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Kultur als ein evolutionärer Prozess

Während sich die ersten beiden Perspektiven zueinander im Widerspruch befinden, ist die evolutionäre Sichtweise von Kultur ergänzender Natur. Diese Sichtweise vertritt vor allem Friedrich A. von Hayek. Ihm zufolge sind Normen und Regeln die Ergebnisse der kulturellen Evolution. Sie würden „increasingly better adjusted to generate order … not because men better understood their function, but because those groups prospered who happened to change them in a way that rendered them increasingly adaptive“ (Hayek 1989: 20). Dabei spiele die menschliche Rationalität kaum eine Rolle. Sogar eine formelle Institution wie das Privateigentumsrecht, die in vielen Rechtsordnungen gesetzlich festgeschrieben ist, sei ursprünglich als „spontane Ordnung“ entstanden, die sich durch Versuch und Irrtum entwickelt habe. Als Produkte des Evolutionsprozesses müssten solche spontanen Ordnungen zwar nicht zwangsläufig die besten Lösungen für Probleme sein (vgl. Heiner 1983; Sugden 1989), doch seien sie wegen der Begrenztheit der menschlichen Vernunft und der Komplexität der Welt in der Regel viel effizienter als durch zentrale Planung konzipierte und implementierte Institutionen.

Die evolutionäre Sichtweise der Kultur kann sowohl die Sichtweise von Kultur als Wertesystem als auch von Kultur als „Tool Kit“ ergänzen. Sich an kulturell tradierten Werten zu orientieren oder kulturell vermittelte Handlungsweisen zu praktizieren, wäre demzufolge eine durch die kulturelle Evolution entwickelte Fähigkeit, ohne die Menschen in einer Welt voller Unsicherheit und Unwissenheit nicht überleben könnten. Mit dieser Annahme sind die Schwierigkeiten, vor denen der „Calculus Approach“ steht – „Second Order“-Dilemma, „Verdrängungseffekt“ sowie Überwachungs- und Sanktionskosten – zumindest gemindert. Normen und Regeln könnten sich dann selbst durchsetzen, ohne eine dritte Partei, also eine Zwangsinstitution zu benötigen. Dabei ist hervorzuheben, dass der „Calculus Approach“ nicht nur bei Konfliktfällen vor Schwierigkeiten steht, sondern auch bei Koordinationsproblemen, bei denen eine Normbefolgung im Interesse aller liegt. Das genannte Beispiel der Verkehrsregel ist ein sehr einfaches Koordinationsproblem mit nur zwei Gleichgewichten: links zu fahren oder rechts zu fahren. Unser soziales Leben ist nicht so einfach. Es werden immer wieder Situationen entstehen, in denen Hunderte oder Tausende Menschen eines von mehreren Gleichgewichten fokussieren müssen, um ihr Verhalten miteinander zu koordinieren. Wären Institutionen nur als Ergebnis rationaler kollektiver Entscheidungen möglich, könnte man hier schnell an eine Grenze stoßen.

Das Koordinationsproblem scheint ebenso wie das Konfliktproblem im „Calculus Approach“ in einen infiniten Regress zu münden, bei dem für jede Institution eine andere Institution in Anspruch zu nehmen ist. Trifft das zu, wäre unsere Gesellschaft zu „teuer“ für rational denkende Individuen, wenn sie nicht gar unmöglich wäre. Aber wenn Konventionen als spontane Ordnungen entstehen, die nicht von Planung und individueller Rationalität herrühren, sondern von gemeinsamen Lebenserfahrungen, die in Sitten und Gebräuchen verkörpert sind, könnten Menschen den infiniten Regress vermeiden, indem sie sich an diesen Traditionen orientieren.

Thomas Schelling hat betont, dass man im alltäglichen Leben bei der Verhaltenskoordination häufig erfolgreich ist, weil „most situations […] provide some clue for coordinating behavior, some focal point for each person's expectation of what the other expects him to expect to be expected to do“ (Schelling 2002: 57). Ein solcher „Focal Point“ ist häufig kein Produkt von Rationalität, sondern ein Produkt von Kultur. Mit einem „Clue“ lassen sich in neuen Situationen Koordinationsmöglichkeiten finden, ohne eine neue Institution entwickeln zu müssen. Auf diese Weise replizieren sich die bestehenden Institutionen durch kulturelle Tradierung[1] und reduzieren gesellschaftliche Transaktionskosten.

Auf der Grundlage gemeinsamer Erfahrungen und Kenntnisse verhilft uns Kultur zu „Focal Points“, die zwar als Gleichgewichte in Koordinationsfällen nicht optimal sein müssen, dennoch wird sich jeder an diesen „Clues“ orientieren, weil jeder erwartet, dass die anderen erwarten, dass er sich so verhalten wird. Auch in Konfliktfällen können kulturell vermittelte Erwartungen in der gleichen Weise funktionieren: Wenn etwa in einem iterativen Gefangenendilemma allgemein angenommen wird, dass alle die Norm der Reziprozität befolgen, wird niemand gegen diese Norm verstoßen, weil jeder darauf vertraut, dass die anderen ihn auf die gleiche Art und Weise behandeln werden, wie er sie behandelt hat. Die kulturelle Überzeugung verwandelt so Konfliktprobleme in Koordinationsprobleme und erleichtert ihre Lösung.

  • [1] Zur Replikationsfunktion von Institutionen vgl. Sugden (1989).
 
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