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3.4.2 Korruption und ökonomischer Aufschwung Chinas in den 1980er Jahren

Die Reform des Jahres 1978 veränderte die Situation in zweierlei Hinsicht. Einerseits schufen die Dezentralisierung und die Einführung der Marktwirtschaft die Chance für Chinesen, ihre Bedürfnisse durch den Markt zu befriedigen. Auf diese Weise verloren die Kader – sowohl die Unternehmensleiter der Danweis in der Stadt als auch die Chefs der Arbeitsbrigaden auf dem Land – ihr Monopol auf Ressourcenallokation. Der vergrößerte Markt bot jedoch andererseits den Kadern die Gelegenheit, ihre politische Macht zu kommerzialisieren, und zwar besonders auf einem Markt, der noch nicht durch Gesetze zum Schutz des Privateigentums stabilisiert war. Obwohl die politische Macht reduziert wurde, kontrollierten doch die Kader und Regierungen viele wichtige Ressourcen, die von privaten Unternehmern benötigt wurden. Nach der Untersuchung von David Wank (1995: 160–164) stellt sich die ökonomische Macht von Kadern wie in folgender Tabelle aufgeführt dar:

Ökonomische Macht von Kadern

1

Zugang zu Rohstoffen und knappen Gütern mit niedrigeren Preisen als auf dem Markt

2

Kontrolle über Grundbesitz

3

Zugang zu Darlehen von Banken

4

Zugang zu internationalen Transaktionen

5

Das Recht, in Vertretung der Regierung, der Staatsunternehmen oder der kollektiven

Unternehmen Waren auf dem Markt zu kaufen

6

Das Recht, Unternehmen als „kollektive“ Unternehmen auszuweisen (der „rote Hut“).

7

Das Recht, Verwaltungsregulierungen vorzunehmen.

Tabelle 3. Die ökonomische Macht von Kadern in China

Zu Beginn der Reform herrschten bei vielen Gütern und Dienstleistungen Engpässe, wobei der Staat diesen Mangel monopolistisch verwaltete und ihre Privilegien den Kadern es zugleich ermöglichten, politischen Einfluss auf den Marktprozess zu nehmen. Ihre Macht war omnipräsent: Bei der Gründung von Unternehmen waren private Unternehmer darauf angewiesen, dass die zuständigen Kader für sie Immobilien mieteten, Darlehen von den Banken aufnahmen und dem Unternehmen einen „roten Hut“ aufsetzten. Später benötigten sie die Hilfe von Kadern, um wichtige Rohstoffe und knappe Güter unter den regulären Marktpreisen zu kaufen, [1] um ihre Produkte zu exportieren oder um die lokalen Regierungen als Kunden zu gewinnen. Die lokalen Regierungen waren andererseits in der Lage, private Unternehmer durch Verwaltungsvorschriften zu erpressen, die zu großem Maße in ihrem Ermessen lagen. Aus dieser Perspektive waren die lokalen Regierungen – neben der Zentralregierung, die private Betriebe aus ideologischen Gründen nicht anerkannte – ein weiteres Hindernis für die Entwicklung der privaten Unternehmen. Denn für die Kader wäre es immer gewinnbringend geblieben, zwischen mehr oder weniger strenger Kontrolle, relativem Schutz und direkter oder indirekter Ausplünderung der privaten Unternehmen eine Balance zu halten. Die privaten Unternehmen hätten so kaum eine Chance auf berechenbare Stabilität und nachhaltiges Wachstum gehabt.

Warum konnte sich die private Ökonomie angesichts dieser doppelten Bedrohung – einerseits von Seiten der Zentralregierung, die eine ihr feindliche Rahmenordnung schuf, und andererseits von den lokalen Regierungen, die auf zahlreiche Weisen private Unternehmer erpressen und ausbeuten konnten – dennoch so robust und schnell entwickeln? Das Erfolgsgeheimnis offenbart sich, wenn man Korruption in China nicht einfach als eine rein instrumentelle, nur auf materielle Vorteile ausgerichtete Strategie versteht. Stattdessen ist Korruption in China eng mit dem besonderen Charakter von sozialen Beziehungen innerhalb von Guanxis verbunden. Die affektive Bindung und die gegenseitige Verpflichtung zwischen Patron und Klient sind schon anhand der Beispiele von Danweis sowie der Unternehmen mit „rotem Hut“ dargestellt worden. Aber in Danweis war Klientelismus selten mit ökonomischer Bestechung verbunden. Was der Patron vom Klient erhalten konnte, waren politische Ressourcen wie Loyalität, Unterstützung und Hilfe in politischen Kämpfen und Konflikten. Im Fall der Unternehmen mit „rotem Hut“ verstießen die Absprachen zwischen Kadern und Unternehmern nicht direkt gegen das Gesetz, so dass dieser lokale „political shelter“ von der zentralen Regierung in gewisser Hinsicht anerkannt wurde.

Die tiefgehende Einbettung in Guanxi-Beziehungen ist eine wichtige Eigenschaft der Korruption in China. Sie kann deswegen nicht einfach als bloßer Austausch von Geld und Macht verstanden werden. Eine direkte Bestechung würde häufig als moralisch inakzeptabel empfunden und von Kadern abgelehnt werden (vgl. Pieke 1995: 503; Xin/Pearce 1996: 1646). Für die Kader war – besonders zu Beginn der Reformen – eine Korruptionspraxis mit ihrem Selbstbild nur dann zu vereinbaren, wenn sie in einem Guanxi-Kontext stattfand. Aus diesem Blickwinkel unterschied sich Korruption kaum von einer horizontalen Kooperation zwischen Marktakteuren. Beide beruhten auf Vertrauen und dem Eingehen wechselseitiger Verpflichtungen. Zwar existierte auch die rein instrumentelle Korruption, bei der sich Marktakteure ökonomische Privilegien ohne großes Federlesen von Parteikadern einkauften. Aber eine solche Praxis war relativ selten, weil ohne Einbettung in Guanxi-Beziehungen Bestechung sehr viel teurer wird und für die Kader sich die Gefahr deutlich vergrößert, dass die Korruptionspraxis bekannt gemacht wird.

Die Frage, wie private Unternehmer angesichts der prima facie überragenden Machtposition der Kader in der Patron-Klient-Beziehung wirksam auf das Verhalten von Kadern Einfluss nehmen konnten, ist unterschiedlich beantwortet worden. Während Wissenschaftler wie Oi (1989) die Antwort aus einer politischökonomischen Perspektive zu geben versuchen, plädiert Yun-xiang Yan (Yan 1995) dafür, die Machtverhältnisse zwischen Kadern und Marktakteuren nach der Reform als Ergebnis der sozialen Interaktionen im Alltagsleben zu verstehen. Nach seinen in einem nordchinesischen Dorf gemachten Beobachtungen ist die im Alltagsleben erzeugte soziale Macht so groß, dass sie sogar ein Gegengewicht zu dem scheinbar übermächtigen politischen Einfluss der Kader bildet. Die Kader können sich deshalb nicht allein auf ihre politische Macht stützen, sondern müssen auch die Machtverhältnisse berücksichtigen, die sich in den immer mehr vergrößernden persönlichen Netzwerken herausbilden. Die Konsequenz war, dass „village cadres found themselves involved in more resistance, bargaining, and compromise in the process of exerting their power“ und „they have to interfere with the private interests of peasants, in order to avoid open resistance from the latter“ (Yan 1995: 230).

Diese Schlussfolgerung entspricht der Untersuchung von Peng (2004), in der die Hilfsbereitschaft von Kadern auf die Klansolidarität zurückgeführt wird. Er zeigt, dass die monopolisierte politische Macht von Kadern der auf Guanxi basierenden informellen Macht unterlegen sein kann – und zwar besonders auf dem Land, wo die Klanorganisation eine gute Grundlage für soziale Netzwerke bietet. Regelmäßige Rituale des Klans wie das Ahnenverehrungsritual und immer wiederkehrende soziale Anlässe wie Hochzeiten oder Trauerfeiern verflechten die Biographien von Dorfbewohnern miteinander, indem Mianzi und Renqing in diesen Situationen zeremoniell ausgetauscht werden. Wie andere Dorfbewohner sind auch die Kader tief in solche Netzwerke eingebunden. Trotz ihres Monopols an lokaler politischer Macht müssen deswegen auch die Kader die sozialen Normen von Guanxi befolgen, indem sie z.B. Renqing zurückgeben, das eigene Mianzi bewahren oder anderen Mianzi geben. Verletzen die Kader diese Normen, setzen sie sich sonst der Missbilligung des ganzen Klans aus.

Vor diesem Hintergrund ist Bestechung nur in ganz bestimmten, verschleierten Formen möglich. Schmiergeld direkt zu zahlen, ist nur die letzte und unklügste Wahl. Normalerweise erfolgt die Bestechung durch Geschenke (songli) und Essenseinladungen (qingke). Geschenke zu machen oder Einladungen auszusprechen, ist der wichtigste soziale „Klebstoff“ in China. Guanxi ohne Geschenke und gemeinsames Essen ist unvorstellbar. In der Patron-Klient-Beziehung können die Geschenke luxuriöse Waren oder sogar Geld sein. Jedoch sind Geschenke nicht in erster Linie wegen des damit verbundenen materiellen Anreizes für die Kader bindend, sondern es entsteht eine affektive Schuld, die die Kader in ein von Mianzi und Renqing geflochtenes Netz geraten lässt (Yang 1994:206):

Gift-giving creates a microcosmic world in which hierarchical relations are to certain extent reversed. Donors become the moral superiors of recipients, who now owe favors to their donor. Symbolic capital compensates for the lack of material, office, or political capital. Thus face and the morality of reciprocity, obligation, and indebtedness become in a sense the ammunition of the weak. This mobilization of the forces of gift morality effects a subtle displacement of the potency by diversifying the state economy's principle of classification and distribution by rank.

Yang beschreibt hier den Kernmechanismus des Schenkens in China. Ein Geschenk oder eine Essenseinladung verkörpern in erster Linie nicht materielle Vorteile, sondern eine symbolische Bedeutung, die aus der kulturellen Überlieferung stammt. Lehnen die Kader Geschenke ab, werden die Geber dieses Verhalten so interpretieren, dass die Kader ihnen kein Mianzi geben wollen oder die Kader „kein Gespür für Renqing“ haben, was zur Beendigung des Guanxis führt. Wenn aber die Kader Geschenke annehmen, befinden sie sich anschließend in der Pflicht, dass sie eine Gefälligkeit zurückgeben müssen, auch wenn sie dafür gegen das Gesetz verstoßen. Diese im Alltagsleben generierte Macht ist somit geeignet, die monopolisierte politische Macht in einem beträchtlichen Ausmaß zu neutralisieren und eine solide Grundlage für stabile Patronagebeziehungen zu bilden.

Für die Marktakteure öffnet die Patronage durch die Kader in der Umgangssprache von Chinesen eine „Hintertür“ (hou men), um Vorteile auf dem Markt zu erzielen und ihre privaten Unternehmen abzusichern. In den 1980er Jahren funktionierten die „Hintertür-Praktiken“ als eine soziale Institution, die in der Lage war, die staatlichen Institutionen erfolgreich zu umgehen. Dass Kader einerseits aktiv mit Unternehmern kooperierten und sich andererseits gegenüber den politischen Direktiven der Zentralregierung eher passiv verhielten, konnte die für die private Ökonomie ungünstige Politik der Regierung außer Kraft setzen, wie Yan beschreibt (1995: 230):

As rural cadres passively and partially carry out orders from above, central government policies lose their original meaning. This has been captured in a popular saying, „Villages cheat towns, towns cheat countries; it's cheating straight up to the State Council” (cun pian xiang, xiang pian xian, yizhi pian dao guowuyuan). In a sense, the new pattern of political behavior among the rural cadres might create an informal mechanism to counterbalance and resist state control of society and the negative effects of central policy.

Die Anerkennung der Shareholding-Kooperativen als kollektive Unternehmen und die Zuteilung „roter Hüte“ waren nur erste Schritte. Kader halfen ihren Klienten auch bei der Beschaffung von knappen Gütern wie Rohstoffen, Maschinen oder Devisen, die sonst auf dem Markt nicht oder nur gegen Zahlung hoher „Marktpreise“ erhältlich waren. Ferner konnten sie wichtige offizielle Dokumente beschaffen – wie Gewerbescheine, Qualitätszeugnisse für Produkte oder Importlizenzen –, auch wenn ihre Klienten auf diese Dokumente kein Anrecht hatten. Wichtig war auch der Zugang zu staatlichem und kollektivem Eigentum wie Immobilien, Kapital und Fabrikanlagen, die von Kadern als eine Form der Vorteilsgewährung zu niedrigen Preisen verliehen oder verkauft wurden. Diese „Hintertür-Praktiken“ wurden zwar von der KPCh grundsätzlich verdammt, und der Kampf gegen sie hörte auch nach der Gründung der Volksrepublik nicht auf; gleichwohl sind sie aus der subjektiven Sicht von Millionen von Kadern und Marktakteuren moralisch zu rechtfertigen. Es erscheint ihnen nicht als Vergehen, unvernünftige Verwaltungsverfahren und sinnlose Bürokratie zu umgehen oder die zum ineffizienten staatlichen Sektor gehörenden Ressourcen zugunsten der privaten Ökonomie „umzuverteilen“. Alle profitieren von dieser Praxis und nur das abstrakte „staatliche Interesse“ wird verletzt. Eine gängige Redensart veranschaulicht durchaus treffend die hierbei vorherrschende Einstellung der einfachen Chinesen: „Wir verbinden uns miteinander und verspeisen zusammen den Staat!“ (tuan jie ni wo ta, da jia yi qi chi guo jia).

Die vorangegangenen Ausführungen haben zwei Eigenschaften der Korruption in China in den 1980er Jahren verdeutlicht. Zum einen war die Korruption fest in Guanxi eingebettet. Persönliche Zuneigung und Gefühle spielten eine zentrale Rolle. Zweitens fungierte die Korruption als eine soziale Institution gegenüber den staatlichen Institutionen, die die private Ökonomie an den Rand der Volkswirtschaft zu drängen versuchten. Durch die „Hintertür-Praktiken“ konnten die privaten Unternehmer ihre zunächst ungünstige Lage entscheidend verbessern. Immobilien, Rohstoffe, Fabrikanlagen und auch ausländische Kunden, also alle offiziell zum Staat gehörenden Ressourcen, wurden unter der Hand privatisiert. Die auf diesem Wege bewirkte Ressourcenallokation führte zu einem ähnlichen Ergebnis wie ein Marktmechanismus – nämlich zu einer annähernd effizienten Verteilung knapper Ressourcen und damit zu einer kontinuierlichen Steigerung der volkswirtschaftlichen Leistungsfähigkeit.

  • [1] In den 1980er Jahren wurde das sogenannte „Dual-Track-System“ umgesetzt, das sich auf die Koexistenz der Planwirtschaft und Marktwirtschaft bezog. Dieses System implizierte ein ZweiKlassen-Preissystem, bei dem eine bestimmte Ware zwei Preise besaß: einen vom Staat festgesetzten Preis, der sehr niedrig war, und einen vom Markt bestimmten Preis, der relativ hoch war. Nur die Staatsunternehmen oder die kollektiven Unternehmen, die zur Planwirtschaft gehörten, konnten Waren mit dem staatlich kontrollierten niedrigen Preis kaufen. Aber über die zuständigen Kader konnten auch private Unternehmer in den Genuss dieses Preises gelangen.
 
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