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6 Kurzporträt Wagner (Expertin aus dem Sekundarbereich I)

6.1 Hintergrundinformationen zum Interview

Informationen zur Person und zur institutionellen Zugehörigkeit [1]

Frau Wagner ist eine Vertreterin aus der Interviewgruppe ,Schule' (Sekundarbereich I). Sie ist seit vielen Jahren als Lehrerin an verschiedenen Gesamtschulen tätig und leitet zum Zeitpunkt des Interviews seit mehreren Jahren eine integrierte Gesamtschule aus dem Sekundarbereich I.

Auswahlkriterien für die Fallporträtierung

Die Interviewpartnerin wurde für die Kurzporträtierung ausgesucht, da sie, neben der Zugehörigkeit zur Interviewgruppe ,Schule' (Sekundarbereich I) in ihrer Rolle als Lehrerin und Schulleiterin, Reformmaßnahmen im Kontext des lebenslangen Lernens unmittelbar in ihrer Einrichtung umsetzt. Somit stellt sie eine Kontrastierung zu den beiden Fallporträts ,Müller' und ,Bauer' dar: Müller setzt sich beruflich auf der administrativ Programm bezogenen Ebene mit dem lebenslangen Lernen auseinander, während Bauer auf der konzeptionellen Ebene agiert.

6.2 Zusammenfassende Paraphrasierung des Interviews

Bevor die Interviewerin die erste Frage an die Expertin Wagner richtet, stellt sie sich dieser durch eine kurze Skizzierung ihres Ausbildungssowie Berufshintergrundes vor und legt ihre Motivation zur Forschungsarbeit dar (vgl. Z. 1-31).

Das erste Segment (Z. 31-47) beginnt mit der Frage, was Wagner persönlich mit dem lebenslangen Lernen verbindet. Die Informantin erklärt, dass man nicht schon in jungen Jahren eine negative Lernhaltung einnehmen solle. Aus ihrer Sicht sei Lernen so etwas wie ein „anthropologischer Bestandteil“ (Z. 40). Es sei von großer Bedeutung diese „natürliche Anlage“ (Z. 46) und „natürliche Neugier“ (Z. 46-47) aufrechtzuerhalten und nicht in der Schule zu zerstören.

Im zweiten Segment (Z. 48-101) steht der berufliche Bezug Wagners zum lebenslangen Lernen im Mittelpunkt. Sie konstatiert, dass lebenslanges Lernen einerseits ein „modern gewordenes Schlagwort“ (Z. 52-53) sei, andererseits im schulischen Kontext eine Notwendigkeit darstelle. Gründe sieht sie in der zunehmenden Verkürzung der „Halbwertzeit des Wissens“ (Z. 56), der „Globalisierung“ (Z. 59) und der daraus resultierenden Forderung der „Flexibilisierung“ (Z. 61) seitens der Schüler/-innen aufgrund zukünftiger beruflicher Diskontinuitäten. Die Veränderung der Bedeutung des lebenslangen Lernens belegt sie anhand von zwei exemplarischen Berufsgruppen (Schreiner und Jurist). Nach Wagners Auffassung liege die Aufgabe der Schule einerseits in der Aufrechterhaltung der „natürlichen Neugier“ (Z. 71-72) und andererseits in der Qualifizierung für die bevorstehende Erwerbstätigkeit. Aus Sicht der Expertin müsse Schule mittels adäquater organisationaler Strukturen sowie entsprechender Makround Mikrodidaktik zu einem positiven Lernort werden.

Das Verständnis der Expertin zur bildungsbereichsübergreifenden Umsetzung des lebenslangen Lernens steht im Fokus des dritten Segments (Z. 102150). Wagner verweist zunächst darauf, dass sie nicht wisse, was die Interviewerin mit der bildungsbereichsübergreifenden Umsetzung des lebenslangen Lernens meine, fährt aber mit der Beantwortung der Frage fort. Sie konstatiert, dass es Kontakte zu anderen Einrichtungen außerhalb des Schulsystems (z. B. „Jugendhilfe“ Z. 110) gebe. Diese Kontakte dienten aus ihrer Sicht der Gewährleistung von Unterstützung und könnten intensiver betrieben werden. Die Informantin ist der Meinung, dass die Schulen Kontakte zu Weiterbildungseinrichtungen aufbauen sollten, damit Schüler/-innen über die Existenz von formaler Weiterbildung nach Absolvierung der Schulzeit informiert würden. Die Expertin berichtet, dass ihre Schule erste Kontakte zu Volkshochschulen und Musikschulen aufbaue, um eventuell im Rahmen der Umsetzung des Konzepts ,Ganztagsschule' gemeinsame Angebote zu entwickeln. Da die Schule bisher keine Ganztagsschule gewesen sei, habe zu einer Kooperation keine Notwendigkeit bestanden. Wagner erklärt, dass die Schüler/-innen Praktika in unterschiedlichen Bereichen (Betriebspraktikum, Kindergartenpraktikum, Sozialpraktikum) absolvierten, um verschiedene Lebensbereiche kennenzulernen. Es handle sich hierbei aber nicht um Kooperationen mit anderen Bildungseinrichtungen.

Im vierten Segment (Z. 151-214) antwortet die Interviewpartnerin auf die Frage, inwiefern die Schule die Fähigkeit zum selbstorganisierten Lernen bei den Schülerinnen und Schülern fördern kann. Wagner ist der Meinung, dass die Schule selbstorganisiertes Lernen „überhaupt initiieren“ (Z. 155) könne. Sie erklärt, dass das selbstorganisierte Lernen von großer Bedeutung für ihre Einrichtung sei und auch umgesetzt werde. Sie ist der Auffassung, dass das selbstorganisierte Lernen ein „zentrales Element“ (Z. 158) von Schule sein müsse, da es zu den Strategien lebenslangen Lernens gehöre. Wagner verbindet mit dem selbstorganisierten Lernen die Aneignung von Kenntnissen über Informationsbeschaffung und Themenerschließung, welche aus ihrer Sicht über die Schulzeit hinaus eine Relevanz haben würde.

Im fünften Segment (Z. 215-234) wird der Einbezug des informellen Lernens in den Schulunterricht thematisiert. Wagner erfragt zunächst eine Definition zum informellen Lernen. Die Interviewerin erläutert beispielhaft, dass darunter das beiläufige Lernen der Schüler/-innen im Alltag verstanden werden könne. Wagner weist darauf hin, dass sie den Begriff immer noch nicht verstehe, versucht aber die Frage zu beantworten. Die Expertin ist der Ansicht, dass die Schüler/-innen in der Schule sehr viel in den Bereichen Schlüsselkompetenzen und Sekundärtugenden nebenher lernen würden. Die Schule versuche diese Themen aktiv zu bearbeiten.

Im sechsten Segment (Z. 235-253) steht die Beantwortung der Frage, welche neuen Aufgaben im Zuge der Umsetzung des lebenslangen Lernens auf die Schulen zukommen werden. Die Interviewpartnerin behauptet, dass sich Schulen nicht mehr mit der Vermittlung und Prüfung bestimmter Wissensbestände zufrieden geben könnten. Nach ihrer Auffassung besteht das Erfordernis, ein Bewusstsein seitens der Schüler/-innen bezüglich der selektiven Wissensvermittlung durch Schule und der Möglichkeit der Aneignung von vertiefendem bzw. weiterführendem Wissen außerhalb des schulischen Kontextes zu schaffen. Die Schulen seien dafür zuständig, diesen Bewusstwerdungsprozess zu initiieren, zu fördern und die Schüler/-innen zum selbstorganisierten Lernen zu befähigen.

Das siebte Segment (Z. 254-315) wird von der Frage eingeleitet, inwiefern die Lehrer/-innen über ein entsprechendes Wissen verfügen, um lebenslanges Lernen bei ihrer Klientel anzustoßen. Die Interviewpartnerin ist der Auffassung, dass Lehrer/-innen ebenfalls lebenslang lernen müssten. Der Lehrerberuf sei aber ein gutes Beispiel dafür, dass lebenslanges Lernen zum größten Teil nicht umgesetzt werde. Wagner äußert, dass sich das Berufsbeamtentum und die damit einhergehende z. T. jahrzehntelange Lehrtätigkeit ohne nennenswerte Kontrolle negativ auf das lebenslange Lernen auswirkten. Sie weist darauf hin, dass diese Situation jahrelang angehalten habe und in vielen Schulen immer noch zur Wirklichkeit gehöre. Mittlerweile erfolge eine Kontrolle der Schulen durch die zuständigen Ministerien und die Institute für Qualitätssicherung. Vor allem die Fortbildung habe an Bedeutung gewonnen. Die Informantin ist der Auffassung, dass bezüglich der Fortbildungen in ihrer Schule alles sehr gut verlaufe. Es gebe schulspezifische obligatorische Fortbildungsangebote wie z. B. Methodentrainings oder Kommunikationsteamtrainings, welche in einem festgelegten Abstand, wenn es für den Unterricht wieder relevant werde, durchgeführt würden.

Im Mittelpunkt des achten Segments (Z. 316-366) steht die Fragestellung, welche Aktivitäten vonseiten der Schule notwendig sind, um die Schüler/-innen für das lebenslange Lernen zu motivieren. Wagner erklärt, dass zur Aufrechterhaltung der Lernmotivation Schulorganisation, Schulstruktur und Schulklima von Bedeutung seien. Sie konstatiert, dass Erkenntnisse aus der Neurowissenschaften auf ein positives Wohlbefinden als eine Lernvoraussetzung verweisen würden. Entsprechend sei ihre Schule organisiert: Einführung von Jahrgangteams, die von wenigen Lehrkräften unterrichtet würden, zeitliche Organisation des Unterrichts in Doppelstunden, Ermöglichung von selbstorganisiertem Lernen, Schaffung von Entspannungsmöglichkeiten. Neben den bereits angeführten Aspekten nehme die Unterrichtsgestaltung eine wichtige Rolle ein. Es müssten Unterrichtsmethoden entwickelt werden, welche einerseits die „Schüler da abholen wo sie gerade sind“ (Z. 357-358) und andererseits abwechslungsreich seien und selbstorganisiertes Lernen ermöglichten.

Die Frage im neunten Segment (Z. 367-372), in welchem Zeitraum die Institutionalisierung lebenslangen Lernens abgeschlossen sein könnte, beantwortet die Expertin mit dem Verweis, dass diese nie abgeschlossen werden könne, da sich lebenslanges Lernen nach ihrer Einschätzung dadurch definiere, dass es lebenslang dauern würde.

Im zehnten Segment (Z. 374-392) fragt die Interviewerin nach Finanzierungsmöglichkeiten des lebenslangen Lernens. Die Informantin verweist zunächst darauf, dass sie hierzu momentan keine konkrete Idee habe; grundsätzlich müsse aus ihrer Sicht in Deutschland mehr Geld für Bildung ausgegeben werden. Die Finanzierung lebenslangen Lernens müsse aus öffentlichen und wirtschaftlichen Beiträgen unterstützt werden.

Im elften Segment (Z. 397-402) wechselt die Informantin das Thema

,Finanzierung' und verweist nochmals auf die Schlüsselrolle der Schule bei der Förderung von Lernmotivation.

Das zwölfte Segment (Z. 403-405) umfasst die Abschlusssequenz des Interviews mit der Danksagung der Interviewerin.

  • [1] Wie auch bei der Fallporträtierung können aus Platzgründen an dieser Stelle nicht die beiden im Rahmen der Dissertation durchgeführten Kurzporträtierungen veröffentlicht werden. Daher wird hier nur das Kurzporträt ,Wagner' aufgeführt. Diese exemplarische Darstellung sollte jedoch genügen, um der Leserin/dem Leser einen Einblick in die analytische Vorgehensweise zu geben
 
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