiegen, was dazu beiträgt, dass immer mehr Menschen unterhalb der Armutsgrenze leben und von wohlfahrtsstaatlichen Leistungen abhängig sind (Andreß 1999; Blasius et al. 2008; Döring 1995; Hanesch et al. 1994; Huster 1996, Statistisches Bundesamt 2010b, 2010a, 2010c; Steinbacher 2004, S. 197). Unterdessen stiegen zwar die Reallöhne, doch stieg ebenfalls die soziale Ungleichheit (Frick et al. 2010). Vor allem Alleinerziehende und Personen mit Migrationshintergrund, die dem höchsten Armutsrisiko ausgesetzt sind, sind von dieser Entwicklung betroffen (ebd.). Gleichzeitig werden die Menschen durch verbesserte medizinische Versorgung älter und eine Welle älterer Migranten, die in den 1960er Jahren nach Deutschland und nun ins Rentenalter gekommen sind, vermehrt und verändert die Ansprüche an die Dienstleistungen (ebd.). Insbesondere für Migranten, die nicht aus dem christlichen Kulturkreis stammen, müssten die Dienstleistungen aufgrund der sich deutlich unterscheidenden Bedürfnisse, z.B. hinsichtlich der Einhaltung von religiösen Vorschriften und Traditionen, angepasst werden. Dies bedarf entsprechend ausgebildeter und teurer Fachkräfte, aber auch des Bewusstseins und der Akzeptanz unterschiedlicher Anliegen der vielfältigen Bevölkerungsgruppen. Diese beschriebenen Umstände führten, trotz der teilweisen Übernahme dieser Dienstleistungen von z.B. türkisch-islamischen Vereinen, die ihre Hilfe auf die eigene ethnische und religiöse Gruppe richten, zu einem Anstieg der bedürftigen Klientel der Wohlfahrtsverbände (Halm und Sauer 2006, S. 21).

Hinzu kommt das Problem eines steigenden Wettbewerbes zwischen gemeinnützigen und privaten Organisationen, was z.B. im Bereich der Altenpflege besonders deutlich ist (Friedrichs und Klöckner 2009, 2011). Um wettbewerbsfähig zu sein und über Ausschreibungsverfahren Projektmittel z.B. aus dem Europäischen Sozialfonds (ESF) und von der Bundesregierung zu erhalten, müssen auch die gemeinnützigen Dienstleister betriebswirtschaftlich arbeiten und unter anderem ihre Kosten senken. Das hat dazu geführt, dass einige Verbände ihre mit ver.di vereinbarten Tarife gekündigt haben (ebd.). Die Verbände, die dies nicht taten, haben nun einen Wettbewerbsnachteil. Vor allem Projekte für Drogenabhängige, Obdachlose, Illegale, aber auch Migranten werden daher zunehmend seltener oder nur kurzfristig im Rahmen von Modellprojekten finanziert (Friedrichs und Klöckner 25.02.09, 21.04.09a). Die Professionalisierung und Verbesserung der Wettbewerbsfähigkeit der Wohlfahrtsverbände und die Säkularisierung werden dafür verantwortlich gemacht, dass die Verbände für Bürger heute nicht mehr von staatlichen Einrichtungen zu unterscheiden sind, was zu einem Profilverlust der Verbände führe (Steinbacher 2004, S. 67).

Doch können die sog. „Migrantenvereine“ und die Wohlfahrtsverbände ihre Dienst-leistungen heute nur noch erbringen, wenn sich Personen dazu bereit erklären, freiwillig ihre Arbeit zu unterstützen. Die Folge dieser Entwicklungen kann als eine Umkehr des Subsidiaritätsprinzips im eigentlichen Sinne bezeichnet werden. Waren es früher die Vereine und deren hauptamtliche Mitarbeiter, die sowohl vulnerable Personen als auch ihre freiwilligen Helfer unterstützten, unterstützen heute Freiwillige durch ihre Arbeit den Wohlfahrtsstaat (z.B. Beck 1982, S. 23; Engel 1994, S. 46; Foitzik 1998, S. 18). Der Personalabbau professioneller Angestellter führte zu einer Verlagerung der Leistungen, die früher vom Wohlfahrtsstaat und den Wohlfahrtsverbänden übernommen wurden, zurück in den privaten Bereich (ebd.). So sind die Freiwilligen die flexiblen Unterstützer der Vereine und Wohlfahrtsverbände geworden, um die Kürzungen im sozialen Dienstleistungsbereich aufzufangen (ebd.).

In der gegenwärtigen Krise der Arbeitsgesellschaft erlebt das bürgerschaftliche Engagement eine neuerliche Renaissance“ (Schroeter 2006, S. 9). Folglich müssen die Verantwortlichen der Verbände wissen, wie Personen motiviert werden können, sich zu engagieren, damit heute und in Zukunft genügend Freiwillige zur Verfügung stehen, um die angespannte finanzielle Lage, den Druck aufgrund des Wettbewerbs zwischen den Anbietern sowie den Anstieg und die Veränderung der Klientel auszugleichen (Gaskin et al. 1996, S. 186). Dazu müssen die Motive der Freiwilligen erforscht werden (Braun et al. 1987, S. 80; Cnaan et al. 1993, S. 34; Kolland und Oberbauer 2006, S. 168). Ohne Kenntnis der Beweggründe für freiwillige Arbeit können keine adäquaten und nachhaltigen Maßnahmen entwickelt werden, Freiwillige zu gewinnen. Zudem sollten alle Bevölkerungsgruppen angesprochen werden, damit das Potential an freiwilligen Helfern in Deutschland zum einen besser genutzt werden kann, zum anderen den veränderten Ansprüchen, wie z.B. aufgrund des wachsenden Anteils an Migranten, Alten und Armen mit verschiedenen Bedürfnissen, Genüge getan werden kann.

Recruitment strategists must recognize that different population groups: function within different sets of beliefs about and attitudes toward philanthropy; experience different normative pressures; and face different levels of 'openness', inclusion, and accessibility“ (Berger 2006, S. 116).

Doch das Potential an freiwilligen Mitarbeitern mit unterschiedlichen Ressourcen wird bisher noch nicht ausreichend ausgeschöpft, was in internationalen Studien gezeigt werden konnte (z.B. Gazley 2012, S. 1262). Vor allem Personen, die „östlichen Religionsgemeinschaften“ angehören, engagieren sich im westlichen Kulturkreis seltener als Personen mit christlicher Konfession (Berger 2006,S. 125 f.). Sie werden seltener gefragt, sich zu engagieren und sind weniger gut über Engagementmöglichkeiten informiert (ebd.). Ähnliches zeigen die Zahlen zu Freiwilligen mit Migrationshintergrund. Der Anteil an Freiwilligen liegt in dieser Bevölkerungsgruppe weit unter denen der Einheimischen [5] und über ihre Motive ist so gut wie nichts bekannt (Gensicke und Geiss 2011, S. 6, 23; Gensicke et al. 2005, S. 370).

Als klassische Motive freiwilliger Arbeit werden religiöse oder wertorientierte Motive bezeichnet, wie z.B. Normen sozialer Verantwortung und Engagement als wichtige gesellschaftliche Aufgabe (Amato 1985; Berkowitz und Daniels 1964; Bierhoff et al. 1995; Engel 1994, S. 145; Heckhausen 1989, S. 286; Künemund 2006, S. 117; Küpper und Bierhoff 1999; Maennig und Schulz Hilke 1997; Prognos und AMB Generali 2009; Wilhelm und Bekkers 2010, S. 17). Doch berichten verschiedene Autoren von einem Strukturwandel und einer Pluralisierung der freiwilligen Arbeit, in Form von z.B. kurzfristigen und auf die eigene Weiterentwicklung, auf Abenteuer und Spaß fokussierten Tätigkeiten (Andeßner 2001, S. 36; Beher et al. 2000, S. 7; Brüggen et al. 2011, S. 9; 2002a, S. 109; Erlinghagen 2000a; Evers 2002; Handy et al. 2010; Hansen 2001; Heinze und Strünck 2000; Kühnlein und Mutz 2002; Mutz 2002; Olk 1989; Peglow 2002; Steinbacher 2004, S. 66; Wuthnow 1998b, S. 2). Putnam (1995; 2000) spricht bereits seit Mitte der 1990er Jahre von der Veränderung des Gemeinsinns in der westlichen Welt. Zwar ist bisher die Anzahl derjenigen, die sich engagiert, gleich geblieben, doch sanken die Dauer und die Zeit, die Freiwillige für ihre Arbeit aufwenden (Handy et al. 2010; Steinbacher 2004, S. 67).

Vor allem aber für die Motive freiwilliger Arbeit wird eine Entwicklung, weg von religiösen und wertorientierten Beweggründen hin zur eigenen Nutzenmaximierung und neuen „individualistisch-liberalen“ Motiven, unterstellt (Anheier und Toepler 2001, S. 19; Batson und Shaw 1991, S. 119; Beher et al. 2000, S. 7, 25; Braun et al. 1987, S. 80; Braun 2008; Enquete-Kommission 'Zukunft des Bürgerschaftlichen Engagements' Deutscher Bundestag 2002a, S. 114; Evers 2002, S. 55; Heinze et al. 1988; Heinze und Keupp 1997, S. 24; Heinze und Olk 2002; Kolland und Oberbauer 2006, S. 168; Kommission für Zukunftsfragen Bayern Sachsen 1996, S. 150; Künemund 2006; Olk 1989, S. 207). Kolland und Oberbauer (2006, S. 169) sprechen von einer Ökonomisierung des ehrenamtlichen Handelns. Zu diesen neuen Motiven gehören laut verschiedener Autoren Selbstfindung und Selbstverwirklichung, „Sensation Seeking“, Abenteuerlust, Spaß, Streben nach Macht und Anerkennung, Erwerb von Qualifikationen oder von sozialen Kontakten (Beher et al. 2000, S. 126; Clary et al. 1996; Clary et al. 1998; Erlinghagen 2000a; Gaskin et al. 1996; Maennig und Schulz Hilke 1997; Notz 1987, 1989; Peglow 2002; Prognos und AMB Generali 2009; Rosen- bladt 2000; Staub 1978; Wessels 1994; Wilson 2000).

Es ist jedoch fraglich, ob die genannten Veränderungen messbar sind oder überhaupt von einem Wandel gesprochen werden kann (Beher et al. 1998; Kistler et al. 2002; Kühnlein und Böhle 2002, S. 283 f.). Die strukturellen Veränderungen der freiwilligen Arbeit wurden bisher kaum dokumentiert, die Befragungsgruppen von sozialwissenschaftlichen Studien zum Thema sind häufig selektiv und die Aussagen daher nicht verallgemeinerbar (Cnaan und Goldberg-Glen 1991, S. 275; Kühnlein und Böhle 2002, S. 285). Zwar gibt es Paneloder Längsschnittanalysen zu freiwilliger Arbeit, doch wurden Motive fast ausschließlich mit geschlossenen Fragen erfasst, was einen Wandel nicht aufdecken kann. Versuche wie der „Volunteer Function Inventory (VFI)“ vorgegebene Motive abzufragen, können darüber hinaus immer nur einen Ausschnitt abbilden und entbehren eine fundierte theoretische Grundlage, wie viele Motive und welche Motive zur Auswahl gestellt werden (Wilson 2012, S. 181). Zudem werden die Befragten dadurch auf Beweggründe hingewiesen, die ihnen selbst nicht in den Sinn gekommen wären (Priming-Effekte) (ebd.). Weiterhin ist unklar, in welchem Zeitraum sich der Wandel vollzogen haben soll und ob sich dieser Wandel auch in Zukunft fortsetzt. Darüber hinaus sind die Migrantenvereine und deren freiwillige Mitarbeiter sowie die Motive, dort zu arbeiten, in der deutschen Forschung nahezu unbeachtet, was angesichts der Tatsache, dass sich die ersten Moscheevereine bereits vor fast einhundert Jahren gründeten, erstaunt (Herbert 2001, S. 85 ff.; Lemmen 2000, S. 16; Thielmann 2008, S. 13). Daher soll die vorliegende Arbeit dazu beitragen,

1. über die Dienstleistungen der Verbände der freien Wohlfahrtspflege sowie türkisch-islamischer Vereine aufzuklären,

2. die Motive von Freiwilligen der freien Wohlfahrtspflege aufzudecken sowie

3. über Motive von Freiwilligen türkisch-islamischer Vereine aufzuklären, die bisher in der deutschen Literatur nur wenig berücksichtigt sind und

4. die Rolle der Religionszugehörigkeit und Religiosität für freiwillige Arbeit aufzudecken.

Die vorliegende Arbeit beschäftigt sich weiterhin mit der Frage, welche Motive unter den strukturellen Bedingungen der Organisationen relevant sind. Wie hängen die Wertebasis, die Organisationsstruktur und die Motive der freiwilligen Arbeit zusammen? Unterscheiden sich also die Motive zwischen Freiwilligen von Migrantenvereinen und den klassischen Wohlfahrtsverbänden? Darüber hinaus wird die Frage beantwortet, welche Eigenschaften der Freiwilligen dazu führen, bestimmte Motive zu haben. Da die Migranten- und Wohlfahrtsvereine und deren Freiwillige sich durch ihre Religionszugehörigkeit unterscheiden und in der vorliegenden Literatur Religion und Religiosität noch immer ein, wenn auch sich abschwächender, Einfluss auf freiwillige Arbeit zugesprochen wird, wird anschließend der Einfluss von religiösen Merkmalen auf freiwillige Arbeit untersucht.

Es werden im Folgenden sozialpsychologische Ansätze im Rahmen der Motiverforschung, soziologische Theorien zur Erklärung des Einflusses individueller soziodemographischer Eigenschaften der Freiwilligen und ihres Netzwerks auf die Motive und freiwillige Arbeit in verschiedenen Organisationen sowie ökonomische Theorien zur Erklärung des Einflusses von Anreizen der Organisationen auf die Motive freiwilliger Arbeit verwendet. Dieser interdisziplinäre Ansatz wird bereits von Wilson (Wilson 2012, S. 178) als notwendige Weiterentwicklung der Ehrenamtsforschung bezeichnet:

„(…) progress is being made in educating scholars how insights from other disciplines can enrich their own work. For example, the psychological study of motivation can be embedded in a sociological framework that explores the origins of motives in social structures or the economic study of rewards and costs of volunteerism can be embedded in a psychological theory that subjective dispositions, such as empathy, condition the rationality of certain behaviors, or in a sociological theory that factors in circles of friends or memberships in formal organizations as moderators of costs and benefits“.

Die vorliegende Arbeit gliedert sich wie folgt: Zunächst wird der Begriff freiwilliger Arbeit bestimmt. Anschließend wird die Entwicklung der freiwilligen Arbeit in Deutschland seit der Industrialisierung nachgezeichnet und die Geschichte der Wohlfahrtsverbände und untersuchten Migrantenvereine bis heute vorgestellt. Es folgt der Forschungsstand zum Thema freiwillige Arbeit mit einem Schwerpunkt auf Motivstudien. Daran anschließend werden die zugrundeliegenden Theorien vorgestellt und daraus die Hypothesen entwickelt. Danach wird die Erhebung vorgestellt, die eine standardisierte schriftliche Befragung von 951 hauptamtlichen und freiwilligen Mitarbeitern von vier türkisch-islamischen Vereinen und vier Wohlfahrtsverbänden sowie zwei weiteren Mitgliedsorganisationen der Wohlfahrtsverbände in Köln und Hamburg umfasst.

Es folgen die Operationalisierung und die Analysestrategie sowie deskriptive und multivariate Analysen, die die vorab erläuterten theoretischen Annahmen prüfen. Der empirische Teil setzt sich aus einer Darstellung der Merkmale der in die Analyse aufgenommenen Vereine zusammen, der Soziodemographie der Freiwilligen im Vergleich zu hauptamtlichen Mitarbeitern, der Tätigkeitsbereiche und Zielgruppen, des Umfangs freiwilliger Arbeit sowie der Unterschiede zwischen Freiwilligen verschiedener Organisationstypen. Anschließend werden die Ergebnisse der offenen Fragen zu den Motiven Freiwilliger dargestellt sowie diese nach Freiwilligen unterschiedlicher Organisationen differenziert. Diese ersten beiden Teile stellen in der vorliegenden Literatur noch weitestgehend unbearbeitete Forschungsbereiche dar. Zum einen werden die Motive mit offenen Fragen erhoben, was in einer standardisierten Befragung mit 598 Freiwilligen mit einem großen Aufwand verbunden ist. Dementsprechend können Motive erfasst werden, die nicht vorab durch die Untersuchungsleiter festgelegt wurden und so zu neuen Erkenntnissen führen. Insbesondere im Hinblick auf religiöse Motive, die in der deutschen Literatur bisher nicht ausreichend untersucht wurden, stellt diese Methode einen innovativen Ansatz dar. Zum anderen werden sowohl türkisch-islamische Vereine als auch deren türkisch-muslimische Mitarbeiter in die Studie einbezogen, was bisher nur in wenigen Studien und auch weniger umfangreich erfolgte (z.B. Rosenow 2010). Ein Vergleich zwischen Mitarbeitern von Wohlfahrtsorganisationen und türkisch-islamischen Vereinen in Deutschland sowie der Motive der dort tätigen Freiwilligen ist ferner in der deutschsprachigen Literatur nicht erfolgt.

Im Rahmen einer Clusteranalyse werden anschließend die offen erhobenen Motive zu Motivbündeln zusammengefasst und überprüft, ob die Zugehörigkeit zu den Organisationstypen die Motive beeinflusst. Danach wird überprüft, welche Merkmale der Freiwilligen ihrerseits die Motive beeinflussen. Der letzte Teil der Analysen widmet sich der Frage nach dem Einfluss von Religion und Religiosität auf die freiwillige Arbeit. Abschließend werden die Ergebnisse der vorliegenden Arbeit diskutiert.

  • [1] 1996 = 127.203 Zivildienstleistende mit 13 Monaten Beschäftigung, 2010 = 78.388 Zivildienstleistende mit einer Beschäftigung von sechs bis neun Monaten (ab 1.12.2010) (Bundesamt für Familie und zivilgesellschaftliche Aufgaben 2010, 2010)
  • [2] 78.388 Zivildienstleistende im Jahr 2010 multipliziert mit der durchschnittlichen Arbeitsstundenanzahl im Jahr 2010 dividiert durch 2 (für 6 Monate). Für die von der Bundesfamilienministerin angegebenen 90.000 Zivildienststellen ergibt sich eine zu ersetzende Arbeitsstundenzahl pro Jahr von über 75.055.500 Stunden (Die Bundesregierung 2011; Bundesamt für Familie und zivilgesellschaftliche Aufgaben 2011a; Institut für Arbeitsmarkt- und Berufsforschung IAB 2011)
  • [3] Die Zahl bezieht sich auf die Zeit bis August 2014. Etwa die Hälfte davon ist unter 27 Jahre alt. 54 % der Freiwilligen sind Frauen und 46 % Männer (ebd.)
  • [4] Daten für 2014 sind bisher nur für das erste Quartal erhältlich, daher wird sich hier auf die durchschnittlichen Arbeitsstunden des Jahres 2013 bezogen
  • [5] Repräsentative Aussagen sind allerdings nur schwierig möglich, da Studien aus pragmatischen Gründen häufig nur große Migrantengruppen einbeziehen (z.B. solche mit türkischem Hintergrund). So ist die Übersetzung der Fragebögen in verschiedene Sprachen oder auch die Anstellung mehrsprachiger Interviewer häufig mit enormen Kosten verbunden (siehe Kapitel 0)
 
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