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Interviews zur Person

22. Einstiegsfragen

Bei Interviews zur Person und bei Interviews in (politischen) Talkshows ist die Einstiegsfrage von großer Bedeutung – sie „setzt den Ton“. Dieser Meinung waren unabhängig auf einer Tagung des „Netzwerk Recherche“ im Dezember 2008 Anne Will und Maybritt Illner, aber auch Arno Luik (Der Stern) und Regina Sylvester (Berliner Zeitung) voneinander. Die E sollen staunen, verblüfft sein.

Demnach kommt der Einstiegsfrage eine doppelte Bedeutung zu: Sie soll den B öffnen und die E dazu bringen, neugierig zu werden und zuzuhören. Vielleicht schreibt man damit der Einstiegsfrage eine zu große Aufgabe zu, aber dennoch wollen wir einige gelungene Beispiele anführen. Ausnahmsweise entnehmen wir die meisten Printmedien, weil dort die (zweite) Aufgabe, die Leser zu gewinnen, besonders ausgeprägt ist und deshalb die Beispiele eindrucksvoller.

SZ, 21. 11. 2008, Uwe Ritzer – Markus Steinhöfer, 22, Fußball Jung-Profi, Eintracht Frankfurt

I: Herr Steinhöfer, reden wir über Geld. Wie oft wurden Sie schon im Stadion als „Scheiß-Millionär“ bezeichnet?

B: Bei Salzburg passierte das bei fast jedem Auswärtsspiel. Der Klub gehört dem Red-Bull-Chef Dietrich Mateschitz und hat mehr Geld als alle anderen in Österreich. Das sorgt für Neid. Wenn wir schlecht spielten, schimpften auch die eigenen Fans: „Ihr kriegt soviel Kohle, wie könnt Ihr verlieren?“

I: Hat Sie das persönlich berührt?

B: Das ist schon hart. Aber du kapierst auch schnell, dass du das in dem Geschäft aushalten musst.

I: Verdienen Fußballprofis zuviel?

SZ, 17. 12. 2008, Marten Rolff – Naomi Harris, 30, Fotografin, die fünf Jahre lang in den USA Fotos von Swinger-Parties gemacht hat.

“Mit dem Sternenbanner beim Gruppensex“

I: Ms. Harris, welchen fotografischen Erkenntniswert bieten Swinger-Partys?

B: Für mich einen anthropologischen. Das Reizvolle ist doch, dass die Gäste dort Stunden zuvor noch mit Dir an der Supermarktkasse gestanden haben könnten. Es gibt ein Riesen-Buffet. Alle stopfen sich voll, und zwanzig Minuten später fallen sie im Hinterzimmer übereinander her. Ich war erst ohne Kamera dort und dachte: Wow, das musst Du irgendwie dokumentieren! Und ich musste mich bemühen, nicht zu lachen. Seien wir ehrlich: Menschen, die Sex haben, sind komisch.

I: Wieso das?

B: Der Ernst der Partygäste ist unglaublich. Da läuft ein alberner Porno und alle sind wahnsinnig konzentriert bei der Sache. Ihre demonstrativen Blicke. Ihre Geräusche. Jede Geste drückt aus: Seht her, wie phantastisch es ist! An keiner Stelle wird eine Distanz dazu erkennbar. Muss man sich dermaßen ernst nehmen?

SZ, 31. 10./1./2. 11. 2008, Andreas Dorschel Alfred Brendel, der Konzert-Pianist, gab sein Abschiedskonzert

„Die ganze Erde mit einer Kanone Gott ins Gesicht schießen“

I: Warum kommt das Wort „aufhören“ wohl von „hören“? Hört man immer auf den oder die anderen, wenn man mit etwas aufhört?

B: In meinem Fall habe ich auf andere gehört, als ich vor zwei Jahren aufhören wollte und sie mir sagten: Du spielst jetzt noch weiter. Aber diesmal höre ich auf mich selbst und höre mit dem Aufhören wirklich auf.

I: Wie fühlt es sich nun aber an, Ihr konzertpianistisches Aufhören?

B: Wunderbar. Es geht mir wie dem Butler aus der Monster-Familie des amerikanischen Cartoonisten Chas Adams: Während alle Leute um ihn herum verstört und weinend im Kino sitzen, grinst er über das ganze Gesicht.

In den drei Beispielen gelingt es den I, sowohl die B sehr direkt anzusprechen als auch bei den E Interesse zu erzeugen, allerdings auf sehr unterschiedliche Weise, wie der Kontrast Steinhöfer gegenüber Brendel zeigt. Aufschlussreich ist auch, dass bei Steinhöfer und bei Harris der Einstieg über eine Provokation erfolgt. Das steigert sich noch im nächsten Beispiel; der I kann nur deshalb so provokant (ohne Frage!) einsteigen, weil er einen B vor sich hat, von dem er weiß, er reagiert nicht beleidigt sondern spielt mit:

23. Das kurze Interview zur Sache und zur Person 235

Der Stern, 20. 11. 2008, Arno Luik – Michael Graeter, 67; Graeter, war 20 Jahre lang Klatschkolumnist, 2008 im Gefängnis, versucht Comeback, schreibt wieder in der „Abendzeitung“

I: Herr Graeter, es tut mir leid, Sie sind ein erledigter Fall, Ihr Leben ist verpfuscht.

B: Wie bitte! Mein Leben ist nicht verpfuscht, überhaupt nicht. Schauen Sie, ich habe 20 Jahre großartigen Glücksrittertums hinter mir, war jahrzehntelang ein erfolgreicher Geschäftsmann, erfolgreicher Gesellschaftsreporter …

I: bis vor Kurzem saßen Sie im Gefängnis.

B: Passen Sie bloß auf, beachten Sie nun jedes Wort, denn ins Gefängnis kommen Sie schneller, als Sie denken! Ein Patzer, und der Horror beginnt. Und dann fahren Sie mit einer grünen Minna mit Sehschlitzen durch die Stadt, ein Fiasko, entstanden durch verschiedene Umstände.

Und hier noch zwei gute Beispiele aus Interviews aus unserer „Werkstatt“:

„Frau V., Sie haben mit 25 Jahren Ihre eigene Model-Agentur gegründet. War das mutig oder naiv?“ Erst einmal lacht die B, um dann auf beides einzugehen. Schon haben wir viel Material für weitere Fragen.

„Herr G., sind Sie als Fotograf ein Voyeur?“ Da sagt der B selbstverständlich erst einmal „Nein“, begründet dann – wie bei einem Nein zu erwarten

– seine Antwort ausführlich und bietet viel Material für Nachfragen an. Genau das wollten wir erreichen.

 
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