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3. Die ontologische Dimension von Vermögen (IX 6)

3.1 Wofür sind Vermögen Vermögen?

3.1.1 Was hat Aristoteles in IX 6 vor?

Wir haben im letzten Kapitel gesehen, daß Aristoteles in V 12 und IX 1 Vermögen als Prinzipien von Veränderung einführt. Wenn Aristoteles sich in IX 6 vornimmt, ein Kapitel „Über die Verwirklichung“ zu schreiben, dann geht es darum, wofür ein Vermögen ein Vermögen ist, wozu es also seinen Träger befähigt. Denn: Was vermögend ist, ist immer für etwas vermögend (to dynaton ti dynaton, Met. IX 5, 1047b35f). „Vermögen“ und „vermögend sein“ sind relationale Begriffe; sie bedürfen der Ergänzung, um richtig verstanden werden zu können. Stets stellt sich die Frage: Wofür sind Vermögen Vermögen?

Da Aristoteles in IX 1 das Vermögen als Prinzip einer Bewegung (kinêsis) eingeführt hat, liegt eine Antwort nahe: Vermögen sind Vermögen für Bewegungen. Schon aufgrund der Unterscheidungen in IX 1 können die Verwirklichungen der aktiven und passiven kinetischen Vermögen voneinander unterschieden werden. Demnach sind einige Vermögen dazu Vermögen, Bewegungen zu erleiden, andere Vermögen aber Vermögen, Bewegungen herbeizuführen. Wenn die Veränderung, für die das Vermögen Prinzip ist, sich im Träger des Vermögens als solchem vollzieht, handelt es sich um ein passives Vermögen. Sind das Subjekt des Vermögens und das Subjekt der Veränderung nicht identisch, dann handelt es sich um ein aktives Vermögen. Soweit läßt sich also sagen: Vermögen sind Vermögen für Veränderungen.

Aristoteles kündigt in IX 1 die folgende Gliederung für die Vermögensabhandlung an: Zuerst will er über Vermögen in dem Sinne sprechen, wie der Begriff „am meisten und hauptsächlich“ (malista kyriôs, 1045b36) verwendet wird; diese nennt er „Vermögen, die hinsichtlich der Bewegung ausgesagt werden“ (dynamis [...] legomenôn kata kinêsin, 1046a2, vgl. 1046a3). Aristoteles will die kinetischen Vermögen untersuchen, obwohl, wie er sagt, dies „nicht die nützlichste“ (ou mên chrêsimôtatê, 1045b36) Verwendungsweise mit Blick auf die anstehende Untersuchung ist (pros ho boulometha nun, b36f). Diese anstehende Untersuchung schließt thematisch an Met. VII und VIII an (vgl. b27-34), es ist die Untersuchung des Seins, insofern es „dem Vermögen, der Vollendung und dem Werk nach“ ist (kata dynamin kai entelecheian kai kata to ergon, b33f). Die Untersuchung der „Vermögen und Vollendungen“ (peri dynameôs kai entelecheias, b34f), die in Met. IX vorliegt, dient also der Klärung der Frage nach der vielfachen Verwendungsweise von „Sein“. Daraus ergibt sich auch eine erste Erklärung dafür, daß Aristoteles sich zuerst den kinetischen Vermögen zuwendet: Dies ist notwendig, um zuallererst untersuchen zu können, was Vermögen eigentlich sind. Diese Frage ist der Frage nach dem „Sein dem Vermögen nach“ vorgelagert. Und hinsichtlich der Vermögen stellt Aristoteles fest, daß darunter zumeist kinetische Vermögen verstanden werden: Diese sind „das für uns Bekanntere und Klarere“, mit dem eine Untersuchung von Prinzipien zu beginnen hat (Phys. I 1, 184a16). Aristoteles hat also methodische Gründe, seine Untersuchung mit den kinetischen Vermögen zu beginnen.[1]

Für diese Erklärung des „Seins dem Vermögen nach“ sollen Vermögen und Verwirklichung insbesondere insofern wichtig sein, als sie über das hinsichtlich der Bewegung Ausgesagte hinausgehen (epi pleon, 1046a1). Über diese anderen Verwendungsweisen von Vermögen (peri tôn allôn, 1046a4) soll jedoch, so kündigt Aristoteles an, nicht in einem eigenen Teil seiner Abhandlung gehandelt werden, sondern in demselben Abschnitt, der von der Verwirklichung handelt (en tois peri tês energeias, 1046a3). Als ebendieser Abschnitt

„über die Verwirklichungen“ gibt sich nun IX 6 zu erkennen (peri energeias, 1048a26). Aristoteles beginnt ihn mit dem Hinweis, daß bis jetzt die kinetischen Vermögen behandelt wurden (1048a25). Hinsichtlich der Verwirklichung sei nun zu klären, was sie ist (ti te estin, 1048a26) und wie sie beschaffen ist (poion ti, 1048a27); das Kapitel schließt mit der Bemerkung, daß diese beiden Fragen beantwortet worden sind: Die angekündigte Abhandlung „über die Verwirklichungen“ ist also auf IX 6 beschränkt.[2] Dafür spricht auch, daß die folgenden Kapitel keine Zuordnung zur Verwirklichungsabhandlung erkennen lassen; vielmehr werden sie mit eigenständigen Fragen oder Thesen eingeleitet, die in den Schlußbemerkungen wieder aufgegriffen und als beantwortet ausgewiesen werden.[3]

„Zugleich“ (hama, 1048a27) mit dieser Untersuchung soll sich dann auch hinsichtlich des Vermögenden (dynaton) zeigen, daß dieses nicht nur hinsichtlich des kinetischen Vermögens „Vermögendes“ genannt wird, sondern auch auf „eine andere Weise“ (heterôs, 1048a30): Diese Frage ist es, die in IX 6 eine Antwort finden soll: Ziel von IX 6 ist also die Ausweitung des Anwendungsbereiches der Rede von dynamis und energeia. Aristoteles hat sich in IX 1 auf die kinetischen Vermögen beschränkt, jetzt will er zeigen, inwiefern auch dann von dynamis und energeia die Rede sein kann, wenn es nicht um Bewegungen geht. Oder, mit Blick auf Strukturhypothese formuliert: Er will zeigen, daß der dyn-Modifikator auch auf andere Prädikate als die bisher behandelten angewandt werden kann.

  • [1] Ähnlich auch Polansky 1983, 161, der diesen Punkt aber leider nicht weiter ausführt: „The arrangement of Metaphysics IX is dictated primarily by pedagogical considerations.“ Da das Adjektiv „pädagogisch“ jedoch die Art der Vermittlung von Wissen beschreibt, die Gliederung von Met. IX aber auch durch die Reihenfolge der Gewinnung von Wissen bedingt ist, ziehe ich das Adjektiv „methodisch“ vor. Ich danke Jörn Müller für eine klärende Diskussion dieses Punktes
  • [2] Gegen Ross Met. II 250, der den Abschnitt „Über die Verwirklichungen“ („Actuality“) mit IX 6-9 identifiziert. Der in 1046a3 verwendete Plural (en tois peri tês energeias) darf nicht so verstanden werden, als müßte der angekündigte Abschnitt mehrere Kapitel umfassen, zumal die Kapiteleinteilung nicht auf Aristoteles zurückgeht. Zu ergänzen ist in 1046a3 wohl logois (also: en tois logois), und ein logos ist hinsichtlich seines Umfanges nicht festgelegt: Er kann einen Satz oder mehrere Bücher umfassen
  • [3] Vgl. für IX 7: 1048b37 und 1049b2f; für IX 8: 1049b5 und 1051a2f; für IX 9 die beiden unverbundenen Thesen (ohne Schlußbemerkungen) 1051a4f und 1051b1f. Vgl. auch die Feststellung von Grayeff 1974, 193: Die Kapitel „start with a clearly-defined question or thesis and conclude by stating that the question has been answered or the thesis proved“. Grayeffs Folgerung, diese Kapitel würden daher auch nicht zur Untersuchung der Vermögen gehören (die er mit Met. IX 6, 1048b9 bzw. 35 abgeschlossen sieht), geht aber unnötig weit
 
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