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14. Wider den Verlautbarungsjournalismus

Was gemeinhin als Verlautbarungsjournalismus bezeichnet wird, sind vornehmlich Interviews mit Politikern, in denen diese ihre Ziele oder Entscheidungen nennen. Interviews mit Politikern werden von den Empfängern durchgängig schlecht beurteilt, wie unsere Befragung (Kapitel 20) zeigte. Typische Antworten sind: „Kommt nichts bei heraus“, „Sagen ja doch nichts“ oder gar „Politiker stehen unter Denkmalschutz“. Die Schuld daran wird überwiegend den Politikern zugeschoben. Ihre ausweichenden und unklaren Antworten werden so interpretiert, als gäbe es etwas zu verbergen. Besser wäre es, sie sagten, sie könnten heute keine Auskunft geben. Von den Journalisten wird erwartet, dass sie mehr nachfragen und nachhaken.

Insgesamt besteht bei fast allen Empfängern eine paradoxe Einstellung: Sie gehen davon aus, es käme „nichts dabei heraus“, haben sich sogar daran gewöhnt, sehen die Interviews aber doch, denn „es könnte ja etwas dabei herauskommen“.

Zur Verlautbarung werden diese Interviews aus mehreren Gründen:

1. Jede Frage spricht ein neues Thema an, wobei die Themen meist vorher abgesprochen werden mussten. Diese Form der Verabredung bzw. erzwungenen Verabredung erkennt man daran, dass der Politiker schon vor dem Ende der Frage den Mund öffnet, um zu antworten. Die Formulierung der Frage ist unwichtig, er hat nur auf das Stichwort gewartet, um nun einen vorbereiteten Text zu sprechen. Der Journalist wird zum Stichwortgeber.

2. Auf die Antwort folgt keine Nachfrage. Die Antwort mag noch so allgemein, unanschaulich oder voller technischer Ausdrücke sein – es wird nicht nachgefragt.

„Ein guter Schritt in die richtige Richtung, aber es fehlt das Gesamtkonzept“ (Franz-Josef Strauß zu Ernst-Dieter Lueg).

„Wir benötigen eine Strukturreform im öffentlichen Dienst“

„Die geplanten Einsparungen im Sozialbereich ...“

So erfahren wir weder, welches die richtige Richtung ist, was ein Gesamtkonzept ist, noch was eine Strukturreform ist. Vermutlich gehen derartige Interviews an 95 % der Empfänger vorbei. Sie sollen wahrscheinlich auch gar nicht informieren, sondern zwei unterschiedlichen Zielen dienen: der Politiker war im Bild und der Status des Journalisten steigt, weil er einen prominenten Politiker interviewt hat. Die Veranstaltung dient dem Befragten und dem Interviewer, aber nicht den Empfängern.

Solche Interviews treten aber keineswegs nur in der Politik auf. Viele Interviews mit Popmusikern oder Sportlern sind ebenso Verlautbarungsjournalismus oder Promotion. Das besondere Problem der Interviews mit Politikern ist jedoch, dass sie stilbildend wirken. An diesem Typ von Interviews orientieren sich leitende Beamte in den öffentlichen Verwaltungen ebenso wie Angestellte und Manager von Unternehmen. Hier soll kein breites Publikum informiert werden, sondern Personen des eigenen Dezernats, des eigenen Unternehmens oder der eigenen Partei – oder wie im folgenden Interview (35) eines Verhandlungspartners.

Interview 35

NDR Hamburg Journal, 16. 2. 2015

Jürgen Heuer – Olaf Scholz, Erster Bürgermeister von Hamburg

I: Herr Scholz, erstmal herzlich willkommen, das sind einige der Leitplanken (bezieht sich auf den vorangegangen Beitrag), über die Sie sicher in den nächsten Tagen und Wochen mit den Grünen reden werden – ähm – ganz generell gefragt: Wie groß ist

der politische Spielraum für die Verhandlungen? 1

B: Ich habe ein sehr starkes Mandat von den Hamburgerinnen und Hamburgern bekommen, es fehlen, was die Sitze in der Hamburgischen Bürgerschaft betrifft, gerade mal drei Mandate zu einer Alleinregierung – viele andere Parteien würden mich gerne unterstützen, das wird sicherlich sich im Verhandlungsergebnis niederschlagen.

I: Die Grünen haben heute gesagt, Sie haben es gehört, die Bundesvorsitzende Frau Peter, sie werden hart verhandeln, wir hören mal ganz kurz, was der Hamburger Fraktionsvorsitzende Jens Kerstan sagt. (Es folgt ein O-Ton-Einspieler, in dem von Jens Kerstan zu hören ist, dass die Grünen nicht um jeden Preis regieren wollen. Er zählt dann Politikfelder auf, in denen es einen Kurswechsel wird geben müssen und dass er zuversichtlich davon ausgeht, dass die SPD Kompromisse eingehen wird. „Letztendlich sind wir einfach auch ein verlässlicher Partner.“)

I: Also die Grünen betonen ihre Verlässlichkeit. Schätzen Sie die

auch so ein als künftigen Partner?

B: Man kann nur, wenn man verlässlich ist, Verträge schließen. Immerhin soll der für fünf Jahre halten und nicht zwischendurch immer wieder neuen Krach erzeugen, sondern dann ordentliche Arbeit möglich machen; darauf werde ich schon sehr achten und man kann sicher sein, dass das, was für Hamburg notwendig ist, auch realisiert werden wird.

I: Aber ist dann nicht ein möglicher… eine mögliche Kurskorrektur drin, die Herr Kerstan jetzt verlangt und ein Unterschied 3

zudem, was Sie bisher gemacht haben, das muss ja irgendwie unter einen Hut gebracht werden.

B: Ich werde Ihnen jetzt nicht den Gefallen tun und hier mit

B: Der Fahrplan wird im Laufe dieser Woche entwickelt und… I: (unterbricht)…eine zeitliche Perspektive…

B: … dass man sich da genügend Zeit lassen kann.

5

I: Also können wir sagen, Ostern fertig oder noch nicht fertig?

B: Ich würde solche Prognosen nicht sagen…wir werden fertig, denn eine Regierung haben wir ja immer.

I: Okay, Sie waren heute den ganzen Tag in Berlin. Wie oft sind Sie von Ihren eigenen Genossen gefragt worden, Olaf, wie

machst Du das, wir dümpeln hier bei 25, Du hast über 45?

B: Ziemlich oft, offen gesagt, aber gleichzeitig ist es natürlich auch so, dass ich schon dazu neige, ein bisschen bescheiden zu sein, wir haben hier etwas sehr Gutes für Hamburg erreicht – das ist auch keine Hamburgensie, das hat viel zu tun, mit dem Vertrauen der Hamburgerinnen und Hamburger in die Politik des Senats und der von mir geführten Regierung und die SPD, das geht auch woanders.

I: Und wie oft mussten Sie heute in Berlin sagen, dass Sie als Kanzlerkandidat nicht zur Verfügung stehen?

B: Das hielt sich in Grenzen – ich habe einfach immer überall sagen können, dass ich ja als Hamburger Bürgermeister kandidiert hab, also nicht als irgendwas.

I: Wir haben jetzt, Herr Scholz, sechs Parteien in der Bürgerschaft, das verändert ein bisschen natürlich die Debattenlage, vor

allem haben wir jetzt die AfD drin, ähm, haben Sie Sorgen über

das, um das Image der Stadt, als liberale und weltoffene Groß-

stadt?

B: Wir werden sehen. Aber fast die Hälfte der Abgeordneten sind von der Sozialdemokratischen Partei gestellt, da sind auch noch ein paar andere – und die AfD ist nur sehr klein. Ich glaube schon, dass die große Mehrheit der Abgeordneten das Bild…

I: Trotzdem… ein Ärgernis für Sie, dass sie reingekommen sind?

B: Ich hatte mir etwas Anderes gewünscht, aber jetzt ist das Wahlergebnis so aber es ist ja klar, dass wir eine gute Regierung bilden können und dann wird das keine große Rolle spielen.

I: Ein Wort noch zur Wahlbeteiligung. Die ist wieder gesunken, wir haben uns vor vier Jahren, als Sie Ihren ersten Wahlsieg hatten, schon mal darüber unterhalten, und eigentlich auch die Frage gestellt: Müsste man das Wahlrecht ändern? Möglicher 9 weise kommt die Debatte wieder auf uns zu. Was sagen Sie?

B: Das Wahlrecht ist sicherlich ein wenig kompliziert, das merkt man ja daran, dass es viele ungültige Stimmen gibt, und deshalb muss darüber diskutiert werden, was das für Konsequenzen hat, aber da ich nun der Bürgermeister bin und nicht als Abgeordneter agiere, will ich das dem Parlament überlassen, das gehört sich in einer Demokratie so.

I: Ich sage ganz herzlichen Dank für dieses Gespräch. Wir werden das in den nächsten Wochen natürlich ganz aufmerksam alles beobachten, herzlichen Dank, Olaf Scholz, und Julia Sen macht weiter.

Anmerkungen

1: Die Antwort auf diese Frage ist natürlich sehr vorhersehbar. Deswegen wäre zu überlegen, ob I nicht mit dem Einspieler mit dem grünen O-Ton beginnen sollte – allerdings ohne den letzten Satz vom „verlässlichen Partner“. Dann könnte er sofort die möglichen Kompromisse thematisieren. Wenn wir die erste Frage akzeptieren, wäre es – wegen der Nachfrage – interessant gewesen, die Bemerkung des B, dass sich das starke Mandat sich sicher auch in den Verhandlungsergebnissen niederschlagen werde, mit eine interpretierenden Nachfrage aufzunehmen. Etwa: „D.h. Sie sagen den Grünen, dass die sich angesichts des Wahlergebnisses sehr bescheiden zeigen sollten?“

2: Zu was soll das denn führen als zu einer allgemeinen Aussage über Verträge und Verlässlichkeit. Und es dem B zu ermöglichen, den Grünen ein wenig zu drohen.

3: Das ist leider keine präzise Frage. Sie müsste nach den generellen Aussagen jetzt an einem Beispiel zeigen, wo ein Kompromiss liegen könnte – wie wohl uns klar ist, dass B in jedem Fall das tun wird, was er in seiner folgenden Antwort tut. Und da er keine Frage zu beantworten hat, nutzt er die gebotene Fläche für seine Botschaft aus.

4: Das ist eine alberne Frage. Zuschauer dürften sich nicht ernst genommen fühlen. Insoweit konsequent vom I, weil das gesamt Interview nicht ernst zu nehmen ist. Warum fragt der I nicht präziser danach, ob die FDP auch als Koalitionspartner in Frage kommt (oder warum nicht) und damit als weitere Bedrohung für die Grünen genutzt wird.

5: Belanglose Fragen, Antworten vorhersehbar. Wenigstens: „Was heißt genügend?“

6: Neues Thema; Vorschlag: „Sie sind ja sicher häufiger… gefragt worden. Was haben Sie den Genossen empfohlen?“ Im Übrigen: Wir haben die Antwort gar nicht verstanden.

7: Möglicherweise würde die Frage dann sinnvoll an die Antwort anknüpfen. Aber so? Die Antwort ist doch längst bekannt: Es gibt nichts Schöneres als Erster Bürgermeister… Hier wird nur eine weitere Plattform geboten.

8 und 9: Noch mehr Themen. Und jetzt sitzt der I dem B endgültig auf dem Schoß – oder umgekehrt?

Noch stärker wider den Verlautbarungsjournalismus handelt Anne Will in einem Interview mit Bundeskanzler Gerhard Schröder (Beispiel 36). Schröder war zu einem lange geplanten Besuch zu George W. Bush nach Washington geflogen, um vor allem dessen Unterstützung für den deutschen Wunsch nach einem sitz im UN-Sicherheitsrat zu gewinnen. Innenpolitisch verließ er eine dramatische Situation. Die SPD war in sich gespalten, denn Schröder wollte durch ein Misstrauensvotum, das die SPD hätte unterstützen müssen (ihm also nicht das Vertrauen aussprechen), den Weg zu Neuwahlen frei machen. Hierzu stand die Entscheidung des Bundespräsidenten aus. Im Anschluss an das Gespräch steht Schröder mit seiner Delegation und Pressesprecher im Garten des Weißen Hauses und wird aus Hamburg von Anne Will interviewt.

Interview 36

ARD tagesthemen, 27. 6. 2005

Anne Will – Gerhard Schröder, Bundeskanzler, Washington, im Garten des Weißen Hauses

Anmoderation: … der Präsident seinen Gast empfangen hat, vielleicht als ein Regierungschef auf Abruf. Das habe ich den Bundeskanzler unmittelbar nach dem Gespräch im Interview gefragt. Doch Christine Adelhardt berichtet erstmal der Reihe nach. (Es folgt Bericht.)

I. Guten Abend Herr Bundeskanzler. B: Guten Abend Frau Will.

I: Sie kommen gerade aus dem Gespräch mit dem amerikanischen Präsidenten. Welches Thema auf Ihrer Gesprächsagenda war so

wichtig, dass man am Anfang dieser alles entscheidenden Woche eine Reise in die USA rechtfertigte?

B: Schlicht, weil der Besuch lange geplant war und es, äh, nicht, eh, vernünftig gewesen wäre ihn abzubrechen. Das ist das eine. Das andere, die Gesprächsthemen waren wichtig genug, um ihn stattfinden zu lassen, wir haben über die Vorbereitung des Weltwirtschaftsgipfels geredet, über die europäischen Fragen, aber auch über internationale Fragen wie den Iran, den Irak und Afghanistan. Also eine breite Palette, die zu diskutieren war.

I: Ist es eine Geste außenpolitischer Handlungsfähigkeit?

B: Äh, natürlich ist es immer auch eine, eine Frage der Außenpolitik, aber es war ein lange vorbereiteter Besuch und es ist überhaupt nicht einzusehen, wieso er nicht stattfinden sollte.

I: Zum Iran: Der Präsident Bush sieht den Wahlausgang im Iran

sehr kritisch. Wie sehr vertrauen Sie darauf, dass Sie sich in den

Verhandlungen über das Atomprogramm der iranischen Regierung

einigen können.

B: Wir haben doch alle ein Interesse daran, dass es eine friedliche Lösung gibt, äh, also eine Verhandlungslösung gibt. Da gibt es nahtlose Übereinstimmung zwischen Amerika und eh, den Europäern, die diese Verhandlungen führen. Und, äh, ich setzte sehr darauf, dass es, eh, zu einem guten Ergebnis kommt. Der neu gewählte Präsident hat deutlich gemacht, dass er an diesen Verhandlungen interessiert ist und deswegen werden sie auch weitergehen. Und die Europäer haben ihrerseits erklärt, dass sie Ende Juli, Anfang August neue weit reichende Vorschläge machen über die dann zu reden sein wird. Und die, wie ich hoffe, zu einem guten Ergebnis führen.

I: Ist Ihnen Präsident Bush in Sachen deutscher Sitz im UN- Sicherheitsrat in irgendeiner Form entgegen gekommen heute?

B: Sie wissen, dass es, äh, über das Tempo der Reform, nicht über die Reform, eh, als solche Unterschiede gibt. Die G4, eh, die G4, also Indien, Brasilien, Japan und Deutschland haben ein Interesse daran noch im Juli zu einer Abstimmung zu kommen. Das sieht man in Amerika anders, das ist der Unterschied. Im Übrigen hat der Präsident deutlich gemacht, dass er sich nicht gegen Deutschland als, ähm, ständige Mitglied im Sicherheitsrat ausspricht.

I: Wie ist Ihnen der Präsident begegnet? Als einer lahmen Ente, wie die Amerikaner sagen, also einem Regierungschef auf Abruf?

B: Äh, Frau Will, erstens bin ich das nicht und zweitens, äh, wird' ich es nicht sein und drittens hat, ist mir der Präsident wie immer begegnet, wie im März in Deutschland, so auch hier in Washington. Also, als jemand, mit dem man gut und gerne arbeitet.

I: Bleiben Sie denn dabei, dass es eine gute Idee war, vorgezogene Neuwahlen anzustreben?

B: Wir reden jetzt über außenpolitische Themen, Frau Will. Und was, da, zu dem Thema, dass Sie jetzt gerne erörtern müssten zu sagen ist, das werde ich am Freitag vor dem Deutschen Bundestag sagen. Ich bin ganz sicher, dass Sie dafür Verständnis haben.

I: Ja, ich wollte ja auch nicht von Ihnen die Begründung für die Vertrauensfrage haben, sondern ich wollte eine Einschätzung dazu haben und ich habe die Chance Sie zu fragen und, ich glaube, 80 Millionen Bundesbürger würden das auch gerne tun. Ich wüsste gerne, wie Sie die zurückliegenden fünf Wochen einschätzen,

wenn Sie sie sich vergegenwärtigen. Würden Sie dann immer noch sagen, es war eine gute Idee?

B: Es geht nicht um eine gute Idee, es geht um eine Notwendigkeit

und ich bewerte diese Notwendigkeit heute genauso wie zu der Zeit, als sie entschieden wurde.

I: Also, man könnte nämlich andererseits auf den Gedanken kommen, Sie haben alles auf eine Karte gesetzt und die sticht jetzt nicht.

B: Ich versteh' gar nicht, wie Sie zu dieser Auffassung kommen, äh, denn, äh, alles Notwendige wird am Freitag gesagt. Und dann ist es Sache des Bundespräsidenten zu entscheiden und wir sollten wir, wirklich so viel Respekt vor dem Amt haben, dass Diskussionen darüber unterbleiben.

I: Mhm, ich habe großen Respekt vor dem Amt des Bundespräsidenten und nehme also die Bundestagswahl auch nur als eine mögliche Bundestagswahl an. Das muss tatsächlich eher und vielleicht auch noch das Verfassungsgericht entscheiden. Die SPD hat nun gestern Teile Ihres Wahlmanifests beschlossen, das heißt doch aber, Stichwort Steuerreform, Sie ziehen mit einer Demontage Ih-

rer bisherigen Politik in diesen, sag ich noch mal, möglichen Bun 10 destagswahlkampf?

B: Frau Will, ich verstehe ja Ihr Interviewbedürfnis, aber wir haben hier, ich stehe hier in Amerika nach einem Gespräch mit dem Präsidenten, einen Vereinbarung getroffen, dass wir uns über Außenpolitik unterhalten. Sobald ich in Deutschland zurück bin, bin ich gerne bereit Ihnen alle Fragen, die mit dem Wahlmanifest der SPD zusammenhängen dann zu beantworten, wenn es beschlossen ist.

I: Darf ich denn noch die Frage stellen, gilt der Satz noch „Ich kann nur diese Politik und ich will nur diese Politik weiter füh-

ren?“

B: Ich sagte Ihnen doch schon, dass wir uns vereinbart haben, ein ausführliches Interview zu außerpolitischen Fragen zu führen, aber 12 eins ist klar, an meiner Linie gibt es keine Abstriche.

I: Herr Bundeskanzler, vielen Dank nach Washington.

Anmerkungen

1: Zu Beginn des Interviews macht Anne Will durch ihre Formulierung gleich deutlich, dass sie nicht bereit ist nur über den USA-Besuch zu sprechen. Statt zu fragen: „Worüber haben Sie mit dem amerikanischen Präsidenten gesprochen?“, verknüpft sie die beiden Themen, von denen die Neuwahlen vermutlich das für das deutsche Fernsehpublikum das wichtigere ist. Sie konnte auch gar nicht anders, denn sowohl die Zuschauer als auch die Kollegen hätten es als feige gebrandmarkt, wenn sie das Thema ausgelassen hätte – gleichgültig welche stillschweigenden Vereinbarungen bei Auslandbesuchen des Bundeskanzlers – auf die er sich später beruft -getroffen sein mögen.

2: Guter Rhythmuswechsel – nach der offenen Frage jetzt eine geschlossene, die auch wieder beide Thema verknüpft.

3: Mit einer offenen Frage kommt sie dem Kanzler entgegen – er darf sich inhaltlich äußern.

4: Die Interviewerin bleibt bei den Gesprächsinhalten, jetzt wieder mit einer geschlossenen Frage.

5: Die Interviewerin hätte noch nachfragen können, ob sich denn der amerikanische Präsident explizit für Deutschland ausgesprochen hat und dann noch, ob der Kanzler damit zufrieden sei. Aber sie zieht es vor, mit einer Kombination aus offener Frage, die aber zu einer langen Antwort hätte führen können, und einer provozierenden geschlossenen Frage, die letztlich nur zu ihrem zweiten Thema (Neuwahlen) überleiten soll.

6: Geschlossene Frage, um den Kanzler festzulegen.

7: Schröder weicht aus, beruft sich auf eine Vereinbarung, nach der keine innenpolitischen Fragen bei einem Auslandbesuch gestellt werden sollen. Der Appell an die Interviewer hilft allerdings nicht.

8: Die Interviewerin bleibt bei ihrer Frage und legitimiert sie durch das Interesse von 80 Millionen Deutschen. Diesem Argument kann Schröder nicht mehr ausweichen. Das merkt er und antwortet äußerst knapp, aber er antwortet, wenn auch inhaltlich nicht überraschend.

9: Dies ist nun leider keine Frage und das geht prompt schief. Schröder nimmt dies sofort als „Auffassung“ von Frau Will wahr („wie Sie“), die er als nicht nachvollziehbar klassifiziert. Und als Gegengewicht zu den 80 Millionen wirft er nun den Bundespräsidenten in den Ring.

10: Gut gewehrt – aber wieder endet der Sprechakt leider nicht in einer Frage. Und dies ermöglicht es dem Kanzler, zu der Meinung von „Frau Will“ und ihrer Rolle als Journalisten „Ihr Interviewbedürfnis“, wieder nicht inhaltlich Stellung nehmen zu müssen.

11: Deshalb ist es ganz wichtig, zum Schluss noch einmal mal eine Frage zu stellen, und völlig richtig, um zu zuspitzen, eine geschlossene Frage zu stellen, die den Kanzler zu einem Ja oder Nein drängt.

12: Nach einem kurzen Ausfallschritt auf die Metaebene, merkt der Kanzler, dass er da ohne inhaltliche Antwort nicht heraus kommt ohne zu Beginn des Wahlkampfes gleich an Profil zu verlieren. Deshalb sein letzter Satz.

Es ist ein denkwürdiges Interview, für das Anne Will sowohl den Rückhalt der ARD als auch viel Lob, u.a. von der taz, („kein kommentar: 80 Millionen Deutsche“, 29. 6. 2005) erhielt. Obgleich die innenpolitischen Fragen an den Bundeskanzler keine überraschenden Informationen erbringen, wird das Interview dafür gelobt, mutig gewesen zu sein, zu recht Regeln durchbrochen und den Kanzler in Verlegenheit gebracht zu haben.

Das führt zwangsläufig auf die Frage, was Anne Will bewogen hatte, so vorzugehen. Diese Frage wurde auch in einem unserer Trainingsseminare (8. 12. 2005) gestellt und es fand sich rasch ein Teilnehmer, Jörg Ihßen, der im Auftrag aller mit Anne Will über das Interview sprach. Hier ist das Ergebnis.

Anmoderation: Wie weit darf politische Berichterstattung im öffentlichrechtlichen Fernsehen gehen. Und, wer entscheidet darüber? Ein Interview mit Altkanzler Gerhard Schröder in den Tagesthemen geführt von Anne Will kann hier Antworten geben. Der Fall: Gerhard Schröder steht in Washington und ihm fehlen die Worte. Er muss sich auf Absprachen berufen, was ihm nicht weiterhilft, denn die Interviewerin, Anne Will, fragt weiter nach innenpolitischen Themen, statt nach dem Bush Besuch und dem Kanzlereinsatz für den deutschen Sitz im UN-Sicherheitsrat. Am Telefon begrüße ich Anne Will. Guten Tag.

B: Guten Tag.

I: Frau Will, wollten 80 Millionen Deutsche, dass Sie den Medienkanzler einmal blass aussehen lassen?

B: Gut, das war ein Trick von mir, dass ich das gezupft habe, dass ich mich als Anwalt von 80 Millionen Deutschen kurz mal da dargestellt habe. Ähm, das ist einfach der Ansatz gewesen zu sagen, das legitimiert in diesem Augenblick immer weiter nachzufragen. Das hatte ich mir vorher so zu Recht gelegen. Man kann sagen, war ein bisschen pathetisch, aber taugte.

I: Die taz hat sie in einem Artikel über dieses Interview zur „Anwältin aller Deutschen“ erklärt. Ich vermute, dass Sie das Spiel der Imagepflege des Kanzlers wenige Tage vor der Abstimmung über die Vertrauensfrage nicht mitgespielt haben. Nur an diesem Abend nicht?

B: Wieso? Das habe ich gar nicht so gesehen, dass er, äh, versucht Image zu pflegen. Das habe ich nicht so verstanden.

I: Es gab einen Beitrag vorher und da ging es um den Nicht-Erfolg des Besuches, äh, bei George Bush. Das wurde schon erklärt. Und trotzdem gab es noch dieses Interview.

B: Ja gut, den Beitrag habe weder ich vorher gekannt, noch der Bundeskanzler. Wir haben das Interview irgendwann am Nachmittag aufgezeichnet, da war der Beitrag ja auch noch gar nicht fertig. Und ich hab das so ja auch deklariert, dass es aufgezeichnet ist. Damit habe ich das überhaupt gar nicht in Zusammenhang gesetzt, um was es da ging in dem Moment. Ich weiß nicht, ob der Kanzler auf Imagepflege war. Er brauchte möglicherweise, äh, den Auftritt im Ausland, um sich noch mal als Staatsmann zu gerieren. Aber möglicherweise auch nur, um sich zu verabschieden.

I: Dann kam ein ganz entscheidender Punkt in diesem Interview. Eh, Sie haben eine Frage gestellt, die der Kanzler nicht beantworten wollte. Äh, es fiel das Stichwort von der Absprache, äh, wie hat die denn genau ausgesehen?

B: Es gab keine Absprache.

I: Gibt es nicht eine prinzipielle Absprache, dass man bei Auslandsreisen nicht nach innenpolitischen Themen fragt?

B: Also es gibt keine prinzipielle Absprache, sondern das ist, wenn man so will so was wie ein „ungeschriebenes Gesetz“. Das kann man so deuten. Man kann sagen, es gibt den Comment, dass ein Politiker, der im Ausland ist, auch nur zu außenpolitischen Themen befragt wird. So habe ich im Übrigen mein Interview ja auch angefangen. Ich frage ihn ja schon nach den Ergebnissen, äh, der Gespräche mit dem amerikanischen Präsidenten und und und, versuche deutscher Sitz Sicherheitsrat. Das hab ich ja als am Anfang ja genommen. Aber dann habe ich befunden, äh, dass es, eh, im Moment eine absolute politische Ausnahmesituation in Deutschland gibt, die mich dazu berechtigt, dem Comment und das

„ungeschriebene Gesetz“ in jedem Fall zu brechen. Zumal der Kanzler selbst auch schon auf einer, äh, Saudi-Arabien Reise mal die Hartz IV Ergebnisse und die Entwicklung in den, in der Verabschiedung der Hartz IV Gesetze, eh, kommentiert hat. Er hatte das Gesetz auch schon gebrochen. Und er hatte vorher gesagt, ich glaube, das war Mittwoch oder Donnerstag vorher, also wenige Tage vor dem Interview, wir würden uns in einer politischen Ausnahmesituation befinden und für Ausnahmesituationen, so finde ich, gelten dann auch „ungeschriebene Gesetze“ nicht mehr.

(...)

Verlautbarungen sind vom Befragten gesteuert, wenn der Interviewer nicht nachhakt. Um auch das Nachhaken noch zu verhindern, kann der Befragte seine Position nutzen, um genau zu bestimmen, was gesendet werden soll: Er gibt nur ein Statement.

Bleiben wir bei Gerhard Schröder. Eindruckvoll belegt das nachfolgende Beispiel (ARD, TV-Material vom 15. 4. 2003), wie leicht wir zu Erfüllungsgehilfen gemacht werden können. Die Kollegen haben den Auftrag,

„irgendwas“ vom Kanzler mitzubringen, zum bevorstehenden Irak-Krieg, ein Thema, was durch den Besuch von Tony Blair nahe liegt, oder zum Sonderparteitag der SPD, weil sich Schröder dazu bis dahin öffentlich noch nicht geäußert hatte.

Die Szene: Der deutsche Bundeskanzler will sich in einem Hotel am Flughafen in Hannover mit dem britischen Ministerpräsidenten Tony Blair treffen. Gerhard Schröder fährt in seinem Dienstwagen vor, lässt ihn etwa zehn Meter vor dem Hoteleingang und den dort wartenden Journalisten anhalten, steigt aus und geht auf die Kameras und Mikrofone zu. Der Kollege des ZDF (I) tritt dem Kanzler entgegen:

I: …haben Sie ein Moment Zeit?

B: Für was? Nicht für Sie alleine, für alle. I: Ja, gut, können wir ja machen.

B: Wär' ja nicht fair sonst. I: Okay.

B: Worum geht's? (B deutet mit einer Handbewegung an, der I möge sich doch zurück ins Glied begeben) Komm, geh'n Se noch mal zurück zu den andern.

I: Also…

B: Nun warten Se doch! (an alle gewandt) So, was habt' ihr? Gut, nicht für jetzt, nicht bezogen auf das Gespräch.

I: Nicht bezogen auf das Gespräch… B: Okay. Also was gibt's?

I: Thema: Sonderparteitag.

B: Okay. Also es geht darum, ob das für unser Land Notwendige getan werden kann, damit die Substanz von Sozialstaatlichkeit erhalten wird. Das ist Kern der Agenda 2010, und deswegen muss sie so, wie ich sie im Bundestag am 14. 3. vorgestellt habe, auch umgesetzt werden. (Pause) Es geht auch darum, ob die SPD, meine Partei also, die innere Kraft und die Geschlossenheit findet, um diesen Umsetzungsprozess äh, durchzuführen. Ich geh' davon aus, dass das so sein wird, und jeder, der sich abweichend verhält, muss wissen, dass es äh, um sehr viel geht – (Pause) ähm, mittelund langfristig auch darum, ob äh, die SPD die Partei ist, die die notwendigen Veränderungsprozesse in unserm Land politisch organisiert oder nicht. Ich denke, das wird auch jeder wissen und deswegen geh' ich davon aus, dass es auf dem Parteitag eine breite Mehrheit (Der Kanzler dreht sich ab in Richtung Hoteleingang) für die Unterstützung der Agenda 2010 geben wird.

(Der Kanzler verschwindet, gefolgt von seinem Personenschutz, im Hotel.)

Der Befragte bietet, fraglos, den wartenden Journalisten ein paar O-Töne an, die sie je nach Bedarf verwenden können, nein: sollen. Er weiß ja, dass sie sein Angebot annehmen werden, zumal es auch noch so serviert wird, dass es ohne große Schnittaufwand übernommen werden kann: gut portioniert 3 x 20 Sekunden, jeweils mit abgesenkter Stimme. Damit auch alle wartenden Kollegen das gleiche Tonund Bildmaterial haben, muss der Befragte den ZDF-Kollegen in die gleiche Achse schieben, auf die alle Kameras ausgerichtet sind. Also: Der Befragte beherrscht die Szene, geht rechtzeitig ab, auch um keine weiteren Fragen zu zulassen. Der gleiche Kanzler mokiert sich aber als Gast bei einem Treffen des „Netzwerkes Recherche“ in Hamburg über die Interviewkultur in Deutschland („Kanzler, und?“).

Müssen wir uns darauf einlassen? Nein, müssen wir nicht. Vielleicht wäre es heilsam, ein paar solcher O-Ton-Spenden nicht zu verwenden, stattdessen solche Szene zu zeigen. Dazu brauchen wir aber die Unterstützung aus oberen Etagen der Sender.

 
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