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Der Raum um uns – Territorialansprüche

Jede Person beansprucht für sich einen Raum um ihren Körper herum, ihr Territorium, ihren „personal space“. Der eigene Körperraum – die räumliche Distanz zu anderen Personen – variiert mit Kultur, Milieu, Situation und den emotionalen Beziehungen der beteiligten Personen, ist aber immer vorhanden. Was man spätestens dann merkt, wenn man sie verletzt. Jede Verletzung der Distanz, die nicht auf Zuneigung beruht (dem Friseur sind wir auch – zeitweise – zugeneigt), löst eine feindselige Reaktion aus. In unseren Breiten richtet sich die persönliche Nahzone nach der Armlänge, in Indien oder arabischen Ländern ist sie eher geringer.

In den persönlichen Nahraum eines Partners während des Interviews,

z.B. mit der Hand oder dem Oberkörper einzudringen, kann ein probates Mittel sein, um den anderen zu unterbrechen, ihn stärker unter Druck zu setzen, es ihm weniger gemütlich sein zu lassen.

Zunächst ist aber die räumliche Distanz, die ein Befragter für sich in Anspruch nimmt, zu respektieren. Das setzt voraus – auch wenn wir zu den Verletzungen übergehen – die speziellen Gebietsmarkierungen, Statusund Dominanzsignale erst einmal wahrzunehmen.

Das beginnt mit dem Zigarettenrauch des Rauchers, der damit sein Gebiet ausdehnt, mit dem Parfum, das setzt sich fort mit Papieren, Kaffeetassen, Salzstreuern auf dem Tisch zwischen uns. Die in unseren Nahbereich hingestellte Keksschale ist möglicherweise nicht nur eine nette Geste des Gastgebers, sondern eine deutliche Gebietsmarkierung.

Sie packen also etwa im Vorgespräch Ihre Akten nicht so auf den Tisch, dass der Gesprächspartner eingeschränkt wird. Sie achten aber auch darauf, wie er es mit Ihnen macht: Das Pfeifenbesteck wandert langsam aber stetig weiter in Ihre Tischhälfte. Dann schieben Sie es zurück – oder registrieren es, lassen es aber dabei und wiegen den anderen in Sicherheit.

Je geringer die soziale oder emotionale Distanz zwischen Personen ist, desto geringer ist zumeist auch ihre räumliche Distanz. Anders formuliert: Je näher mir eine Person ist, desto mehr lasse ich sie auch körperlich an mich heran. Statushohe Personen beanspruchen für sich einen größeren Raum. Der kann sich bei geringem Statusunterschied des anderen verringern, gegenüber statusniedrigeren wird er aber aufrechterhalten. Der joviale Bundestagsabgeordnete wird den Interviewer beim Gang durch das Foyer am Arm nehmen, aber welcher Interviewer würde das gleiche tun? Friedrich Küppersbusch hat es getan, mit Hans-Jochen Vogel: der berührt ihn, unterbrechend, am Unterarm, Küppersbusch schlägt mit flacher Hand von oben auf die Vogelhand – angedeutet nur, aber effektiv. Der Intendant betritt seine Anstalt und legt dem Pförtner die Hand auf die Schulter, erkundigt sich nach den Kindern – wird der Pförtner das Gleiche tun und den Intendanten nach der Ehefrau fragen?

Im Vorgespräch und Interview lässt sich daran, ob sich die Distanzen verändern, einiges ablesen:

• Eine Verringerung, z.B. durch anhaltendes Vorbeugen des Oberkörpers mit gleichzeitig zur Seite geneigtem Kopf, signalisiert, dass wir aufmerksam zuhören, gespannt sind, neugierig, zugeneigt. Ein kurzes Vorbeugen mit geradem Kopf und Kinn voraus zeigt den Wunsch, zu unterbrechen.

• Eine Vergrößerung der Distanz (Zurücklehnen, Zurücktreten) bedeutet eben „ich distanziere mich“, bin anderer Meinung, fühle mich angegriffen. Aber: es kann auch nur zur Entspannung sein.

Da eine Reihe einzelner Signale nicht eindeutig ist, gilt es bei der Interpretation sehr behutsam zu sein. Meist lässt erst ein zusätzliches Signal eine richtige Deutung zu.

Zu den Kampfoder Dominanzsignalen gehören in unserem Kulturkreis neben Titeln, Ämtern und vor allem sichtbarem Reichtum, der intensive Blick, die Beinstellung (breite Beine gleich fester Stand, Füße beieinander eher Unterordnung: strammstehende Soldaten!) und die Armhaltung, im Extrem: eng anliegende Arme oder in der Taille aufgestützte Arme, die die Körperoberfläche vergrößern. (So steht Udo Phillip in dem Interview mit Herbert Wehner, linke Hand auf der Hüfte, um Wehner die offene Brust zu zeigen; Interview 23.)

Im Alltagsgespräch wie im Interview kann die Körpersprache eine verbale Äußerung (Antwort)

• ersetzen: Kopfschütteln, Nicken, Achselzucken, was im Hörfunk übersetzt werden muss;

• verstärken: meist durch Gesten – geballte Fäuste – oder Veränderung der Körperhaltung – Nach-vorne-beugen;

• einschränken bis zurücknehmen, widersprechen: eine Person mag auf eine Frage „Ja, ja!“ antworten, also zustimmen, aber gleichzeitig durch Tonfall, z.B. Ironie, und Mimik (etwa: Hand vor den Mund nehmen, Nase anfassen, Augenbrauen hochziehen, Kopf abwenden) zu erkennen geben, dass sie es doch nicht ganz so meint, also eher ablehnt.

 
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