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2. Vorgespräch

Über die Hinweise hinaus, die wir im Kapitel 7 gegeben haben, führen wir hier noch einige spezielle Ratschläge an. Das Vorgespräch ist unverzichtbar, um die Person kennen zu lernen, um Fragen, die sich aufgrund der Recherchen ergeben, zu stellen und um einen guten „Rapport“, eine Situation des gegenseitigen Vertrauens, herzustellen. Sie tragen dazu bei, indem Sie auch von sich erzählen. Eine Person zu ergründen, ist kein einseitiger Prozess des Nehmens und Davon-Laufens, nur um eine Sendung zu haben.

Stellen Sie nicht die Fragen des Interviews, sondern lassen Sie sich von dem Befragten etwas über sich erzählen. Wenn immer es spannend wird, brechen Sie ab mit: „Erzählen Sie nicht weiter, ich frage Sie das im Interview“. Das gilt auch für Beispiele: Fragen Sie nach Beispielen, lassen Sie sich diese aber nicht – zumindest nicht vollständig – im Vorgespräch erzählen.

Schauen Sie sich den Arbeitsplatz an: Was liegt auf dem Schreibtisch? Welche Geräte liegen auf der Werkbank? Was tut der/die Befragte gerade, welche Bewegungen und Tätigkeiten muss er/sie für die Arbeit ausführen (Beispiel: Kranfahrerin in einer Fabrikhalle)?

Das Vorgespräch kann 30 Minuten bis drei Tage dauern. Je länger das Vorgespräch ist, desto eher kann der Interviewer auch Konflikte und wichtige Situationen im Leben des Befragten ermitteln bzw. durchgehen. Fragen Sie auch hier den Befragten am Ende des Vorgesprächs: „Habe ich etwas vergessen, was Ihnen besonders wichtig ist?“

Je länger das Vorgespräch dauert, desto eher wird der Befragte seine Antworten vergessen. Der Interviewer muss dann nicht befürchten, keine

„so schönen“ Antworten zu bekommen wie im Vorgespräch.

Sind Sie nun, nach dem Vorgespräch, noch neugierig auf die Person? Können Sie im Interview nochmals eine „zweite Neugierde“ herstellen und gezielter fragen, um auch die Empfänger zu fesseln? Das ist wichtig, denn der Motor des Interviews ist die Neugierde des Interviewers. Sie führt zu offenen Fragen, Zuhören und interpretierenden Nachfragen. Diesen Zustand sollte der Interviewer nach den Recherchen und dem Vorgespräch wieder herstellen können. Bedenken Sie: Das Interview zur Person ist eine Forschungsreise zu einer anderen Person; der Interviewer ist nun aufgrund der Recherchen und des Vorgesprächs hierfür nur besser ausgerüstet.

Führen Sie vor dem Interview nochmals ein kurzes Vorgespräch von wenigen Minuten. Versuchen Sie, den alten Rapport wieder aufzubauen, indem Sie z.B. fragen: „Ich habe noch einmal darüber nachgedacht, was Sie über X erzählt haben. War das eigentlich ...?“

 
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