Desktop-Version

Start arrow Medien und Kommunikationswissenschaft arrow Das journalistische Interview

< Zurück   INHALT   Weiter >

4. Anschaulichkeit

Der Interviewer sollte nicht bei dem Kenntnisstand seiner Person oder des Befragten ansetzen, sondern dem der Empfänger. Was berichtet wird, sollte für die Empfänger sichtbar, in Bildern nachvollziehbar sein. Beispiel: In einem HF-Interview zum „Friedensladen“ fragte der Interviewer: „Wenn man die Tür zu Ihrem Laden öffnet, was sieht man dann?“ „Was kann man in Ihrem Laden kaufen?“

Wenn eine Person ihre Arbeit vorstellt, so soll dies durch Beispiele belebt werden und in Ich-Form geschehen. Beispiel: Ein Interview mit einem Jugendoffizier, der seine Arbeit darstellt. Nach diesem Interview mit dem

„Experten“ meinten die Empfänger „Er wollte etwas besonders gut erklären, deshalb war er so umständlich“. Angenehmer wäre es ihnen gewesen, der Jugendoffizier hätte seine Arbeit stärker in Erzählform dargestellt.

Wie ein aspektreiches Thema gegliedert und für den Zuschauerkreis leicht nachvollziehbar mit vielen szenischen Momenten aufbereitet wird, zeigt sich im folgenden Interview (Beispiel 38).

Interview 38

ZDF Volle Kanne, 21. 2. 2005

Andrea Ballschuh – Elke Montanari, Sprach-Expertin

I: Mehrsprachige Familien – unser Topthema heute. Bei uns zu Gast die Sprachwissenschaftlerin Elke Montanari, schönen guten Morgen, ich grüße Sie.

B: Guten Morgen.

I: Ich war mal Au-pair-Mädchen in den USA, und die Mutter war Deutsche oder ist Deutsche, und der Vater Amerikaner, aber, die Kinder wurden nur englisch aufgezogen, also es wurde nicht Deutsch mit ihnen gesprochen. Sehen Sie so was als Fehler an? 1

B: Meistens sehen die Kinder das dann, wenn sie erwachsen werden, als einen Verlust an, weil sie natürlich sehr gerne auch die Kultur ihrer Mutter oder des anderen Elternteils genauer kennen gelernt hätten, und das ist natürlich viel einfacher, wenn die Sprache da ist.

I: Worin liegen denn die Vorteile, wenn man Kinder mehrspra- 2 chig erzieht?

B: Ja, der erste Vorteil für Kinder liegt darin, dass Sie mit ihrer Großmutter reden können, dass sie mit ihren Cousins in Kontakt treten können, sie lernen natürlich zwei Kulturen und zwei Welten kennen oder drei Kulturen bei drei, ähm, äh, Sprachen in der Familie, und später kann man natürlich beruflich, äh, viele Möglichkeiten nutzen.

I: Dann gibt's wahrscheinlich auch viele Eltern, die sagen, Mensch, gut, wir sind 'ne reine deutsche Familie, ich möchte

mein Kind aber trotzdem gern zweisprachig erziehen, ich sprech' 3 mit dem einfach mal Englisch, weil ich kann's vielleicht ganz

gut. Äh, ist davon abzuraten oder ist so was okay?

B: Also, ich bekomme viele Anfragen von deutschsprachigen Eltern, die sagen, wie können wir Englisch mit hinein nehmen, und das geht tatsächlich. Das heißt, ähm, ich empfehle dann, dass sie eine englischsprachige Krabbelgruppe besuchen, dass sie sich Partner suchen, ein Babysitter, ähm, dass sie zusammen Lieder hören und Kassetten, aber dass man so sein Schulenglisch auskramt und sagt, ach, für'n Kind, äh, reicht das, das sollte man nicht tun, …

I: Mmh?

B: ... weil eigentlich gerade die Kinder in den ersten Jahren gerade so empfindlich sind für Laute, sie können das wunderbar lernen, und wenn sie es dann falsch lernen, dann kommen sie darüber nie hinaus,…

I: Mmh.

B: das ist dann schade. Daher, die Sprache mit den Kindern sprechen, in der man wirklich perfekt ist, …

I: Mmh.

B: ... und sonst Partner mit ins Boot holen.

I: Wenn die Familienmitglieder nun aus verschiedenen Kulturen kommen, Muttersprachler sind und dann also die Kinder zwei-

sprachig oder dreisprachig auch erziehen können, wann sollte 4 man denn überhaupt anfangen, mit den Kindern mehrsprachig zu

reden?

B: Also der beste Moment, ne mehrsprachige Erziehung zu beginnen, ist in der Schwangerschaft.

I: Oh!

B: Dann nämlich, wenn die Eltern miteinander reden, was wollen wir, wie fühlst Du Dich mit der Sprache, die Großeltern mit einbeziehen, und dann schon mit dem, man spricht ja oft mit dem

Baby in der Schwangerschaft, schon dort, ähm, die Sprachen … I: Mmh.

B: benutzen, in denen man mit den Kindern reden möchte. I: Und wie setzt man's dann um, wenn das Kind dann da ist?

B: Am besten sofort in der Klinik, es gibt, ähm, die sehr bekannte Möglichkeit: eine Person – eine Sprache,. Das funktioniert gut, wenn beide Partner sich auch verstehen können, …

(...)

B: Ja, also wir wissen, dass es sehr positiv ist, wenn Eltern Sprachen gut trennen können, aber nicht immer gelingt das. (...) Also wenn sie zwei sind, dann wissen sie meistens, was zu der einen Sprache gehört und was zu der andern Sprache gehört, so dass Mischen nicht so dramatisch ist wie man das glaubt. 5

I: Beeinflusst denn eine mehrsprachige Erziehung in irgendeiner Form die Lernfähigkeit des Kindes?

B: Die Offenheit sicherlich. Also, Kinder merken, dass etwas in einer Sprache so sein kann und in der anderen ganz anders, und das macht sie sicher offener und neugieriger …

I: Mmh.

B: für andere Kulturen und Sprachen.

I: Aber haben viele nicht auch Bedenken, dass sie sagen, na gut, dann spricht mein Kind vielleicht drei Sprachen ein bisschen, aber keine wirklich richtig gut.

B: Wenn ich in den Sprachen, äh, dafür sorge, dass die Kinder gute Anregungen bekommen, dann stellt sich dieses Problem nicht, und wir haben ja auch viele Nobelpreisträger, die mehrsprachig sind, Beckett, Ionesco, also, Schriftsteller, wo man sagen muss, das sind einfach Beispiele.

I: Mmh.

B: Es ist sehr wichtig, dass die Elternsprache mit den Kindern mit wächst, es ist eigentlich mehr ein Elternproblem, aber uns muss dann klar werden, dass es für ein Sechsjährigen zu wenig ist, wenn ich sage, gib mir das Salz, und was so beim Abendbrottisch passiert, da muss der Input mitwachsen, …

I: Mh.

B: und ich muss auch etwas für meine Sprache tun.

I: Äh, fangen die Kinder dann, äh, erst später an zu sprechen als andere Kinder, die nur deutsch aufgezogen werden?

B: Definitiv nicht … I: Aha, gut.

B: Ist eine der best-untersuchtesten Fragen bei Mehrsprachigkeit. Das bedeutet aber auch, wenn ich ein mehrsprachiges Kind habe, wo die Mutter sagt, die Sprachentwicklung ist merkwürdig, der redet nicht, oder das kommt mir komisch vor, dann sollte man sich nie vertrösten lassen, mehrsprachige Kinder sind später! Stimmt nicht, man sollte immer zuerst einen differenzierten Hörtest machen lassen, beim Hals-Nasen-Ohrenarzt, und gucken, warum spricht dieses Kind später ...

I: Mmh.

B: Sicher nicht, weil's mehrsprachig ist.

I: Gibt's irgendwelche Gründe, weshalb man eventuell doch damit aufhören sollte, 'n Kind mehrsprachig aufzuziehen und sich dann wirklich nur auf eine Sprache beschränkt?

B: Also es gibt Gründe, ähm, es gibt Situationen, wo man sagen muss, wir sollten überlegen, ob wir mit unseren Sprachen anders umgehen. Also zum Beispiel, wenn Kommunikation überhaupt 6 keinen Spaß mehr macht, wenn das ein Kampf wird. Ich will, dass Du mir so antwortest, und das Kind antwortet immer auf Deutsch, dann sollten wir überlegen, wie können wir besser miteinander reden? Ein Sprachwechsel, also zu sagen, ab morgen

nur noch Deutsch, ist meistens die schlechteste Lösung. I: Mmh.

B: Eine bessere Lösung ist zu überlegen, wie kann uns das Reden wieder mehr Spaß machen.

I: Mh. Das iss'n sehr interessantes Thema, über das man sicherlich noch stundenlang reden könnte. (…)

Anmerkungen

1: So kann man es machen. Szenischer Einstieg mit geschlossener Frage, die zu einer grundsätzliche Bewertung führen soll.

2: Nach dieser Entscheidung werden folgerichtig die Vorteile nachgefragt. Die Frage ist unpräzise, aber glücklicherweise versteht die Befragte die Frage so, als ob die Interviewerin nach den Vorteilen für die Kinder gefragt hätte. Man könnte ja auch nach den Vorteilen für die Erzieher fragen.

3: Richtigerweise schwenkt die Interviewerin wieder zurück in eine Familieszene und gibt auch sprachlich vor, wie sie das Thema gerne weiter behandelt habe möchte, und das ist auch richtig für diese Sendung am Vormittag richtig, wo es um Tipps für den Alltag geht und nicht um kulturwissenschaftliche Erörterungen. Auch inhaltlich ist es richtig jetzt über Randbedingungen zu reden.

4: Nachdem nun die Bedingungen geklärt sind geht es über in den Handlungsablauf, der dann organisch Ratschläge hervorbringt. Die Befragte ist jetzt in der richtigen Spur, nun genügt es offenbar, mit einem gelegentlich eingeworfenen

„mmh“, sie dort zu halten.

5: Nach den Vorteilen müssen nun auch etwaige Nachteile erörtert werden – Lernfähigkeit insgesamt, keine Sprache richtig gut, späte Sprachentwicklung.

6: Und zum Schluss auch noch eine Frage, wann man es sein lassen sollte. Die geschlossene Frageform scheint auch hier richtig, da erstens die Befragte keine Artikulationsprobleme hat und zweitens auch auf diese Weise das Ende signalisiert werden kann, wozu sicher auch das Wort „aufhören“ beiträgt.

Ungewöhnliche Fremdwörter und Fachausdrücke sollten vermieden oder erklärt werden. Sie sollten deutlich ausgesprochen werden. Ein nicht bekanntes Fachwort oder Fremdwort, z.B. „Votum“, „Sozialprognose“,

„Freigängerhaus“ löst bei den Empfängern eine Blockade der Aufmerksamkeit aus, so dass die folgenden Sätze nicht gehört werden. Erst nach 20 bis 40 Sekunden hören die Empfänger wieder zu, verpassen das inzwischen Gesagte und beurteilen das Interview schlecht. Den Vorgang verdeutlicht die Aufmerksamkeitskurve in Abbildung 4.

Abbildung 4: Verlauf der Aufmerksamkeit in einem Interview mit Fachausdruck oder Fremdwort.

 
< Zurück   INHALT   Weiter >

Related topics