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4. Kapitel: Guanxi in der etablierten Marktwirtschaft

Shareholding-Kooperative, Unternehmen mit „rotem Hut“ und auch der „lokale staatliche Korporatismus“ werden zwar zu einem gewissen Maße von der Zentralregierung anerkannt. Das führte jedoch zu der von der KPCh so nicht erwarteten Konsequenz, dass die immer weiter wachsende Marktwirtschaft am Ende die Planwirtschaft überholt hatte. „Growing out of the plan“, so hat Barry Naughton (1995) diesen Prozess beschrieben. Dazu leistete gerade auch Korruption einen nicht unerheblichen Beitrag. Durch die Umgehung zeit- und geldaufwendiger Bürokratie für Anmeldeverfahren und die verdeckte Privatisierung staatlichen Vermögens haben korrupte Kader die Leistungs- und Wettbewerbsfähigkeit der privaten Unternehmen erheblich verstärkt. Entsprechend verloren die staatliche Ökonomie und die Planwirtschaft ihre vorherrschende Stellung in der chinesischen Volkswirtschaft. Die aufsteigende Marktwirtschaft ließ neue Interessengruppen entstehen, die die alten politischen Institutionen zunehmend herausforderten. Während immer mehr Kader innerhalb der KPCh sowie private Unternehmer von der Marktwirtschaft profitierten, wurden die Forderungen nach weiteren Reformen umfassender und lauter. Schritt für Schritt wurden die alten politisch-ökonomischen Rahmenordnungen „schöpferisch“ zerstört und die Marktwirtschaft als Grundlage der Nationalökonomie fixiert. Besonders nach 1992, als Deng Xiaoping, der Vordenker und Vater der Reformen, mit einer Rede während einer Reise durch Südchina weitere Schritte zu mehr Liberalisierung und Dezentralisierung der Volkswirtschaft bestätigte, wurde eine Reihe neuer politischer Grundsätze auf verschiedenen Ebenen der Staatsverwaltung umgesetzt, die die private Ökonomie ermutigten und beflügelten. Vor diesem Hintergrund fand eine umfangreiche Privatisierung in ganz China statt, und dies sogar in den Gebieten, in denen sich während der 1980er Jahre kollektive TVEs stark entwickelt hatten, so etwa in der Provinz Zhejiang, in der der „lokale staatliche Korporatismus“ ursprünglich hervorgetreten war (vgl. Kung 1999).

Sobald die Marktinstitutionen in China legalisiert wurden, stellten sich die sozialen Institutionen – hier vor allem Guanxi – in einem anderen Licht dar, weil für große Märkte andere Anforderungen gelten als für lokale Privatwirtschaften. Wenn die Märkte in China sich weiterhin in lokal begrenzte Guanxi-Netzwerke gegliedert hätten, wären die ökonomische Öffnung und ein weiteres Wachstum stark behindert worden – in dieser Hinsicht haben Weber und Fukuyama Recht. Es sind jedoch kulturelle von sozialen Institutionen zu unterscheiden. Kulturelle Institutionen wie der Familismus prägen kognitive Strukturen und normative Erwartungen, die von Generation zu Generation weitergegeben werden und sich kaum verändern. Im Gegensatz dazu entwickeln sich soziale Institutionen in Reaktion auf ihre Umgebungen. So sind der „lokale staatliche Korporatismus“, die Shareholding-Kooperativen und die Unternehmen mit einem „roten Hut“ aus der besonderen Kombination von Familismus und dem sozialistischen Staat hervorgegangen, die in anderen chinesischen Gesellschaften – Hongkong, Taiwan oder Singapur – so nicht zu finden ist. Daher ist zu erwarten, dass sich trotz der enormen Beharrungskraft der Kultur soziale Institutionen wie die Guanxi-Beziehungen an Veränderungen in ihrer gesellschaftlichen Umwelt anpassen können.

In diesem Kapitel wird zunächst die folgende Frage diskutiert: Verliert Guanxi auf dem expandierenden Markt an Bedeutung? Dabei wird gezeigt, dass Guanxi trotz der neuen institutionellen Rahmenordnung in der Lage ist zu überleben, was u.a. mit dem Phänomen der Pfadabhängigkeit erklärt werden kann. Danach wird verdeutlicht, wie sich die Struktur von Guanxi entsprechend der neu etablierten Marktwirtschaft verändert, ohne jedoch seine kulturelle Grundlage zu verlieren. Am Ende soll auf bisher ungenutzte Potentiale einer freiwilligen Kooperationsordnung eingegangen werden, die auf sozialen Beziehungen beruht.

 
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