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Verstärkte Kontroverse

Fast alle Probleme, die bei einem kontroversen Interview auftreten können, sind in dem nächsten Beispiel (32) vorhanden. Es geht um korrekte Recherche, die den Ausgangspunkt des Interviews bildet, darum, wie I die Gegenposition zu derjenigen des B formuliert, sodann, wie man reagiert, wenn die Position des I vom B bezweifelt wird, und darum, ob I die Argumente distanziert oder mit persönlicher Anteilnahme vorbringt – und damit offen dafür ist, dass die Gegenposition nicht zutrifft oder nicht haltbar ist, schließlich darum, ob I die Argumente emotional besetzt hat deshalb jede Kritik als eine an der eigenen Person auffasst, was dann dazu (ver)führt, gewinnen zu wollen. Die Aufregung war groß: Das Interview war am folgenden Tag die Schlagzeile von „Bild“ und Thema in vielen Tageszeitungen.

Interview 32

ZDF heute journal, 18. 11. 2013 Marietta Slomka – Sigmar Gabriel

I: Guten Abend Herr Gabriel. B: Guten Abend. Grüß Sie.

I: Sie haben jetzt mit vielen Parteimitgliedern, mit der wirklichen Basis, heute diskutiert und gesprochen und wenn man da zugehört hat, hat man gemerkt, da gibt's schon auch noch einigen Gegenwind. Also ein Selbstläufer wird das wohl nicht, diese Befragung oder?

B: Also dann müssen Sie hier eben nicht zugehört haben, wenn 1 Sie diese Meinung haben. Hier gab's ehm ne große Zustimmung

zu dem was wir machen, aber das hat man vielleicht in Mainz nicht hören können.

I: Doch ich hab da schon auch Mitglieder gehört, die gesagt haben: Ich kann da nicht zustimmen, weil zum Beispiel der Mindestlohn nicht schnell genug kommt. Sie haben sehr lange darum werben müssen, dass Ihre Parteimitglieder verstehen, dass es eigentlich keine Alternative gibt. Dass zum Beispiel eine Minderheitenregierung nicht in Frage kommt. Also wenn das alles so

klar wär, dann müssten Sie sich die Mühe doch gar nicht geben, 2 da jetzt um Überzeugung zu kämpfen.

B: Also erstens finde ich es angemessen, dass man Mitgliedern sowas erklärt. Und zweitens, verstehen Sie, wenn die Gewerkschaften, wenn die IG Metall, wenn Verdi, wenn der DGB, den SPD-Mitgliedern empfiehlt, sie sollen zustimmen, dann scheint das ja nicht ganz blöd zu sein, was wir machen, und wenn der FDP-Vorsitzende Herr Lindner erklärt, der Koalitionsvertrag sei ein sozialdemokratisches Programm, dann scheinen wir ja nicht alles falsch gemacht zu haben. Ich mach mir überhaupt keine Sorgen. Natürlich gibt's Fragen dazu, das ist doch logisch. Es wär ja auch komisch, wenn's keine gäbe. Aber jedenfalls hier in Hessen, hier sind fast 1000 Sozialdemokratinnen und Sozialdemokraten versammelt, das war ne richtig fröhliche Veranstaltung und ich finde, das ist richtig gut, was wir machen. Das wird die SPD zusammenführen. Wir kriegen haben inzwischen 2,5 Tausend Neueintritte, weil die Leute merken, bei uns kann man bei der Politik nicht nur mitdiskutieren, sondern mitbestimmen. Ich finde das ist ne tolle Stimmung in der SPD.

I: Stichwort in der Politik mitbestimmen. Ein solches eine solche Mitgliederbefragung nach Koalitionsverhandlungen, das ist ja

ein Novum, das hat es noch nicht gegeben. Und es gibt durchaus verfassungsrechtliche Bedenken dagegen, ob sich das eigentlich

mit unserer parlamentarischen repräsentativen Demokratie verträgt. Haben Sie, als Sie sich für diese Basisentscheidung entschieden haben, sich solche Gedanken, solche auch verfassungsrechtliche Gedanken, eigentlich gemacht?

B: Nee, weil's ja auch Blödsinn ist. In der Verfassung stehen die Parteien drin. Sie sollen an der Willensbildung des deutschen Volkes teilnehmen. Es gibt ein Parteiengesetz, das uns zur innerparteilichen Demokratie verpflichtet. Und das Parteiengesetz lässt uns natürlich offen, wie wir das machen – und wieso soll eigentlich direkte Demokratie in einer Partei verboten sein? Den Verfassungsrechtler, der sowas behauptet, den würd ich (lacht)

Parteien auf demokratischem Wege herbeizuführen. Und es ist keine bessere Demokratie in der Partei, wenn nur n Vorstand entscheidet oder ein Parteitag, sondern natürlich ist es besser, wenn die Mitglieder einbezogen werden. Und es ist nicht so, dass die Wählerinnen und Wähler weniger Rechte haben. Sie haben ein Parlament gewählt und wie die Mehrheitsbildung da stattfindet, entscheidet sich an Inhalten und an den Willensbildungsprozessen der Parteien. Und die wählen Parteien, Frau Slomka, bei anderen Parteien, Frau Slomka, entscheiden kleine Gruppen. Da entscheiden noch weniger Menschen über das Schicksal in Ihrer Argumentation Deutschlands und bei uns tut das eben immerhin

470.000 Mitglieder. Ich weiß nicht, warum das schlecht sein soll.

I (gleichzeitig): Also. Ja aber das was die Wähler...was die Wähler... Herr Gabriel ich dachte...

I: Ich dachte eigentlich, dass in Deutschland alle Staatsgewalt 7 vom Volke ausgeht und dass das Wahlvolk entscheidet.

B: Ja, aber dann, was macht denn dann die CDU? Ehm wie hat denn der Wähler nun entschieden. Der hat entschieden Frau Merkel ist die... vertritt die stärkste Fraktion und die stärkste Partei, aber der Wähler hat nicht entschieden, dass er die absolute Mehrheit hat. Und nun gibt es Koalitionsverhandlungen, um zu klären, mit wem wird eine Mehrheit gebildet. Und in der CDU entscheiden darüber auch nicht die Wähler, sondern der Parteivorstand der CDU und der Parteivorstand der CSU. Das sind viel weniger Menschen als bei der SPD. Tut Sie mir nen Gefallen, lassen Sie uns den Quatsch beenden.

B (gleichzeitig): Das ist hat doch mit der Wirklichkeit nichts zu tun. Wir kriegen... wir kriegen den ... wir kriegen in zwei Wochen... wir kriegen... Ja, ja. Das mach ich doch gerade.

I (gleichzeitig): Also Herr Gabriel, diesen Quatsch, der wird von sehr ernsthaften... Dieser Quatsch wird von sehr ernsthaften Verfassungsrechtlern diskutiert und dem kann man sich ja dann auch mal stellen. Aber lassen Sie noch uns über was anderes reden.

B: Das mach ich ja doch gerade.

I: Wenn Sie...wenn Sie Ihre Partei. Ja Sie sagen, das ist Quatsch, Grundlagen

B: Weil die SPD Mitglieder und zwar in ganz großer Zahl uns darum gebeten haben, eine Sachentscheidung zu treffen und nicht über Personal. Ich respektiere, dass viele in den Medien sagen, wir wollen aber wissen wer da was wird. Aber in diesem Fall wollen nun ausnahmsweise mal unsere Mitglieder in der Sache debattieren und nicht über Personal und das respektiere ich. Mir wär übrigens beides Recht gewesen, aber ich respektiere die Auffassung meiner Mitglieder.

I: Herr Gabriel, danke für das Gespräch.

Anmerkungen

1: Gleich zu Anfang macht B der I den Vorwurf, nicht korrekt informiert zu sein.

2: Daraufhin bringt B Argumente, spricht lange und endet ohne Frage. Es hätte ausgereicht, nur den letzten Satz zu verwenden und durch ein Warum als Frage zu stellen.

3: Für die E ist vermutlich nicht klar, welche verfassungsrechtlichen Bedenken man gegenüber einer Mitgliederbefragung haben kann.

4: In der Tat gibt es dagegen auch keine Bedenken.

5: Sie besteht darin, dass aus der Befragung der Mitglieder ein imperatives Mandat für die SPD-Abgeordneten im Bundestag wird, im Sinne des Ergebnisses abzustimmen. – Es ist diese falsche Verknüpfung von Mitgliederbefragung und imperativem Mandat, auf der das Interview beruht. Aber diese Verknüpfung will B gar nicht herstellen,

6: weshalb er das Argument der I (zu Recht) bestreitet. Das hätte sich aufklären lassen, wenn I nicht behauptet, sondern gefragt hätte „Wenn die SPD-Mitglieder sich für eine Große Koalition aussprechen, ist das dann ein imperatives Mandat für die SPD-Abgeordneten?“

7: Warum sollte man die Parteimitglieder nicht fragen? Kann das Votum der Wähler für eine Partei auch als Votum für die Art der Koalition interpretiert werde? Das ist sehr fraglich – weshalb es auch als Frage formuliert werden sollte.

8: Wir sind wieder bei Anmerkung 5. I ist emotionalisiert und reagiert rechfertigend.

9: Das wollte B wohl schon längst loswerden. Er emotionalisiert die B. 10: Der Versuch, mit einem neuen Aspekt doch noch zu gewinnen.

Alle angeführten Schwierigkeiten kontroverser Interviews treten gemeinsam in jenen Interviews auf, in denen der Journalist a) eine völlig andere Meinung vertritt als der Befragte und b) vermuten kann, nur eine Minder-

heit der Empfänger teile die Position des Befragten. Der Journalist wähnt sich demnach subjektiv moralisch im Recht (was er auch sein mag), und neigt deshalb dazu, die Sache zu leicht zu nehmen. Mehr noch: Die Argumente des I sind mit (starken) Gefühlen besetzt, so dass jede Kritik daran als Kritik an der Person aufgefasst wird, der Journalist somit emotional und rechtfertigend reagiert – aber nicht mehr fragend, nicht mehr nüchtern, distanziert, sezierend – er hat ja schon „gewonnen“. Eben das hat er aber nicht.

Wie hätten Sie im folgenden Fall weiter gefragt? Auf die Frage eines Journalisten „Sie glauben nicht, dass sechs Millionen Juden ermordet wurden im Dritten Reich?“ antwortet Egon Weihe, NPD, Stadtrat in Pirna „Ich war nicht dabei, wissen Sie, Sie können mir das jetzt erzählen, mir kann irgendeiner erzählen jetzt, warum soll ich denn das glauben?“ (RBB, „Kontraste“, 8. 7. 2004).

Auch rechtsextremen Aussagen kann man im Interview nicht mit moralischer Entrüstung begegnen, sondern nur mit Nachfragen und/oder Fakten, die das, was der Befragte sagt, widerlegen. Zwar wird er die Minderheit wohl kaum überzeugen oder deren Meinung ändern, zumindest aber bei den Empfängern Zweifel an den Aussagen des Befragten aufkommen lassen.

An dem folgenden Interview (33) lassen sich sowohl die Probleme des Interviewers als auch die Strategien des Befragten gut verdeutlichen.

Interview 33

ORF ZIB2, 22. 2. 2002

Johannes Fischer – Jörg Haider

Beitragstext: „… Ausschuss mit den beiden Parteiobleuten tagen. Damit ist außer Kanzler Schüssel auch FPÖ-Parteichef Haider formell in die Koalitionsarbeit eingebunden. Und Koordination wird nötig sein. Das haben zuletzt die Geldnöte der Krankenversicherung gezeigt. Nächste Woche sollen die Kassen Sparvorschläge machen. FPÖ-Staatssekretär Wanneck sprach zum Ärger der ÖVP aber schon gestern von Beitragserhöhungen für Besserverdienende und bereitete auch heute in der ZIB um

13.00 Uhr auf höhere Zahlungen vor: „Ich glaube, wenn alles am Tisch liegt und transparent ist, dass man sehr wohl, ah, in der Bevölkerung Verständnis dafür aufbringt, dass das auch etwas kostet.“ Bundeskanzler Schüssel spielt das Problem den Kassen zu und lehnt höhere Beiträge ab, die auch die Arbeitgeber zahlen müssten. […] Woher also soll das Geld kommen, und vor allem, wie viel von welcher Bevölkerungsgruppe. Diese Frage ist hochpolitisch. Die Koordination der Antwort wird nicht einfach sein.“

I: Und in unserem Studio in Kärnten begrüße ich jetzt den Kärntner Landeshauptmann und FPÖ-Parteiobmann Jörg Haider. Gut… schönen guten Abend, Herr Dr. Haider.

B: Guten Abend.

I: Ich möcht' die Frage gleich aufgreifen, ehm, Herr Landeshauptmann, Ihr Staatssekretär hat heute mehrere Vorschläge zur Kassensanierung gemacht, einen, der die so genannten Besserv… Bev… Besserverdienenden betrifft, nämlich die Anhebung der Höchstbeitragsgrundlage, und einen, der die eher kleinen Leute betrifft, die so genannten kleinen Leute, nämlich die höhere

Krankenscheingebühr. Für welche Variante würden Sie sich 1 entscheiden?

B: I hab mich da nicht einzumischen, bevor einmal dieser Krankenkassengipfel getagt hat und die Experten ihre Meinung auf den Tisch gelegt haben. Man soll doch einmal davon ausgehen, äh, dass nicht die Regierung diese Beiträge erhöhen muss, sondern dass die Krankenkassen als Selbstverwaltung mit hoch

bezahlten Funktionären gefälligst selbst einmal ein Konzept auf 2 den Tisch legen, wie sie aus ihrer finanziellen Misere herauskommen, die ja auch über viele Monate verschwiegen wurde, denn vor den Nationalratswahlen hat ja die Frau Sozialminister Hostasch allen Ernstes noch behauptet, es is alles paletti, jetzt besteht der Verdacht, dass weit über sechs Milliarden Schilling

im nächsten Jahr bereits fehlen werden in den Krankenversicherungen. Ich würd' also daher einmal vorschlagen, dass wir uns die Vorschläge der Kranken… Versicherungsfunktionäre anhören, und dann würde ich auch, eh, der Regierung empfehlen, einmal einen massiven Privilegienabbau in diesen Sozialversicherungsanstalten zu machen. Da gibt es Zusatzpensionen, da gibt es Privilegien Sonderzahlungen für Funktionäre, aber auch

für führende Mitarbeiter, die Dinge sich genehmigt haben, die 3 die Versicherten nicht haben, die dort eingezahlt haben,…

I: Ja, Herr Dr. Haider, wir werden aber alle nicht… 4

B: und bevor das nicht abgeschafft ist, würd' ich sagen, sollten wir goar nicht über Beitragserhöhungen und ähnlichem reden, aber man sollte sich auch darüber mal unterhalten, ob's nicht gscheit wär', in einer modernen, in einem modernen Selbstverständnis einer Gesundheitspolitik in den Kassen mehrere Risikovarianten den Versicherten anzubieten, und die haben die Möglichkeit, äh, verschiedene Risiken auszuwählen, das wär' ein bisschen mehr in Richtung selbständiger Mensch, ein bisschen in Richtung Eigenverantwortung, und auch ein bisschen mehr in Richtung Wettbewerb unter den Kassen.

I: Herr Dr. Haider, äh, die die die Privilegien der der Angestell- 5 ten der Sozialversicherung werden die neun Milliarden, die offenbar jetzt fehlen, nämlich äh die vom letzten Jahr und die von wahrscheinlich heuer, ähm, vermutlich nicht wettmachen, die

Frage zielt darauf ab, Sie haben ja im Wahlkampf, ähm, sich ganz bewusst als die Partei des so genannten kleinen Mannes

stilisiert, als eine neue soziale Partei, die Partei der Arbeiter, die Frage ist, äh, wie werden Sie, wenn Sie jetzt in der Regierung sind, Ihre Leute oder Sie selber anweisen, so zu handeln, die Besserverdienenden zur Kasse zu bitten oder die kleinen, so genannten kleinen Leute zur Kasse zu bitten.

B: Na, I wer' ja erstens einmal niemanden anweisen, weil, äh, das nicht meine Aufgabe ist, sondern das tun unsere Regierungsmitglieder …

I: …

B: sehr autonom, äh, und zum anderen is allein die Fragestellung die, äh, das schon wieder Verteidigungspositionen aufgebaut werden. Mein, mich wundert's nicht, wenn jemand als ORFMitarbeiter das tut, die ja genauso Privilegien haben, die in einem geschützten Bereich arbeiten und dort letztlich Leistungen kassieren, für die andere arbeiten und zahlen müssen, und des ist etwas, was mir einfach vorschwebt, wenn wir Regierungsverantwortung haben, das man sehr transparent auch über diese Fragen einmal diskutiert, bevor man dem von Ihnen zitierten kleinen Mann, um den Sie sich als Privilegierter des ORF so Sorgen machen, äh, zur Kasse zu bitten und ihm etwas wegzunehmen, des is eben genau die Funktion, die wir freiheitlichen auch in dieser Regierung haben werden.

I: Herr Dr. Haider, bitte vielmals um Vergebung, also privilegiert bin ich nicht und ich hab' auch kein großes Bärental hinter mir,

das mir gehört, ähm, äh, ich … B: Ja aber mit Verlaub…

I: möcht' nur sagen, das Kern, das Kernproblem ist ein anderes:

Sie haben im Wahlkampf, äh, eine ganz bestimmte Wahlkampflinie gefahren, nämlich sich um den so genannten kleinen Mann zu kümmern, und jetzt sind Sie in der Regierung und werden notgedrungen irgendwann einmal Belastungen auf die Menschen zukommen lassen müssen und Belastungen auch mit vertreten. Tun sie sich da besonders schwer damit oder, oder ist das etwas, was Sie als Regierungsverantwortung akzeptieren?

B: Mit Verlaub einmal zuerst zum Bärental, das ist ein privates Eigentum und gehört nicht dem Staat, sehr zum Unterschied vom 10 ORF, über den wir letztlich alle verfügen werden, äh, weil das,

äh, ein öffentliches Unternehmen ist… I: Herr Dr. Haider,…

B: und zum anderen, äh,…

I: ich hab keine Privilegien, weil Sie mich direkt angesprochen haben.

B: Ja, I weiß net, Sie müssen sich auch net verteidigen, ich sag Ihnen nur,…

I: …wenn Sie mich angreifen, muss ich mich verteidigen…

B: äh, dass wir in all diesen geschützten Bereichen, und das ist ja genau der Punkt…

I: …ich fühl' mich nicht in einem beschützten Bereich, Herr Dr. Haider…

B: Gleichberechtigung, Sie sind in einem geschützten Bereich, denn Sie haben…

I: …Irrtum…

B: Sie haben Pensionsprivilegien etwa, im ORF in…

I: Das ist ein ganz großer Irrtum, ich hab' ein Sondervertrag, Herr Dr. Haider.

B: in Milliardenhöhe, Sie haben…

I: Ich habe überhaupt keine, keine Pensionsprivilegien…

B: Schauen's net so ang'rührt, in dem ORF-Unternehmen… I: Nein, ich bin nicht angerührt, ich sag's Ihnen nur.

B: …sehr sehr viele Redakteure, die Pensionsprivilegien haben, für die andere bezahlen, vor allem die Gebührenund Beitrags-

zahler in diesem Unternehmen, die auch Pflichtbeiträge hier… I: (ächzt)

B: äh, entrichten müssen, und über all diese Dinge wird man

wahrscheinlich einmal reden müssen, damit in der Republik ein politisches Bewusstsein auch dafür entsteht, wer für etwas Leistungen äh, zu erbringen und beziehungsweise wer Beiträge zu erz… äh, zu zahlen hat, und dann kann man für den kleinen Mann eben sehr viel machen, wir haben durchgesetzt, dass in den ersten hundert Tagen, etwa ein Mittensenkungsprogramm durchgeführt wird, das gilt für eine halbe Million äh, äh, Wohnungsmieter, die, mit ihren Kindern gerechnet, weit über eine Million Menschen positiv betreffen wird, wir haben, äh, die Stromliberalisierung vorgezogen auf das Jahr 2001, die alte Regierung hatte erst ab dem Jahre 2003 aufgemacht, das heißt, es wird jetzt eine Strompreissenkung geben, was glauben Sie, was das nicht nur für die Haushalte heißt, das heißt ja auch eine massive Entlastung für die Kleinund mittelständischen Betriebe, die ja bisher nix g'habt haben davon, und wenn ich 20, 25, 30.000 Schilling als kleiner Unternehmer, als Tischler, als Mechaniker, mir an Stromkosten im Jahr spar', dann ist das eine massivere Hilfe als alles andere, was da bisher gelaufen ist, und diese Dinge sind es, äh, die wir durchsetzen werden bis hin zu einer Verbesserung, äh, der Frau und Mutter mit kleinsten Kindern, wo wir sozusagen das Kindergeld bis zum zweiten Lebensjahr erstrecken werden, was die alte Regierung den Frauen weggenommen hat, wo wir es den Frauen erleichtern werden, bis zum dritten Lebensjahr bei ihrem Kind zu bleiben, das ist ein sehr anspruchsvolles Programm für den kleinen Mann, und da versteh' ich natürlich, das jene (Luftholen) Linken, die jetzt von der Macht abgewählt worden sind, fürchterlich verärgert sind, äh, dass da Maßnahmen kommen werden, die sie eigentlich selbst hätte hätten setzen sollen.

I: Herr Dr. Haider, Ihre Regierungsmitglieder haben in den letz 13 ten Tagen fffür einige Irritationen gesorgt, ähm, äh, und für eini-

ge Fragen aufgeworfen, warum muss ein Justizminister einen, einen sündteuren Jaguar als Dienstwagen anfordern und warum muss ein 31jähriger Finanzminister mehr als 60.000 Schilling netto verdienen.

B: I hab' also diese Frage mit, äh, meinen Freunden auch diskutiert, das war ja nicht, äh, eine Anforderung als Dienstauto, sondern der wollte sein eigenes Fahrzeug für den Dienst verwenden, das ist ungefähr so wie ich das mache und damit meinem Bundesland etwa ein Dienstauto erspare, aber das wird ja in der Richtung gerne verdreht, und äh, wenn der Kollege Grasser über die 60.000 Schilling-Regelung reden will, dann werden wir eine Lösung finden, ich bin jedenfalls der Meinung, dass jene sich nicht den Mund zerreißen sollen, äh, von Rot und Grün, die jahrelang kassiert haben, doppelt und dreifach, und nicht diese

60.000 Schilling-Regelung gemacht haben, die ich mit meinen Freunden vor fünf Jahren ins Leben gerufen habe,…

I: Ganz genau, aber…

B: und des wird als das… I: Sie haben…

B: fortgesetzt werden… I: Sie haben hier…

B: (Stoppzeichen mit rechter Hand: Zeigefinger und Daumen zum Kreis, Bewegung von oben nach unten, Handfläche zum Interviewer) sicher nicht in einer Situation, äh, wo, äh, im Staat weniger Geld ist, wird es sicherlich auch einen Beitrag der Politik geben müssen.

I: Herr Dr. Haider, Sie haben diese 60.000 Schilling-Grenze ja deshalb eingeführt, äh, um um um den Altparteien SPÖ/ÖVP zu zeigen, wie die freiheitlichen Mandatare, wenn sie Regierungsverantwortung haben, mit Steuergeldern sparsam umgehen. Jetzt sind Sie in der Regierung, jetzt stimmt diese Regelung offenbar nicht mehr.

B: Es ist, Sie sind net ganz informiert, Herr Fischer, denn diese Regelung wird schon lange von Regierungsmitgliedern eingehalten,…

I: Ja, aber jetzt der Herr Grasser,… B: insbesondere…

I: der erhält aber mehr als 60.000.

B: Unterbrechen's mich bitte nicht, mit Verlaub, weil ich tu' das auch nicht, ich horche Ihre Fragestellungen sehr geduldig an. Äh, ich stelle hier mal fest, dass, äh, Regierungsmitglieder in den Landesregierungen diese 60.000 Schilling-Regelungen seit vielen Jahren einhalten, mich eingeschlossen, ich als Landeshauptmann verdiene etwa so viel wie ein Minister, und ich komme mit dieser 60.000 Schilling-Regelung aus und wir werden sehr eingehend in unserem Parteigremium zu diskutieren haben, dass auch diese Solidarität in Zukunft von allen beobachtet wird.

I: Die sollte dann auch für den Herrn Finanzminister gelten.

B: Na, da können's Gift drauf nehmen. (…)

Anmerkungen

1: Gute Frage, da nach dem vorangegangenen Beitrag offenkundig nur diese beiden Möglichkeiten diskutiert werden.

2: Ausweichende Antwort, aber ein neuer Vorschlag, das Defizit zu bewältigen. 3: Populistische Polemik,

4: die der Interviewer nicht aufnehmen kann, weil der Befragte über ihn hinwegredet.

5: Der Interviewer steht jetzt vor der Entscheidung, entweder darauf (zurück) zu gehen, ob der Privilegien-Abbau ausreichen werde, das Defizit zu decken oder den zuletzt genannten Vorschlag des Befragten (gestaffelte Beiträge) aufzunehmen.

6: Der Interviewer entscheidet sich für die erste Variante, stellt aber keine Frage. Leider verbindet er die dann doch folgende Frage mit der überflüssigen Ironie über den Kleinen Mann. Das sollte man bei solchen kontroversen Interviews nicht tun, weil es den Befragten die Möglichkeit gibt, auf die Ironie einzugehen und damit vom Thema wegzukommen.

7: Der Interviewer konnte nicht damit rechnen, dass der Befragte auf „Anweisung“ eingeht und damit die gesamte Frage wegschiebt.

8: Das ist nun eine völlig verkehrte Reaktion. Der Interviewer darf den Anwurf nicht aufnehmen. Er muss zurück zur Frage, ob der Abbau der Privilegien ausreichen wird, das Defizit zu decken. Noch unglücklicher und zudem unprofessionell ist es, nachgerade neidisch dem Befragten sein Gut „Bärental“ vorzuwerfen. Damit gibt sich der Interviewer eine Blöße und geht auf die Metaebene ein, auf die der Befragte ihn holen will – also weg vom eigentlichen Thema. Der Interviewer kippt an dieser Stelle das Interview, wie sich im Folgenden zeigt.

Warum bringt ein so erfahrener Journalist wie Fischer überhaupt den Hinweis auf das Bärental? Vermutlich will er Haider in doppelter Weise provozieren: vordergründig mit dem „großen“ Bärental, hintergründig mit der Geschichte des Bärentals. Ein Onkel der Mutter Haiders hatte 1941 das Gut von einem jüdischen Besitzer erworben und es Haider 1986 vererbt. Haider sollte und musste also hierauf reagieren, was er in (10) tut.

9: Das hört der Befragte schon nicht mehr, denn er will seinen „mit Verlaub…“ begonnenen Satz fortsetzen,

10: was er hier tut. Seine Antwort ist die Reaktion auf die Provokation in (8), die er mit einer starken Provokation verbindet: „ORF, über den wir letztlich alle verfügen werden“. Hier hat der Interviewer nun wirklich das Problem, ob er sein Konzept weiterverfolgen oder auf die Antwort eingehen soll. Letzteres könnte er in zwei Formen tun, einer milderen „Ich wiederhole: Sie sagen, über den ORF werden wir letztlich alle verfügen – was meinen Sie damit?“, oder einer stark provozierenden Frage: „Sprechen Sie von einer Machtergreifung, Herr Dr. Haider?“ Wir wollen nicht entscheiden, ob es besser gewesen wäre, das Konzept weiter zu verfolgen oder auf das „Übernehmen“ einzugehen. Wie schwierig die Entscheidung ist, wird erkennbar, wenn man sich vorstellt, statt „ORF“ hätte es ARD oder ZDF geheißen, und der Interviewer wäre Wickert oder Kleber. Hätten wir von ihnen erwartet, einen solchen Angriff auf die öffentlich-rechtliche Anstalt hinzunehmen?

11: Der Interviewer sieht sich persönlich angegriffen. Deshalb wählt er den völlig unglücklichen Weg, sich persönlich zu rechtfertigen. Es fehlt nur noch, dass er auch sein jährliches Nettoeinkommen nennt.

12: Jetzt hat der Befragte den Interviewer so eingeschüchtert, dass dieser ruhig bleibt und den Befragten seine Parteipropaganda ungestört betreiben lässt.

13: Richtig, die Äußerung des Befragten nicht aufzunehmen. Aber warum geht der Interviewer nicht zum ursprünglichen Thema zurück? Andere Möglichkeit ist, das Interview hier abzubrechen: „Herr Haider, jetzt haben wir Sie geduldig angehört. Vielen Dank für das Interview.“ Aber nein: der Interviewer tut weder das eine noch das andere, sondern kommt mit einem neuen Thema. Er möchte so gerne gewinnen.

14: Man achte auf den Subtext: Am Ende wird der I noch vergiftet.

 
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