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24. Das Interview in der Talkshow

Eine besondere Möglichkeit, Person und Sache zu verbinden, stellen Interviews in Talkshows dar. Aufgrund einer scheinbar informellen Atmosphäre bieten sie (hierdurch) die Möglichkeit, kritische Fragen zu stellen, ferner, durch den Wechsel von sachlicher und persönlicher Ebene Informationen zu erhalten, die in stärker formellen Sendungen, wie z.B. den „Tagesthemen“ oder „heute journal“, nicht möglich wären.

Die vielen Varianten dieser Form lassen sich mit Plake (1999) zu drei Typen zusammenfassen: die Debattenshow (soziale und politische Themen mit Experten als Gästen – u.a. Anne Will, Maybritt Illner, Frank Plasberg, Michel Friedman), die Personality-Show (mit prominenten Gästen, die über sich erzählen – u.a. Riverboat, 3 nach Neun, NDR-Talkshow, Leute, Nachtcafé, Böhmermann, Pelzig) und die Bekenntnis-Show (Alltagspersonen ziehen sich seelisch aus – z.B. die „Oliver Geissen Show“). Unser Interesse gilt den beiden ersten Typen von Talkshows. Hierfür zunächst zwei Beispiele, aus denen wir dann unsere Ratschläge entwickeln.

Das erste Beispiel (46) ist eine ungewöhnliche Talkshow. Die Sendezeit betrug 1:14:17, davon entfielen 36 Minuten auf den ersten Teil mit Sahra Wagenknecht. Offenkundig haben sich Lanz und Jörges abgesprochen, die Positionen von Frau Wagenknecht auseinander zu nehmen. Es ist eine politische Diskussion, vor allem um ihre Einstellung zu Europa. Mehrfach blickt Lanz auffordernd zu Jörges als wolle er sagen: Übernehmen Sie.

Zugleich ist das Tempo hoch, alle sprechen schnell, fallen sich ständig ins Wort. Erstaunlich ist, wie gelassen und konziliant Frau Wagenknecht den Männern antwortet.

Die Runde sitzt in einem Halbkreis in der unten aufgeführten Reihenfolge. Lanz muss sich also nach stark nach links drehen, wenn er Wagenknecht anspricht, während Jörges nicht nur einen guten Blickkontakt zu Lanz, sondern auch zu Wagenknecht hat.

Interview 46

ZDF Markus Lanz, 16 . 1. 2014

Markus Lanz (I), Sahra Wagenknecht, Fraktionsvorsitzende

„Die Linke“ (B); Moritz Bleibtreu, Schauspieler; Christian Kehrmann, Schauspieler; Philipp Möller, Aushilfslehrer, Buchautor; Hans-Ulrich Jörges, Chefredaktion „Stern“

I: Es gibt nichts was sie sich noch nicht anhören musste. Ich zitiere mal: „Neostalinistin“, „Hummerkommunistin“ und auch

„schönste Linke aller Zeiten“. Richtig gefährlich allerdings wird's erst, wenn einen sogar Gregor Gysi lobt. Das hat er in letzter Zeit so oft gemacht, dass sie jetzt prompt nicht Fraktionsvorsitzende geworden ist. Und vielleicht hat sie deshalb jetzt im Bundestag sogar den Papst zitiert, weil gegen Gregor Gysi nur noch der liebe Gott und vielleicht der Erzengel Sigmar Gabriel helfen kann. Herzlich willkommen also Sahra Wagenknecht. Schön, dass Sie bei uns sind. Von Sahra Wagenknecht stammt der schöne Satz: „Sozialismus muss so attraktiv sein, dass man die Leute nicht einmauern muss“.

(Wendet sich zu Jörges) Für ihn war Kommunismus trotzdem nie sexy. Weshalb er die DDR 1957 schon verlassen hat und nach Frankfurt am Main zog. Er glaubt, dass der Machtkampf zwischen Gregor Gysi und Sahra Wagenknecht noch über Jahre die Linke prägen wird und er hält Sigmar Gabriel für den weißen Ritter der SPD oder um es mit Luther zu sagen, „aus dem frisch beseelten Arsch kann endlich wieder ein fröhlicher Furz kommen“. Herzlich willkommen Hans-Ulrich Jörges. Schön, dass Sie da sind. Ja, ein Originalzitat. So bei Ihnen nach zu lesen, ja.

(Moritz Bleibtreu wird zitiert, dass er gerne Glastische putze.)

I: Wie ist es bei Ihnen Frau Wagenknecht? Haben Sie haben Sie

das auch, dass Sie sich besser fühlen, wenn Sie mal so nen 1 Glasputz tischen ehm putzen ehm Glastisch voll...

B (gleichzeitig): Also ich hab's noch nicht probiert als Therapie gegen schlechte Laune.

B: Also bei mir ist es eigentlich eher so, es man... es lässt sich nicht umgehen, aber man muss es halt machen. Und ich hätte gerne Menschen um mich, die zu mir sagen würden, Mensch ich komm so gerne in Deine Wohnung und putz die, weil das steigert meine gute Laune. Also muss ich sofort sagen, können sich bei mir melden, ich geb das gerne ab.(...)

I: Das heißt das heißt, es führt bei Ihnen nicht zu Erregung, wenn sie einen Glastisch putzen in irgendeiner Form?

B: Also hab ich noch nicht so empfunden. Also ich kann ja mal drüber nachdenken. (lacht)(...)

I: Also Frau Wagenknecht schön, dass Sie da sind. Wie läuft's im neuen Bundestag?

B: Naja, das kriegt man ja mit wie's läuft. Die große Koalition behagt sich, regiert wird eigentlich wenig und ich meine, wenn ich jetzt egoistisch wär, würd ich jetzt sagen, wir können uns zurückleh... lehnen, die zerlegen sich, aber was dabei fürs Land rauskommt ist eben nicht sehr gut. Und deswegen würde ich mir schon wünschen, wir würden eine bessere Politik in diesem Land haben.

I: Würd das mit Ihnen besser laufen?

B: Ich glaube schon, dass wir bessere Ideen haben. Also das Schlimme bei dieser großen Koalition ist ja, wenn die sich wirklich streiten würden oder auseinandersetzten würden, wie sie die ernsten Probleme anpacken. Also zum Beispiel das Problem Kinderarmut, da haben wir jetzt gerade den Bericht vom Kinderhilfswerk, fast drei Millionen Kinder in Deutschland leben in Armut, in diesem reichen Land. Also wenn sie sich dann darüber auseinandersetzen würden, wie kann man das wirklich ändern, aber stattdessen streiten sie über die Maut. Sie streiten darüber,

270 Interviews zur Person

dass Menschen aus Südeuropa zu uns kommen, was mit Sicherheit nicht die Zahlen sind, die dramatisiert werden. Das heißt, sie sie bauschen Nebenthemen auf, gerade weil sie auf die wirklichen Fragen keine Antwort haben und keine Strategien haben. Und das finde ich das dramatische dabei.

I (gleichzeitig): Wie wie ist das eigentlich für Sie, wenn Sie wenn Sie da im Bundestag jetzt sitzen und so nach links und rechts gucken, wobei links ist ja nichts mehr. Da sitzen Sie ja schon. Aber jetzt auf die andere Seite ehm kriegt man da Minderwertigkeitskomplexe, wenn man diese riesen Koalition sieht und dann

ist man daneben so klein und Gregor Gysi nur 1,50 groß?

B: Also Minderwertigkeitskomplexe kriegt man nicht, vor allem, wenn man sie hört, ehm wenn sie auftreten. Es ist nur eher so, dass die Bundestagsdebatten natürlich relativ langweilig geworden sind, weil spätestens nach einer halben Stunde kommt ja fast nur noch Koalition und das macht das ja nicht unbedingt spannender. Also das ist so... am Anfang kommt die Opposition, da kommt dann sozusagen der Widerspruch und dann wird für den Rest der Debatte ehm sich selbst gefeiert. Und ich glaube nicht, dass die Politik danach ist, dass man sie feiern kann, aber zumindest ist es auch nicht gerade spannend. (...)

B: Wenn wir zum Beispiel über Zuwanderung reden, dann müssen wir über niedrige Löhne reden, dann müssen wir über Scheinselbstständigkeit reden. Über all das, das sind die eigentlichen Probleme. Und nicht 20.000 Menschen die aus Bulgarien kommen und teilweise sogar auch noch qualifiziert, hochqualifiziert sind.

Jörges (gleichzeitig): Ja sicher.

I: (gleichzeitig): Das heißt... heißt das...

I (gleichzeitig): Muss ich muss ich einmal einhaken. Muss ich muss ich einmal einhaken. Das heißt, Sie unterstützen Europa uneingeschränkt? Das finden Sie gut?

B: Ja was ist Europa?

I (gleichzeitig): Ja was ist denn Europa für Sie? Sagen Sies mir.

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B: Ich unterstütze europäische Werte. Ich finde die europäische Kultur großartig...

I (gleichzeitig): Die Europäische Union.

B: Und ich finde die heutige Politik der Europäischen Union zutiefst falsch, weil es eine Politik ist, die vor allen große Unternehmen, große Konzerne, große Banken begünstigt [unverständlich].

I (gleichzeitig): Raus aus dem Euro oder drin bleiben? B: Ja das ist überhaupt nicht die Frage. Der Euro ist... I (gleichzeitig): Raus oder rein?

B: Der Euro ist jetzt... Na rein können wir nicht, wir sind drin. Und, ob man ihn auflösen sollte ist, denke ich, jetzt aktuell nicht das Problem. Wir müssen nur gucken wie wir die europäische Krise...

I (gleichzeitig): Aber die Frage die Frage würd ich trotzdem nochmal gerne stellen: Euro ja oder nein?

B: Ja der Euro ist Realität. Also wir entscheiden uns doch nicht rauszugehen. Ich vermute, dass bei der jetzigen...

I (gleichzeitig): Für Sie Frau Wagenknecht. Nein, aber Sie haben doch gesagt, Sie haben die besseren Ideen. Sie haben die besseren Ideen.

B: Ja aber Sie müssen mich auch ausreden lassen, wenn Sie mir Fragen stellen und ich kann nicht antworten.

I (gleichzeitig): Ja.

B: Ich fürchte, dass wenn man die jetzige Europolitik weitermacht, werden sich Länder wie Griechenland, wie Spanien, wie Italien irgendwann vielleicht sogar Frankreich entscheiden aus diesem Euro rauszugehen, weil wir haben eine unglaubliche Wirtschaftskrise in Deutschland, wir haben 19 Millionen Arbeitslose in in Europa, wir haben 19 Millionen Arbeitslose in 7 Europa und daran hat Deutschland auch ein Anteil, weil sie im Grunde den Preis für den Euro... in diesen Ländern ist brachiale Sparprogramme, ist immer mehr Arbeitslosigkeit, statt dass man

für die Schulden die Reichen entsprechend zur Kasse bittet.

I (gleichzeitig): Zu Recht? Lassen Sie mal die Reichen weg. Jetzt nur mal die Frag...

B: Nein, die lass ich nicht weg. Die lass ich nicht weg. I: Na na na na...

(...)

B: Es kann ja sein, dass Sie die Reichen nicht gerne hören, aber das wäre die einzige Lösung zum Beispiel...

Jörges (gleichzeitig): Das ist doch alles verkehrt. Das ist von der Position...wenn es denen, wenn es denen besser... Das ist ja alles verkehrt, wenn es denen besser ginge, wenn sie austreten, wären sie längst ausgetreten. Dann ist nicht dann dann wenn die austreten wenn die austreten und selbst bei Griechenland ist das so, dann beginnt die Verelendung. Die Verelendung, weil da weil dann die Einkommen dort noch viel stärker gekürzt werden.

B (gleichzeitig): Naja das... es es... die Stimmung geht doch immer mehr in diese Richtung. Die Verelendung ist doch längst findet doch längst statt. Gucken Sie sich doch mal die Verhältnisse in Griechenland an. Also ein Land, wo die Jugendarbeitslosigkeit bei 60 Prozent liegt – in Spanien übrigens ähnlich – wo die allgemeine Arbeitslosigkeit bei 27 Prozent liegt, da kann man doch nicht sagen, und das hat Herr Steinmeier übrigens auch nochmal gesagt, ja also die sollen doch bitte weitermachen mit ihrem Reformen, mit ihrem Sparen. Ich mein, die haben die Gesundheitsausgaben halbiert. In Griechenland können inzwischen Menschen teilweise ihre notwendigen Medikamente nicht mehr bezahlen. Und... nein... Sie wissen doch ganz genau...

Jörges (gleichzeitig): Da hat Europa aber nicht schuld. Da sind die griechischen Eliten Schuld. Ja ist richtig, aber wenn die austreten sind 80 Prozent der Jugendlichen arbeitslos, das wissen Sie auch, denn Sie sind ökonomisch klug genug. Sie machen hier einen Feldzug gegen Europa der der keine Hand und Fuß hat. Sie haben in Ihrem Europawahlprogramm reingeschrieben, Europasei eine militaristische Macht. Da habe ich meinen Augen nichtgetraut. Das ist ein bürokratischer Koloss, aber die haben ja nichtmal ne Armee. Das ist ja ein Witz. Ein Witz

B (gleichzeitig): Ah jetzt hören Sie doch auf. Hier Feldzug gegenEuropa. Natürlich hat... Nein also...I: Darf ich darf ich mal zitieren...

B (gleichzeitig): Ja ja, also die haben schon eine zunehmendeRüstungskooperation und ich finde schon fragwürdig, wenn auf dem letzten... jetzt lassen Sie mich auch mal ausreden. Wenn aufdem letzten Gipfel der Europäischen Union statt über die wirkli-chen Probleme zum Beispiel Jugendarbeitslosigkeit, darübergeredet wird, wie man Rüstungskooperationen verbessert, wieman Aufrüstung betreibt. Wenn zum Beispiel auch ein Land wieGriechenland, statt es unter Druck zu setzen, den Rüstungsetatzu halbieren, eben unter Druck gesetzt wird, Mindestlöhne ab-zusenken und Sozialstandards zu zerstören, ist das eine absurdePolitik und die sollte man nicht fortsetzen und wenn man daskritisiert, hat das nichts mit Europafeindlichkeit zu tun. Das istdoch völlig unsinnig. (Applaus)

Jörges (gleichzeitig): Aber nicht in der Europäischen Union. Inder NATO. Das ist nicht absurd, sondern notwendig. Leider.I (gleichzeitig): Spannend gerade; okay so.

I: Frau Frau Wagenknecht, an der Stelle kriegt man dann kriegt man dann Applaus. Ich würde gerne nochmal zwei Punkte auf-greifen. Also in Ihrem Parteiprogramm oder ein Entwurf ist es jaim Moment, steht tatsächlich, die EU sei, deswegen habe ich dieFrage nach der EU gestellt, eine neoliberale, militaristische undweiterhin undemokratische Macht. Ist das ernst gemeint?B: Ja also man kann immer alles eleganter formulieren und ichglaube, dass die sprachliche Eleganz dieser Formulierungverbesserbar ist. Aber was da drin steht...was da drin steht... Jörges (gleichzeitig): Formulieren Sie doch lieber eleganter.

I (gleichzeitig): Wer hat's denn wer hat's denn formuliert? War's der Gysi? Wer hat das geschrieben?

B: Also das ist im Parteivorstand auf Grundlage eines Antrags, übrigens nicht meines Antrags, das ist falsch dargestellt. Aber ist völlig egal. Was steht da drin was steht das drin...

Jörges (gleichzeitig): Sie hat das geschrieben.

I (gleichzeitig): Es wurde ko... Ja aber haben Sies geschrieben oder nicht?

B: Nein ich hab's nicht geschrieben. Also wenn Sie bisschen meinen Sprachsteil kennen ist der anders. Aber das was drin steht von der Sache her ist natürlich nicht falsch. Was ist neoliberal? Das muss man übersetzten. Neoliberal heißt, man setzt auf Entfesselung von Märkten. Man setzt drauf, dass man große übernationale Konzerne begünstigt. Genau das tut die EU. Ich meine, ich erinner Sie, eines der letzten großen Projekte der EUKommission war die Trinkwasserprivatisierung europaweit voranzutreiben. So ein absurdes Projekt. Da haben sich Massen von Bürgern dagegen aufgelehnt. Das sind die großen Wasseranbieter und Wasserkonzerne die sowas wollen.

I (gleichzeitig): Also es... Ok. Sie wollen uns doch nicht ernsthaft... Sie wollen uns sie wollen uns aber nicht ernsthaft erzählen, dass die EU eine militaristische Macht sei.

B: Ja also da ist zum Beispiel das Problem mit dem Begriff militaristisch verbinden die meisten Menschen, und das ist ja auch verständlich, wahrscheinlich das alte Preußen oder NaziDeutschland. Das heißt man müsste das anders formulieren, aber was damit gemeint ist, bedeutet...

I (gleichzeitig): Zum Beispiel. Warum haben Sies nicht? B: Ja das ist doch ein erster Entwurf.

I (gleichzeitig): Erster Entwurf.

B: Was damit gemeint ist, ist aber völlig richtig und das ist unsere Kritik, dass die EU immer stärker militarisiert wird. Und das halten wir für ein [unverständlich].

24. Das Interview in der Talkshow 275

I (gleichzeitig): Okay, das heißt... Okay, das heißt, Sie sagen, man hätte es anders formulieren müssen. Wir meinen es aber genau so?

B: Ja da ehm na wenn Sie je nachdem wie Sie interpretieren wie Sie es meinen. Ich meine damit, dass ich... Ich kritisiere die EU dafür, dass sie sich Interventionsgruppen truppen geben wird und geben will und auch schon Ansätze dafür hat, dass sie immer mehr Aufrüstung betreibt. Ich meine wir brauchen Abrüstung in Europa. Wir brauchen Verteidigung, aber keine Angriffstruppen, keine Interventionstruppen und das ist die Kritik an der EU.

I (gleichzeitig): Sie meinen es genauso. Sie meinen es genauso. Haben Sie mir ja eben erklärt. Sie meinen es so. Aber Frau Wagenknecht. Okay. Aber Frau Wagenknecht. Ja Frau Wagenknecht ich muss noch einmal dazwischen. War das ist doch... das

ist doch zutiefst antieuropäisch, wenn Sie das so sagen. Ist das 12 nicht Ihr Ernst?

Jörges (gleichzeitig): Stimmt ja auch alles nicht.

B: Was ist denn daran anti... und gucken Sie antidemokratisch oder undemokratisch. Ja wir haben doch seit Jahren erlebt, das Spiel, das nationale Regierungen in Europa ganz bewusst bestimmte Entscheidungen an Brüssel delegieren, weil die unpopulär sind. Und dann können sie ihre Hände in Unschuld waschen und sagen, ja Brüssel hat uns ja aufgegeben dieses oder jenes zu machen. Nur das ist natürlich Demokratieabbau. Ich hab doch selber im Europäischen Parlament gesessen. Fünf Jahre. Ich hab erlebt... Ich habe erlebt.... Ich habe im Ausschuss für Wirtschaft und Währung gesessen. Zum Beispiel in diesem Ausschuss war...

I (gleichzeitig): Undemokratisch. Aber fragen wir hier nochmal... Was haben Sie da gemacht eigentlich?

Jörges (gleichzeitig): Die EU will keine Truppen. Es gibt auch keine.

(…)

I (gleichzeitig): Es ist … Es ist interessant, Frau Wagenknecht, es ist interessant zu hören, wie Sie argumentieren. Wir hatten das

Thema schon mehrfach und ehm geraten an dem Punkt auch immer wieder ehm aneinander. Sie erzählen ja immer die eine 13 Hälfte und lassen die andere Hälfte weg.

Jörges (gleichzeitig): Ja. Mindestens.

B: Ja was ist die andere Hälfte? Die andere Hälfte ist, dass in Griechenland... Tatsächlich...

I (gleichzeitig): Die andere Hälfte ist, wenn wenn Griechenland raus geht aus dem Euro, dann wär das nächste Land Italien, Frankreich, Spanien was auch immer gewesen und dann wär uns das alles um die Ohren geflogen. Und so haben wir Griechenland gerettet.

B (gleichzeitig): Ja das ist ja die Gefahr. Naja das das kann ja durchaus noch kommen. Nein wir haben eben Griechenland nicht gerettet. Wir haben dazu geführt, dass inzwischen immer mehr Menschen in Griechenland tatsächlich sagen, lieber raus aus'm Euro, als länger unter diesen Diktaten der Troika und auch unter dieser Außen äußeren Einmischung.

I (gleichzeitig): Ok. Dann nochmal die Frage dann nochmal die Frage an Sie als als eine...

Jörges (gleichzeitig): Griechenland will raus aus dem Euro. Noch 14 nicht einmal Ihre Syriza die wollen's nur zu Luxusbedingungen, weil die wissen, was es bedeutet. Austritt heißt Verelendung und Austritt von Südländern aus'm Euro, den Sie verlangen, heißt

hier viele Arbeitslose, viele Arbeitslose und die sind oftmals völlig Wurscht, weil die leben in einer völlig fremden Welt. Sie leben in einer völlig fremden Welt. Wenn ich höre, dass Sie in Europa von Interventionstruppen reden, das haben Sie eben hier gesagt. Die Rüstungspolitik, die die Verteidigungspolitik, die Militärpolitik, um es ein bisschen aggressiver in Ihrem Sinne zu formulieren, spielt in der Europäischen Union überhaupt keine Rolle. Es gibt es gibt alle möglichen Ministerkonferenzen... Es gibt...

B (gleichzeitig): Die Hälfte. Die Hälfte der Bevölkerung sagt inzwischen lieber raus als weiter so. Ja das interessiert aber vielleicht die Griechen wenig. Ich verlange das nicht. Aber ich bitte Sie. Also natürlich spielt das ne Rolle. Haben Sie den letzten

Gipfel nicht verfolgt?

Jörges: Ja, ja klar. Da haben die immer über Rüstung und Inter-

ventionstruppen geredet. Die haben weder eine Arme in Europa

noch wollen sie eine haben.

B (gleichzeitig): Ja natürlich haben sie über das... Im im Lissa-

bon-Vertrag gibt es eine Rüstungsagentur, ein Aufrüstungsge-

bot...

Jörges (gleichzeitig): Lassen Sie mir doch bitte lassen Sie mir doch bitte meinen Satz zu Ende reden, weil Sie haben... ich hab

Sie auch ausreden lassen mit dem ganzen Stuss den Sie hier

verbreitet haben. Verantwortungsloser Stuss. Das tut mir

schrecklich leid, weil Sie was was was eine was eine was eine...

B (gleichzeitig): Aber Herr Jürgens Sie waren auch schon mal

niveauvoller.

I (gleichzeitig): Lassen Lassen Sie ihn einmal ausreden.

(...)

I: Und Sahra Wagenknecht, was die Wenigsten wissen, hat es auch mal als Neunjährige krachen lassen. Ist das wahr, Frau Wagenknecht?

B: Ja, aber ganz versehentlich. Also das… Sie meinen jetzt wo

ich den Weihnachtsbaum angesteckt habe?

I: Zum Beispiel. Ja.

B: Ja das war... (lacht)

I (gleichzeitig): Ist auch verjährt. Kann man mal drüber reden.

B: Ist ganz verjährt. Nein, aber das war noch nicht mal irgendwie

ehm so ne besonderer [unverständlich] von ehm Protest oder so, sondern ich hab einfach so nen Chemiebaukasten geschenkt bekommen. Und habe also mit voller Begeisterung natürlich und

noch völlig ahnungslos angefangen mit diesen verschiedenen

Stoffen und alles was man da machen konnte und ehm ja es pas-

sierte halt was passieren musste. Das Ding ehm explodierte und

es brannte der Baum und das war dann für die Familie nicht so

richtig ehm das Highlight des Weihnachtsfests. (lacht)

I (gleichzeitig): Lichterloh. Das heißt, das war nicht dein erstes 16 atheistisches Statement, sondern einfach...

B (gleichzeitig): Nein nein. (lacht) Es war mir auch dann ganz peinlich.

Anmerkungen

1: Es soll witzig sein – ist es aber nicht: Mann macht Politikerin zur Hausfrau. 2: Noch allgemeiner kann man kaum fragen. Was soll B da antworten?

3: Das ist eine Einladung, die politische Position der Linken darzustellen. Ist das Aufgabe einer Talkshow? Und wenn schon, dann besser „Was würde mit Ihrer Partei besser laufen?“

4: Sehr geistreich: die kleine Partei und er (noch kleinere) Gysi. Ist der Subtext:

„Sie haben Minderwertigkeitskomplexe“?

5: Woher kommt diese Frage? Sie passt nicht zu dem bisherigen Verlauf. Will der I sich nur zu Wort melden?

6: Gute Zuspitzung.

7: Warum soll sie die Reichen weglassen, wo sie doch ein wichtiger Teil des griechischen Problems sind?

8: Zensierend greift Jörges ein.

9: Auch hier unterbricht der I den Fluss der Diskussion; will sich zu Wort melden. 10: So feuert man als Moderator die Kontrahenten an; Jörges ist hier ohnehin der Stellvertreter des I.

11: Es wäre besser gewesen, B weiter zu drängen, zu sagen, wie sie es formuliert. 12: Die Zuspitzung „anti-europäisch“ ist sinnvoll, weil sie B erneut zwingen soll, Ihre Position klarer zu formulieren.

13: Heftige und unbelegte Provokation..

14: Nun ist er es losgeworden: „verantwortungsvoller Stuss“. Erstaunlich gelassen die Reaktion von B.

15: Nach der politischen Debatte nun abrupt yellow press, damit die Empfänger lachen.

16: Warum duzt er Wagenknecht?

Im nächsten Beispiel geht es um die „Brent Spar“, eine der Shell gehörende Plattform in der Nordsee, die ausgedient hatte und versenkt werden sollte. Greenpeace machte auf den Umweltschaden aufmerksam, berichtete zudem von Chemikalien, die noch auf der Plattform lagerten, und versuchte, die Plattform zu entern. Das Ereignis erregte beträchtliche Aufmerksamkeit (sehr viel mehr als die Shell geahnt hatte), weil noch mehr als vierhundert weitere Bohrplattformen dann auch eines Tages hätten versenkt werden können.

Der Moderator Giovanni di Lorenzo konnte aufgrund der Pressemitteilungen davon ausgehen, dass die Deutsche Shell in Hamburg keineswegs den rigiden Kurs der britischen Konzernzentrale, die „Brent Spar“ in der Nordsee zu versenken, teilte. Unter dieser Annahme war es die Aufgabe des Moderators und des Interviews, Duncan in dieser Position „abzuholen“ oder zu bestärken, damit er sie vor laufender Kamera auch äußert. Eben das, sich von der Linie der Shell-Zentrale in London zu distanzieren, gelingt di Lorenzo bei Duncan. Er kann in seiner Interpretation der Antworten von Duncan sogar soweit gehen, ihm eine Spende an den größten Gegner der Shell in dieser Affäre, Greenpeace, vorzuschlagen (Interview 47).

Auch hier beginnt der Moderator mit Fragen nach Gefühlen (1, 2, 3). Sie haben die strategische Aufgabe, über die (vermutete) Liebe zum Meer später den Befragten in die Zwickmühle zu bringen, er könne nicht das Meer lieben und gleichzeitig gutheißen, dass eine Bohrinsel in das Meer entsorgt würde (3). Für diesen „Trick“ benötigt di Lorenzo eine zustimmende Antwort auf seine erste Frage, die er auch erhält. Die Gegenfrage von Duncan ist geschickt, weil der Moderator nun Position beziehen muss:

„Weil ich denke ...“. Von Gefühlen zu sprechen, wie es di Lorenzo eingeführt hatte, überträgt sich auf Duncan. Seine Antwort auf die Frage (4) nimmt dies fast akademisch auf, allerdings ist er nicht bei seinen Gefühlen. Hierauf soll ihn die nächste Frage (5) bringen: „Aber Sie misstrauen Gefühlen“. Das gelingt im Ansatz und führt zu der Aussage, solche Gefühle würden im Kalkül des Unternehmens nicht hinreichend berücksichtigt (6).

Der Moderator hätte diese Diskrepanz aufnehmen können, doch beginnt er ein scheinbar neues Thema (7), fragt „unschuldig“, zeigt aber dann sein Wissen (8). Er geht dann wieder auf die persönliche Ebene und steuert den vermuteten Konflikt zwischen Duncan und dem Unternehmen an (9), was Duncan direkt und alltagssprachlich aufnimmt (10). Die „Bewährungsprobe“ (11) ist zu schwach, um das Problem des persönlichen Konflikts fortzuführen, weshalb der Befragte allgemein antworten kann (12).

Es folgt eine neuer Versuch, den Zwiespalt von Duncan anzugehen, nun will di Lorenzo seinen Gesprächspartner von „hinten erstechen“ (13, 17), wozu ihm Duncan in seiner Antwort (14, 15) auch eine Chance gibt, insbesondere deshalb, weil er wieder auf die Gefühle zu sprechen kommt (14, 16). Der Moderator nimmt dies mit einer interpretierenden Nachfrage auf (17), an die er aber keine Frage anschließt, so dass Duncan nun ein freieres Feld hat – weshalb di Lorenzo die Antwort, als der Befragte abzuschweifen beginnt, unterbricht (18). Das Problem, vor dem Duncan steht, wird aber nochmals in der folgenden Antwort deutlich (19).

Interview 47

Radio Bremen III nach Neun, 25. 8. 1995

Giovanni di Lorenzo – Peter Duncan, Chef der Deutschen Shell AG

Vor dem Interview läuft ein Film mit der Ölbohr-Plattform „Brent Spar“, der sich die Boote von Greenpeace nähern. I und B sitzen nebeneinander.

I: Herr Duncan. Wir haben diesen schönen, lustigen Film vorberei-tet, weil wir erfahren wollten, was für'n Verhältnis Sie zum Meer

haben.

B: Ja, wissen Sie, ich bin auf einer Insel aufgewachsen. Ich bin Neuseeländer. Und ich segle gerne. Wir lieben alle das Wasser. Ich liebe Städte, wo es Wasser gibt. Ich wohne im Augenblick in Hamburg, wo es Wasser gibt. Das finde ich schön. Aber wir haben, glaube ich, alle eine ganz natürliche Einstellung zu Wasser.

I: Das heißt, Sie müssten ja jetzt eigentlich ganz happy sein.

B: Meinen Sie?

I: Ja. Weil ich irgendwie denke, jetzt ist diesem schönen Meer, das

Sie mögen, so wie ich, eine Belastung mehr erspart geblieben.

B: Ja. Das, von diesem Standpunkt aus, kann man das sagen. 4 Aber wissen Sie, Sie sprechen etwas an natürlich, was sehr viele

Gefühle bringt, nicht wahr? Es gibt ein Gefühl, das sagt genau das, was Sie sagen. Ich verstehe das. Und ich verstehe auch, dass das ein tief greifendes Gefühl ist von vielen Leuten.

I: Aber Sie misstrauen Gefühlen.

B: Nein. Überhaupt nicht. Überhaupt nicht, und ich bin der Meinung, dass wir als Gesellschaft eigentlich diesen sehr wichtigen Aspekt – wir haben schon in einer anderen Verbindung ein bisschen darüber gesprochen – das sehr unterschätzt haben. Und das ist

eine Tendenz von Zeit zu Zeit von großen Unternehmen – tendie- 6 ren, glaube ich, ehrlich zu arbeiten, technokratisch zu arbeiten, ge-

nau zu arbeiten und vielleicht ungenügend Rücksicht zu nehmen auf diesen Aspekt. Das, glaube ich, ist richtig. Und aus dieser Erfahrung haben wir natürlich jedenfalls diesen Aspekt gelernt. Das ist die eine Seite. Es gibt auch andere Seiten natürlich, die sagen,

dass – man darf nicht im Druck von Gefühlen Entscheidungen treffen. Darüber kann man auch sprechen. Dieser Fall – bei einem Fall

– ein Beispiel vielleicht des größten Problems, eine der größten Herausforderungen der nächsten paar Generationen. Die heißt Entsorgung. Und wir sprechen über Kunststoffentsorgung, wir sprechen über alle verschiedenen Arten Entsorgung. Und dies war und ist immer noch ein wichtiges Entsorgungsproblem.

I: Herr Duncan, wir haben – also ich muss sagen, uns fehlt richtig etwas. Seit Wochen haben wir nichts mehr von ihr gesehen. Wie geht's denn der „Brent Spar“?

B: Geht ganz ruhig, eigentlich. „Brent Spar“ ... I: Wo ist sie?

B: Ist in Norwegen. In einem Fjord. Und im Augenblick wird untersucht – den Inhalt von „Brent Spar“. Sie wissen, dass es verschiedene Beschreibungen von Brent Spar gab, was gibt es auf

„Brent Spar“, was gibt es für Rohöl, was gibt es für Schwermetalle 8 usw., usw.

I: Radioaktive Salzkruste.

B: Es gab verschiedene Meinungen, das ist es, was du sagst. Und jetzt untersucht eine unabhängige Organisation, die so genannte North Sea (?), die Art und Weise, wie verschiedene Organisationen, Shell und Greenpeace sind zwei Beispiele, das geschätzt hatten, und macht ihre eigene Schätzung. Das geschieht jetzt im Au-

genblick, und dann muss der ganze Prozess ...

I: Entsorgung an Land. Sie sagen, Sie sind, Sie haben versucht, was Positives zu machen. Sie haben einen Imageschaden gehabt. Sind Sie denn persönlich als – in Frage gestellt worden, von Ihrem Konzern. Das ist ein englisch-holländischer Konzern. Sie sind nur der Chef von Deutschland. Sie haben ja auch mal das Wort der

„Dummheit“ geprägt, das in einem großen Interview veröffentlicht worden ist. Wackelt Ihr Stuhl?

B: Ob ich bald rausgeschmissen werde? I: Hmh.

B: Bis jetzt gibt es kein Zeichen. Ich glaube, vielleicht, es ist eher die Tendenz zu sagen, du bleibst da ein bisschen. Und wir sehen,

ob wir nicht das Ganze wieder zurechtbringen können, da in Deutschland.

I: Also Sie haben noch mal eine Bewährungsprobe vor sich.

B: Das – ich glaube, das hat man immer. Das hat man immer. Aber wir haben erhebliche Probleme da gehabt. Und ich glaube, dass wir alle ein bisschen Schuld haben. Alle, in der ganzen ShellGruppe. Wie gesagt, die deutsche Shell fühlt sich auf eine merkwürdige Art und Weise betroffen in einer dezentralisierten Organisation, weil Entscheidungen in einem Land getroffen werden, die vollständig akzeptabel da sind. Stoßen dann auf Problem in einem anderen Land, die dann direkt das Unternehmen da betreffen. Aber so ist das, so ist das Leben. Wir haben Probleme. Wir müssen die eigentlich versuchen, zu verbessern.

I: Herr Duncan, Sie haben mehr gemeinsam mit Thilo Bode, dem Chef von Greenpeace, ein halber Neuseeländer, Sie haben einen neuseeländischen und englischen Pass. Müssten Sie im Moment

nicht Greenpeace sehr nahe stehen? Wegen der Atomtests am Mururoa-Atoll?

B: Ja, das ist ein interessantes Gefühl. Ich bin wirklich in einer merkwürdigen Situation da. Ich bin Neuseeländer, eigentlich (?),

aber immer. Mein Zuhause ist eigentlich Australien. Und ich fühle mich beleidigt, wenn eine europäische Regierung beantragt, Atom proben sozusagen dort bei uns zu machen. Und das ist ganz interessant für einen Menschen, der sozusagen vor einigen Monaten

sich in einer ganz anderen Situation befand. Und deshalb hat man

verschiedene und gemischte Gefühle.

I: Das heißt, Sie sind gegen die Atomtests. Ganz klar.

B: Ich bin gegen die Atomtests. Ich muss Ihnen zugeben, dass wenn ich das sage, wenn zum Beispiel über Boykott gesprochen wird ...

I: Boykott, das ist ein Wort, das können Sie lange nicht mehr hö-

ren, nicht?

B: (?) Wenn ich das Wort höre, dann tendiere ich zu sagen, selbst wenn mein Bauch hier mir sagt: Das kann ich nicht akzeptieren. Ich sage auch, ich würde gerne hören, was die Franzosen dazu zu sagen haben. Also es hat immer ein Problem für uns in dieser Zeit überhaupt angehört zu sein. Über die Geschichte. Das hat über-

haupt nichts zu sagen, dass die Entscheidung da von allen Stand

punkten ja auch richtig war. Aber es war ein ehrlicher Versuch, eine richtige Lösung zu finden. Und das konnte man damals nicht durchbringen. (...)

Die zwei Beispiele haben mehrere Elemente gemeinsam. Beide Moderatoren haben eine Hypothese darüber, welche Einstellung die befragte Person zu dem Ereignis hat: die eine zur Wahl, der andere zur Versenkung der

„Brent Spar“. Aus dieser Annahme heraus fragen sie und versuchen zu sehen, wieweit es ihnen hiermit gelingt, Antworten zu erhalten, die zumindest im Sinne ihrer Annahme liegen. Im für diese Strategie günstigsten Falle könnten sie eine interpretierende Nachfrage stellen „Sie waren also doch dagegen“ – womit sich ihre Annahme als gerechtfertigt herausgestellt hätte.

Das erste Element der Strategie ist demnach:

• eine Annahme über die Einstellung der befragten Person zu haben

• und darauf die Fragenstrategie aufzubauen.

Damit eine solche Strategie erfolgreich sein kann, muss es der Moderatorin bzw. dem Moderator gelingen, Amt und Person zu trennen. Die befragte Person soll nicht in der gewohnten formellen Weise als Amtsinhaber/in antworten, sondern gleichsam als Privatperson. Das wiederum ist umso leichter möglich, je ungezwungener die Umgebung ist. Zur „Umgebung“ gehören der Raum und seine Ausstattung, die Tische, Sitzmöbel, Getränke und die anderen Gäste.

Die Umgebung ist kein Teil der Strategie, aber eine Bedingung, die eine spezifische Fragestrategie begünstigt. Die Fragestrategie selbst besteht im Kern darin, Fragen zur Person zu stellen und die Gäste dazu zu bringen, sich selbst darzustellen: offen, eitel, wertend, unausgewogen. Die Selbstdarstellung kann nun nicht darin bestehen, seine offizielle Position herauszustellen (den Aufsichtsratsvorsitzenden, den Bankier, die Ministerin, die Vorsitzende einer internationalen Vereinigung), weil dieser Weg durch die Umgebung praktisch abgeschnitten ist. So bleibt den Gästen nur der Weg, sich, ihre Person, darzustellen. Das gelingt nicht allen Gästen in dem gleichen Maße, auch haben nicht alle ein gleich starkes Interesse daran. Das ist auch gar nicht wichtig, entscheidend ist vielmehr, dass die Gäste in einer Talkshow in diese Richtung gedrängt werden. Dieser Effekt der Umgebung kann noch verstärkt werden, wenn die Interviews während einer Tätigkeit stattfinden, z.B. bei Heike Götz („Landpartie“, NDR), die Bauern z.B. beim Melken einer Ziege befragt, bei Ina Müller zwischen Singen & Trinken („Inas Nacht“, NDR) oder bei Alfred Biolek, der in „Alfredissimo“ (WDR) mit den Gästen kochte und redete.

Das zweite Element ist demnach, • einen Bruch zwischen Rolle und Person herzustellen. Wenn dies gelingt, dann äußert sich „die Person“ anders als „die Rolleninhaberin“: Es tritt eine Diskrepanz zwischen den offiziellen Stellungnahmen und den Antworten im Interview ein. Anders formuliert: Zu dem gleichen Thema sind die Antworten im „heute journal“ anders als in einer Talkshow.

Der Bruch wird durch das dritte Element, die Art der Fragen, bewirkt:

• Fragen, in denen sachliche und emotionale Inhalte verknüpft werden,

z.B. Fragen

• zur Person,

• zur persönlichen Bewertung von Ereignissen („Wie haben Sie sich gefühlt?“),

• Anspielungen, Suggestivfragen, Provokationen („Das macht Ihnen doch nichts aus“).

Das erfordert allerdings auch, wenn die Moderatoren ihre Neutralität aufgeben und selbst werten, dass sie dann auf Rückfragen und Kritik gefasst sein müssen.

Das vierte Element ist daher

• die Rolle des Stellvertreters/der Stellvertreterin der Empfänger ein Stück weit aufzugeben, sich selbst der Kritik der Befragten und Empfänger auszusetzen.

Warum funktioniert diese Strategie in beiden Beispielen und in so vielen anderen Fällen? Es ist nicht einfach, hierauf eine bündige Antwort zu geben. Zum einen ist es wohl die Umgebung: Die befragten Gäste wissen, dass sie hier eine lockere, wenig formelle Atmosphäre vorfinden, in der nicht Korrektheit, sondern Witz, Persönlichkeit und Spontaneität erwünscht sind. Entsprechend verhalten sie sich oder versuchen es zumindest. Hierfür ein weiteres Beispiel aus einem Interview mit Rita Süßmuth:

Radke: „Der Bundeskanzler war nicht immer sehr angetan von Ihnen, nicht? Er hat hin und wieder mit Ihnen Ärger gehabt oder Sie mit ihm.“ – Süßmuth:

„Wir haben 'ne Zuneigung besonderer Art.“

Zum zweiten haben die Gäste ja auch noch ein anderes Leben als jenes, das in den „Tagesthemen“ oder im „heute journal“ abgefragt wird. Es ist sogar nicht auszuschließen, dass sie in die Talkshow mit der Absicht kommen, sich zu erleichtern. Das ist möglich, weil ihre Bezugsgruppe – die Kolleginnen und Vorgesetzten – ihre Äußerungen nicht so schwer nehmen müssen, weil sie ja „nur“ in einer Talkshow gemacht wurden, eben nicht in einer Nachrichtensendung. Diese eigentümliche Kombination von Erwartungen und Möglichkeiten auf beiden Seiten, Moderatoren und Gästen, machen den Reiz und den Informationsgewinn einer guten Talkshow aus.

Selbst wenn nämlich die Moderatoren versuchen, die formellen Grenzen aufzuweichen, wie Wickert in dem Interview mit Rühe (Beispiel 14), so bleiben sie doch Gefangene des Stils ihrer Sendungen. Das hat zweifellos seine Berechtigung. Anders ist es in den Talkshows: Sie sollen so formell nicht sein, sondern im besten Falle Spielplätze, die jedoch gut vorbereitet von den Moderatoren besucht werden. Das heißt aber auch: Die gut vorbereiteten Moderatoren nutzen die scheinbar leichte und informelle Form der Talkshow, um an die weniger gut vorbereiteten Gäste sowohl einfache als auch komplizierte und kritische Fragen zu stellen.

Die Talkshow eignet sich leider auch dazu, ohne Konzept (dafür sehr schnell) zu fragen, wie das Beispiel 48 zeigt. Hier nutzt es der Befragte, um mit ironischen Antworten die Interviewerin noch unsicherer – und als Reaktion darauf: albern – werden zu lassen. Und welches ist das Informationsziel? Ganz einfach: Nur gucken, just fun.

Interview 48

VIVA Sarah Kuttner, 31. 3. 2005

Sarah Kuttner – Farin Urlaub, „Die Ärzte”

I: …jetzt wird's aber Zeit, ich hoffe so sehr, dass Farin Urlaub wirklich auf Knien reingekarrt wird [Größe: 1,90] er ist, damit dass sieht sonst so doof aus gleich, aber wir gucken mal, äh, großen großen Applaus für Farin Urlaub.

(Musik)

I: (hüpft B entgegen) Mann, ey, Farin, B: Danke.

I: Du kannst doch nicht…

B: Geschmackvolle Musik hier, wie Steaks, herrlich

I: Hier bei Du kannst doch nicht dir nicht so Zeit lassen mit dem Reinkommen, ich dachte sofort wieder: abgesagt,

B: Ich wusste doch nicht, ob ich kommen soll oder nicht I: sauer nach Hause gegangen.

B: ick hör hier so'n Lärm und du redest die ganze Zeit

I: Na die sch… da hinten ist doch immer jemand, der einen in den Arsch tritt, wenn man los soll.

B: Nö, meinst Du, der traut sich, mich in'n Arsch zu treten, sollst Du mal sehen, ne?

I: Ah, ich schon. Mann, ich krieg sofort immer Angst, so viel Leute, wie uns immer absagen, dank ich, alles klar, Farin Urlaub direkt sauer geworden.

B: Ja, ah, bis auf die schlechte Nachricht, es war echt total nett bei Dir,…

I: Ja, danke, ne?

B: vielen Dank an die böse böse Uhr.

I: danke, dann nimmst Du Deine CD's direkt wieder mit, ne?

B: Äh, ja, oh, aber (...)

I: Bei… (lacht, jault) okay, ich wer ich hab ich dann komm ich auch gut zur ersten Frage…

B: Leckeres Wasser, ist voll gemütlich bei Dir, danke.

I: Möchtest Du 'n Apfelsaft, Du musst hier gar nicht mal so rumnölen.

B: Ne, ich mag Wasser. I: Fresse halten.

B: mag Wasser.

I. Das hier ist das Solo-Album von Farin Urlaub. B: (Falsett:) Nich in dem Ton!

I: (hält CD in die Kamera) Das hier ist das Solo-Album von Farin Urlaub.

B: Das zweite. Nochmal.

I: Ich wei ich weiß. Das hier ist das zweite Solo-Album von Farin Urlaub. (Lachen) Mann.

B: Das kann man auch netter sagen

I: Was ich sagen wollte, wenn Du 'n Solo-Album machst, ne, dann machst Du, also B: 'N Solo-Album.

I: dann machst aber mal richtig 'n Solo-Album, B: oder

I: also dann machst Du B: nich so,

I. wirklich

B: nicht so'n Pussy-Scheiße

I: Jetzt hör zu, jetzt komm ehrlich B: ja also, Entschuldigung

I: weil Du machst ja wirklich

B: Du hast ja gesagt vorher, ich rede,… I: alles

B: und wenn ich rede, hältst Du den Mund, jetzt weiß ich's wieder, ja, danke.

I: Ja genau. Alles alleine gemacht.

B: Jetzt, also jetzt redest Du dann quasi

I: Du produzierst selber, Du nimmst selber auf, Du schreibst natürlich selber und machst alles mit Dir alleine aus, hast auf'm auf der letzten Platte auf jeden Fall, ich weiß nicht, ob es auf der jetzigen auch ist, fast alle Instrumente auch selber gespielt, warum? Ist das w wie Kontrolle, äh, oder Geiz, oder warum machst Du alles so doll äh mit Dir alleine? Ich find das toll, aber es is ja 'ne Scheiß-Arbeit. (Pause) Jetzt Du.

B: Ach ja, okay.

I: Das ist der Punkt, wo Du jetzt antw… ach so, B: Ach so

I: äh, ham wir nicht abgesprochen B: Wir machen dann irgendwie so'n, I: genau

B: so'n Signal,

I: wenn ich länger als

B: also wenn Du so machst, (klopft)

I: fünf Sekunden ruhig bin B: dann bin ich dran

I: ne, wenn ich länger als fünf Sekunden bin B: dann bist Du tot,

I: dann bist Du dran

B: dann hol' ich sofort 'nen Arzt I: richtig

B: schön

I: Jetzt noch die Antwort! B: Die Antwort: Ja.

I: Nein, warum Du a immer alles alleine machst, B: Ach so,

I: ist das tatsächlich so'n Kontrollding?

B: So aus Scheiß halt. Du willst 'ne richtig ehrliche Antwort, oder?

I: Äh ja, ich hab auch äh total ehrl… Du pass auf, das wird kein Quatschinterview, ich hab lauter wichtige Fragen, die ich beantwortet

B: Momomooooooohooo

I: Scheiß Mann, Scheiße, haben die Dir was anderes versprochen?

B: ...

I: Scheiße echt,

B: Ich bin hier, die ham gesagt, die Sarah is voll lustig eh, brauchst Du nich…

I: Alter, Fuck, Scheiße

B: Du kannst doch nicht ficken sagen… I: Okay, pass auf,

B: im Fernsehn.

I: Ich mach äh ich ma ich das von hier oben ich mach es neues. Hab ich alles schon gemacht. (Johlen, Applaus)

B: Okay, nein, …

I: Ey, an dieser Stelle

B: das war, das war so billig, dafür will ich keinen Applaus I: Das war billig, aber selbst wenn all diese Worte hab ich B: Ich sag Dir jetzt die Wahrheit

I: schon so oft gesagt

B: Ich sag Dir jetzt die Wahrheit, weil Du willst die Wahrheit, weißt Du, Du bist Du bist so 'ne Frau, Du willst die Wahrheit wissen. (...)

Wie viel in diesem Interview ist von der I Ernst gemeint? Wenig, möchte man vermuten, wenn man einem Interview von Mark von Huisseling (2009: 115) mit Sarah Kuttner folgt:

MvH: Interessierst Du Dich für Deine Gäste? SK: Um ehrlich zu sein, gar nicht.

MvH: Ich mich auch nicht. Ich hab seit zehn Wochen keine Frau mehr in der Kolumne gehabt, das war der Grund Dich zu treffen.

SK: Ist'n starkes Argument. Mich interessieren Menschen nicht genug. Ich versteh nicht, wenn Leute sagen: Das Tolle an meinem Job ist, dass man Menschen kennenlernt. Ich möchte keine Menschen kennenlernen, ich kenn genug. Hab ich noch niemandem gesagt. Wär' schön, wenn Du keine Überschrift draus machst.

Oder ist auch das nur eine Inszenierung für die Medien? Dass man mit Farin Urlaub auch interessante Interviews führen kann, ist in „Galore“ (Staude 2005) nachzulesen.

An einem weiteren Beispiel lassen sich zahlreiche Einzelprobleme von Talkshows zeigen. Sie kommen aus einem Trainingsseminar zum Thema

„Illegale Autorennen“ Wir ordnen die Beispiele nach handwerklichen Formen.

1. Eine gelungene Provokation des Gastes.:

Frage an einen Gast, der illegale Autorennen fährt: „Muss es weiter Rennen geben: illegal scheißegal?“

2. Ein Beispiel für den Fragetyp „Frage plus Information“.

Moderatorin: „Was geht da in Ihnen ab? Ich meine, das ist ja ein Wahnsinnserlebnis, in so einer Kiste zu hocken, und dann knallen ein paar Hundert PS auf die Straße und die Reifen rauchen...?“

Gast: „Das ist aber der Spaß.“ Moderatorin: „So eine Gefahr ...“ Gast: „Das kann nicht jeder.“

Der Nachteil ist, dass sich der Gast die Antwort überlegen kann, weil auf die Frage noch Information folgt. Damit wird eine spontane Reaktion, die gerade durch die gute Frage erreicht werden sollte, zunichte gemacht.

3. Beispiel für gutes Nachhaken und gute Formulierung:

Moderatorin: „Wäre für Sie Herr G. [gemeint ist der illegale Rennfahrer] ein Mitglied für den ADAC?“

Gast (ADAC): „Jeder, der Mitglied werden will.“ Moderatorin: „Wäre er Ihnen sympathisch als Mitglied?“ Gast: „Das ist in der Frage völlig unerheblich.“

Moderatorin: „Ich möchte es aber trotzdem gerne von Ihnen wissen.“ Gast: „Für mich persönlich wäre es kein sympathischer Kandidat.“

4. Erste Frage nach dem Film „Burn Out“, der illegale Autorennen zeigt, an Herrn G., der solche Autorennen fährt.

Moderator 1: „Herr G. Was geht da ab, was ist das für ein Feeling?“ Gast: „Das ist toll, einfach Spitze, wenn es so funktioniert, wie es da aussieht, ist es immer prima und Sie sehen ja, die Leute sind so begeistert, die flippen ja fast aus. So eine Begeisterung haben sie noch nicht einmal beim Boxkampf.“

5. Ein Beispiel für eine verschenkte Chance, den Gesprächspartner „beim Wort zu nehmen“:

Moderatorin: „Das ist der normale Autofahrer. Sie machen jetzt noch mehr, noch schneller. Was ist da so als leidenschaftlicher Fahrer, was ist da für Sie der Unterschied? Weshalb machen Sie das?“

Gast: „Nun ja, einmal ist da eine Spontaneität, die da aus irgendeiner Laune heraus passiert, und zum zweiten ist es mehr oder weniger gewollt, dass man sagt, ich fahr da hin; es kann sein, dass ich jetzt, äh, gegen irgend jemanden antreten muss, der da vielleicht schneller fahren möchte als ich. Es ist nur leider so, dass, äh, man sich nicht den Platz aussuchen kann, sondern der Platz, äh, als solches stellt sich an sich zur Verfügung, von sich aus, und wir treffen wir uns, wie gesagt, äh, nur zufällig.“

Leider folgt auf diese lange Äußerung des Gastes keine Nachfrage, obgleich die Antwort eine Fülle von Angeboten enthält:

• Warum muss er antreten?

• Warum kann er sich den Platz nicht aussuchen?

Ferner fällt auf, dass vor allen entscheidenden Äußerungen ein „äh“ kommt. Dies ist ein Hinweis darauf, dass er unsicher ist, ob er es sagen soll.

6. Frage plus Information:

Moderator: „Ja, Herr M., seien wir doch einmal ganz ehrlich. Ohne Faszination am Autofahren bzw. Motorradfahren gäbe es ja den ADAC nicht. Warum waren Sie da an dieser Session [es geht um illegale Autorennen], sag ich mal, nicht beteiligt? Ist es auch ein bisschen Überheblichkeit, so von wegen: das ist eine wilde Horde und wir sind die braven deutschen Autofahrer?“

Auch hier stellt der Moderator zuerst eine offene Frage und schließt sie dann durch Antwortangebote. Das hat zwei Nachteile: 1. Der Gast kann sich von der Frage an schon die Antwort überlegen, während der folgende Satz noch formuliert wird. 2. Es bringt die Antwort durcheinander, weil der Gast nun auf den Nachsatz reagieren muss. 3. Die Antwortangebote müssen überhaupt nicht mit den Gründen übereinstimmen, die der Gast genannt hätte, wenn die Frage offen geblieben wäre.

Ängste der Moderatoren:

• Die Angst, nicht alle Gäste gleichmäßig einzubeziehen: Unberechtigt, wir bevorzugen eher jene, die gute Antworten geben.

• Die Angst vor der Länge des Zweiergesprächs: Weitgehend unberechtigt, denn ein Dialog kann so lange geführt werden, wie er trägt.

• Die Angst davor, das Interview könne zu „ernst“ werden und damit das

„Infotainment“ der Talkshow verlassen: Ebenfalls unberechtigt, denn solche Passagen schaffen auch Abwechslung für die Zuschauer.

Welche Form von Fragen man stellen sollte und welche nicht

Gut, hilfreich, richtig:

• Einfühlsam sein: „Was wollen Sie gerne sagen?“

• Formulierungen des Befragten aufnehmen: „Sie sagen ...“

• Offene Fragen und interpretierende Nachfragen.

• Sicherheit für den/die Befragte: offene Frage zu Beruf am Anfang – also etwas, was er/sie schildern kann.

• Anschaulichkeit: Kann ein Empfänger sehen, was der Befragte sagt? Schlecht, nicht fördernd, falsch:

• „Ich könnte mir vorstellen...“ Besser: direkt nach dem Sachverhalt fragen.

• Fragen, die zu allgemein (unanschaulich) sind: „Welche Bereiche umfasst das Zentrallabor?“ Antwort: „Pathologie, Immunologie, pathogene Mikroorganismen, Mikrobiologie“ – Auf Wiedersehen, Empfänger! Frage an einen Bahnhofspolizisten: „Was ist Ihr Aufgabenbereich?“ Besser: „Was ist passiert? Welche Vorfälle gab es in der letzten Woche?“ Was haben Sie da getan?“

„Wie sind Sie (Chef, Verwaltungsdirektor) geworden?“ Diese Frage führt ebenfalls zu ausschweifenden Antworten.

• Die Beredsamkeit des Interviewers kann die Befragte verstummen lassen. Fragen Sie kurz.

• Fragen nach dem Verhalten in der Freizeit sind meist unproduktiv. Was sagt es Ihnen, dass die/der Befragte gerne segelt? Fragen Sie besser nach den Ansichten über die Welt, wenn Sie etwas über die Person erfahren wollen. Nicht Freizeit, sondern Ansichten sind „privat“. Beispiel: Fragen Sie den Facharbeiter, der Lüftungsrohre in den Lokomotiven verlegt, danach, was er von deutscher Wertarbeit hält.

• „ganz konkret“ besser: „genauer“, „an einem Beispiel erläutern“

• „man“: besser „Sie“.

• Überflüssige Fragen: Bundespressekonferenz, Frage an den stellvertretenden Regierungssprecher: „Welches Urteil erwartet die Bundesregierung vom Bundesverfassungsgericht?“ Antwort: „Ein Urteil“ (Streiter 2012).

Diese Hinweise sollen nicht allein den Interviews in einer Talkshow dienen, sondern auch dazu anregen, Interviews außerhalb von Talkshows in einer anderen Form zu führen. Eine Reihe weiterer Hinweise, wie sich Interviews zur Person führen lassen, lassen sich auch von den langen Interviews zur Person übertragen, auf die wir im nächsten Kapitel eingehen.

 
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