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Strategien

Für das Konzept des Interviews eignen sich drei Strategien:

1. Stationen-Strategie,

2. Leitbild-Strategie,

3. Konflikt-Strategie.

Stationen-Strategie. Der Interviewer orientiert sich an dem chronologischen Lebenslauf des Befragten. Er beginnt z.B. mit dem Elternhaus, überspringt dann Jahre: „Sie haben dann ..., bis Sie 1952...Wie kam es dazu?“ Der Interviewer wählt also aufgrund seiner Recherchen und des Vorgesprächs wichtige Stationen aus, vertieft diese, überspringt andere. Hierfür zwei Beispiele:

298 Interviews zur Person

„Frau X, Sie sind im Münsterland aufgewachsen, haben in Münster Abitur gemacht und wurden dann zunächst Rechtsanwaltsgehilfin. Wie kamen Sie von da zum Theater?“

„Gibt es Lebenserfahrungen, die Einfluss auf Deine Stimme gehabt haben?” (Frage von Roger Willemsen an die Jazz-Sängerin Cassandra Wilson in

„Willemsens Woche” am 22. 11. 1996.)

Auf wichtige Stationen kann man auch im Vorgespräch oder im Interview durch die direkte Frage kommen: „Haben Sie in Ihrem Leben schon einmal Weichen gestellt?”

Vorteil: Klarer Aufbau des Interviews. Der Stationen-Ansatz ist weitgehend offen, beschränkt sich auf wichtige Teile der Biographie und liefert

„nur“ Material zur Interpretation der Person.

Nachteil: Wenn die einzelnen Stationen den Befragten nicht auch innerlich geprägt haben, bleibt das Interview auf der Oberfläche, der Interviewer

„klappert“ nur die Biographie ab.

Leitbild-Strategie. Der Interviewer orientiert sich an einem „Bild“, das er von dem/der Befragten gewonnen hat und durch das er versucht, die befragte Person zu kennzeichnen und zu erfassen. Es ist eine „Arbeitshypothese”, mit der wir eine Achse durch das Leben der Person legen. Sie kann falsch sein, weshalb wir dem Befragten die Möglichkeit geben müssen, sie zu widerlegen, nicht dem „Bild” zu entsprechen.

Die Bezeichnung entstand aufgrund eines Vorgesprächs mit einem Aufsichtsbeamten einer Strafvollzugsanstalt. Die orientierende Frage war, ob der Befragte sich sowohl im Beruf als auch im Privatleben „hinter Gittern“ sähe/fühle: beruflich eingespannt in den Konflikt „Ruhe und Ordnung contra resozialisierender Vollzug“, privat von seinen Bekannten und Nachbarn etwas misstrauisch behandelt ob seines Alltags. In einem anderen Beispiel wurde der Leiter der finnischen Niederlassung eines großen deutschen Unternehmens befragt. Um in diese Position zu gelangen, hatte er viele Jahre bei dem Konzern gearbeitet und mehrere Auslands-Stationen hinter sich. Hier entstand in den Vorgesprächen das Bild, er sei seit seinem Eintritt in das Unternehmen beruflich wie privat von dem Unternehmen abhängig und von ihm geprägt. Herauszufinden, ob das zutraf und in welcher Weise, war der Kern des Interview-Konzepts.

Vorteil: Ein solches „Bild“ kann nützlich sein, um einen Teil des Interviews anzulegen. Der Interviewer kommt auf zahlreiche Fragen. Das

„Bild“ kann auch den Empfängern als eine erste Orientierung dienen.

Nachteil: Das „Bild“ kann den Befragten selbstverständlich nur begrenzt erfassen. Es kann ein zu vereinfachtes Bild der Person entstehen, unter Umständen eine Bestärkung von Vorurteilen. Der Interviewer muss daher stets bereit sein, von seinem Bild während des Interviews auch abzurücken.

Konflikt-Strategie. Der Interviewer orientiert sich an Konflikten, die das Leben des Befragten durchziehen. Er kann dabei auch von typischen Konflikten in dem Beruf des Befragten ausgehen. Diese Strategie gibt der Journalistin/dem Journalisten die Möglichkeit von Interpretationen, aus denen sich das Gespräch mit der befragten Person und auch die Interpretationen der Empfänger entwickeln können. So entschloss sich ein Interviewer, den früheren Kultusminister von Baden-Württemberg, Prof. Dr. Wilhelm Hahn, „nur“ nach seinen theologischen Positionen zu befragen; fast alle im Interview behandelten Ereignisse (u.a. Tod des Vaters, seine Stellung als Professor der Theologie, Ausscheiden aus der Universität) wurden hierauf bezogen.

Vorteil: Klarheit für die Empfänger, intellektuell fesselnd. Die Konflikte können die Empfänger nachvollziehen, sie können auch emotional Anteil nehmen und sich fragen, wie sie gehandelt hätten. Das Handeln des Befragten wird beispielhaft für menschliche Probleme, für Nöte und Konflikte, in die man selbst geraten könnte oder schon geraten ist. Wie hat er sie gelöst? Finde ich das gut oder schlecht? Bin ich empört, enttäuscht, finde ich es mutig? Sollte man so handeln? Konnte man / die Befragte anders handeln?

Nachteil: Es werden nur Aspekte der Person erfasst. Nicht immer wird es derartige zentrale Konflikte geben. Das Interview kann zu intellektuell werden. – Nur in Kombination mit der Stationen-Strategie liefert diese Strategie auch Hinweise für die Anordnung der Fragen im Interview.

Eine Mischung der drei Elemente wird jedes Interview zur Person enthalten, doch sollte eine der Strategien vorherrschen und das Konzept leiten. In dem nachfolgenden Interview (49) unternimmt Pleitgen den Versuch, die unterschiedlichen Facetten einer Person, Günter Grass, herauszuarbeiten. Statt dies in einer wie immer plausiblen Reihenfolge zu tun, gehen mehrere Facetten in einzelne Fragen und mithin Antworten ein, mit der Folge, dass sich die drei oben erwähnten Elemente derartig mischen, dass man zu komplexe Antworten und zu geringe Strukturierung hat.

Interview 49

ARD Dichter Denker Moralist, 9.10.2002 Fritz Pleitgen Günter Grass

I: Mit 75 hat man das meiste gesehen, so hat es zumindest mal Willy Brandt gesagt. Wie sehen Sie denn das Vaterland, sind

Sie damit zufrieden?

B: Wir sind ja alle in die Schule gegangen, die DemokratieSchule, jedenfalls meine Generation. Und unterschiedlich haben die Menschen darauf reagiert, aber ich glaub, wir haben unsere Lektion kapiert. Ich glaube, dass die Bundesrepublik eine in sich gefestigte Demokratie ist. Sie weiß es nur nicht so genau. Und deshalb ist das Sicherheitsbedürfnis in Deutschland überproportioniert im Verhältnis zum Genuss der Freiheit. Wir meinen, gegen alles immer Gesetze machen zu müssen, um uns weiter sichern zu müssen. Auch jetzt im, als Reaktion auf, also auf die Terroranschläge und da wäre es schon wünschenswert, wenn wir mehr aus dem Selbstbewusstsein. Wir sind ja souverän seit über zehn Jahren und äh, aus dieser Souveränität heraus sollte man auch entsprechendes Selbstbewusstsein entwickeln und eh,

die Sicherheit ein wenig runterschrauben und die Freiheit, die demokratische Freiheit, äh, ausleben.

I: Äh, Willy Brandt, eh, in seiner Zeit, haben Sie sich ja politisch betätigt. Wie sehen Sie Willy Brandt heute und wie sehen

Sie ihn im Vergleich, äh, zu Gerhard Schröder?

B: Ja, das ist, ist, wissen Sie, äh, das betrifft ja nicht nur die Politik. Ich merk das ja auch im Umgang mit jüngeren Autoren. Man kann, äh, den nachgewachsenen und äh, Generationen nicht vorwerfen, dass sie nicht solche Brüche in ihrer Biographie hatten, wie sie zum Beispiel Willy Brandt gehabt hat. Auch ich, ich war bei Kriegsende 17, das ist für mich eine prägende, äh, Sache gewesen, die mich bis heute, äh, motiviert, belastet, äh, Stoffmasse bietet etcetera, Widerstände bietet, gegen die ich anschreibe, mit denen ich mich auseinander setzen muss. Und viele der jungen Autoren sind sehr auf sich selbst zurückgeworfen und fangen an zu früh biographisch zu schreiben. Das ist die eine Sache. Die andere Sache ist, man, also, äh, äh, äh, ich fände es ungerecht Schröder gegenüber, wenn man diesen Maßstab errichtet. Brandt ist, äh, äh, auch mit seinen Fehlern und mit seinen, ja, Zeit seines Lebens auch die Melancholie als Tischge-

nossen, äh, beiseite gehabt, äh, jemand, den ich, äh, sehr schätze

und der in seiner Bedeutung, glaube ich, noch nicht richtig er fasst worden ist.

I: Neigt man so mit zunehmendem Alter dazu zu sagen, naja, damals war das irgendwie doch besser, weil sie vorhin gesagt hatten, eh, wir hatten die Politiker von dieser Art. Aber Sie ha-

ben auch angesprochen, es waren Menschen, die ihre Brüche erlebt haben. Das gilt ja auch für die Literatur. Als Sie begonnen haben, Gruppe 47, da gab´s eben auch neben Ihnen noch Böll, Bachmann, Enzensberger, Walser, Lenz, Johnson.

B: Ja, ja, Johnson ist schon wieder 10 Jahre älter gewesen. Das ist schon, wir haben ja diese kurzen Generationsbrüche gehabt durch die ja auch relativ kurze zwölf Jahre Nazizeit, die vielen Kriegsjahre, da macht das einen großen Unterschied, also ob jemand wie Walser und ich Jahrgang ´27 und Enzensberger ´29.

I: Ja, ja, Sie waren diese Flakhelfer-Generation.

B: Wir waren sicher von Themen bedrängt, denen man nicht, selbst wenn man, ich hab es ja selbst versucht, weil ich sehr artistische Anlagen habe und äh, habe mich meinem ersten, den Gedichten und Theaterstücken auf artistischem Feld getummelt, bis ich der Stoffmasse, die mir im Weg lag, nicht mehr ausweichen konnte. Und das war natürlich mein Herkommen, äh, das war die Zeit, die Nazizeit, das war die, die unmittelbare Nachkriegszeit. Und dann habe ich „Die Blechtrommel“ geschrieben und gleich danach „Katz und Maus“ und gleich danach, äh,

„Hundejahre“, das war ein, ein Arbeitskomplex und es ging weiter, nicht. Und äh...

I: Also wenn ich das so richtig verstehe, Sie haben sich das von

der Seele geschrieben, wollten Sie auch etwas, äh, damit bewirken oder war es erstmal das-von-der-Seele schreiben?

B: Ich wollte mir selbst Klarheit verschaffen. Wie, wie ist des dazu gekommen, dass meine Generation, ich bin ja bis ´45 gläubig gewesen, kein Ansatz von Antifaschismus. Da brach eine Welt, in der Tat, bei mir zusammen, ´45. Ich wollte mir Klarheit

verschaffen, wie konnte es dazu kommen, dass eine, meine Generation und auch andere, äh, so in die Irre geführt werden

konnte, mit so wenig Widerstand oder kaum Widerstand.

I: Sie haben das versucht das abzuarbeiten, die Schuld der Deutschen, der Krieg, Auschwitz. Äh, leiden Sie da immer noch

drunter?

B: Es gibt natürlich den, den, auch bei mir gibt es, irgendwann hört das mal auf. Dann kann ich mich mal anderen Themen zuwenden. Und ich tu' es ja auch gelegentlich. Und dann werden wir insgesamt, das betrifft ja nicht nur mich wieder, werden wir von unserer Vergangenheit eingeholt, nicht. Natürlich haben wir mit den Zwangsarbeitern, das war immer bekannt das Thema, aber es hat uns mit ungeheurer Verspätung eingeholt. Und eh, die Belastung ist, glaube ich, äh, nicht ist es einfacher damit umzugehen, weil ich weiß, da liegen die Ursachen und das dauert so lange. Geschichte lässt sich nicht abstellen. Aber für die jüngere Generation, wenn ich an meine Enkelkinder denke, eh, ist das eine sehr schwierige Sache, nicht? Sie sind absolut nicht verantwortlich dafür, ohne jede Schuld und stehen dennoch in der Verantwortung, dass sich so etwas in Deutschland, aber auch nicht mal ansatzweise, wiederholt. Auch für mich mit ein

Grund mich im Wahlkampf zu engagieren, denn da kamen

schon wieder Töne hoch, die, die ich grässlich fand.

(…)

Anmerkungen

1: Seltsame Verknüpfung, zumindest überraschend. Nach dem ersten Satz erwarten wir die Frage, ob er, GG, schon alles gesehen hat oder ob der Satz von Brandt auch für ihn gelte. Dann eine Doppelfrage, – vermutlich die geschlossene Form als Korrektur der offenen, „sehr offenen Frage“, wie er das Vaterland sehe – führt beim B vermutlich zu einer „Wie jetzt?“ Reaktion.

2: Zufrieden also, mit dem Zustand der Republik? Man weiß es nicht so genau, weshalb eine Nachfrage erforderlich wäre.

3: Sie reden aneinander vorbei! Oder haben wir die tief im Verborgenen liegende politisch-philosophische Klammer nicht verstanden?

4: Warum enthält diese Antwort so viele „ähs“? Beschäftigt Grass seine Vergangenheit?

5: Günter Grass würde, völlig zu Recht, lieber über sich und seine Arbeit sprechen. Und er macht ja auch Angebote – nur der I hört sie nicht. Stattdessen breitet er seine leider nicht ganz korrekten Literaturkenntnisse vor dem großen GG und dem kleinen Publikum aus.

6: Stimmt! Das ist richtig! Nur – es ist keine Frage!

7: Zwar eine Oder-Frage (mit unvollständiger Alternative), aber immerhin eine Frage.

8: Klarheit verschaffen! Zweimal bietet Grass das Motiv an. Und – hat er Klarheit gewonnen?

9: Wo drunter leiden – unter der Schuld oder unter dem Abarbeiten? 10: Wir brechen hier ab. Es wird nicht strukturierter.

 
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