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6.3 Die zeitliche Priorität von Verwirklichungstypen bei angeborenen Vermögen

6.3.1 Zwei Thesen

In der deutschen Umgangssprache ist „früher“ in erster Linie eine zeitliche Relation; bei Aristoteles ist die zeitliche Priorität aber nur eine Verwendungsweise von proteron unter mehreren.[1] Hinsichtlich der zeitlichen Priorität ist Aristoteles' These: „Das, was der Art nach (eidei ) das gleiche ist, ist früher verwirklicht, nicht aber, was der Zahl nach (arithmô) [dasselbe ist].“ (1049b 18f)[2] Darin stecken zwei Behauptungen, nämlich (P1) die zeitliche Priorität des Vermögens bei numerisch Identischem und (P2) die zeitliche Priorität der Verwirklichung bei der Art nach Identischem:

(P1) Sei a ein Individuum und F eine Tätigkeit. Dann gibt es für jeden Zeitpunkt t2, zu dem a F-t, einen früheren Zeitpunkt t1, an dem das Individuum a das Vermögen hat zu F-en. D.h. es gilt:

("t2)(F(a, t2) É ($t1)(t1 < t2 & dyn F(a, t1)))

(P2) Sei G ein Eidos[3] und F eine Tätigkeit. Dann gibt es für jeden Zeitpunkt t2, zu dem ein unter G fallendes Individuum das Vermö- gen hat, zu F-en, einen früheren Zeitpunkt t1, zu dem ein unter G fallendes Individuum F-t. D.h. es gilt:

("x)("t2)((G(x, t2) & dyn F(x, t2)) É ($y)($t1)(t1 < t2 & G(y, t1) & F(y, t1)))

Die These von der zeitlichen Priorität des Vermögens hinsichtlich des numerisch Identischen besagt also, daß jedes F-Sein eines Subjektes zu einem Zeitpunkt t2 voraussetzt, daß das Subjekt zu einem früheren Zeitpunkt t1 das Vermögen zum F-Sein hat. Ich habe bereits darauf hingewiesen, daß es unmittelbar vor dem F-en einen solchen Zeitpunkt geben muß.

Behauptung (P1) ist dem Text nur implizit zu entnehmen. Wörtlich genommen negiert Aristoteles nur die zeitliche Priorität der Verwirklichung für das numerisch Identische. Daraus folgt keineswegs direkt die Priorität des Vermögens: Es könnte ja sein, daß hinsichtlich des numerisch Identischen sowohl Fälle vorkommen, bei denen das Vermögen Priorität hat, als auch Fälle mit Priorität der Verwirklichung, oder gar keines von beiden. Mit Sicherheit kann dem Text hier nur entnommen werden, daß es zumindest einige Fälle geben muß, bei denen das Vermögen zeitliche Priorität hat:

(P1*) Es gibt mindestens ein F und ein a, für die gilt: F(a, t2) É ($t1)(t1 < t2 & dyn F(a, t1).

Drei Beispiele für die Priorität des Vermögens führt Aristoteles an: Ein Mensch entsteht aus dem entsprechenden Stoff des Menschen, der eben das Vermögen hat, Mensch zu werden; Getreide entsteht aus dem Samen, der das Vermögen hat, das Getreide hervorzubringen;[4] und der Sehende entsteht aus jemandem, der das Sehvermögen (horatikon) hat (1049b18-23). Aristoteles führt jedoch keine Gegenbeispiele an. Diese Beobachtung könnte ex silentio darauf hinweisen, daß Aristoteles durchaus die in These (P1) formulierte Allaussage vertreten will. Wäre dem nicht so, wäre es sehr verwunderlich, daß Aristoteles gerade in einem Kapitel, in dem er die Priorität der Verwirklichung stark machen will, nicht darauf hinzuweist, daß das Vermögen hinsichtlich des numerisch Identischen eben nicht in allen Fällen zeitliche Priorität habe. Eine kurz darauf im Text folgende Bemerkung läßt darauf schließen, daß das Vermögen zumindest bei allen Veränderungsprozessen der Verwirklichung zeitlich vorhergehen soll (aei, 1049b24). Für andere Arten von Prozessen bekräftigt Aristoteles (P1) in „De anima“, wenn er sagt, daß die epistêmê als Vermögen bei ein und demselben Individuum vor dem Betrachten (theôrein), dem Ausüben dieses Vermögens, kommt (protera tej genesei epi tou autou, An. II 1, 412a26f; vgl. GC I 3, 317b16f).

(P1) scheint der Auslöser der ausführlichen Diskussion in IX 8 zu sein.[5] Denn im „Aporienbuch“ Met. III stellt Aristoteles explizit die Frage, ob die Prinzipien „dem Vermögen oder der Verwirklichung nach“ sind (Met. III 1, 996a11), was zu einem Problem führt, wenn man einerseits aufgrund von (P1) oder ähnlichen Überlegungen zu der Überzeugung gelangt, die Prinzipien seien als das Frühere dem Vermögen nach, andererseits aber auch von der Zweiseitigkeit der Vermögen und der Kontingenz ihrer Verwirklichung ausgeht: Dann ist es nämlich „möglich, daß nichts vom Seienden ist“ (Met. III 6, 1003a4). Aristoteles scheint diese Aporie dadurch lösen zu wollen, daß er zwar (P1) gelten läßt, aber zugleich darauf hinweist, daß in vielen Bedeutungen die Verwirklichung „früher“ ist, etwa im Sinne von (P2), wodurch die Kontingenz alles Seienden vermieden wird.

Diese zweite These (P2) ist eine Aussage über „das, was der Art nach dasselbe ist“ (tôj eidei to auto). Es geht um Dinge, die demselben eidos angehören. Aristoteles' Beispiele des Menschen und des Musischen zeigen, daß es hier nicht nur um biologische Arten, sondern auch um erworbene Eigenschaften geht. Aristoteles begründet diese These mit einem Lehrsatz aus seiner Theorie des Entstehens:[6]

a)lla tou/twn pro/tera t%½ xro/n% eÀtera oÃnta e)nergei¿# e)c wÒn tau=ta e)ge/neto: a)eiì ga e)k tou= duna/mei oÃntoj gi¿gnetai to e)nergei¿# oÄn u(po e)nergei¿# oÃntoj, oiâon aÃnqrwpoj e)c a)nqrw¯pou, mousikoj u(po mousikou=, a)eiì kinou=nto/j tinoj prw¯tou: to de kinou=n e)nergei¿# hÃdh eÃstin. eiãrhtai de e)n toiÍj periì th=j ou)si¿aj lo/goij oÀti pa=n to gigno/menon gi¿gnetai eÃk tinoj ti kaiì u(po/ tinoj, kaiì tou=to t%½ eiãdei to au)to/.

Aber zeitlich früher (protera tôj chronôj ) als diese [d.h. Stoff, Same und Sehfähiger] sind andere [Dinge], die der Verwirklichung nach sind (onta energeia), aus denen diese entstanden. Immer nämlich entsteht aus dem dem Vermögen nach Seienden das der Verwirklichung nach Seiende durch ein der Verwirklichung nach Seiendes, wie [zum Beispiel] der Mensch aus dem Menschen, der Gebildete durch einen Gebildeten, indem immer irgend etwas als Erstes bewegt. Das Bewegende aber existiert bereits der Verwirklichung nach. Es ist aber in den Abhandlungen über das Wesen gesagt worden, daß jedes Entstehende entsteht aus etwas Bestimmtem (ek tinos ti ) und durch etwas (hypo tinos), und dieses ist der Art nach (tôj eidei ) das gleiche [wie das Entstehende]. (Met. IX 8, 1049b23-29)

Die Beispiele machen das Bild, das Aristoteles vorschwebt, recht deutlich: Der Mensch entsteht aus dem Samen,[7] aber der Same stammt von einem bereits der Verwirklichung nach seienden Menschen. Der Gebildete entsteht aus dem Ungebildeten, aber unter Einwirkung eines gebildeten Lehrers, der bereits über das Wissen verfügt, das der Schüler erwerben soll. Das Argument hat die folgende komplexe Voraussetzung:

Ein dem Vermögen nach F-Seiendes S1 entsteht stets aufgrund der Einwirkung eines Seienden S2, für das gilt:

(V1) S1 ist von S2 verschieden. (V2) S2 ist zeitlich früher als S1.

(V3) S2 ist der Verwirklichung nach F. (V4) S2 gehört zur gleichen Art wie S1.

Daraus folgt dann, daß die Verwirklichung von S2 früher ist als das Vermögen von S1 und daß dies eine Verwirklichung eines der Art nach Identischen ist. Aristoteles verweist zur Begründung der Voraussetzung auf die „Abhandlungen über das Wesen“; vermutlich will er damit auf Met. VII 7-9 hinweisen. Bei der Diskussion einiger Probleme, die sich mit der These der zeitlichen Priorität hinsichtlich des der Art nach Identischen ergeben, wird auch auf die dort gegebene Begründung einzugehen sein.

  • [1] Vgl. Cat. 12, Met. V 11. Selbst wo es sich zunächst um eine zeitliche Priorität zu handeln scheint (z.B. bei der Priorität von Zeitintervallen oder beim „ersten Beweger“), geht es oft nicht um eine lineare, sondern um eine hierarchische Ordnung; vgl. dazu Strobach 1998, 65-67
  • [2] Zur Unterscheidung von numerischer und spezifischer Identität vgl. Top. I 8, 103a8-14
  • [3] Diese Formulierung läßt bewußt offen, ob „Eidos“ hier in einem strengen technischen Sinn verstanden werden soll, oder nicht
  • [4] In IX 7 hatte Aristoteles vorsichtig verneint, daß das sperma des Menschen schon dem Vermögen nach ein Mensch sei (vgl. Kap. 5.3.1). Das vorliegende Beispiel nimmt nun offenkundig an, daß das sperma des Getreides durchaus das Vermögen hat, Getreide zu werden. Das muß kein Widerspruch sein, denn in der Tat braucht ja das Getreidekorn (dieses, und nicht der Pollen der Pflanze ist hier sicher gemeint) kein hinzukommendes „weibliches“ Prinzip. Es kann in der Erde liegend vielmehr aus sich selbst heraus eine neue Getreidepflanze hervorbringen
  • [5] Vgl. Dancy 1980, 73-74
  • [6] Grayeff 1974, 203 meint, an anderen Stellen des Corpus Aristotelicum „the opposite doctrine“ von (P2) zu lesen. Seine vermeintlichen Belege dafür drücken aber entweder (P1) aus (wie GC I 3, 317b16f, Met. VII 7, 1032b31f) oder haben überhaupt nichts mit dem Thema von IX 8 zu tun, wie etwa die begriffliche Unterscheidung zwischen „früher dem Vermögen nach“ und „früher der Verwirklichung nach“ (Met. V 11, 1019a6f). Auch in Phys. IV 6, 213a6f und Met. VIII 6, 1045b21 geht es nicht darum, daß „the potential and the actual exist simultaneously“, sondern um deren diachrone Identität: Sie sind „eines“ bzw. „dasselbe“, aber zu verschiedenen Zeiten
  • [7] In Met. IX 7 argumentiert Aristoteles dafür, daß der Samen noch nicht „Mensch dem Vermögen nach“ ist (vgl. Kap. 5.3.1); das Beispiel beruht also auf einer von Aristoteles selbst nicht geteilten Meinung. Vgl. Furth Met. 135: „a loose example“
 
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