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20. Was Empfänger denken

Der Empfänger – das „unbekannte Wesen“: In der ersten Auflage dieses Buches mussten wir noch feststellen, dass es „keine Forschungsergebnisse über die Wirkungen von Interviews auf Empfänger“ gäbe. Inzwischen haben sich Bommert u.a. (2002) in einer detailreichen Untersuchung den

„TV-Interviews im Urteil der Zuschauer“ gewidmet. Neben den unten vorgetragenen Ergebnissen unserer eigenen Beobachtungen, die im Wesentlichen durch die Studie bestätigt werden, kommen die Autoren zu dem folgenden, für die Praxis bedeutsamen Resultat: „Interviewer sind zu oft ausschließlich darauf konzentriert, ihre (möglichst intelligent und/oder originell erscheinende) Frage lediglich ‚abzuschießen', offensichtlich in der Annahme, dass sie damit ihre Pflicht erfüllt hätten, und sich (während der Befragte antwortet) höchstens auf die nächste Frage konzentrieren“. Es sei deshalb auch wichtig, „das Antwort-Verhalten laufend konzentriert zu beobachten, um … steuernd eingreifen zu können.“

Aufschlussreiche Ergebnisse über die Rezeption von Interviews erbrachte auch die neuere Studie von Bommert und Voß-Frick (2005). Sie spielten 280 Personen Interviews aus öffentlich-rechtlichen und privaten Sendern vor. Die Bewertung der Interviews durch die Befragten erfolgt in zwei Dimensionen: dem Informationsnutzen und der Präsentationsqualität des Interviews. Sie fanden, dass der Informationsnutzen des Interviews vor allem von dem Interesse der Befragten an dem Thema abhängt, gefolgt von der Wahrnehmung des Befragten als destruktiv und der zielorientierten Führung des Interviews durch den Journalisten. Demnach wird die Qualität des Interviews durch das Verhalten des Befragten, z.B. weil er ausweicht oder zu lange antwortet, beeinträchtigt. Da dies bei Politikern häufiger wahrgenommen wird als bei Experten, werden – unabhängig vom Sender – die Interviews mit Experten erheblich besser beurteilt.

Unsere kleine Empfängerforschung, die in den Seminaren gemacht wurde, legt folgende Empfänger-Urteile nahe. (Aus einem Krankenhaus kamen mehrfach Gruppen von 10 bis 14 Gästen in das Studio. Es waren Personen unterschiedlichen Alters, unterschiedlicher sozialer Herkunft, Frauen und Männer. Insgesamt haben wir so rund einhundert „Empfängern“ gesendete und im Seminar erstellte Interviews aus Hörfunk und TV vorgespielt).

In zahlreichen Punkten waren sich die Empfänger sehr einig; um die Aussagefähigkeit der Stichprobe nicht zu überschätzen, zitieren wir im Folgenden nur solche Ergebnisse.

 
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