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5.2.2 Zwei Merkmale der in Guanxi eingebetteten Korruption

Während sich die Ziele und Anreize verändert haben, sind die sozialen Normen der Korruption zum Großteil unverändert geblieben. Zwei wesentliche Merkmale der in Guanxi-Beziehungen eingebetteten Korruption sind hervorzuheben. Erstens erfolgt der Einstieg in die Bestechung zunächst durch Geschenke und Essenseinladungen anstatt durch Geld. Geschenke zu machen oder Einladungen zu verschicken ist nach wie vor der wichtigste soziale „Klebstoff“ in China. Guanxi ohne Geschenke und gemeinsames Essen ist unvorstellbar. Die gleiche Logik gilt auch dann, wenn ein neues Guanxi mit bestimmten Kadern etabliert werden soll. Für die meisten Kader ist eine direkte und unverblümte Bestechung nicht nur gefährlich, sondern auch moralisch inakzeptabel. Geschenke, die zunächst ohne Erwartung einer Gegenleistung gegeben werden, verhüllen dagegen die Absichten der Beteiligten.

Ein weiteres wichtiges Merkmal einer durch Guanxi-Beziehungen vermittelten Korruption besteht darin, dass Bestechung und Vorteilsgewährung normalerweise zeitlich mehr oder weniger weit auseinander liegen. Marktakteure etablieren häufig ein neues Guanxi mit politisch einflussreichen Amtsinhabern durch Geschenke und Essenseinladungen, auch wenn sie in absehbarer Zeit keine Bitten oder Wünsche an die Kader herantragen werden. Der Nutzen aus solchen Guanxis wird manchmal erst nach Jahren oder in einigen Fällen nie realisiert. Die Beziehung funktioniert dann nur als Versicherung oder Reserve an sozialem Kapital. Andrew G. Walder bezeichnet diese Art von Guanxi als „target cultivation“ (1986: 180). In der Sprache der Alltagswelt in China heißt dies: „Investition in Emotionen“. Durch die Langfristigkeit der reziproken Beziehungen und die fehlende Erwartung definierter Gegenleistungen hat sich die Korruption auch heute noch häufig die Anmutung einer emotional geprägten, moralisch verpflichtenden sozialen Beziehung bewahrt.

Ein gutes Beispiel dafür ist der bereits erwähnte Schmuggelfall in Xianmen. Anstatt die Patronage direkt mit Geld zu kaufen, wählte Lai eine andere Strategie. Er lud die Kader in wichtigen Positionen regelmäßig zum Essen oder sogar zu mit sexuellen Dienstleistungen garnierten Ausflügen ins „Nachtleben“ ein und machte Geschenke entsprechend der besonderen Hobbys bestimmter Kader. Aufgrund dieser sorgfältigen und langfristigen Pflege des Guanxi konnte Lai erfolgreich stabile Beziehungen mit ungefähr 200 hochrangigen Kadern in Xianmen aufbauen und stieg von einem Mann am unteren Ende der Gesellschaft zu dem erfolgreichsten und mächtigsten Unternehmer in Xianmen auf. Angesichts des Falls von Lai merkte Granovetter an (Granovetter 2007: 158f.):

… elaborate systems of gift giving, banquets, entertainment, and favors keyed to the highly particular needs of officials are developed. Whereas a cash payment to the official would be considered an insult, the banquets and special favors can be thought of as a form of deference, which the higher-status person can imagine is owed to him. This may explain the long-term elaboration of such gift giving in the Chinese economy.

Marktakteure wie Lai, die als regelrechte Meister der Manipulation von sozialen Netzwerken zu Korruptionszwecken gelten können, werden von Granovetter als „corruption entrepreneurs“ (2007: 168) bezeichnet. Es sind gerade solche „corruption entrepreneurs“, die die heutige Marktwirtschaft in China prägen. Sie beherrschen die Praxis, Kader durch alltägliche Interaktionen zu beeinflussen, wodurch kontinuierlich Renqing-Schuld und Mianzi produziert werden.

Seit geraumer Zeit sind allerdings einfache Geschenke und Essenseinladungen kaum noch ausreichend, wenn man auf politische Kader Einfluss nehmen will. Patronage muss immer häufiger durch Luxusgüter sichergestellt werden: also durch Armbanduhren, Autos, Häuser oder beträchtliche Summen von Bargeld. Außerdem wird auch der direkte Austausch von Geld und Macht immer häufiger begrüßt. Trotzdem entwickeln sich auch solche Formen der Korruption nur dann, wenn es einen Vermittler gibt, einen intermediären Akteur, dem beide Seiten vertrauen, oder wenn durch eine schon länger bestehende soziale Beziehung bereits wechselseitige Verpflichtungen mit dem Kader aufgebaut werden konnten. Auch wenn die hohen Summen von Bestechungsgeld die Korruption als rein instrumentell erscheinen lassen, ist sie doch durch die sozialen Normen und Prinzipien der Guanxi-Beziehung reguliert. Zwar existiert auch die direkte Bestechung, bei der Marktakteure ökonomische Privilegien ohne viel Federlesen von Parteikadern erwerben. Aber eine solche Praxis ist immer noch relativ selten, weil ohne eine Einbettung in Guanxi-Beziehungen Bestechung sehr viel teurer wird und für die Kader die Gefahr deutlich größer ist, dass die Korruptionspraxis aufgedeckt wird. Aus diesem Grund räumt selbst Wank ein, dass dauerhafte Beziehungen mit Kadern, die weniger instrumentell erscheinen, immer die beste Option für Unternehmer in China sind (vgl. Wank 1995: 173).

 
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