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Schwerpunkte

Das Interview sollte einen oder zwei Schwerpunkte haben: Themen, die ausführlich, mit vielen Nachfragen, behandelt werden. Die Vorteile sind: Die befragte Person wird besser erkennbar, es erhöht die Aufmerksamkeit der Empfänger, das Interview bleibt nachhaltiger in Erinnerung.

25. Das lange Interview zur Person

Spannungsbogen im Interview

Wechseln Sie in den Passagen des Interviews das Tempo. Auf eine Phase mit kurzen Fragen und Antworten sollte eine Phase mit längeren Fragen (z.B. Information aus Biographie plus Frage) und längeren Antworten folgen; der Interviewer ist nun nachdenklicher, nicht „auf dem Sprung“.

Das lange Interview zur Person erfordert nicht nur Strategien, sondern erlaubt es auch, sie fruchtbar zu nutzen. So entsteht ein Spannungsbogen. Ein gutes Beispiel hierfür ist das Interview, das Roger Willemsen, damals noch bei „Premiere“, mit Konsul Weyer geführt hat. Er beginnt dieses Interview, indem er dem Befragten große Möglichkeiten gibt, sein Leben, was er erreicht hat, seinen Wohlstand und seine Lebensziele darzustellen. Gegen Ende dieser ersten Sequenz fragt man sich, warum der Interviewer dem Befragten soviel Raum gibt. Die Antwort ist einfach: Die Selbstdarstellung von Konsul Weyer gewinnt nachgerade aufdringliche Züge. In der dann folgenden Sequenz jedoch, verbunden mit einem Wechsel zu einem anderen Platz im Studio, fragt Willemsen, mit welchen Staatschefs in Südamerika Konsul Weyer denn zusammengearbeitet habe, um anderen Personen diplomatische Titel zu beschaffen. Die Antworten von Weyer konterkariert er, indem er Antwortschreiben aus den entsprechenden Ländern vorlegt, aus denen hervorgeht, dass sie Konsul Weyer gar nicht kennen. Jetzt verändert das Interview sich zu einem Rechtfertigungsinterview. Weyer verweist mehrfach darauf, dass aktuelle Auskünfte aus südamerikanischen Ländern hier nicht gelten könnten, weil seit der Zeit, in der er dort diplomatische Titel beschaffte, die Regime in der Regel mehrfach gewechselt hätten.

Willemsen verschärft das Interview, indem er Photos von Erschießungskommandos oder Gefolterten aus einzelnen südamerikanischen Ländern zeigt, und zwar aus jener Zeit, in der Konsul Weyer mit den jeweiligen Machthabern befreundet war. Er stellt Fragen wie „Haben Sie das damals nicht gewusst?“, „Haben Sie die politischen Zustände nie interessiert?“ – Eine Abfolge von geschlossenen und suggestiven Fragen. Der Unwillen von Konsul Weyer, solche Fragen zu beantworten und sich zu rechtfertigen, wird zunehmend größer. Sein gebräuntes Gesicht wird zunehmend fahler, das Lächeln verschwindet vollständig, die Körperbewegungen nehmen zu und werden nur mühsam kontrolliert. Von der glanzvollen Selbstdarstellung am Anfang wechseln die Empfindungen zu Mitleid oder gar Verachtung. Als Willemsen am Ende Konsul Weyer ein Geschenk überreichen will, wehrt Weyer dies mit den Worten ab: „Von Ihnen nehme ich keine Geschenke an“.

Rationalisierung bei der/dem Befragten

Nicht alle Antworten der befragten Person werden „richtig“ sein. Sie können sich für wichtige Entscheidungen oder Ereignisse in ihrem Leben Begründungen, Rechtfertigungen und Deutungen zurechtgelegt haben. Versuchen Sie, diese Schleier, die der/die Befragte über sein/ihr Leben gezogen hat, ansatzweise zu lüften. Fragen Sie nach, z.B. „Gab es nicht auch noch andere Gründe?“ oder „Es gab doch sicher auch noch andere Gründe?“ Sie verwenden in solchen Fällen am besten suggestive Formulierungen. Es muss allerdings einen Punkt geben, von dem an Sie nicht mehr weiter fragen, z.B. wenn Sie therapeutisch werden (müssten).

Auf solche Rationalisierungen kommen Sie auch, wenn Sie genau zuhören. So sagte eine Befragte über ihren Berufsweg an einer Stelle, sie sei

„da so reingerutscht” und wenig später „Da bin ich hängen geblieben”. Nun sollte dem Interviewer durch den Kopf gehen: Ist es eine schwache Person, lässt sie sich von äußeren Umständen leiten und hat wenig eigene Vorstellungen, wohin sie will? Also kann er die beiden Wörter wiederholen und eine Frage stellen, die diese Annahme aufnimmt: „Sie sagen 'reingerutscht' und 'hängen geblieben'– Wollten Sie das denn überhaupt?” Oder: „Lassen Sie den Zufall entscheiden?”

„Statistische Angaben“

Wichtige „statistische“ Informationen, z.B. Alter, Beruf, Zahl der Kinder, sollten früh kommen. Die Empfänger wollen wissen, mit wem sie es zu tun haben. Welche Informationen früh kommen müssen, sollte der Interviewer von deren Bedeutung für den vom Interviewer gewählten Ausschnitt aus der Person abhängig machen.

 
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