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Kultur als „Tool Kit“

Kultur wird aber nicht immer als Wertesystem angesehen, das menschliches Verhalten durchgreifend prägt. Ann Swidler schlägt dagegen vor, Kultur als Bündel von Strategien für effiziente Problemlösungen zu betrachten. Solche Strategien sind in ihrer Sichtweise keine rational entworfenen Pläne. Stattdessen organisieren sie auf eine generalisierte Art und Weise die Entscheidungen von Einzelnen (Swidler 1986: 277):

People do not build lines of action from scratch, choosing actions one at a time as efficient means to given ends. Instead, they construct chains of action beginning with at least some pre-fabricated links. Culture influences action through the shape and organization of those links, not by determining the ends to which they are put.

Kultur liefert hier keine „letzten“ Werte, an denen man sich ausrichten soll, sondern nur ein „Tool Kit“, Instrumente, mit denen man Handlungsstrategien entwickeln kann. Zwar streben die Akteure durchaus nach persönlichem Wohlergehen, aber sie interpretieren die Welt und ihre Handlungsmöglichkeiten auf eine kulturelle Weise. Dieses Modell des Menschen kann laut Thorstein Veblen dahingehend verstanden werden, dass menschliches Handeln ein „Ergebnis von Gewohnheiten und Verhaltenstendenzen“ ist, „die sich durch vergangene, ererbte und kulturelle Prägungen gebildet haben“, ebenso wie als das Resultat „von Denkstrukturen, die sich in den jeweiligen Erfahrungen geformt haben“ (Veblen 1919: 79). [1] Kultur bestimmt aus dieser Sichtweise nicht, was wir wollen, sondern wie wir erreichen, was wir wollen. Die jeweiligen kulturell geprägten Denkstrukturen und Verhaltensgewohnheiten können deswegen zu ganz unterschiedlichen gesellschaftlichen Entwicklungspfaden führen, auch wenn Menschen vor den gleichen Problemen stehen und die gleichen Ziele haben.

Auf der Basis von diesem Verständnis von Kultur hat Avner Greif (2006) zwei mittelalterliche jüdische Gruppen von Händlern – Genueser und Maghribis – untersucht. Diese zwei Gruppen befanden sich laut Greif auf einem ähnlichen technologischen Entwicklungsstand und sahen sich ganz ähnlichen Umweltanforderungen und Problemen gegenüber. Aufgrund unterschiedlicher kultureller Traditionen haben sie aber sehr unterschiedliche ökonomische Lösungen entwickelt, die einen langfristigen Einfluss auf die weitere Entwicklung der zwei Gruppen hatten.

  • [1] Übersetzung vgl. Vanberg 1998: 382
 
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