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19. Befragten-Verhalten und Interviewer-Strategien

Warum gibt der B ein Interview?

Nicht nur der I, sondern auch der B können sehr unterschiedliche Auffassungen von ihrer Rolle haben. Dabei ist die Rolle des I verhältnismäßig einfach: Er hat die Position des Stellvertreters der E und stellt aus deren Sicht oder Erwartungen angemessene Fragen. Im Vergleich dazu hat die/der B keine derartig eindeutige Position – sie/er ist nur in der Position

„Befragte/r“ und die Erwartungen sind allgemeiner: Auskünfte auf die Fragen des I (und damit der E) zu geben. Der B gibt das Interview ja nicht ohne Absicht. Fragen Sie sich doch selbst einmal, warum eine Person bereit war, Ihnen ein Interview zu geben.

Um die Position des B näher zu bestimmen, ist es sinnvoll, zu fragen, welchen Nutzen es für eine/n B hat, das Interview zu geben, womöglich ins Studio zu kommen. Drei Gründe lassen sich anführen:

1. Selbstdarstellung und Eitelkeit („Ich war im Radio/Fernsehen“).

2. Nachrichten oder Informationen, die der B (und ggf. dessen Unternehmen) für falsch hält, öffentlich zu korrigieren oder gar zu widerlegen. So kann der Präsident der Ärztekammer sich dafür rechtfertigen wollen, dass er mit dem Satz zitiert wurde, der Gesundheitsfonds (ab 1. Januar 2009) brächte für niedergelassene Ärzte nur Einkommenseinbußen.

3. Die E zu informieren, zugleich eine Botschaft unterzubringen.

Der letzte Grund ist auch einer, der nach unserem Wissen von fast allen, die Befragte trainieren, empfohlen wird. Praktisch sieht das so aus: In einem Interview mit dem Pressesprecher eines Reifenherstellers über Ausmaß und Gründe für angekündigte Entlassungen sagt der B am Ende einer Antwort “Im übrigen muss man ja sehen, dass wir eine völlig neues Achsenkonzept entwickelt haben, jetzt Reifen, Rad und Achse herstellen, was zu neuen Arbeitsplätzen führt“.

Womit können wir die B gewinnen, ein Interview zu geben? Wir müssen ihre Kosten senken. Die Kosten des B sind höher, wenn er in das Studio kommt, niedriger, wenn das Team oder der I zu ihm kommt und am niedrigsten, wenn es sich um ein telefonisches Interview handelt. Und wir können den Anreiz erhöhen, indem wir ihm eine breite Öffentlichkeit versprechen.

Soweit haben wir nur über Informationsund kontroverse Interviews gesprochen. Was aber ist mit Interviews zur Person? Hier ist entscheidend,

dass der I ja weiß, er werde zur Person befragt und von ihm erwartet wird, er möge sich öffnen, von sich erzählen. Und eben weil dem so ist, kann die I auch davon ausgehen, ihre Fragen würden nicht „indiskret“ sein, sie braucht also keine Schere im Kopf zu haben, da der B ja gekommen ist, um zu antworten. (Was nicht einschließt, er müsse alle Fragen beantworten.) Wenn die I aktiv zuhört, u.a. indem sie Wörter des B wiederholt, und einfühlsam ist, z.B. die Stimme moduliert, dann wird sie die Bereitschaft des B, offen zu antworten, erhöhen.

 
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