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4.4.3 Guanxi in einer anonymen und mobilen Großgesellschaft

Nee und Ingram sind der Ansicht, dass persönliche Beziehungen und das darauf beruhende Vertrauen zu fragil für eine stabile Kooperationsordnung sind. Persönliches Vertrauen könne zwar einerseits Kooperation mit niedrigen Transaktionskosten fördern, aber andererseits könne es auch ausgenutzt werden: „just as personal ties give rise to trust, so also do they foster wariness and distrust, often within the same set of relationships over time“ (Nee/Ingram 2001: 23). Ein robustes soziales Netzwerk müsse deswegen so stabil sein, dass es als Nebenprodukt sozialer Interaktionen zu der Produktion und Aufrechterhaltung sozialer Normen führe.

Dies galt für die 1980er Jahre in China. Auf dem Land führten Menschen ein Leben gemeinsam mit allen Generationen und dies in einem geographisch eng begrenzten Raum. Durch Heiraten innerhalb ihrer Gemeinschaften wurden die Einwohner stark aneinander gebunden. Das Übertreten sozialer Normen konnte die Missbilligung der ganzen Gemeinschaft erregen und wurde häufig auch durch die Klanorganisationen bestraft. Auch im urbanen China, in dem Wohnunterkünfte normalerweise von Danwei – also den Staatsunternehmen – zugewiesen wurden, teilten die Mitglieder einer Gemeinschaft ein eng miteinander verflochtenes Leben. Sie waren Kollegen, Freunde, Nachbarn und sogar Blutsverwandte. Konflikte und Unzufriedenheit im Alltagsleben sowie bei der Arbeit wurden meistens durch informelle Normen gelöst, die von der gesamten Gemeinschaft unterstützt wurden. Dabei spielten die Leiter von Danwei eine zentrale Rolle. Aufgrund ihrer Autorität und Macht bestraften sie diejenigen, die soziale Normen missachteten, um harmonische Beziehungen an den Arbeitsplätzen und in den Wohngebieten zu sichern. Die hohen Kosten oder sogar die Unmöglichkeit, aus den Bahnen eines solchen gemeinsamen Lebens auszuscheren, führten zu großer Solidarität und hoher Normkonformität in den lokalen Guanxi-Kreisen.

Diese Gemeinschaftsstrukturen wurden durch die in den 1980er Jahren Fahrt aufnehmenden Vermarktungsprozesse unterminiert. Die sich immer weiter ausdehnende Marktökonomie forcierte die Mobilität der Arbeitskräfte, Millionen von Menschen machten sich auf die Suche nach besseren Berufs- und Lebenschancen in anderen Städten, die weit von ihrer Heimat entfernt lagen. Guanxi ist in der etablierten Marktwirtschaft dann nicht mehr in den im gemeinsamen Leben eingebetteten sozialen Beziehungen verwurzelt, sondern in den meisten Fällen absichtsvoll und künstlich neu aufgebaut. Wie bereits dargestellt wurde, versucht fast jeder Chinese, möglichst viele Menschen in seinen eigenen Guanxi-Kreis einzubringen; besonders diejenigen, denen wichtige Informationen und Ressourcen zur Verfügung stehen. Diese Entwicklung bietet jedoch gleichzeitig gute Gelegenheiten für Trittbrettfahrer, nach dem Aufbau einer Guanxi-Beziehung das Vertrauen ihrer Guanxi-Partner auszunutzen. Da in den künstlich erweiterten Guanxi-Kreisen die Akteure geringere Anreize haben, die Verletzung sozialer Normen zu sanktionieren, und auch soziale Sanktionen wie Missbilligung nicht mehr ernstgenommen werden müssen, scheinen Trittbrettfahrer zunächst geringe Risiken einzugehen, auch wenn ihr Verhalten entlarvt wird.

Auf diese Weise bringt die Anpassung von Guanxi an die Marktwirtschaft auch Gefahren für die Guanxi-Praxis mit sich: Man geht das Risiko ein, getäuscht und hintergangen zu werden, ohne jedoch immer die Möglichkeit zur Vergeltung zu haben. Die Realität Chinas scheint diese Annahme zu bestätigen. Nach Yefu Zheng (2001) ist „Bekannte ausnutzen“ (sha shu) ein auffälliges Phänomen in der chinesischen Marktwirtschaft geworden. Viele Chinesen übervorteilen demnach auch ihre Blutsverwandten und Freunde, weil kaum mit formalen oder sozialen Bestrafungen zu rechnen ist. Dies könne dazu führen, wie Zheng meint, dass schließlich auch das Vertrauen zwischen Blutsverwandten und Freunden untergraben wird.

Die Beobachtung von Zheng ist zwar nicht irrelevant, doch sollte man der Frage systematischer nachgehen, ob die „Freunde-Verräter“ wirklich erfolgreicher sind als diejenigen, die die Guanxi-Normen beachten. Zahlreiche empirische Untersuchungen haben gezeigt, dass die meisten erfolgreichen chinesischen Unternehmer großen Wert auf soziale Normen wie die Renqing-Norm legen und ihren wirtschaftlichen Erfolg auf ihre Einhaltung zurückführen (vgl. Redding 1990; Zhang 2002). Diese Unternehmer sind sich darüber im Klaren, dass sie durch ein opportunistisches Verhalten gegenüber ihren Geschäftspartnern zwar temporär einen Vorteil erzielen könnten, damit aber auf längere Sicht ihr gesamtes Geschäft gefährden würden: „If I lose my reputation, then I lose all the capital that I have“, so die Einsicht eines Gesprächspartners von Redding (1990: 98).

„All the capital that I have“ bezieht sich hier vor allem auf das persönliche Netzwerk. Für chinesische Unternehmer – sowohl für den kooperativen Akteur als auch für den opportunistischen Trittbrettfahrer – ist dieses Netzwerk entscheidend für ihren wirtschaftlichen Erfolg. Die besonderen Chancen für Trittbrettfahrer bestehen in einer anonymen Gesellschaft darin, dass sie nach einem Vertrauensmissbrauch mit relativ niedrigen Kosten ein neues Opfer suchen können und ihr Verhalten nicht ohne weiteres allgemein bekannt wird. Sofern diese Bedingungen erfüllt sind, verlieren Trittbrettfahrer nur einen „Punkt“ in ihrem persönlichen Netzwerk, nicht jedoch „all the capital that I have“.

Auf den ersten Blick werden diese zwei Bedingungen von den beiden Kerneigenschaften von Guanxi in der etablierten Marktwirtschaft Chinas gefördert. Erstens begrüßen fast alle Marktteilnehmer neue Guanxi-Partner, um auf einem expandierenden Markt möglichst viele Kooperationsoptionen zu haben. Diese Offenheit gegenüber potenziellen Guanxi-Partnern eröffnet jedoch potenziell gute Gelegenheiten für die erläuterte „Hit and run“-Strategie. Darüber hinaus sind die Guanxi-Netzwerke nicht mehr in ein bereits vorhandenes und eng verflochtenes Zusammenleben eingebettet, sondern in immer größerem Ausmaß künstlich aufgebaut. Wird man hintergangen, stehen deshalb weniger Möglichkeiten zur Verfügung, mit Hilfe der „Macht des Alltagslebens“ das Verhalten der Trittbrettfahrer zu sanktionieren.

Eine differenzierte Analyse zeigt jedoch, dass auch in einer Großgesellschaft Guanxi nicht so anfällig ist, wie es scheint. In der Tat vergrößert man sein eigenes Guanxi-Netzwerk nicht ohne eine gewisse Vorsicht. Eine wichtige, bereits beschriebene Institution ist hier der Vermittler, also ein intermediärer Akteur zwischen zwei potenziellen Guanxi-Partnern. So muss man erst von einem gemeinsamen Freund eingeführt werden, bevor man von anderen als GuanxiPartner anerkannt wird. Dieser Charakter von Guanxi wird auch in der Untersuchung von Yang (1994) dokumentiert. Als eine Sozialwissenschaftlerin, die sich mit den Subtilitäten des chinesischen Alltagslebens beschäftigt, benötigt sie immer wieder einen Vermittler, der sie mit neuen Informanten und Gesprächspartnern bekannt machen kann. Ansonsten könnte sie nichts in Erfahrung bringen, da ohne Vermittler sowohl die Erweiterung als auch die Übertragung des eigenen Guanxi-Kreises eher unwahrscheinlich ist.

Dass ein gemeinsamer Freund benötigt wird, wenn es gilt, zwei Fremde miteinander in Kontakt zu bringen, erhöht die Kosten sowohl für den Aufbau eines neuen Guanxi als auch für den Austritt aus einem bestehenden Guanxi. Da ein intermediärer Akteur nicht nur Vertrauen, sondern auch Renqing und Mianzi vermittelt, würde er sich besonders gedemütigt fühlen, wenn einer seiner Freunde jemanden anderen ausgenutzt hätte. In dieser Situation würde er ebenso wie der Hintergangene das Guanxi mit dem Trittbrettfahrer abbrechen. Für den Trittbrettfahrer bedeutet der Kontaktabbruch mit dem von ihm Betrogenen möglicherweise keinen sonderlichen Verlust, da er nur ein „Punkt“ in seinem GuanxiNetzwerk ist. Der Ärger des Vermittlers ist dagegen eine größere Bedrohung für ihn, weil sich ein erheblicher Teil seines Guanxi-Kreises in der Regel mit dem des Vermittlers überlappen wird und seine schlechte Reputation deswegen rasch in seinem Guanxi-Netzwerk die Runde machen kann. Er verliert dann nicht nur einen „Punkt“, sondern einen größeren Teil seiner Kontakte oder manchmal sogar sein gesamtes Guanxi-Netzwerk: „all the capital that I have“.

Angesichts der Tatsache, dass sich die meisten Chinesen einem eng verflochtenen gemeinsamen Leben mittlerweile entzogen haben, ist es jedoch fraglich, wie effektiv Informationen über eine Person in ihrem Guanxi-Netzwerk tatsächlich vermittelt werden. Ist der Vermittlungsmechanismus aufwendig, wird die schlechte Reputation einer Person nur den unmittelbar Betroffenen zu Ohren kommen, während sie einem größeren Kreis vorenthalten bleibt. In einer stabilen und kleinen Gemeinschaft wird persönliches Verhalten durch Klatsch und Tratsch verbreitet und bewertet, was im Alltagsleben praktisch kostenlos ist und kontinuierlich stattfindet. Die Macht des Geschwätzes ist so groß, dass sie sogar der politischen Macht gefährlich werden kann (vgl. Besnier 2009).

Allerdings wird der Einfluss eines informellen Informationsaustauschs und damit auch von Klatsch in einer komplexen Gesellschaft häufig bezweifelt – was jedoch ein Irrtum ist. Klatsch und seine Wirkung ist nicht von der Größe oder der Komplexität einer Gesellschaft, sondern von den Eigenschaften der sozialen Beziehungen abhängig. Sally E. Merry hat Klatsch unter Chinesen in einer Kleinstadt in den USA untersucht und herausgefunden, dass Klatsch für Chinesen allgemeine Praxis ist und großen Einfluss auf ihr Verhalten ausübt. Im Gegensatz dazu spielt der Klatsch bei den schwarzen Bewohnern derselben Stadt nur eine geringe Rolle. Laut Merry ist der Grund hierfür, dass es unter Chinesen enge persönliche Beziehungen und viele gemeinsam geteilte soziale Normen gibt, während dies in der schwarzen Bevölkerung nicht der Fall ist. Sie kommt schließlich zu dem Schluss, dass „the role of gossip and scandal in social control does not differ sharply between small-scale and complex societies. Gossip and scandal flourish whenever there are close-knit social networks and normative homogenity“ (Merry 1997: 69).

Wie bereits mehrfach betont, zeichnet sich Guanxi trotz seiner Anpassung an die Marktwirtschaft weiterhin durch starke affektive Bindungen aus. Guanxi kann absichtlich und künstlich aufgebaut werden, muss jedoch in expressiven Kontexten eingebettet bleiben, unabhängig davon, wie instrumentell die dahinter stehenden Motive tatsächlich sind. So können z.B. monetäre Belohnungen nur dann im Handlungsrepertoire aufgenommen werden, nachdem das Ritual des Ablehnens und des erneuten Anbietens wiederholt durchgeführt wurde, so dass sowohl Geben als auch Nehmen völlig auf Ganqing ausgerichtet scheinen. Diese Eigenschaft von Guanxi weist dem Klatsch eine wichtige Rolle zu. Wie der Austausch von Geschenken ist auch der Austausch von Klatsch ein wichtiger Teil der sozialen Interaktion, in der Guanxi etabliert und verstärkt werden kann. Auch wenn man eine Bitte an jemanden richten möchte, hat man zunächst über etwas Belangloses zu reden. Für Chinesen ist es unhöflich und sogar beleidigend, das fragliche Thema direkt und unvermittelt zur Sprache zu bringen. Und dann sind zum Beispiel Anekdoten über gemeinsame Freunde immer eine gute Wahl.

So dürften viele aus westlichen Ländern stammende Personen überrascht sein, wenn sie feststellen, dass Chinesen viel Zeit mit dem Erzählen und Bewerten des Privat- und sogar des Sexuallebens von gemeinsamen Bekannten verbringen. Das scheinbar belanglose Geschwätz unter Chinesen ist aber kein sinnloses Eindringen in die Privatsphäre anderer Menschen, sondern fungiert als eine wichtige Institution in den Guanxi-Praktiken. Sicherlich besitzt Klatsch in einer mobilen und anonymen Gesellschaft nicht mehr so viel Macht wie früher, sozialen Druck aufgrund eines unmoralischen Verhaltens auszuüben. Aber es kann doch als ein Medium dienen, mit dem man relevante Informationen über eine bestimmte Person in Erfahrung bringen kann (vgl. Farrer 2002). Wenn jemand einen seiner Freunde getäuscht hat, kann sein Freund durch das informelle Medium des Tratsches diese Täuschung in einem größeren Kreis bekannt machen. Auch wenn der Betrogene nur am Rand des Guanxi-Kreises des Täters steht, hat er aber mindestens einen gemeinsamen Freund – nämlich den Vermittler, der ein überlappendes Guanxi mit dem Übeltäter unterhält. In dieser Situation kann auch ein an sich unbedeutendes abweichendes Verhalten erhebliche Konsequenzen nach sich ziehen.

Die direkte und indirekte Vernetzung persönlicher Beziehungen und die alltäglichen Praktiken von Klatsch und Gerede machen die Identifizierung eines Trittbrettfahrers in vielen Fällen einfach und effizient. Der Mechanismus der selektiven Kooperation sorgt dann dafür, dass am Ende nur diejenigen ein stabiles Netzwerk aufrechterhalten und Erfolg auf dem Markt erzielen können, die Guanxi-Normen einhalten und ihre Partner nicht übervorteilen. Auf diesem Weg kann Guanxi auch in einer anonymen und mobilen Großgesellschaft eine informelle Kooperationsordnung auf dem Markt stützen, ohne dass eine wirksame rechtliche Rahmenordnung vorhanden sein muss. Es verwundert deshalb nicht, dass viele Wissenschaftler die Guanxi-Ökonomie als ein gleichwertiges Äquivalent zum Marktkapitalismus in der westlichen Welt ansehen (Boisot/Child 1996; Lovett et al. 1999). Für manche hat sich Guanxi so erfolgreich an die Marktbedingungen angepasst, dass fast alle ökonomisch hinderlichen kulturellen Faktoren beseitigt oder transformiert wurden und die chinesische Ökonomie heute eine ernstzunehmende Alternative zu den westlichen Volkswirtschaften darstellt (Yang 2002; Whyte 1996).

Doch die Guanxi-Ökonomie Chinas hat möglicherweise ihren Zenit überschritten und produziert mittlerweile zunehmend auch kontraproduktive ökonomische Effekte. Für Baurmann ist ein „Markt der Tugend“ zwar möglich, die Existenz eines Rechtsstaates jedoch unerlässlich (vgl. Baurmann 1996). Die staatlichen Institutionen funktionieren dabei nicht nur als Zwangsinstitutionen, die das menschliche Verhalten in erster Linie durch Abschreckungseffekte regulieren, sondern sollten auch als Bewusstseinsbildungs- und Norminternalisierungsinstitutionen verstanden werden (vgl. Baurmann 2005; Hodgson 1993; Vanberg 1994a). Aus dieser Perspektive bedeutet die Möglichkeit einer informellen Kooperationsordnung nicht, dass formelle Institutionen völlig überflüssig sind. Im Gegenteil wäre ein verlässlicher rechtlicher Rahmen eine wichtige Randbedingung auch für eine solche sozial vermittelte Kooperation.

In China leisten die Defizite der staatlichen und rechtlichen Institutionen einer Politisierung des chinesischen Marktes Vorschub, was wiederum Auswirkungen auf die sozialen Institutionen des Guanxi hat. Es besteht mittlerweile die Gefahr, dass sich Guanxi dadurch von einem Garanten des Marktes und der privatwirtschaftlichen Kooperation zu einem Instrument der politischen Einflussnahme und des „Rent Seeking“ verwandelt. Im nächsten Kapitel soll deshalb erneut auf die Korruption eingegangen und ihre veränderte Rolle im heutigen China analysiert werden.

 
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