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8.3 Reform einzelner Bildungsbereiche und dazugehöriger Organisationen

8.3.1 Darstellung des Phänomens

Kennzeichnend für diesen dritten Definitionsversuch ist, dass die Interviewpartner/-innen hier ganz unterschiedliche Strukturveränderungen einzelner Bildungsbereiche thematisieren, wie die nachfolgenden Beispiele aufzeigen.

Ein Informant thematisiert in Rekurs auf die bildungsbereichsübergreifende Umsetzung lebenslangen Lernens die Segmentierung der betrieblichen Bildung unter ökonomischen Gesichtspunkten. Demnach setze sich die betriebliche Bildung zusammen aus individueller beruflicher Weiterbildung (Arbeitnehmer/-in zahlt Weiterbildung selbst), betrieblicher Weiterbildung (Betrieb bezahlt berufliche Weiterbildung) und die Weiterbildung von Arbeitslosen (Arbeitsmarktpolitische Förderprogramme finanzieren die berufliche Weiterbildung). Der Informant knüpft bei seinen Ausführungen an die Typologie von Übergangsmärkten nach Günther Schmid (2002: 230-233) an. [1] Vor diesem theoretischen Hintergrund versteht der Interviewpartner unter einer bildungsbereichsübergreifenden Institutionalisierung lebenslangen Lernens die Gestaltung verschiedener Lebensübergänge (z. B. Rückkehr von familiären Tätigkeiten in den Arbeitsmarkt, Rückkehr von Arbeitslosigkeit in den Arbeitsmarkt, Rückkehr von Berufsund Erwerbsunfähigkeit in den Arbeitsmarkt) durch die noch zu entwickelnde systematische Bereitstellung adäquater beruflicher und betrieblicher Weiterbildungsmaßnahmen („Immer, diese Brücken findet immer im Re-Training-Bereich und im Training-Bereich statt. Education ist es ja klar, aber sonst bei Retirement gibt's dann wieder äh Re-Training, um wieder in den Arbeitsmarkt zu kommen. Und äh bei&bei Frauen, die rausgehen oder dann wieder reingehen, ist Re-Training. Bei Arbeitslosigkeit ist auch wieder Re-Training, um wieder reinzukommen. Und äh, das sind eben diese Brücken“, Interview-Nr. 5, Herr Braun, berufliche Weiter-

bildung, Z. 211-216).

Ein anderer Akteur problematisiert die Öffnung des Hochschulzugangs:

E .. ah ... es gibt nach wie vor(') .. ah ein Problem(') bei der Öffnung der Hochschulen für Absolventen der beruflichen Bildung(.)

I: mhm(')

E: ah ... okay es gibt bei den Ländern ein paar Ansätze sehr unterschiedlicher Art(') aber das ist .. nicht transparent(')

I: mhm(')

E: das ist ah .. eigentlich mit zusätzlichen Hürden verbunden(') .. ah zum Beispiel Aufnahmeprüfung(')

(Interview-Nr. 7, Herr Köhler, Bildungspolitik, Bundesebene, Z. 204-211)

In diesem Interviewausschnitt wird die Behauptung aufgestellt, dass es immer noch ein Problem mit der Hochschulzugangsberechtigung für „non-traditional students“ (Schütze & Wolter 2003) gebe. Indem der Informant die Formulierung

,Absolventen der beruflichen Bildung' verwendet, besteht im ersten Moment der Eindruck, es werde eine bildungsbereichsübergreifende Umsetzung des lebenslangen Lernens zwischen der beruflichen Weiterbildung und dem Tertiärbereich thematisiert. Es geht jedoch vielmehr um Erwachsene mit einer abgeschlossenen Berufsausbildung, die ohne Abitur an einer Hochschule studieren möchten. In der nachfolgenden Begründung unter dem Zugzwang des Berücksichtigens und Abwägens erklärt der Akteur, dass zwar bundeslandspezifische Regelungen existierten, die Zugangsberechtigung aber sei beispielsweise mit Prüfungen verbunden. Der Sprecher schließt mit seiner Argumentation an die Forderungen im Kontext der Erklärungen des Bologna-Prozesses an, die sich unter anderem auf die Anrechnung von Kompetenzen auf den Hochschulzugang, den Ausbau des nicht-traditionellen Hochschulzugangs [2] sowie den Ausbau flexibler Lernwege, wie Teilzeitstudium und berufsbegleitende Studiengänge, beziehen (vgl. Banscherus 2010: 224; Wolter 2010: 58). Dementsprechend wird in diesem Definitionsversuch der hochschulpolitische Reformdiskurs reproduziert.

Ein weiterer Interviewpartner formuliert einen Reformansatz, der die Überwindung der bisherigen Bildungsstruktur und die Schaffung einer neuen Struktur, deren Kern eine neue funktionsübergreifende Bildungseinrichtung darstellt, propagiert („und ähm (..) da äh kommt, muss man aus meiner Sicht einmal über die bisherigen Bildungsbereiche hinausgehen. Das ist das eine und das andere, man wird auf die Dauer nur über sie hinauskommen, wenn man eine neue Struktur schafft und das heißt auch letzten Endes eine neue Institution schafft.“ Interview-Nr. 8, Herr Richter, Bildungspolitik, Landesebene, Z. 108-111). Folgt man den weiteren Ausführungen des Interviewpartners zu diesem Reformansatz, so wird ein erster Umsetzungsversuch auf der Ebene der interorganisationalen Kooperation zwischen Einrichtungen der beruflichen Bildung und Erwachsenenbildung, d. h. zwischen beruflichen Schulen, Schulen für Erwachsene und Volkshochschulen durchgeführt. Der Ansatz bezieht sich im Anfangsstadium auf eine Reform des Weiterbildungsbereichs.

  • [1] Hierauf verweist der Experte selbst: „Und da ist der, .. der Übergang vor allem wichtig, diese Durchlässigkeit zwischen den Systemen. .. Und ähm … (7 sek.) wenn man's ganz kurz sagt, wie löst man das Problem .. für Deutschland, .. dann muss ich vielleicht n bisschen was, etwas theoretisch machen. Ich weiß nicht, ob Sie Günther Schmid .. vom Wissenschaftszentrum Berlin kennen. Der hat eine Theorie über Transitional Labour Markets gemacht. Das ist n altes, äh altes, der hat das schon vor 15 Jahren gemacht.“ (Interview-Nr. 5, Herr Braun, berufliche Weiterbildung, Z. 81-87).
  • [2] Unter dem nicht-traditionellen Hochschulzugang ist in Deutschland vor allem der Hochschulzugang ohne Abitur zu verstehen, der auch ,Dritter Bildungsweg' genannt wird (vgl. Banscherus 2010: 227).
 
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