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2. Theorie

Wenn das Phänomen „Integration“ im Sinne der sozialen Integration (vgl. Lockwood, 1969) diskutiert wird, sind einige damit verbundene Annahmen im Voraus zu klären. In dieser Arbeit geht es nicht darum, Integration von Menschen in eine Gesellschaft grundsätzlich zu diskutieren, sondern nur um die Fokussierung der Argumentation auf die Relevanz des Bildungsaspektes in der postmodernen Gesellschaft (vgl. Beck, 1986 & 1996; Bell, 1976; Drucker, 1958), denn in der heutigen Wissensgesellschaft spielt schulische Integration als Teil der sozialen Integration eine wesentliche Rolle und kann damit als substanzielle Kategorie sozialer Ungleichheit (vgl. Kahlert, 2010) aufgefasst werden. Diesen Aspekt gilt es in der Folge genauer zu erläutern.

Um den Begriff „soziale Ungleichheit“ zu umreissen, sind einige Überlegungen zur „sozialen Differenzierung“ notwendig. Das Verständnis der Unterscheidung von Menschen nach bestimmten sozialen Kriterien und der Unterteilung der Gesellschaft in verschiedene Teilsysteme nach bestimmten Leitkriterien hat sich vor allem in der soziologischen Theorieentwicklung unterschiedlich vollzogen (vgl. Schwinn, 2004). Die Verknüpfung dieser beiden Theorieentwicklungen ist ein in der Soziologie noch ungelöstes Problem, können doch beide Sichtweisen nicht unabhängig voneinander interpretiert werden. Die „[…] Ungleichheitsverhältnisse [können] nicht ohne ihre Einbettung in das Arrangement der differenzierten Institutionen […]“ (Schwinn, 2004, S. 10) betrachtet werden. [1] Deshalb plädiert Schwinn für eine Synthese der beiden Ansätze, an Stelle einer starren Zuordnung einer Methode zu einer bestimmten Theorie (vgl. Schwinn, 2004). In der Folge wird auch in diesem Fall noch deutlich, warum die Funktion der Rollen von Institutionen, wie sie in der sozialen Differenzierung betrachtet werden, genauso relevant ist, wie die tatsächlichen Handlungen bestimmter Akteure. Trotzdem bildet der Ansatz zur sozialen Ungleichheit die Grundlage für das Theoriegerüst dieser Arbeit, wobei allerdings bedacht werden muss, dass der Aspekt der sozialen Differenzierung weitestgehend unberücksichtigt bleibt. [2]

Deshalb wird in der folgenden Darstellung „soziale Ungleichheit“ als ein in der Gesellschaft vorhandenes Phänomen beschrieben, das auf den Bildungsbereich zu übertragen und mit der Forderung nach schulischer Integration in Beziehung zu setzen ist. Dies geschieht auf der Grundlage eines neo-institutionalistischen Erklärungsansatzes, mit dem die Umsetzung schulischer Integration und die damit verbundenen Probleme aus organisationssoziologischer Sicht beleuchtet werden.

  • [1] Dies ist einerseits auf deren unterschiedliche historische Entwicklung zurückzuführen und andererseits darauf, dass dabei die jeweils andere Sichtweise nicht berücksichtigt wurde. Während sich der theoretische Ansatz der sozialen Ungleichheit bei Marx über Weber hin zu neuzeitlichen Ansätzen wie Bourdieu entwickelte, steht die Theorieentwicklung der sozialen Differenzierung in der Tradition von Durkheim, Parsons und Luhmann (vgl. Schwinn, 2004). Dabei hat ein gegenseitiger Bezug der Theorietraditionen praktisch nie stattgefunden, was eher zu deren beschränkter Aussagekraft geführt hat. Als zusätzliches Problem kommt die unterschiedliche methodologische Entwicklung der beiden Ansätze hinzu. Während Theorien zur sozialen Differenzierung bisher weitestgehend systemtheoretisch erklärt wurden, wurden Theorien zur sozialen Ungleichheit vor allem handlungstheoretisch erklärt.
  • [2] Eine Auseinandersetzung mit Fragen zur sozialen Ungleichheit führt zwangsläufig zur Frage nach der Bedeutung von unterschiedlichen gesellschaftlichen Gruppen, nach deren Vorbzw. Nachteilen für eine Gesellschaft und den damit verbundenen Bedingungen und ob soziale Ungleichheit auch gleichzeitig ungerecht ist und überhaupt überwunden werden muss (vgl. Müller & Wegener, 1995).
 
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