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5.3 Kapitalismus ohne Demokratie

Es ist ein interessantes Phänomen, dass der Kapitalismus Chinas zwar inmitten einer feindlichen politischen Umgebung in den 1980er Jahren entstehen konnte, in den 1990er und 2000er Jahren aber nicht zu einer weiteren Entpolitisierung der Marktwirtschaft und Demokratisierung der Gesellschaft führte, obwohl die Unternehmer mittlerweile erhebliche wirtschaftliche und politische Ressourcen erobert hatten. Dieses Paradox beschäftigt zahlreiche Wissenschaftler. So führt z.B. Kelle Tsai den Kapitalismus ohne Demokratie darauf zurück, dass die Unternehmer in China ganz unterschiedliche biographische und soziale Hintergründe haben und dementsprechend unterschiedliche Erfolgsstrategien einsetzen, was divergierende Interessen erzeugt habe (Tsai 2007). Bruce Dickson meint, dass das Interesse der Unternehmer an Demokratie nachließ, nachdem die KPCh 2001 den Eintritt der Unternehmer in die Partei erlaubt hatte. Diese Anpassungsstrategie der KPCh sei so erfolgreich gewesen, dass die Partei die Unternehmer ideologisch verwandelt habe und die „roten Kapitalisten“ trotz ihres Interesses an einer offenen Marktwirtschaft die politischen Ansichten der KPCh mittlerweile teilten (Dickson 2003). Margaret Pearson nennt gleich drei Gründe: „China's post-Mao business elite has failed to transform its economic position into political power because it is uninterested in doing so, because there is a viable clientelist option, and because the socialist corporatist strategy of the state is designed to prevent it“ (Pearson 1997: 141).

Diese Ansichten und Thesen sind sicherlich nicht irrelevant, aber es fehlt eine Verbindung des Desinteresses der Chinesen an Demokratie mit ihrem historischen und kulturellen Hintergrund. Nachdem die vorangegangenen Abschnitte schon verschiedene Hinweise in dieser Richtung gegeben haben, sollen sie nun zusammengeführt werden.

5.3.1 Vertikales und horizontales Guanxi in China

Die Beharrlichkeit der Guanxi-Institution sowohl bei Markttransaktionen als auch im Rahmen des Klientelismus zeigt, wie steigende Renditen und eine unsichere Umgebung die Akteure zur Wahl der alten, überkommenen Verhaltensstrategie bewegen. Dies gilt auch für Bestechungen. Mit Hilfe von Renqing, Mianzi und auch Geld die Kader zum eigenen Vorteil zu beeinflussen, ist eine subtile und hoch entwickelte Technik. In der Mao-Ära versuchten schon die Arbeiter in den Danweis ihre Probleme durch informelle Einflussnahmen auf die Danwei-Leiter zu lösen. Diese Vorgehensweise wurde von der ersten Generation der privaten Unternehmer in den 1980er Jahren noch sehr intensiv praktiziert. Angesichts der immer weiter verbesserten Guanxi-Technik, der sich immer mehr vergrößernden Guanxi-Ressourcen und auch der unklaren politischen Umgebung fühlten sich die Unternehmer sicherer, wenn sie mit Personen innerhalb von Guanxi-Netzwerken interagierten, besonders wenn es sich um riskante und vertrauliche Vorgänge handelte. Deswegen tendieren die ökonomischen Eliten in China eher dazu, Probleme durch persönliche Guanxi-Netzwerke zu lösen statt durch eine Reform der politischen und rechtlichen Institutionen.

Trotz seines Überdauerns veränderte sich die Struktur von Guanxi, weil die politisierte Marktwirtschaft in China neue Anreize bietet. Hier sind zwei Typen von Guanxi auszumachen und zu unterscheiden: das horizontale Guanxi unter Marktteilnehmern und das vertikale Guanxi zwischen politischen Akteuren und Marktakteuren. Im heutigen China wird das horizontale Guanxi zunehmend durch das vertikale Guanxi ersetzt.

Diese zwei Arten von Guanxi existieren seit dem Beginn der Reformen in China. In den 1980er Jahren bestanden in der Regel aber nur geringfügige Unterschiede zwischen ihnen – besonders in Dörfern und kleinen Städten –, weil Patrone und Klienten damals meistens durch Blutsverwandtschaft, Heirat und gemeinsame Erfahrungen – z.B. als Mitschülerinnen oder Mitschüler – miteinander verbunden waren, die nur sehr schwer künstlich und zielgerichtet erzeugt werden konnten. Eine Bitte an einen Kader-Freund zu richten, unterschied sich deshalb nicht wesentlich davon, einen „normalen“ Freund um etwas zu bitten.

Nach der Etablierung der Marktwirtschaft wurden Guanxi-Netzwerke zu einem großen Teil aber durchaus künstlich und zielgerichtet aufgebaut, um sich auf diese Weise den größeren und offeneren Märkten anzupassen. Diese Veränderung ermöglichte – wie im Kapitel 4.4 erörtert – eine informelle Kooperationsordnung, also das Entstehen eines „Netzwerkkapitalismus“ in China, den viele als ein Äquivalent zum westlichen Marktkapitalismus ansehen. In einer politisierten Marktwirtschaft haben Marktteilnehmer aber eine Alternative: Sie können neben horizontalen Guanxi-Beziehungen, in denen Transaktionen aufgrund von Vertrauen mit nur geringen Kosten durchgeführt werden können, mit politischen Kadern vertikale Patron-Klient-Beziehungen aufbauen, durch die sie in der Lage sind, mit gekauftem politischen Einfluss andere Marktakteure zu übervorteilen und sich zusätzliche Profite zu sichern. So sind das horizontale und das vertikale Guanxi zu Konkurrenten geworden. Je mehr sich Marktteilnehmer an Kader wenden, um wirtschaftliche Gewinne zu erzielen, desto fühlbarer werden die Mechanismen freiwilliger Kooperation auf dem Markt beeinträchtigt, ebenso wie der marktwirtschaftliche Wettbewerb insgesamt unterminiert wird.

Im China der Gegenwart sind zwar viele Märkte liberalisiert und offen; die profitabelsten Märkte stehen aber doch weiterhin unter der Kontrolle der chinesischen Regierung, darunter der Kapitalmarkt, der Immobilienmarkt und die staatlichen Bauaufträge. Der Zugang zur politischen Macht ist unter diesen Bedingungen ein wertvolles Kapital, wobei die Nutzung dieses Kapitals zwar als illegal, aber dennoch als den sozialen und gesellschaftlichen Spielregeln gemäß betrachtet wird. Obwohl die politische Macht in China monopolisiert und zentralisiert ist, gelingt es der Bevölkerung „still actively having a hand in carving up monopolized interests by means of their specific qinyou guanxi web“[1] (Su/ Littlefield 2001: 205). In dieser Situation sind die bevorzugten Partner in GuanxiNetzwerken aber nicht mehr andere wirtschaftliche Akteure, sondern politische Machthaber, die gegen Wettbewerber oder Konsumenteninteressen mobilisiert werden können.

In diesem „Power Game“ (vgl. Hwang 1987) kann die Mehrheit der Teilnehmer am Ende verlieren, weil bei diesem Wettbewerb um Macht das Vermögen der Gesellschaft insgesamt nicht vergrößert, sondern nur umverteilt wird. Warum liefern sich die Chinesen dennoch einem solchen ökonomisch ineffizienten Wettbewerb aus? Der Grund dafür ist in der sozialen Einbettung der Korruption zu suchen. Die politische Macht in China wird nicht einfach willkürlich missbraucht, sondern durch die Guanxi-Netzwerke vermittelt. Angesichts der Erweiterungsfähigkeit und Übertragbarkeit der Guanxi-Kreise bestehen für jeden Marktakteur mehr oder weniger wirksame Möglichkeiten, die für ihn relevanten Kader zu beeinflussen. Die Existenz solcher informeller Instrumente zur Einflussnahme auf politische Machthaber macht es zumindest teilweise verständlich, warum ökonomische Eliten im heutigen China glauben mögen, dass sie fehlende Demokratie und Rechtsstaatlichkeit verschmerzen können (vgl. Sun 1996). Darüber hinaus vertrauen viele Unternehmer aufgrund der historischen Traditionen mehr auf Guanxi als auf Marktkonkurrenz. Sie sind der Überzeugung, dass sie mit ihren sozialen Fähigkeiten und den Ressourcen ihrer Guanxi-Netzwerke im Wettbewerb um Macht erfolgreich sein können, auch wenn ihnen bewusst ist, dass die Mehrheit von ihnen in dieser Auseinandersetzung verlieren wird. Aus diesem Grund interessieren sich die chinesischen Unternehmer weniger dafür, wie das politische System zu reformieren wäre, sondern eher dafür, die Defizite der staatlichen Institutionen zu ihren Gunsten auszunutzen.

Insgesamt ist also festzustellen, dass die Techniken des Guanxi aufgrund der Pfadabhängigkeit dieser Institution unter neuen Umständen zwar weiter genutzt werden, dass sie aber durch die Veränderung der Rahmenbedingungen zu wesentlich anderen Ergebnissen führen. Guanxi kann sowohl zum Entstehen einer freiwilligen Kooperationsordnung beitragen als auch eine solche Kooperationsordnung unterminieren. Doch sind die psychologischen Ausgangspunkte der an der Guanxi-Praxis beteiligten Akteure identisch: Sie sind alle zuversichtlich, dass sie mit Hilfe ihrer Guanxi-Techniken und Guanxi-Ressourcen sämtliche Probleme erfolgreich lösen werden, gleichgültig ob sie in einer feindlichen politischen Umgebung oder unter Marktbedingungen agieren. Demokratie und eine konsequente Entpolitisierung aller Märkte sind zwar wohlklingende Forderungen; wenn aber die einflussreichen Marktakteure davon überzeugt sind, dass sie von ihrer Einbettung in persönliche Netzwerke mehr profitieren können, verlieren weitere politische Reformen für sie an Reiz.

  • [1] Das chinesische Wort Qinyou bedeutet Verwandte und Freunde.
 
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