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3. Konzept

Das lange Interview zur Person ist auch eine Information über den Interviewer: Der Interviewer kann nicht die ganze Person des Befragten erfassen, er soll es auch nicht. Der Interviewer muss jedoch einen zentralen Aspekt vor dem Interview festlegen: Warum er diese Person der Öffentlichkeit vorstellt.

Wie schwierig es ist, eine Person zu erfassen, zeigt fast jedes Interview zur Person. Besonders unglücklich ist z.B., das Problem (die Person zu erkennen) dem Befragten selbst zuzuschieben: „Wer ist Hugo Claus?“ fragte der Interviewer R. den belgischen Schriftsteller, Regisseur und Künstler.

„Darauf gebe ich keine Antwort, ich bin Hugo Claus“, lautete die wohl einzig sinnvolle und gutmütige Antwort des Befragten (arte/La Sept, 21.12.1995, Themenabend Hugo Claus). Recht hat er, denn was anderes kann Claus (oder jeder von uns, wäre an ihn die Frage gestellt) antworten?

Eine Person zu erfassen ist zudem dadurch erschwert, dass sie Bilder von sich selbst hat, Legenden bildet über Ereignisse und ihr Handeln. Dabei kann es sich um eine absichtliche Verzerrung handeln, doch muss dies nicht der Fall sein. Deshalb kann ein Journalist oft nur erfassen, wie eine Person gesehen werden möchte, weniger dagegen, wie sie tatsächlich ist. Die Person selbst ist ja nur eine Sichtweise auf sie selbst, Freunde und Feinde mögen jeweils andere haben, der Journalist eine weitere.

„Legende“ heißt hier, dass eine Person eine Begebenheit aus ihrem Leben mit leichten Fehlern oder Verzerrungen erzählt, die die Person in einem vorteilhafteren Licht erscheinen lassen, als sie es in Wirklichkeit in der Situation war. Da es dem Journalisten fast unmöglich ist, jene Wirklichkeit zu rekonstruieren oder gar aus dem Interview eine therapeutische Sitzung werden zu lassen, bleibt ihm kaum eine andere Wahl, als die Legende zu akzeptieren, bestenfalls zweifelnd.

Vielleicht ist es unter diesen schwierigen Bedingungen realistisch, von dem Interview zur Person zu fordern, es möge genügend und guten Stoff für die Interpretationen der Person durch die Empfänger liefern. Eine weitere Möglichkeit ist , dass der Interviewer eine der möglichen Interpretationen vorführt, er legt diese nahe, überlässt es jedoch der befragten Person und den Zuschauern, sich daran abzuarbeiten, gibt ihnen aber auch genügend Material, um auch Spielraum für andere Interpretationen zu gewinnen. Eine solche Einseitigkeit des Interviews zur Person, entstanden durch die spezifische Sichtweise des Journalisten, ist demnach kein Nachteil, sondern eine notwendige Einengung und zugleich Hilfe für die Empfänger.

Das Konzept des Interviews besteht aus den Strategien, die Person zu erkennen, und in der Anordnung und der Art der Fragen.

 
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