Desktop-Version

Start arrow Medien und Kommunikationswissenschaft arrow Das journalistische Interview

< Zurück   INHALT   Weiter >

Blickkontakt

Je näher wir zusammenstehen oder nebeneinander sitzen, desto schwieriger fällt uns der Blick ins andere Auge – außer wenn wir Liebende sind: Paare, Kinder und Eltern. In zu dichtem Gedränge, wie im vollen Fahrstuhl oder in der vollen U-Bahn, vermeiden wir den Blickkontakt zu den Mitreisenden (auch unsere Atmung verändert sich, wird meist flacher), erhöhen den Blickkontakt auf den Etagenanzeiger im Fahrstuhl. Wir erklären dadurch die anderen Personen für eine kurze gemeinsame Zeit für Unpersonen und halten auch so die zu geringe körperliche Distanz aus.

Wir blicken Personen eher an, denen wir freundlich gesonnen sind. Da aber Körpersprache nicht nur äußerer Ausdruck des inneren Erlebens ist, sondern umgekehrt die Körpersprache auch das innere Erleben beeinflusst, ist anzunehmen, dass sich mit mehr Blickkontakt der Rapport verbessert, d.h., wenn wir jemanden dauerhaft freundlich anschauen, können wir erreichen, dass der Befragte meint oder spürt, dass wir ihm wohlgesonnen sind.

Sicher ist aber: ein Befragter, der nicht oder nur wenig vom Interviewer angesehen wird, glaubt, dass dieser nicht sehr an dem interessiert ist, was er zu berichten hat. Blickkontakt signalisiert Ernsthaftigkeit. Jemand, der wenig, aber langen Blickkontakt hält, wird dabei freundlicher beurteilt als jemand, der häufig, aber immer nur kurz Blickkontakt aufnimmt.

Dabei ist aber auch hier wieder zu bedenken, dass es keine durchgängigen Interpretationsmuster gibt. Wenn jemand also den Blickkontakt im Interview meidet, dann kann es – natürlich – aus Gründen sein, die in seiner Person liegen. Wahrscheinlicher aber ist es, dass es an der speziellen Situation dieses Interviews liegt: So wird z.B. bei schwierigen, bei emotional besetzten oder intimen Gesprächsoder Interviewthemen der Blickkontakt fast immer verringert.

Wenn Sie jemandem in die Augen sehen, kann das zwei Konsequenzen haben. Es kann Ihnen Informationen über den emotionalen Zustand oder die Absichten des anderen liefern, gleichzeitig aber auch dem anderen meinen Zustand und meine Absichten enthüllen.

Blickkontakt verstärkt den Inhalt verbaler positiver Mitteilungen. Verbale Mitteilungen, die von Blickkontakt begleitet werden, wirken authentischer als solche, die mit abgewendetem Blick geäußert werden.

Es ist aber eine naive Annahme, zu glauben, eine Person, die mir „gerade in die Augen sieht“, sei in jedem Fall ehrlich, sie habe nichts zu verbergen. Gerade wenn es jemand darauf abgesehen hat, mich zu täuschen, wird er auch darauf achten, diese Täuschung mit nichtsprachlichen Signalen zu unterstützen.

Also: der abgebrochene Blickkontakt kann bestenfalls zu einer Hypothese dienen, aber nicht zu einer Aussage wie: „Der hat weggeguckt, also lügt er.“ Auch der aufrechterhaltene Blickkontakt beweist zunächst leider gar nichts.

Einen Interviewpartner, mit dem wir ein kontroverses Interview führen wollen, interviewen wir besser allein, d.h., er sollte niemanden in der Nähe haben, bei dem er sich zumindest durch Blickkontakt Unterstützung holen könnte.

Es gibt große individuelle Unterschiede des Blickkontaktes in der Zweierkommunikation. Aber, wie lang und wie oft es Blickkontakt gibt während des Zuhörens und – weniger ausgeprägt – während des eigenen Sprechens, hängt direkt vom jeweiligen Gegenüber ab. Im Allgemeinen werden wir zu Beginn und zum Ende unseres „Sprechaktes“ Blickkontakt aufnehmen, zwischendurch auch mal, aber niemals ohne Unterbrechung. Das wirkt bedrohend, schüchtert ein.

Jugendliche, unsicher in dieser Altersphase, vermeiden eher den Blickkontakt als Kinder. Mit zunehmendem Alter wird dann wieder stärker Blickkontakt aufgenommen. Männer und Frauen schauen sehr unterschiedlich. In angenehmen Situationen suchen und erwidern Frauen stärker den Blickkontakt (gegenüber Frauen und Männern) als Männer (die verringern ihn sogar; wieso das so ist – wir rätseln, immer noch), halten diesen länger aufrecht beim Sprechen, beim Zuhören und in Schweigepausen. Manche Forscher behaupten, Frauen brauchten eine stärkere visuelle Rückmeldung als Männer. Fühlen sich Frauen deshalb unwohler als Männer, wenn sie ihren Gesprächspartner nicht sehen können? Heißt das, dass Frauen z.B. weniger gern Telefoninterviews machen? Ist das ein Grund, warum viele annehmen, Frauen könnten die einfühlsameren Interviews zur Person führen?

 
< Zurück   INHALT   Weiter >

Related topics