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2 Bericht über den Türkischunterricht in Deutschland

2.1 Zusammenfassung der Kategorien

Gestützt auf unsere Analyse schlagen wir eine grundsätzliche Unterscheidung zwischen zwei Arten von Türkischunterricht in Deutschland vor. Als Bezugspunkt hierfür dienen die sprachlichen Vorkenntnisse der Lernenden. 1) „Exklusiver“ Türkischunterricht ist ausschließlich für Kinder konzipiert, die Türkisch bereits zu Hause und außerhalb der Schule in einer informellen Umgebung erworben haben.

2) „Inklusiver“ Türkischunterricht kennt keine systematische Unterscheidung zwischen Lernenden mit Vorkenntnissen und jenen, die gar kein Türkisch sprechen. Diese zwei Typen von Sprachunterricht werden im Folgenden genauer unter die Lupe genommen.

2.1.1 Exklusiver Türkischunterricht

Exklusiver Türkischunterricht existiert in verschiedenen Formen:

• Oft als „Herkunftssprachenunterricht“ oder „muttersprachlicher Ergänzungsunterricht“ bezeichnet, findet dieser Unterrichtstyp hauptsächlich auf Grundschulniveau statt5 und wird bis Ende der vierten Klasse angeboten (bzw. bis Ende der sechsten Klasse in Berlin und Brandenburg). Gestützt auf offizielle politische Beschlüsse der Bildungsund Kultusministerien der jeweiligen Bundesländer, wurde dieser Unterrichtstyp vor beinahe 40 Jahren institutionalisiert und in der Vergangenheit in unterschiedlichster Weise umgesetzt (vgl. Beck 1999). Mal dem jeweiligen türkischen Konsulat eines Bundeslandes und mal dem Bildungsund Kultusministerium unterstellt, haben sich verschiedene Lehrpläne entwickelt, für die entweder das jeweilige Bundesland, das türkische Bildungsministerium oder die Kultusministerkonferenz der Bundesrepublik Deutschland (KMK) verantwortlich zeichnen. In jedem Fall wird Türkischunterricht erst dann angeboten, wenn sich eine bestimmte Anzahl von Teilnehmern dafür anmeldet.6 Der von den türkischen Konsulaten angebotene Türkischunterricht beruht ebenfalls auf den vom jeweiligen Bundesland erlassenen Verordnungen und Regelungen. Er findet fast ausschließlich nachmittags, oftmals im Rahmen außerschulischer Angebote und ohne Verzahnung mit den schulischen Lehrplänen statt. Die Lernenden erhalten in der Regel keine Noten; bestenfalls wird stattdessen im Zeugnis die Teilnahme bestätigt.

• In einigen wenigen Schulen (unseres Wissens sechs Grundschulen in Berlin, eine in Köln und eine in Frankfurt am Main) wird türkischer Herkunftssprachenunterricht im Rahmen eines koordinierten deutsch-türkischen Leseund Schreibunterrichts auf Grundschulniveau in der Klasse 1 sowie manchmal auch in der Klasse 2 erteilt. Dieses Angebot richtet sich an Kinder, die mit Türkisch als Familiensprache aufwachsen. Nach der Klasse 1 (bzw. 2) werden diese Gruppen dann in das reguläre Schulwesen integriert. Gelegentlich wird das Programm in den Klassen 3 und 4 als zweisprachiger Unterricht weitergeführt (vgl. Nehr et al. 1988).

• In einigen Bundesländern (NRW, Berlin, Bremen, Hamburg, Bayern, Niedersachsen) besteht für Kinder mit türkischer Herkunftssprache die Möglichkeit, Türkisch als zweite oder dritte Fremdsprache in der Sekundarstufe I und II zuwählen – alternativ zu einer klassischen europäischen Fremdsprache. Türkisch als Abschlussfach im Abitur wird zudem in NRW, Berlin, Bremen, Hamburg und Niedersachsen angeboten[1].

• Nur eine Schule in Deutschland, die Carl-von-Ossietzky-Schule in Berlin, bietet ein CLIL-Programm auf Sekundarniveau für Schüler mit türkischer Herkunftssprache in den Fächern Biologie, Geschichte, Geografie und den Sozialwissenschaften an. In enger Kooperation mit der zweisprachigen Aziz-NesinGrundschule (siehe unten), die sich auf demselben Gelände befindet, werden die Kinder der Grundschule im CLIL-Programm der Ossietzky-Schule aufgenommen[2].

• Schließlich gibt es mindestens eine Berufsschule, die Louise-Schroeder-Schule in Berlin, die für den Ausbildungsgang „Büromanagement“ das Fach Türkisch integriert hat[3]. Auch bietet die türkische Gemeinde zu Berlin e. V. ein Ausbildungsprogramm für Altenpfleger an, das den Erwerb von Türkischkompetenzen für angehende Altenpfleger vorsieht[4]. Diese berufsbezogenen Angebote richten sich an Teilnehmer, die bereits vor Aufnahme in das Programm Türkisch sprechen, und sind daher ebenfalls exklusiv. Es handelt sich bei diesen Bildungsangeboten also nicht um Sprachkurse; das Ziel ist vielmehr, den Teilnehmern, die Türkisch als Herkunftssprache sprechen, relevante Fachkenntnisse in dieser Sprache zu vermitteln.

  • [1] Selbst hier ist die Situation allerdings nicht ganz klar. Eine kürzlich durchgeführte Umfrage (Schmitz und Olfert 2013) nennt Berlin und Brandenburg nicht mehr für die Sekundarstufe II, fügt aber Hessen hinzu
  • [2] Allerdings nehmen nur diejenigen Schüler, die Türkisch als Familiensprache sprechen, am CLIL-Programm der Carl-von-Ossietzky-Schule teil. Hingegen steht das zweisprachige Programm der Aziz-Nesin-Grundschule auch nicht türkischsprachigen Kindern zur Verfügung
  • [3] Vgl. osz-louise-schroeder.de/html/proturkiye.htm. Zugegriffen: 15. Dezember 2014
  • [4] Vgl. tgb-berlin.de/index.php?option=com_content&view=article&id=154&Itemid=72&lang=tr. Zugegriffen: 15. Dezember 2014
 
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