Desktop-Version

Start arrow Medien und Kommunikationswissenschaft arrow Das journalistische Interview

< Zurück   INHALT   Weiter >

Auswirkungen statt Entscheidungen

Eine andere Lösung für Interviews solchen Typs ist, den stillschweigenden Konsens über derartige Formulierungen zu kündigen. Nachfragen oder Nachhaken sind der angemessene Weg. Wir weigern uns, Begriffe wie

„Struktur“ oder „Konzept“ zu verstehen und fragen besser nach Inhalten und Beispielen. Wir wollen wissen, wen eine Veränderung in welcher Weise betrifft, kurz: wie sich politische Entscheidungen auswirken.

Es gibt zwei Wege, sich von derartigen Interviews abzukehren. Der eine besteht darin, nur Teile des Interviews als O-Ton in einen gebauten Beitrag aufzunehmen. Der andere, und viel grundsätzlichere, besteht darin, solche Interviews zu vermeiden und stattdessen über die Auswirkungen von Politik zu berichten, z.B. in Form eines gebauten Beitrags.

Es ist nicht die Äußerung des Bundeskanzlers über die Gründe, Spätaussiedler nach Deutschland zu holen, die gesendet wird. Stattdessen wird ein Interview mit dem Leiter des Wohnungsamtes geführt, um zu erfahren, welche Probleme die Zuwanderung von Spätaussiedlern bereitet und welche Konflikte sich zwischen Einheimischen und Spätaussiedlern auf dem Wohnungsamt bei der Konkurrenz um Wohnungen abspielen.

Nicht (zumindest nicht nur) die Äußerung des Innenministers oder des Sprechers der Polizeigewerkschaft zur Polizeireform wird gesendet. Vielmehr wird ein Streifenpolizist interviewt und danach gefragt, wie sich seine Arbeit nach der Polizeireform verändert hat.

Nicht (nur) die Stellungnahmen unterschiedlicher Politiker zum Urteil des Bundesverfassungsgerichtes zur Neufassung des Paragraphen 218 sind

sendenswert. Aufregender sind die Auswirkungen, wie sie sich z.B. durch Interviews mit Mitarbeitern von Pro Familia ermitteln lassen.

Uns interessiert im Frühjahr 1995 auch nicht, von Ingrid Stahmer, SPDKandidatin für Amt des Regierenden Bürgermeisters in Berlin, zu erfahren, welche Ziele sie als mögliche neue Bürgermeisterin von Berlin hat, sondern: „Woran werden die Berliner es merken, dass Sie Bürgermeisterin sind?“

Schließlich muss auch nicht der bayerische Ministerpräsident danach befragt werden, wie er das Urteil des Bundesverfassungsgerichts von Anfang August 1995 über Kruzifixe in katholischen Schulen bewertet. Selbstverständlich wissen wir, dass der Ministerpräsident sich gerne dazu äußern möchte, der Sender und ebenfalls der Journalist dafür Pluspunkte bekommen. Dennoch: Die Bewertung kommt in die Nachrichten. Das Interview hingegen wird mit – Lehrer oder mit Schülern zu der Frage geführt, was denn nun im Klassenzimmer mit dem Kruzifix passieren wird. Wer entscheidet wie: einsame Entscheidung des Direktors, Abstimmung unter Schülern (in Anwesenheit des Lehrers?), Abstimmung in der Elternversammlung? Einfache Mehrheit oder Vetorecht?

Das Interview kann sich auch auf einen oder zwei Punkte beschränken, weil in dem Nachrichtenblock ein Beitrag gelaufen ist, der das Thema breiter behandelte. Das Interview vertieft, gibt Hintergründe und persönliche Stellungnahmen der befragten Person zu dem Thema.

 
< Zurück   INHALT   Weiter >

Related topics