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Eine Annäherung: Drei Sätze

Um das Interview zu führen, benötigt der Interviewer ein Bild von der Person und Annahmen über deren Probleme. Eine sehr gute Leitfrage ist:

„What makes her/him tick?“

Etwas genauer und auf Deutsch: Was hat die Person zu dem gemacht, was sie heute ist? Warum arbeitet sie in diesem Beruf? Warum gern (ungern), warum so viel? Welche Opfer hat sie gebracht, worauf hat sie verzichtet, um was zu erhalten? Warum denkt sie so, wie sie denkt (Ereignisse, Einflüsse anderer Personen)?

Im nächsten Schritt sollte der Interviewer bedenken:

„Jede Person ist mehrere Personen“.

Keiner ist so einfach, wie er nach den knappen biographischen Daten erscheinen mag. Wechsel des Ortes, des Berufs und/oder des Partners verändern nicht nur Personen, die Wechsel können auch gesucht sein, um sich zu verändern. Jeder hat seine Sehnsüchte und ungelebte Leben, seine Niederlagen, seine „Kitschecken“, denkt nicht nur „konservativ“ oder „progressiv“, hört in unterschiedlichen Situationen unterschiedliche Musik (Wagner oder Rolling Stones). – Diese einfachen Überlegungen sollen den

Interviewer daran hindern, sich zu rasch ein Bild von der befragten Person zu machen.

Schließlich kann sich der Interviewer mit folgendem Satz herumschlagen und auf sich oder einen Befragten anwenden:

„Jeder tut das, was er will“.

Viele Menschen beklagen sich über ihre viele Arbeit oder darüber, für die ungelebten Wünsche keine Zeit zu haben. Das mag alles richtig sein, aber der Interviewer sollte es nicht glauben – und zwar aus strategischen Gründen. Nur wenn er zweifelt, kommt er auf die Fragen danach, warum die Person denn wohl zu viel Arbeit hat oder keine Zeit für manche gewünschten Tätigkeiten. Er wird dann fragen, was die Person denn täte bzw. getan hat, um ihr Leben zu ändern. Sehr wahrscheinlich wird sich dann herausstellen, dass die befragte Person es gar nicht anders will. Darauf aufbauend ergeben sich dann weitere Fragen, u.a. nach dem Anreiz, den die Tätigkeit hat und welche Befriedigung die Person hierdurch erhält.

Sehr treffend formuliert dies der Filmregisseur Steven Spielberg („Meine Droge heißt Film“, 2005) in einem Interview:

„Die Scheidung meiner Eltern zum Beispiel ist etwas, was mich noch immer beschäftigt. Ich habe mein ganzes Leben daran gearbeitet, ein intaktes Zuhause zu erhalten. In vielen meiner Filme erkunde ich dagegen das Trauma, ein Scheidungskind zu sein. … Ich versuche, meine Traumata durch meine Filme abzuarbeiten. Jeder tut das. Architekten, Schriftsteller, Journalisten, Regisseure, Schauspieler. Das Beste, was wir sein können, basiert auf dem, was wir bis zu einem bestimmten Zeitpunkt geworden sind.“

 
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