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15. Telefonisches Interview

Das Problem des telefonischen Interviews ist, dass der Interviewer fast keine Möglichkeit besitzt, den Befragten nonverbal zu steuern. Die Einstellung der Befragten ist – neben dem, was sie sagt – praktisch nur daran zu erkennen, wie sie es sagt, also anhand der paralinguistischen Merkmale. Was kann der Interviewer tun?

• Führen Sie ein Vorgespräch. Weisen Sie die Befragte darauf hin, nicht zu lang zu antworten, anderenfalls müssten Sie sie unterbrechen.

• Nennen Sie der Befragten die Punkte, die im Interview behandelt werden sollen.

• Falls Sie das Interview nicht selbst führen, sagen Sie der Befragten, welche(r) Kolleg(e)in ihr die Fragen stellen wird.

• Wenn Sie selbst nicht das Vorgespräch geführt haben, nutzen Sie in der Live-Situation wenigstens die Zeit, die Ihnen der vorangegangene Beitrag und /oder die Musik lässt, einen Kontakt zur Befragten herzustellen.

• Vergewissern Sie sich, dass Sie den Namen des Befragten richtig kennen.

• Sagen Sie der Befragten, wie lange das Interview dauern wird.

• Sagen Sie in der Anmoderation, wozu Sie die Befragte befragen werden.

• Bitten Sie die Befragte vor dem Interview, in der Leitung zu bleiben oder rufen Sie sie nach dem Interview nochmals an und sagen Sie ihr ein paar freundliche Worte. Zumindest unerfahrene Befragte möchten gerne hören, ob sie „gut“ waren.

Ein besonderes Problem des telefonischen Interviews ist es, wie man den Befragten unterbricht. Die Interviewerin kann nicht den Mund spitzen, nicht die Hand gegen den Befragten richten oder den Arm heben und oben lassen. Das einzige Mittel ist, die befragte Person mit deren Namen: „Herr Müller ...“, zu unterbrechen. Das ist insbesondere in einem kontroversen Interview angemessen.

Um ein solches geht es in dem nächsten Beispiel (Interview 37), verschärft dadurch, dass der Interviewer zu einem sensiblen Thema hartnäckig eine These verfolgt: Die Militäraktion Israels hat die Friedensbemühungen beeinträchtigt und war falsch. Erkennbar wird dies an den Fragen, die mit

„Aber ...“ beginnen. Er setzt den Befragten unter Druck, worauf die häufigen „ähs“ hindeuten.

Interview 37

WDR5 Morgenecho, 2. 5. 2003

Achim Schmitz-Forte – Shimon Stein, Botschafter des Staates Israel in Deutschland

I: Ich bin verbunden mit Shimon Stein, Botschafter Israels in Deutschland. – Guten Morgen!

B: Guten Morgen!

I: Herr Stein, Sie haben gerade das Gespräch mit Karsten Kühntopp mitgehört.

B: Ja.

I: Wenn es stimmt, dass diese Militäraktion keine Antwort auf den Anschlag an der Strandpromenade Tel Aviv war, ist das 1 wirklich der richtige Zeitpunkt für eine solche Militäraktion, einen Tag nach Veröffentlichung des Friedensplans?

B: Ja, zunächst glaube ich äh, stimmt das, was äh, der Korrespondent, äh, gesagt hat. Es gibt äh, keinen direkten Zusammenhang, äh, zwischen, äh äh, der Rede von Abu Masen äh, die Beseitigung äh, seiner Regierung und dieser Aktion.

I: Aber die israelische Regierung hatte doch ursprünglich gesagt, wir wollen jetzt tatsächlich Abu Masen eine Chance lassen, wir wollen dem Friedensplan eine Chance lassen. Dann darf man

doch nicht so massiv wieder in die Palästinensergebiete mit der 2 Armee hineingehen.

B: Abu Masen eine Chance, äh, lassen, das wollten wir ja eben, äh, schon. Die Frage ist, ob die Terrororganisationen, die gegen Abu Masen sind, ihm eine Chance lassen wollen. Das ist da die Frage. Das ist ja nicht die Frage, die sie an uns richten sollen, sondern…

I: Aber man…

B: an die Terrororganisationen. Und dann…

I: Aber im Moment sprechen wir natürlich über die jüngste Mili- 3 täraktion der Israelis. Und meine Frage…

B: Ja, äh,

I: war, ist das der richtige Zeitpunkt für diese Militäraktion?

B: Ja, äh, ich glaube, war es die richtige Zeit, das unmittelbar nach Rede von Abu Masen, äh äh, der Terroranschlag in Tel 4

Aviv stattfand. War es…

I: Na ja…

B: der richtige Zeitpunkt?

I: Na ja, da haben Sie ja gerade gesagt, zwischen der Militärakti-

on und dem Anschlag gibt es eigentlich eben keinen Zusammen- 5 hang.

B: Ich sage nicht, ich sage nur, äh, leider, äh, sind wir mit dem Terror, äh, tagtäglich konfrontiert Sie hören über ein[en] Terroranschlag, der leider erfolgreich war, aber Sie hören über 49 oder 50 Terrorversuche selten, äh, und das ist eigentlich der Fall. Von einem Terroranschlag müssen wir 50 oder mehr vereiteln.

Und…

I: (holt Luft zum Sprechen)

B: lassen Sie mich, äh, kurz zu dem, äh, Punkt von gestern: Es hätte dazu nicht kommen sollen, dass wir eigentlich in die Gebiete ein, äh, dringen mussten, um das zu tun, was Arafat, äh, längst tun musste und was vor Abu Masen steht…

(…)

I: Aber wenn Sie ausdrücklich sagen, unsere Militäraktion hatte mit dem jüngsten Anschlag eigentlich nichts zu tun, das war von

langer Hand geplant, wenn Sie diese Militäraktion einen Tag 6 nach Veröffentlichung des Friedensplans durchführen, die Palästinenser damit provozieren, dann ziehen Sie doch geradezu Abu Masen den Boden unter den Füßen weg.

B: Wa… Warum nennen Sie das „provozieren“? I: Wir haben einen Frie…

B: Die Antwort auf, äh, Terror, die wir tun, ist eine Provokation?

…also äh, äh…

I: Aber Herr Stein, mit dem Friedensplan sollte doch eine neue Situation geschaffen werden, eine Situation…

B: Ich frage mich, ob die Situation wirklich neu ist. Die Situation ist...

I: (holt Luft)

B: dass, äh, nach Verkündung, äh, der Road Map, äh, äh, sind 7 wir mit einem Selbstmord…, äh, mit zwei Selbstmordattentätern

konfrontiert. Ist das, äh, äh, eine neue Lage, oder leider die Routine, schon 770 Israelis das Leben in den letzten 31 Monaten gekostet hatte.

I: Also war die Militäraktion doch eine Reaktion auf den Schlag? 8

B: Das ist eine Routine. Und wir werden diese Routine fortset- 9 zen,…

I: Und daran hindert Sie auch…

B: so lange wir mit dem Terror konfrontiert werden und so lange auf der and… auf der anderen Seite niemand die Verantwortung für die Sicherheit übernehmen wird. Arafat hat total versagt. (…)

Anmerkungen

1: An dem „wirklich“ wird – auch für den Befragten – die entschiede Position des Interviewers erkennbar.

2:„Aber“, verbunden mit „Dann darf man...“ ist schon sehr entschieden, zu sehr Meinung des Interviewers. Aber: es provoziert.

3: Richtige Unterbrechung mit Hinweis auf den aktuellen Vorfall.

4: Der Befragte rechtfertigt sich mit dem Hinweis auf den Terroranschlag in Tel Aviv.

5: Der Interviewer beharrt, greift auf die vorangegangene Antwort des Befragten zurück: es gäbe keinen Zusammenhang.

6: Neuer Versuch, wieder mit „Aber...“ und „provozieren“. Das war zu stark; der Befragte nutzt dies, um die Gegenfrage zu stellen. Er verschärft dies in der nächsten Frage mit „Die Antwort ... ist eine Provokation?“ Hier wird es kritisch für den Interviewer, weil seine Argumente (und nicht die anderer Personen) von dem Befragten angegangen werden können (müssen).

7: Der Befragte kommt aus der engen Situation heraus, weil er indirekt sagt, die Palästinenser hätten Israel mit dem Anschlag provoziert.

8: Sehr gute Reaktion des Interviewers: Er folgert aus der Antwort die Frage, ob es dann doch eine Reaktion auf die Attentate der Palästinenser gewesen sei (und keine Routine). Damit wirkt die Antwort des Befragten („Routine“) nicht sehr glaubwürdig.

9: Hier kommt die „Retourkutsche“: Der Befragte empfiehlt dem Interviewer, doch den Friedensplan genauer zu lesen. Es beantwortet aber nicht die Frage des Interviews, das Informationsziel, ob die Militäraktion gerechtfertigt war.

16. Checkliste zur Qualität eines Interviews

1. Bedingungen des Interviews

• Befragte(r) für das Thema geeignet?

• Vorgespräch möglich?

2. Klare Anmoderation? Guter Übergang zur ersten Frage?

3. Informationsziel deutlich erkennbar, u.a. aus der Anmoderation?

4. Informationsziel des Interviews erreicht?

5. Kenntnisse des Interviewers und/oder Recherche ausreichend?

6. An wen richtet sich das Interview (Zielgruppe)? Ist diese erreicht worden?

7. Verlauf des Interviews

• Gutes oder schlechtes Klima?

• Abfolge der Fragen sinnvoll?

• Beschränkung auf wenige Punkte?

• Hatte das Interview einen Schwerpunkt?

8. Rolle des Interviewers: Stellvertreter der Empfänger oder Promotor des Befragten oder Selbstdarsteller?

9. War das Interview sinnvoll oder wäre ein gebauter Beitrag besser gewesen?

Woran man eine(n) guten Interviewer(in) erkennt:

Eigenschaft

Merkmale

Vorwissen

Recherche, insbes. bei Rechtfertigungsinterviews

Neugierde

Information erarbeiten statt Vorurteile abzufra-

gen. Mit den Worten eines Kollegen: „Das Beste,

was ich in ein Interview einbringen kann, ist die

Neugierde auf die Antworten des Befragten.“

Einfühlung

auf die Mentalität von Befragtem einstellen, Ar-

me nicht über der Brust gekreuzt,

dunklere Stimmlage,

Ansprechen des Befragten; Lächeln, Nicken

Klarheit

mehr Hauptsätze als Nebensätze,

der Frage

wenig Fachausdrücke

Offenheit

dem Befragten oder den Empfängern nicht vorge-

fasste Meinung aufzwingen

keine

Bei ähnlichen Ansichten von Interviewer und

Einseitigkeit

Befragtem nimmt der Interviewer eine vom Be-

fragten nicht vertretene Ansicht auf, die er bei

einem Teil der Zielgruppe vermutet;

Interviewer zitiert andere Ansichten und Fakten

keine

Fragen des Interviewers sind deutlich kürzer als

Dominanz

die Antworten des Befragten

 
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