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3.2 Guanxi, Mianzi und Renqing

Als die bedeutendste Eigenschaft der chinesischen Kultur hat der Familismus einen großen Einfluss auf die Ökonomie Chinas ausgeübt. Dieser Einfluss wird durch die soziale Institution „Guanxi“ vermittelt, die sich mit „sozialer Beziehung“ übersetzen lässt. In China ist Guanxi sehr stark vom Familismus geprägt, der ein ausgeprägtes Vertrauen zwischen nahen Verwandten und Freunden garantiert. Auf dieser Grundlage entwickelte sich Guanxi, mit dem Chinesen ihre Mitmenschen als Verwandte und Freunde (qing you), Bekannte (shu ren) und Fremde (mo sheng ren) einstufen und sie nach dem „differential mode of association“ unterschiedlich behandeln.

Die zwei Begriffe – Familismus und Guanxi – sind zwar miteinander eng verbunden, müssen in ihrer Bedeutung jedoch unterschieden werden. Beim Familismus geht es um die Weltanschauungen und Werteinstellungen, die die subjektive Perspektive auf die objektive Welt – durch Interpretation und Bewertung – beeinflussen. Aufgrund des Familismus legen Chinesen großen Wert auf das Glück der Familienangehörigen und Verwandten. Mit der Familie harmonisch und glücklich zusammenzuleben wird als „Himmelsglück“ (tian lunz hi le) beschrieben und ist das höchste Gut für die meisten Chinesen. Ihre kulturelle Prägung lässt Chinesen die Welt aus einem ganz besonderen Blickwinkel betrachten und bewerten. Auch wenn sich die politisch-ökonomische Umgebung kontinuierlich entwickelt, verändert sich diese kulturelle Einstellung kaum.

Im Gegensatz dazu bezieht sich Guanxi auf interpersonale Beziehungen, die Individuen auch Vorteile bringen können. Zwar wird Guanxi häufig als eine emotionale Bindung zwischen Verwandten und Freunden verstanden, aber tatsächlich steht die Nützlichkeit des Guanxi unter den Bedingungen des Marktes immer im Zentrum. Dass sich Chinesen sorgfältig um ihr eigenes Guanxi kümmern, ist deshalb nicht nur darauf zurückzuführen, dass sich Verwandte und Freunde emotional verbunden fühlen, sondern auch auf den Umstand, dass ein stabiles und umfangreiches soziales Netzwerk ihrem langfristigen materiellen Interesse entspricht. Guanxi ist so durch die ökonomische und politische Entwicklung Chinas in den letzten 30 Jahren sogar noch gefestigt worden, was später noch näher erläutert wird.

Es wird immer wieder diskutiert, ob Guanxi instrumentaler oder emotional-sozialer Natur ist. Guanxi lässt sich aber nicht einfach entweder instrumentellen oder emotional-sozialen Beziehungen zuordnen. Einerseits kann ein Guanxi nicht dauerhaft existieren, ohne sich langfristig materiell zu lohnen; andererseits aber verpflichtet ein Guanxi zu Hilfsbereitschaft und Solidarität auch dann, wenn kein materieller Gewinn zu erwarten ist und solche Handlungsweisen mit einseitigen Opfern verbunden sind. Für Chinesen ist nur ein derartiges Guanxi ein wahres Guanxi, und es ist für sie kaum möglich, moralische Motivation und materielle Nutzenerwägungen in einer Guanxi-Beziehung zu trennen. Kwang-kuo Hwang empfiehlt aus diesem Grund, Guanxi als einen „mixed tie“ aus Soziabilität und Instrumentalität zu verstehen (1987: 952).

Dieser Charakter des Guanxi kann durch zwei weitere wichtige Begriffe – Mianzi („Gesicht“) und Renqing („persönliche Zuneigung“) – verdeutlicht werden. Mianzi und Renqing sind, wie Hwang (1987) betont, zwei weitere wirkungsvolle soziale Mechanismen in China, die menschliche Interaktionen stark beeinflussen.

 
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