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3.4.3 Das dynamei Leere

Das Leere (kenon) ist in IX 6 Aristoteles' zweites Beispiel für etwas, von dem man auf entscheidend andere Weise sagt, es sei „dem Vermögen nach“. In der „Physik“ zögert Aristoteles zunächst, die Rede von etwas dem Vermögen nach Leeren zuzulassen. Es sei offenkundig, sagt er dort (Phys. IV 9, 217b2027), daß es das Leere weder als abgesondert Existierendes gibt, noch schlechthin (haplôs), noch als Lücke oder Pore „im Lockeren“ (en tô manô), noch „dem Vermögen nach“ (dynamei ) . Er konzediert dann jedoch, man könne die Ursache der Bewegung „Leeres“ nennen (217b22). Denn Bewegungen setzen für Aristoteles Kompressions- und Verdünnungsprozesse voraus. Wenn ein Stein durch die Luft fliegt, muß er die an seiner Flugbahn befindliche Luft verdrängen. Wenn Wasser verdampft, nimmt es als Dampf einen größeren Raum ein als zuvor als Flüssigkeit; diese Ausdehnung muß anderweitig wieder ausgeglichen werden. Natürlich könnte zugleich eine entsprechende Menge Wasserdampf wieder kondensieren, oder aber die durch den Wasserdampf verdrängte Luft verdrängt ihrerseits wieder andere Materie, bis es schließlich an den Grenzen des Universums zu einer Ausbeulung kommt (Phys. IV 9, 216b22-30). Man kann aber auch annehmen, daß Stoffe komprimierbar und expandierbar sind. Einige Naturphilosophen haben die Komprimierbarkeit der Materie dadurch zu erklären versucht, daß diese in sich Höhlen eingeschlossen hat, die selbst keine Materie enthalten und deswegen

„leer“ (kenon) sind (Phys. IV 9, 216b30f). Aristoteles hingegen favorisiert eine Lösung, die ohne die Annahme solcher „Höhlen“ auskommt: Wenn Wasser verdampft, ist es derselbe Stoff, der nachher einen größeren Raum einnimmt; wenn Wasserdampf kondensiert, schrumpft der eingenommene Raum. Wie also derselbe Stoff die konträren Eigenschaften warm und kalt annehmen kann, so kann auch derselbe Stoff die konträren Eigenschaften groß und klein annehmen (Phys. IV 9, 217a20-217b12).

Auch wenn ein Vakuum für Aristoteles unmöglich ist, ist für ihn dennoch ein Prozeß denkbar, durch den immer weniger Stoff einen gegebenen Raum ausfüllt. Die nie zu erreichende Grenze dieses Prozesses ist das Leere. Da das Leere selbst nicht erreichbar ist, aber eine gegebene Stoffmenge sich stets auf einen größeren Raum verteilen und so „verdünnen“ kann, kann Aristoteles analog zum apeiron auch vom dynamei Leeren sprechen. Natürlich darf man sich dabei den Verdünnungsprozeß nicht atomistisch vorstellen: Wenn eine bestimmte Anzahl unteilbarer Atome einen gegebenen Raum einnehmen und man diese Stoffmenge sich ausdehnen läßt, dann ist der Raum natürlich irgendwann tatsächlich leer, denn irgendwann hat man das letzte Atom aus dem Raum entfernt. Wenn man eine gegebene natürliche Zahl immer wieder um Eins vermindert, erreicht man eben zwangläufig die Null. Aristoteles' Vorstellung von der Annäherung an das Leere entspricht eher der mathematischen Operation des Halbierens. Ausgehend von einer positiven Größe kann man sich durch wiederholtes Halbieren der Null zwar annähern, sie aber niemals erreichen.

 
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