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Die wichtigsten Elemente der Strategie von Haider sind:

• lange Antworten mit vielen Punkten,

• ausweichende Antworten,

• Provokation des Interviewers,

• Emotionalisierung des Interviewers,

• selbst die Fragen zu stellen, Fragen des Interviewers umzuformulieren,

• ablenken: nebensächliche Elemente in der Frage aufzunehmen,

• Angriffe von sich dadurch abzulenken, dass er andere zitiert, die das, was ihm vorgeworfen wird, auch (schon) gesagt haben.

Doppelinterviews

Eine reizvolle journalistische Form ist es, das Interview zu zweit zu führen. Diese Form tritt bei kontroversen Interviews und selbstverständlich in Talkshows auf (siehe Kapitel 24). Beispiele hierfür sind die älteren Sendungen von Castorff und Rohlinger („Kreuzfeuer“), und die aktuellen Interviews mit Politikern, z.B. „Was nun?“ im ZDF (mit Thomas Walde und Bettina Schausten) oder „Farbe bekennen“ (z.B. mit Thomas Baumann und Ulrich Deppendorf) in der ARD.

Für den Befragten ist die Situation zweifellos schwieriger, für die Journalisten und ihren Ehrgeiz reizvoller und für die Empfänger lebendiger. Der große Vorteil für die Journalisten besteht darin, die beiden Aufgaben des Fragens und Nachdenkens/Zuhörens, die sonst eine Person bewältigen muss, abwechselnd auf zwei Personen zu verteilen. Die eine Person fragt und hört auch zu, die andere Person hat aber mehr Zeit, über das Gesagte nachzudenken, es in den Zusammenhang früherer Antworten zu stellen, ausweichende oder widersprüchliche Antworten zu bemerken.

Das größte Problem an dieser Form ist, zwei Rollen zu finden. Der Gewinn, den diese journalistische Form haben kann, hängt fast ausschließlich davon ab, wie gut sich die beiden Interviewer verstehen. Wenn sie konkurrieren, sei es um gute Fragen oder Zeitanteile, so ist die Sache verloren. Mehr noch: Die Interviewer müssen ein Gespür dafür bekommen, wann Interviewer 1 einen Punkt (Thema) abgeschlossen hat und Interviewer 2 weiter fragt. Sie müssen an einer leichten Körperbewegung des jeweils anderen merken können, dass dieser jetzt „rein“ will und jedes Mal darauf vertrauen, dass dies schon sinnvoll sein wird. Nicht sinnvoll wäre es, wenn Interviewer 2 den Interviewer 1 nur deshalb in seiner Fragensequenz unterbricht, um selbst wieder ins Bild zu kommen. Das Problem der Eitelkeit muss also gelöst werden. Entscheidende ist nicht, wer wie lange gesprochen hat, sondern wie gut das Informationsziel erreicht wurde.

Es wird übrigens nicht dadurch gelöst, dass man zu der scheindemokratischen Form greift, dass die beiden Journalisten nach jeder Frage wechseln. Das ist verwirrend für die Zuschauer und die Befragten und verbaut jede sinnvolle Fragensequenz. Beide Interviewer müssen die Chance haben, eine Sequenz mit Fragen und Nachfragen zu steuern.

Dennoch bedarf es der Rollen. Die Interviewer müssen zwei verschiedene Temperamente haben. Das bedeutet auf keinen Fall, eine Journalistin, die weich fragt, mit einem hart fragenden Journalisten zusammen zu spannen. Die Arbeitsteilung kann ganz anders aussehen: Der eine fragt stärker zur Sache, der andere stärker zur Person. Oder: Der eine fragt sehr nachdenklich und langsam, der andere spontan und frivol – so in dem berühmten Interview von Christian Berg und Michael Geyer mit dem DDRKommentator Eduard von Schnitzler („Profile“ vom 31. 1. 1990).

Das Interview zu zweit ist intensiver. Es erfordert starke Vorbereitung durch die Interviewer.

Der Befragte kann nicht so rasch die „Logik“ des Interviews durchschauen wie bei einem Einzelinterview. Der Befragte muss reaktionsschneller sein.

Der Informationswert des Doppelinterviews kann höher sein als der des Einzelinterviews, weil besser nachgefragt wird. Und: Der Unterhaltungswert höher.

Die beiden Interviewer müssen das Informationsziel des Interviews genau festlegen und das Interview auf nur einen oder zwei Punkte beschränken. Nicht jede Frage ist ein neues Thema. Zuhören und Nachhaken sind wichtige Elemente dieser Interviews.

Wir kehren nochmals zu Jörg Haider, Vorsitzenden der FPÖ, zurück. Da es in Deutschland an einem „rechtspopulistischen“ Politiker fehlt, haben sich im Jahr 2000 mehrere deutsche Journalisten vorgenommen, ihn

„zu knacken“: Erich Böhme, Thomas Gottschalk, Marion von Haaren und Sigmund Gottlieb; bei Sabine Christiansen wurde er erst einund dann wieder ausgeladen. Sie alle sind gescheitert. Warum? Der gemeinsame Grund ist, dass sie – wie Johannes Fischer – meinten, moralisch im Recht zu sein und deshalb Haider unterschätzten. „Besonders fatal ist das, wenn der journalistische Ehrgeiz übergroß ist und zugleich an Überschätzung der eigenen Fähigkeit sowie Unterschätzung des vermeintlich zu überführenden Gegners krankt“, kommentiert Kammann (2000). Die Strategien von Haider sind weitaus raffinierter als diejenigen seiner journalistischen Kontrahenten.

Wie ein solches Doppelinterview von zwei professionellen Journalisten scheitern kann, war in dem Interview von Marion von Haaren und Siegmund Gottlieb mit Haider zu beobachten (Beispiel 34). Hier ging es jedoch nicht nur darum, Haider zu stellen, sondern auch um das Prestige zweier Profis und obendrein um das ihrer beider Sender, des WDR und des BR. Beide hatten zuvor häufiger Interviews gemeinsam geführt. Die Aufforderung zu dem Interview am Freitag kam für die Interviewer sehr kurzfristig, da Haider am Sonntag zuvor bei Sabine Christiansen ausund für den nächsten Sonntag bei Böhme (vorgezogen) eingeladen war.

Die Chance des Doppelinterviews ist es ja, die beiden Aufgaben im Interview: Fragen stellen und das Beobachten des Interviewverlaufs, die sonst ja eine Person leisten muss, auf zwei Personen zu verteilen. Das aber erfordert, den Partner so lange fragen zu lassen, bis sein Thema nicht nur

„durch“ ist, sondern auch befriedigend beantwortet wurde. Sollte das nicht so sein, muss der andere Interviewer die Lücken in den Antworten aufgrei

fen, den ersten Interviewer notfalls unterbrechen und selbst die Nachfragen übernehmen. Eben diese Chance wird in dem Interview nur selten genutzt.

Beide stehen an einem runden Tisch, die Anordnung entspricht der korrekten auf S. 213. Hier einige Auszüge:

Interview 34

ARD Farbe bekennen, 4. 2. 2000

Marion von Haaren (I1), Sigmund Gottlieb (I2) – Jörg Haider

(...)

I2: Aber noch nie ist eine Regierungsbildung ja unter solcher Beteiligung der Öffentlichkeit sowohl im Land als auch außerhalb vollzogen worden. Der Erzbischof von Wien, der sieht die Einheit Österreichs gefährdet, das Ausland ist schockiert, äh, reagiert hart, und im Inland Demonstration über Demonstrationen. Haben Sie mit einer solchen Reaktion gerechnet?

B: Ich bin eigentlich überrascht, dass nicht mehr ist, denn, äh,wenn Sie nach 30 Jahren, äh, einen Wechsel herbeiführen, 30

Jahre waren die Sozialisten an der Spitze in diesem Land, haben alles beherrscht, is' es ganz logisch, dass der Abschied von der Macht sehr schwer fällt, und, äh, daher haben Sie also auch Demonstrationen von all diesen linken Gruppierungen, äh, die über die Jahre hinweg mit staatlichen Subventionen und Steuergeldern, äh, die fleißige Leute erarbeitet haben, hochgepäppelt worden sind.

I2: Aber die Außenwirkung ist doch katastrophal.

B: Was heißt hier katastrophal, wir, äh, si… wir versuchen nur in Österreich die Demokratie, äh, durchzusetzen, denn es kann ja nicht so sein, dass, äh, das Ausland bestimmen wird, wer in Österreich eine Regierung bilden darf oder nicht.

I1: Apropos Demokratie, ist es nicht sehr ungewöhnlich, Herr Haider, dass Ihre Regierung jetzt mit der ÖVP zusammen eine Erklärung abgeben muss, wo man sich auf Menschenrechte, auf Demokratie, auf europäische Einigung und gegen Fremdlich…

Fremdenfeindlichkeit verabreden muss?

B: Wir haben uns nicht verabredet, das war der Wunsch des Bundespräsidenten, damit er bei seinen Bemühungen in Zukunft, äh, manche europäische Staatslenker, mit denen er gut befreundet ist, wie den französischen Präsidenten, äh, Überzeugungsarbeit leisten kann. Das ist etwas festzustellen, was für uns selbstverständlich ist, ist kein Problem, es kann aber nicht schaden. Es kann nicht schaden, wenn klargemacht ist…

I1: Sagen Sie das jetzt nach innen, zu Ihrer Partei hin?

B: Na, ich sag' das überall. Es kann nicht schaden, dass wir klarmachen, dass all diese Vorurteile, die uns gegenüber kulti viert werden, sich als falsch herausstellen, und das ist ja auch unsere Riesenchance, und deshalb hat man ja versucht, politischen Druck bis zum Schluss zu machen, dass diese Koalition nicht zustande kommt, denn wenn wir Freiheitlichen einmal die Gelegenheit haben zu zeigen, dass wir auch in einer nationalen Regierung, äh, eine gute Arbeit leisten, dass wir eine sehr konstruktive demokratische Kraft sind, dann werden all diese Argu-

mente im Inund Ausland zusammenbrechen und dann werden viele arbeitslos, die davon gelebt haben, uns zu diffamieren.

I2: Sie haben, Herr Haider, sehr heftig und auch fast schon beleidigt auf die Reaktionen im Ausland reagiert, Umfragen bestä-

tigen, dass die Mehrheit der Österreicher das eigentlich nicht für richtig gehalten hat, wie Sie das gemacht haben. Warum haben

Sie eigentlich so überzogen in diesen Reaktionen?

B: Also…

I2: Vor allem gegenüber Belgien und Frankreich?

B: Ich lade Sie ein, mit mir einmal durch die Straßen Wiens oder

durch die Straßen Klagenfurts zu gehen, äh, dann werden Sie

überzeugt sein, dass diese Meinungsumfragen absolut nicht stimmen können. Denn das Volk ist sehr froh, dass es einen Politiker gibt, und darauf lege ich größten Wert, der nichts über Österreich kommen lässt, und der auch in einer Situation, wo man versucht, durch Druck die Demokratie, durch Druck von Außen die Demokratie in Österreich aus den Angeln zu heben, massiv Widerstand geleistet hat. Und dass es heute gelungen ist, diese Regierung anzugeloben, das ist wirklich eine historische Leistung auch der Freiheitlichen, weil wir das demokratische Wahlergebnis vom 3. Oktober einfach umgesetzt haben, und all die Ränkezüge und Winkelzüge, äh, die da im Inund Ausland versucht worden sind, einfach zunichte gemacht haben.

I2: Äh, Herr Haider, Österreich ist Mitglied Europas. B: Mmh.

I1: Sind Sie nun Europäer oder sind Sie ein Nicht-Europäer?

Beide Positionen kann man aus Ihren Zitaten ablesen.

B: Ich bin ein begeisterter Österreicher, der, äh, dieses Österreich in Europa eingebettet sehen will, das heißt aber auch, dass für mich die Idee von einem Europa der Vaterländer im Vordergrund steht wie eigentlich der Gründungsgedanke von de Gaulle und Adenauer gelautet hat, und nicht ein Europa, das von Bürokraten regiert wird und wo die Bürger nichts mehr zu reden haben. Ein Europa, in dem die Nationalstaaten mehr Kompetenzen haben.

I1: Was heißt das konkret?

B: Das heißt, dass wir selbstverständlich auch unser Mitspracherecht als kleines Österreich in diesem Europa wahren wollen und dass wir keine Bevormundung von Brüssel akzeptieren.

I1: Wollen Sie die Institutionen verändern, wollen Sie ihnen

Einfluss wegnehmen, was haben Sie konkret vor?

B: Na ja, jetzt gibt's ja das berühmte Einstimmigkeitsprinzip, das man ja schrittweise abschaffen will, und das ist eine gefährliche Situation, denn, so lange es ein Einstimmigkeitsprinzip gibt im… auf europäischer Ebene, is' es völlig klar, dass wir, als kleines Land, auch wesentlich mitbestimmen, das ist ja auch der Fehler jetzt, äh, der verkündeten Maßnahme gegen Österreich, wenn hier 14 Länder, äh, versuchen, gegen Österreich, weil ihnen die Regierung nicht passt, vorzugehen, haben Sie eigentlich einen taktischen Fehler gemacht. Denn sie brauchen unsere Stimme in Europa. Ohne uns gibt es keine Beschlüsse auf europäischer Ebene, es muss einstimmig entschieden werden.

I1/2: Mmh.

I1: Herr Haider, eine letzte Frage dazu: Sind Sie für die Abschaf-fung des Euro?

B: Na, i wüsste nit, warum i für die Abschaffung des Euros sein soll, ich habe ihn nicht für…

I1: Weil Sie gegen den Euro waren,

B: äh, für richtig gehalten den Zeitpunkt der Einführung. Sind nehmen ja die Halbwahrheiten, die bei über uns verbreitet werden. Wenn man den Zeitpunkt der Einführung des Euro kritisiert, ist man gleich gegen den Euro. Wenn man sagt, die FD… die Regierung hat schlecht verhandelt beim EU-Beitritt, is' man gleich gegen Europa. Man wird sich angewöhnen müssen, auch mit uns etwas differenzierter umzugehen.

I2: Herr Haider, wer Europa will,… (...)

I2: Herr Schüssel hat ja gestern gesagt, wir wollen ein klares Bekenntnis auch zum Umgang mit der Vergangenheit. Woher kommt es Ihrer Meinung nach, Herr Haider, dass so viele an Ihrem klaren Bekenntnis zur Demokratie zweifeln, das muss ja irgendwo her kommen, das kann ja nicht an den andern liegen.

B: Also es gibt hier nur sozusagen eine veröffentlichte und eine öffentliche Meinung. Die veröffentlichte Meinung jener, die alles

das nachquatschen, was Ihnen von Österreich aus der linken Reichshälfte in den letzten Jahren, äh, mitgeteilt worden ist und das auch glauben, die müssen den Eindruck haben, das ist eine fürchterliche Partei. Ich bin 20 Jahre hier in Österreich tätig, ich bin seit 20 Jahren in führenden Funktionen dieser Republik tätig, in Regierungen als Abgeordneter, als Fraktionschef im Parlament, und in keiner einzigen dieser Fr… Funktionen hat es auch nur einmal einen Schritt gegeben, der nicht demokratisch fundiert gewesen ist und der nicht auch von allen mitgetragen werden kann.

I2: Aber die Sorgen Ihrer Kritiker leiten sich natürlich auch aus Äußerungen von Ihnen aus der Vergangenheit ab, und daran 11

werden Sie immer wieder gemessen.

B: Ja. Aber zeigen Sie mir den Politiker, der in 20 Jahren keinen Fehler macht.

I1: Na ja.

B: Und zum Unterschied von… von anderen bin ja ich auch bereit, wenn ich einen Fehler mach, das einzugesteh'n. 12

I1: Zum… Zum Beispiel… / I2. Würden Sie… Würden Sie heute noch einmal die nationalsozialistische Beschäftigungspolitik loben?

B: I hab's ja nicht gelobt, sondern das Problem war, dass man einen Satz herausgenommen hat. Aber ich habe trotzdem…

I1: Sie haben's in Vergleich gestellt… B: ich hab…

I1. mit der damals aktuellen, äh, Politik hier in Wien.

B: Wissen Sie, in einer poli… politisch korrekten Gesellschaft is'es so, dass der eine das sagen darf, der andere nicht. Der Sebastian…

I1: Gut, aber trotzdem…

B: Haffner kriegt also, äh, den Goethepreis dafür, dass er dassel 13 be schreibt, was…

I1: Herr Haider, kommen wir noch mal zurück… B: Jörg Haider gesagt hat.

I1: zur eigentlichen…

B: Aber lassen Sie mich… lassen Sie…

I1: Nee, können wir noch mal ganz konkret… B: mich kurz sagen…

I1: weil das wir jetzt sehr abstrakt sind… B: Das lassen wir nicht im Raum stehen. I1: Äh….

B: Ich habe… I1: Ja.

B: Ich habe unmissverständlich auch am 12. November in einer Rede im vergangenen Jahr festgestellt, die klare Distanz der Freiheitlichen zum Nationalsozialismus, zu dieser dunklen Zeit, und damit auch deutlich gemacht, dass diese junge Bewegung, die ja 35% der jungen Wähler in Österreich auf sich vereinigt, in die Zukunft blickt und die Demokratie so festmachen will, dass es das nicht mehr geben kann. (Haider wendet sich mit dem Blick I2 zu )

I2: Aber wäre es denn, Herr Haider, Sie sind jetzt ja nun seit heute durch die FPÖ Mitglied dieser Regierung, wäre es hier nicht eine Geste und an der Zeit zu sagen, wir sind jetzt Regierungspartei und jetzt sagen wir auch gegenüber dem Ausland noch einmal ganz klar, Verzeihung, Entschuldigung gegenüber den Opfern des Nationalsozialismus. Wär' das nicht eine Geste, die in der Öffentlichkeit, äh, ihre Wirkung unter Umständen erzielt?

B: Ich glaube, dass Österreich in dieser Richtung sehr viel schon getan hat,… I1: Und Sie?

B: und wir auch jetzt mit diesem… in unserer neuen Regierung 14 mit unserem Programm auch bereits angekündigt haben, dass wir

in dieser Richtung, äh, selbstverständlich, äh, die… nicht nur den Dialog eröffnen, sondern dass wir auch konkrete Handlungen setzen, das heißt das, was man etwa in der Frage der Zwangsarbeiter jetzt verhandeln wird müssen, das werden wir zügig angehen, und das ist, glaub' ich, für eine dauerhafte friedliche Entwicklung in Europa…

I1: (unverständlich, weil gleichzeitig mit:)

I2: Also würden Sie eine solche Entschuldigung würden Sie die ins Auge fassen?

B: Ich glaube, dass Österreich insgesamt gezeigt hat, auch durch sein Verhalten, dass es sich, äh, nicht, äh, dass es sich trennt von der These, die ja am Anfang der Republik gestanden ist, wir waren sozusagen die armen Überfallenen, sondern wir sind Opfer und Täter gewesen.

I1: Mmh….

B: Und ich sage…

I1: Herr Haider, trotzdem noch mal zu dem Wort zurück, äh, Sie haben gesagt, KZ's sind Straflager gewesen. Da muss man noch mal ganz konkret fragen: Dietrich Bonhoeffer hätte heute Geburtstag, wenn er noch am Leben wäre. War das für Sie ein Straftäter?

B: Ich glaube, dass, äh, wir… davon auszugehen haben, dass Begriffe, äh, die verwendet worden sind, nicht unterschiedlich

bewertet werden können, w… von wem sie verwendet werden. Wenn in der Karlskirche in Wien dieser Begriff auf einer Gedenktafel steht, hat niemand Anstoß genommen, wenn ihn Jörg Haider verwendet, nimmt jemand Anstoß, wenn ihn zwei Minuten später eine grüne Abgeordnete im Parlament verwendet, nimmt wiederum niemand Anstoß daran. Aber…

(...

I2. Herr Haider, wir wollen Sie mit einigen, äh, Einschätzungen und, äh, Zitaten konfrontieren unter der Überschrift: Wer ist

Haider? Äh, Haider ist ein lupenreiner Opportunist, er tut und sagt alles, was seiner Karriere nützt, so heißt es.

B: Ja, Sie werden ja nicht erwarten, dass meine politischen Mitbewerber mir Freundlichkeiten erweisen, äh,…

I2: Das ist… sind keine Äußerungen nur von politischen Mitbewerbern,…

B: Jaa, das ist einfach so…

I2: sondern öffentlich Äußerungen.

B: so einfach der gängige, äh, Titel, weil jemand in der Demokratie erfolgreich ist, den man nicht bestellt hat. In Wirklichkeit bin ich sozusagen ein Betriebsunfall der österreichischen Demokratie, es war, äh, über 40 Jahre lang hat man sich die Macht zwischen Rot und Schwarz aufgedau…geteilt und dann kommt plötzlich einer daher, der es wagt, eine Bevölkerung zu mobilisieren für Reformgedanken.

I2: Was sagen Sie denen, die sagen, „Haider hat keine Überzeugung“?

B: Ich sage denen, sie sollten eigentlich froh sein, dass Jörg Haider jemand ist, der keine Ideologien vertritt. Denn Ideologien sind Heilslehren und, äh, haben die Tendenz zum Totalitären in sich.

(...)

I1: Kommen wir zu Ihrer Politik, Herr Haider. Für welche Maßnahmen stehen Ihre Minister, z.B. Justiz-Inneres, wenn man jetzt mal speziell daran denkt, dass Sie in Ihrer Regierungserklärung gesagt haben, wir stehen dazu, dass wir Ausländer schützen wollen, dass wir die Menschenrechte achten, zum Beispiel müsste ja Ihr Innenminister äh auch solche fremdenfeindliche Sprache verfolgen, strafrechtlich.

B: Na, da hätten wir eine Menge zu tun, das, was die Sozialisten alles an fremdenfeindlichem Jargon produziert haben, wie vom

„das Boot ist voll“, und „Wir brauchen keine, äh, tschechischen Salamihändler auf der… auf österreichischen Straßen“, dann zu verfolgen.

I1: Aber müsste dann auch gegen Mitglieder Ihrer eigenen Partei unter Umständen vorgehen, und würde das auch tun mit Ihrer Unterstützung?

B: Wenn s…, schauen Sie, wenn so was gemacht wird, dann ist gegen jeden ungleich, also unbesehen, wohin er gehört, äh, entsprechend vorzugehen. Ist keine Frage.

I2: Mmh.

B: Nur, wir würden eine, eine wie ich glaube, äh, sehr sehr posi tive Regierungsarbeit leisten, wir stellen ja nicht das Innenressort, das ist die ÖVP, äh, wir sind im Justizbereich und im Bereich der Landesverteidigung, äh, im Justizbereich wird es aber sicherlich massive Veränderungen geben (…)

I2: Sagen Sie uns, was werden Sie für die Ausländer im Land tun?

B: Ähmmm, wenn Sie mit mir durch Wien durch die Ausländerbezirke gehen, dann werden Sie sehr viele finden, die große Freude mit mir haben, auch Ausländer. Aus einem ganz einfachen Grund: weil die sagen, der passt auf, dass nicht eine ungezügelte Zuwanderung stattfindet, das wäre auch zu unserem Nachteil, denn dann gibt's einen Verdrängungswettbewerb. Wir haben etwa in Wien überdurchschnittlich viele Ausländer, mehr als jede europäische Hauptstadt, und Sie wissen alle ganz genau, dass vor allem die, die weniger qualifizierte Ausbildung haben, durch die Zuwanderung von Billigarbeitskräften verdrängt würden.

I2: Sie würden, Herr Haider, auch denen entschieden begegnen, die Stimmung gegen Ausländer in Österreich machen.

B: Absolut, weil ich glaube, dass wir ein Interesse an einem friedlichen Zusammenleben haben müssen. (…)

Anmerkungen

Soweit es die Bildregie erkennen lässt, schaut Interviewerin 1 kaum Interviewer 2 an, wodurch es unmöglich wird, sich per Blickkontakt darüber zu verständigen, ob der jeweils Fragende oder der andere weiter machen soll. Interviewerin 1 ist mit ihrem Blick ständig auf den Papieren auf dem Tisch. Sie macht den Eindruck, als sei ihr die Situation unangenehmer als Interviewer 2. Deshalb wendet sich der Befragte häufiger Interviewer 2 zu; es scheint, ihm sei die Kontroverse mit dem männlichen Interviewer angenehmer.

Wenn Haider auf den Interviewerin 1 antwortet, schaut er abwechselnd Interviewerin 1 und Interviewer 2 an. Wenn er auf den Interviewer 2 antwortet, schaut er nur Interviewer 2 an. Interviewerin 1 hält ihre Hände flach übereinander gelegt auf der Tischkante, Interviewer 2 steht meist etwas ab vom Tisch.

1: Eine der typischen Strategien des Befragten: Er dreht das Argument um und kommt damit gut durch.

2: Keine präzise Formulierung.

3: Jetzt müsste ein Argument oder Zitat kommen, das den Befragten zwingt, mehr zu Äußerungen seiner Parteimitglieder zu sagen.

4: Neues Thema.

5. Hier fehlen Belege, sonst kann der Befragte den Vorwurf leicht wegschieben.

6: Das ist nun sehr einfach argumentiert. Gegen seine Stichproben kann man kaum etwas sagen; allerdings entkräften sie nicht das Argument der Interviewer. Gibt es keine besseren Argumente der Interviewer?

7: Gute Nachfrage.

8: Unklar, nicht zugespitzt.

9: Warum eine „letzte Frage“? Vielleicht hätte der andere Interviewer ja noch eine weiter führende Frage.

10: Das ist gewiss ein guter Punkt, aber es fehlen die Belege. 11: Auch hier fehlen die Belege.

12: Nun folgt eine gute Abfolge von Fragen; so hätten andere Teile des Interviews geführt werden sollen.

13: Befragter weicht aus, indem er wieder auf andere Personen ablenkt. 14: Gute Nachfrage.

15: Die vielen Ähs zeigen, dass der Befragte in Bedrängnis ist. Deshalb muss hier weiter gebohrt werden.

16: Hier wäre die Nachfrage sinnvoll: “Die Frage war: Wie fassen Sie diese ins Auge?“

17: Wieder lenkt der Befragte ab. Er weiß auch, dass die Interviewer dies so schnell nicht nachprüfen können. Eben das sollten sie ihm entgegen halten.

18: Was sollen diese Zitate von anderen? Meinen die Interviewer, der Befragte würde das bejahen? Wenig später kommt nochmals ein solches Zitat „Was sagen Sie denn den Kritikern, die von Ihnen sagen, Sie sind ein Populist, der nur Stimmen maximieren will?“ Recherche und genaue Belege wären viel eindringlicher als diese leicht abzuwehrenden Zitate.

19: Eine nachträgliche Zensur für die ungenaue Feststellung der Interviewerin, die FPÖ habe das Innenministerium.

20: Gute Frage.

Interviews mit Autokraten

Stellen Sie sich vor, im September 1939 hätte ein Journalist der BBC Adolf Hitler interviewt. Das Einstiegs-Thema wären die Gründe für den Einmarsch in Polen gewesen, danach hätte der Journalist nach den Beziehungen zur Sowjetunion, sodann nach der Diskriminierung und Verfolgung der

Juden gefragt. Hitler hätte überzeugend dargestellt, dass Deutschland sich bedroht fühle und handeln musste, ferner, dass man sich gegen eine jüdische Weltherrschaft und das jüdische Kapital wehren müsse, hätte dazu angeführt, wie viele Banken und Unternehmen in jüdischer Hand seien. Hinweise auf Verfolgung und Konzentrationslager, die seit 1933 gab, hätte er als Gräuelpropaganda abgetan. Was hätte ein solches Interview gebracht?

Was also ist der Ertrag von Interviews wie den folgenden: Claus Kleber mit Mahmud Ahmadineshad, Präsident Iran (19. 3. 2012) oder Jürgen Todenhöfer mit Baschar-al-Assad, Präsident Syrien (8. 7. 2012) oder Jörg Schönenborn mit Putin, Präsident Russland (5. 4. 2013)? Was fragt man, wenn Ahmadineshad sagt „Der Staat Israel ist entstanden durch eine Lüge“ und was, wenn er sagt, „Wer nach der Atombombe im Iran sucht, ist zurückgeblieben“? Die Befragten sind äußerst kontrolliert, kritische Nachfragen (um die sich Kleber wirklich bemüht) nur sehr begrenzt möglich.

Welches Informationsziel haben solche Interviews? Was erfährt man politisch Neues? Wir sollten sie nicht führen, denn: "Interviews mit Massenmördern oder Autokraten gelingen fast nie: Die freundlich gehaltenen wirken peinlich unterwürfig, und moralisch fragwürdig. Die aggressiv geführten wirken selbstgefällig und nutzlos, weil das Machtgefälle zu groß ist, als dass etwas Überraschendes geschehen könnte“ (Emcke 2015). Zudem ist zu befürchten, dass ein kritisches kontroverses Interview, wie wir es hier handwerklich anstreben, dazu führen kann, dass aufgrund des Machtgefälles der Sender, von dem der Interviewer kommt, künftig Schwierigkeiten haben wird, aus dem Land zu berichten.

 
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