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Paralinguistik

Hierunter werden alle nicht-inhaltlichen Elemente der gesprochenen Sprache, z.B. die Pausen, die Stimmhöhe, Sprechgeschwindigkeit, Tonfall, Ahas und Ähs verstanden. Ein Senken der Stimme mit anschließender Sprechpause wird vom Gegenüber als „speech turn signal“ interpretiert, als Signal zum Sprechwechsel. Dieses wird noch eindeutiger, wenn man gleichzeitig den Kopf hebt und sein Gegenüber ansieht. Dieses ist schon kulturelle Regel bei uns; wenn sie wiederholt durchbrochen wird, löst man Angst oder Aggression aus.

Herausfordernde Blicke, Unterbrechen des Anderen oder Stirnrunzeln können Angst, Ähs oder Stottern hervorrufen, die dann als Zeichen für Unsicherheit gedeutet werden.

Das falsche „Hmm“: Der Befragte antwortet langatmig. Der Interviewer wird ungeduldig und äußert dies nonverbal, indem er mehrmals ein „Hmm“ einwirft. Dieses „Hmm“ wird jedoch von den Befragten häufig als Bestätigung und Aufmunterung interpretiert, vor allem dann, wenn es in einer früheren Passage so gemeint war. Also redet der Befragte weiter. Der Interviewer sollte sich nicht auf sein „Unterbrechungs-Hmm“ verlassen, sondern sich nach vorne beugen (was nur geht, wenn man nicht die ganze Zeit schon so dasitzt) und die Hand heben, und wenn erforderlich, mit ihr in das Territorium des anderen eindringen. Unbeweglichen mag es helfen, hierfür die Hand mit einem Schreiber oder weniger waffenähnlich mit einer kurz zuvor abgesetzten (ich habe genug!) Brille zu verlängern.

Wenn wir nervös, angespannt sind und einen Adrenalinstoß erhalten, verrät dies unser Körper z.B. durch geringe Speichelproduktion. Der Mund wird trocken und das Lippenlecken beginnt – ein so genanntes autonomes Signal.

Wenn Sie bemerken, dass der Mund trocken wird und kein Getränk in der Nähe ist: Stellen Sie sich eine aufgeschnittene Zitrone vor oder beißen Sie sich kurz (nicht zu fest) auf die Zungenspitze – dies löst Speichelfluss aus. Sitzordnung (Aufstellung, Positionierung, Formation, Anordnung) Sitzordnung: Interviewer 1 und Interviewer 2 müssen untereinander minimalen Blickkontakt haben, denn: Fragt Interviewer 1 und der Befragte antwortet, dann lenkt Interviewer 1 am Ende der Antwort des Befragten durch eine Bewegung des Kopfes vom Befragten zu Interviewer 2 die Aufmerksamkeit des Befragten auf Interviewer 2, weil dieser die nächste Frage stellt. Diese Anforderung erfüllt nur die „gute“ Sitzordnung.

In vielen Interviews sitzen Interviewer und Befragter fast nebeneinander (Winkel 150 – 180 Grad), um in die Kamera, also zum Zuschauer blicken zu können. Diese Anordnung hat einen großen Nachteil: Der Interviewer gewinnt nur mühsam durch Kopfbewegung einen Blickkontakt zum Befragten. Das unterstreicht noch – unnötig – den künstlichen Charakter der Interviewsituation. Ein kleinerer Winkel zwischen 90 und 130 Grad ist die bessere Lösung, auch wenn die Technik des Studios es anders möchte.

Das Interviewen im Stehen ist für viele Interviewer wie Befragte eine angenehme Alternative zu allzu bequemen oder allzu unbequemen Studiosesseln. Vor allem das Atmen fällt allen Beteiligten leichter, der Atem kann viel besser fließen. Wenn die Partner sehr unterschiedlich groß sind, sollte man Kisten zum Ausgleich unterschieben. Wo dies nicht geht, muss man sich doch hinsetzen.

Bei der Wahl des Interview-Ortes ist auch folgendes zu bedenken: Wenn Sie den Bürgermeister hinter seinem Schreibtisch interviewen, wird er, wohl verschanzt, offiziös antworten. Wenn Sie das nicht wollen, setzen oder stellen Sie den Bürgermeister an einen für ihn unbekannten oder gar unbequemen, ungeschützten Ort. Sie bringen ihn zu einer anderen „Haltung“, in der Hoffnung, dass er auch anders als sonst antwortet.

Im Hörfunkstudio ist sollte man so sitzen, dass die Mikrophone nicht den Blickkontakt erschweren. Über Eck am Studiotisch (90 Grad) scheint eine gute Lösung zu sein. Bei kontroversen Interviews kann man sich auch gegenübersetzen, das erhöht die Konfrontation. Genau diese Strategie, große körperliche Nähe und ungewohnte Sitzhaltung, verfolgte Michel Friedman mit seinem roten S-förmigen Sitzmöbel in seiner ARD-Sendung.

Während des Coaching einer Moderatorin ORF, die eine politische Talkrunde moderiert, haben wir mit der Zahl der Teilnehmer/innen der Talkrunde experimentiert: Wie gut kann die Moderatorin eine Runde von vier gegenüber einer von sechs Gästen steuern? Eindeutig war die Runde mit je zwei Gästen zur Linken und zur Rechten der Sechser-Runde überlegen. In der Sechser-Runde a) musste die Moderatorin zu vielen Personen Redezeit gewähren, was b) dazu führte dass sich die Beiträge von A, B und D anhäuften, C dann nicht mehr auf die Frage der Moderatorin antwortete, sondern erst einmal die Antworten von A, B und D kommentierte. Ferner konnte die Moderatorin die Diskussionen mit den entfernten Eckpersonen schlecht oder nicht mehr steuern. Sie ist ihre Gästen buchstäblich näher, hat einen besseren Blickkontakt, ihre nichtsprachlichen Signale, z.B. das Heben der Hand, um zu unterbrechen, sind erfolgreicher darin, Antworten zu verkürzen und die Beiträge knapper werden zu lassen. (Zumal jeder Gast in der Vierer-Konstellation weiß, dass sie/er eher wieder „drankommt“.)

Schließlich führt allein die Tatsache, sechs Gäste zu haben, dazu, nach Gästen zu suchen, die in irgendeiner Weise etwas zum Thema beitragen. (In Deutschland sehr beliebt: „Schauspieler“/innen.) Die Vierer-Runde ist informativ, die Sechser-Runde ausgewogen.

Will man dennoch informative Talkrunden mit sechs Gästen, so ist sehr wahrscheinlich eine Anordnung der Gäste nebeneinander an einem langen Tisch, die angemessene Lösung. Sie erlaubt es nämlich, wie erfolgreich von Frank Plasberg („Hart aber fair“) praktiziert, dem Moderator sich vor die Gäste zu stellen und sie notfalls mit der gestreckten Hand zu bitten, jetzt nicht weiter zu sprechen – oder sie aber zu einem Kommentar aufzufordern: Der Moderator als Dompteur.

Abschließend: Es wäre vermessen, zu glauben, wir könnten alle während einer Unterhaltung oder gar während eines Interviews gesendeten nichtverbalen Zeichen – von denen es ja noch mehr gibt, als wir skizziert haben – wahrnehmen und verarbeiten. Aber ein paar schon.

 
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