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Beispiele

Ein besonders trickreiches Konzept für ein kontroverses Interview hatte sich Udo Philipp ausgedacht. (Wir zitieren die Darstellung, die er uns gab.) Philipp wusste, Wehner würde über die zu Ende gegangene Sitzung der Fraktion nur Gutes sagen, wusste aber auch, dass es dort sehr strittig zugegangen war. „Also beginne ich harmlos, hoffe auf ein positives Urteil, um dann zu fragen, ob es denn wirklich so harmonisch zugegangen sei. Mit dieser Frage, so hoffte ich, würde ich Wehner haben. Aber es kam anders”, wie das Interview 23 zeigt.

Interview 23

ZDF heute journal, 8. 10. 1980

Udo Philipp – Herbert Wehner, Fraktionsvorsitzender der SPD

Thema: Die in der Sitzung der SPD-Bundestagsfraktion von Wehner geäußerte Kritik am Wahlkampf der SPD

I: Herr Wehner, gestatten Sie mir, dass ich nur eine Tatsache ergründe: Wie ist die Stimmung in der Fraktion heute gewesen?

B: Sehr gut.

I: Sehr gut was heißt das, hat sich niemand der Kritik, der verhaltenen Kritik von Ihnen angeschlossen, dass der Wahlkampf nicht

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so recht war, Kritik auch an der Baracke?

B: Können Sie eigentlich nichts anderes als solche Fragen stellen, (...)

I: Das ist doch nur eine Tatsachenergründung, Herr Wehner.

B: ... die nicht auf Tatsachen beruhen, weil Sie über Tatsachen sprechen wollen, sondern aus Deutungen, nicht. Ich bin ja gerne bereit, auch mich unter kritisches Feuer nehmen zu lassen. Nur, hier ist geredet worden von einem auch über Plakate und solche Sachen. Darauf hat sich also der, der im Parteihaus dafür Verantwortung hat und trägt, ohne dass er die Plakate macht, dazu geäußert. Aber das ist doch keine Geschichte, die man dem einen oder dem anderen anhängen kann.

I: Das war der Herr Herr Rosenthal, war das der einzige oder gab

es da noch mehrere Leute, die das ...

B: ... Wenn Sie das unbedingt wollen, dann sage ich Ihnen, ... I: Gerne, Herr Wehner, gerne ...

B: Ja, sicher, Sie haben ja gar nichts anderes zu tun, als Leute rein- 6 zulegen.

I: Das ist kein Reinlegen, Herr Wehner, das ist nur eine Frage.

B: Ich denke nicht daran, nicht ... Ja, sicher, Sie haben ja auch Recht. Wenn ich so ein Ding hätte (gemeint ist das Mikrophon) und würde Sie fragen, was meinten Sie wohl, wie Sie herum flanieren würden, nicht.

I: Natürlich, aufgrund Ihrer Erfahrung, Herr Wehner, natürlich, das

gestehe ich zu.

B: Ja, ich habe Erfahrung, 31 Jahre in diesem Parlament. Und ich will nicht, dass das am Schluss auch noch auseinander gefragt und zerredet wird durch diese Art, mit Unterstellungen. Hier war eine Sitzung, das war eine nichtöffentliche Sitzung. Wenn jemand ernsthaft was will zum Thema, aber wenn er kommt mit Vorurteilen, kriegt er von mir eine grobe Antwort, nicht.

I: Dies war ja kein Vorurteil, Herr Wehner, sondern nur die Frage,

ob in der Tat und Sie stellen es richtig und ich nehme das zur Kenntnis.

B: (Wendet sich langsam Kleinmann, ARD, zu) Ich weiß ... alles wunderbar formuliert. Rosenthal hat seine Meinung gesagt, die ist manchmal seltsam, andererseits hat er von vielen Leuten Beifall bekommen für einiges von dem, was er gesagt hat. Und im Übrigen hat sich also der Herr Bahr dazu geäußert und hat gesagt, wie das zu verantworten ist und wozu er steht und wozu er nicht steht. Insofern eine sachliche Geschichte. Aber da kann ich doch nicht hinterher den Splitterrichter spielen wollen.

I: (Kleinmann, ARD): Herr Wehner, haben Sie denn Ihre Kritik vom Montag wiederholt?

B: Wenn Sie den Text dessen, was Sie Kritik nennen, würden zur Grundlage einer Frage machen, würde ich Ihnen gerne antworten. Aber diesen Versuch, dass etwas, was ich am Morgen nach dem Wahltag auf Fragen gesagt habe, wo ich deutlich gemacht habe, wie wichtig das ist, (wendet sich wieder Phillip zu) dass es eine Grundlage gibt für weiteres Regieren Bundeskanzler Helmut Schmidt und dieser Koalition -, so kann man doch nicht, weil ich dabei auch einen Nebensatz gehabt habe (kurzer Blick zu Kleinmann), ich würde mich über gewisse Dinge sicher auch in den Parteikörperschaften äußern. Ich kann aus meiner Mappe den Text herausholen, dann würde ich Ihnen den übersetzen, nämlich was ich, wenn auch nicht gerade sehr geschickt und außerdem übermüdet, nicht, denn ich kann ja nicht Leuten eine Tüte vorhalten, sondern ich muss mich äußern und wehren. Da kommen Sie nicht weiter.

I: (Philipp) Darf ich dann bitten, dass Sie es noch mal so, wie Sie es gemeint haben, hier wiederholen?

B: Nein! Ich lasse mich nicht verhören. Und ich gönne Ihnen nicht den Triumph, dass man eine Woche und dann noch eine zweite Woche fortgesetzt etwas breittreten kann. Ich habe mich geäußert,

was ich gesagt habe, war ehrlich. Und ich lasse das nicht zu einem Konfliktthema werden.

I: (Philipp) Dies war ja kein Verhör, sondern nur ein Interview des Zweiten Deutschen Fernsehens.

B: Sicher, na sicher. Ich wünsche Ihnen guten Erfolg. Aber so können Sie mit mir keinen Erfolg haben. (Zieht an der Pfeife, dreht sich um und geht weg.)

Anmerkungen

1: Der Interviewer erwartet auf diese Frage ein „Ja”. Da er weiß, dass die Stimmung z. T. nicht gut war, beabsichtigt er, nach dem „Ja” kritisch weiter zu fragen. 2: Der Befragte reagiert wie vermutet, mithin kann der Interviewer wie geplant weiter fragen.

3: Der Befragte antwortet nicht auf die Frage, sondern geht auf die Meta-Ebene, vermutlich deshalb, weil er die „Falle”, die der Interviewer eingangs gestellt hat, durchschaut. Der Befragte muss jetzt zugeben, dass es Kritik gab und die Stimmung mithin doch nicht gut war, er also bei der ersten Antwort nicht die volle Wahrheit gesagt hat.

4: Diese geschickte Frage bringt den Befragten zurück und er antwortet tatsächlich auf der inhaltlichen Ebene.

5: Wieder gibt der Interviewer eine Information, die er eigentlich nicht haben sollte, wenn er das Interview so unschuldig beginnt. Aus (erneutem) Ärger geht der Befragte wieder auf die Meta-Ebene und kritisiert den Interviewer offen (6).

7: Der Interviewer kommt dem Befragten auf der Meta-Ebene entgegen. Zugleich stützt er die linke Hand in die Hüfte eine Art Selbstvergewisserung – öffnet aber damit seine Brust für Angriffe. Es ist vermutlich die Kombination dieser sprachlichen und nicht-sprachlichen Reaktionen, die den Befragten dazu führt, wieder inhaltlich zu antworten.

8: Erneut das Zugeständnis oder Eingeständnis (?) des Interviewers; es führt zu einer inhaltlichen Antwort des Befragten.

9: Die Aussage „Ich gönne Ihnen nicht den Triumph” ist doppeldeutig: Sie lässt sich auch als nochmalige Kritik an der „Falle”, mit der das Interview begann, verstehen.

Aufschlussreich an diesem Interview ist auch, dass der Befragte ständig zwischen der inhaltlichen Ebene (Beantwortung der Fragen) und der Meta-Ebene (Kritik an den Fragen des Interviewers) schwankt. Er hat wohl die Strategie gemerkt und möchte sich gegen sie wehren, andererseits aber auch die Fragen beantworten und Sachverhalte richtig stellen.

Interviews, vor allem kontroverse, beruhen auf Recherchen. Was aber, wenn sich die Recherche nur auf Agenturen stützt, hinter die man ja gemeinhin nicht zurückgeht, vor allem dann nicht, wenn es sich um dpa handelt? Das Interview 24 ist ein solcher Fall. Er soll hier weniger dazu dienen, einer Journalistin eine unzureichende Recherche vorzuwerfen, sondern vielmehr dazu, eine Schrecksekunde einzuüben. Was nämlich tun, wenn die Recherche sich als unzureichend erweist?

Papst Johannes Paul II. hatte am Sonnabend, dem 3. November 1990 eine Rede vor dem Weltverband der katholischen Apotheker gehalten. Die Rede umfasst zwei Seiten DIN A4, einzeilig. Darin ermahnt er unter anderem die Apotheker, nicht gegen das Leben zu handeln und sich von den

„unerbittlichen Marktgesetzen“ frei zu machen. Die Rede wurde von der Presse so interpretiert, dass der Papst aufgefordert hätte, empfängnisverhütende Mittel in katholischen Apotheken nicht abzugeben. Hierzu die erste Meldung von dpa vom 4. 11. 1990:

Papst gegen empfängnisverhütende Mittel in katholischen Apotheken

Rom (dpa) Papst Johannes Paul II. hat die Apotheker in aller Welt indirekt aufgefordert, künftig keine empfängnisverhütenden Mittel mehr zu vertreiben. Medikamente, die „im Gegensatz zu den moralischen Prinzipien der Katholiken stehen“ und die „das Leben und die Würde des Menschen“ nicht respektierten, sollten nicht verkauft werden, betonte das Kirchenoberhaupt vor der Versammlung des Weltverbandes der katholischen Apotheker am Samstag in Rom.

Der Papst forderte die Apotheker zu „ethisch bewusstem Handeln“ auf. Sie sollten Kunden nicht nur pharmakologisch, sondern auch moralisch beraten können, sagte Johannes Paul II. Das Geschäftsgebaren eines katholischen Apothekers dürfe sich nicht allein an Gesetzen und Marktbedürfnissen orientieren, sondern müsse auch moralische Vorschriften und Entscheidungen des Lehramts der Kirche berücksichtigen.

Was hier noch als „indirekt“ bezeichnet wurde, verwandelte sich bald in ein „direkt“: Weitere Agenturen und Pressedienste, von der italienischen

„La Stampa“ bis zur Katholischen Nachrichtenagentur (KNA), übernahmen diese Interpretation. Die „FDP reagiert fassungslos“, die katholischen Apotheker verwahren sich gegen solches Ansinnen des Papstes. Wer nur die Agenturen las, musste zu dem Schluss kommen, der Papst habe sich – wieder einmal – gegen empfängnisverhütende Mittel ausgesprochen, zumal eine solche Interpretation auch dem Vorurteil gegenüber dem Papst entsprach. Mit dieser Agentur-Gewissheit, aber ohne den Originaltext, führte Sabine Christiansen am Montag, dem 5. November, ihr Interview mit dem damals ranghöchsten deutschen Katholiken, Bischof Lehmann.

Interview 24

ARD tagesthemen, 5. 11. 1990

Sabine Christiansen – Bischof Karl Lehmann

Anmoderation: Für die große Gemeinschaft der Katholiken hat Papst Johannes Paul II. nun zum wiederholten Mal, trotz Hungersnöten und AIDS, seine Ablehnung Verhütungsmitteln gegenüber bekräftigt. Nicht nur das, am Wochenende forderte er gar Apotheker auf, künftig keine Verhütungsmittel mehr zu verkaufen. Es sei

die Pflicht katholischer Apotheker, durch Gespräch und Beratung 1 eine moralische Gesinnungsänderung ihrer Kunden herbeizufüh ren. Eine Weisung, die nach gründlichem Hinterfragen geradezu

ruft. Dafür ins Studio in Mainz ist Bischof Lehmann gekommen, der Vorsitzende der Deutschen Bischofskonferenz.

I: Bischof Lehmann, können Sie da dem Papst eigentlich noch

folgen? 2

B: Ja, zuerst muss man, denke ich, genau hinhören, was der Papst sagt. Der Papst hat eine hohe Meinung von den Apothekern. Er sieht in Ihnen eine Mittelstellung zwischen Patient und Arzt, und er traut ihnen auch zu, dass sie für manche Patienten ein Anlass zum Gespräch, zu einem guten Rat und vielleicht auch zu einem Weg zur Hoffnung finden. Der Papst hat über die Pille überhaupt nichts gesagt. Zwei entscheidende Sätze stehen in seiner Ansprache: Die Formen der Aggression gegen das menschliche Leben und seine Würde werden immer zahlreicher. Und dann sagt er: Dass er Respekt fordert, vor dem Leben und der Würde der menschlichen Person, von der Empfängnis bis zum Tod und dass dies ethischer und moralischer Natur ...

I: Aber, Bischof Lehmann, .

B: ... da ist keine Rede von der Pille, höchstens von der Abtrei- 3 bungspille.

I: Gut, aber Bischof Lehmann, Respekt vor dem Leben, natürlich und in allen Ehren. Aber der Papst hat nun einmal gefordert, dass die Apotheker quasi eine Beraterfunktion einnehmen, eine Funktion, die ihnen zudem noch zukommen soll, bei dem Verkauf eines Nichtarzneimittels, z.B. eines Kondoms. Ich meine, können Sie sich wirklich vorstellen, dass in einer Apotheke, wo vielleicht noch zehn, ohn, andere Kunden dabei sind, hier wirklich ein Apotheker erst einmal beratend an einem Kunden tätig wird, der nun, nur ein Kondom kaufen möchte? Das kann doch nicht wirklich äh in der

Realität dem entsprechen.

B: Also, das liest man natürlich in den Text hinein, das steht über... I: Nein, ...

B: ...haupt nichts davon, sondern da steht nur das ganz grundsätzliche Argument, das der Apotheker natürlich auch um Mittel angegangen werden kann für nicht-therapeutische Zwecke und das er da, äh, sehr an ethische, äh, Voraussetzungen gebunden ist. Das gilt z.B. für das Verlangen von Drogen. Hier ist überhaupt nicht die Rede von Verhütungsmitteln.

I: Ja, es ging aber um das Kondom, ...

B: Nein, ...

I: ...das, das hat er doch ...

B: Nein, nein, bitte lesen Sie die Ansprache nach, das ist überhaupt nicht die Rede.

I: Es ging aber um Verhütungsmittel.

B: Nein, ich habe hier den ganzen Text, Sie finden das Wort überhaupt nicht. Das ist leider eine Irreführung ...

I: Also, ich hab' den ...

B: ... wie öfter in den letzten Wochen.

I: Also, ich habe den Text auch bekommen, natürlich über die Agentur, aber da steht es so drin.

B: Ja, ich habe den ganzen Text in Französisch und in Deutsch.

I: Ja, dann kann diese ganze Aufregung ja überhaupt nicht zustande gekommen sein, Bischof Lehmann, wenn das überhaupt nicht ...

B: Ja, das ist leider öfter in letzter Woche zur, äh, vorgekommen. Ich denke, manche suchen fast mit dem Rotstift, wenn irgendwo in Papstansprachen das Wort Empfängnis vorkommt oder AIDS dann muss er bestimmte Dinge sagen und wenn Sie die Texte heranneh-

men, dann sieht das leider oder Gott sei Dank ganz anders aus.

I: Nun ist es einmal unabhängig hier von einer einzelnen Formulierung ja doch so, dass schon im Vorfeld, laut einer sehr repräsentativen Umfrage, eine große Mehrheit der Katholiken dem Papst in seiner Haltung bezüglich Verhütungsmitteln nicht mehr folgen kann. Wie steh'n Sie denn dazu? 7

B: Ja, also das ist natürlich ein Thema, das man jetzt nicht mit ein paar Schlagworten erledigen kann. Wir können diese Lehre, äh, schwer vermitteln. Ich will das, äh, gar nicht leugnen, aber ich traue mir zu, bei längerer Diskussion, zu zeigen, dass das letzte Wort darüber noch nicht gesprochen ist.

I: Kommen wir noch einmal auf diese Weisung zurück, wo Sie sagen, sie existiert im Prinzip nicht, weil es das Wort Verhütungsmittel, äh, weil das Wort Verhütungsmittel da nicht vorkommt. Aber dennoch ist es so, muss nicht wirklich einem, einem gläubigen, verantwortungsvollen, äh, Katholiken diese Weise, diese Weisung in einen, mh, hm, wirklichen Konflikt treiben. Verspielt der Papst nicht mit solchen – fragwürdigen – Äußerungen seine Autorität?

B: Ja, der Papst sagt ja viele Dinge von denen ich überzeugt bin, dass viele Leute ihm zustimmen. Der Papst, äh, spricht die Apotheker an, dass sie weit über die geschäftlichen Aspekte hinaus Bedeutung haben für das Leben der Menschen. Der Papst sagt bei der

Abgabe von Medikamenten kann der Apotheker sich nicht vor den Forderungen seines Gewissens im Namen der unerbittlichen Marktgesetze lossagen. Wer ist denn eigentlich dagegen?

I: Na, aber in diesem Fall haben sich die Apotheker ganz gewaltig gewehrt.

B:.. dafür haben, haben die den ganzen Text nicht gekannt, was ich voraussetze.

I: Dann kennen wir alle, also die Apotheker und wir die Journalisten, wir alle kennen den Text nicht.

B: Das weiß ich nicht, aber jedenfalls bin ich froh, dass ich hier die Gelegenheit gehabt habe zu sagen, was der Papst wirklich meint und sagt.

I: Äh, Bischof Lehmann, zum Schluss vielleicht noch, äh, müssen wir ja mal nicht nur auf die aufgeklärte Gesellschaft in den Indust-

rieländern blicken ... (…)

Anmerkungen

1: Die Anmoderation ist nicht korrekt. Der Text der Papstansprache gibt diese Interpretation nicht unmittelbar her. Indirekt wohl schon, wie die entsprechende Agenturmeldung von dpa nahe legt.

2: Die geschlossene Frage macht nur dann Sinn, wenn die Interviewerin vermuten kann, dass der Bischof diese – unterstellte – Ansicht des Papstes nicht teilt. Wenn sie das belegen kann, sollte sie es tun, wenn nicht hier, so doch später.

3: In der Antwort, vor allem in ihrer letzten Passage, steckt Überraschendes: „von der Empfängnis bis zum Tod“ und „höchstens von der Abtreibungspille“.

Nach der Anmoderation, die ja anderes behauptet, müsste jetzt eine interpretierende, aufklärende Frage folgen. Etwa, wenn geschlossen: „Heißt das, der Papst hat nichts dagegen, wenn in katholischen Apotheken die Pille/Verhütungsmittel verkauft werden?“ Oder, wenn zunächst offen: „Was bedeutet das für einen katholischen Apotheker, wenn jemand Verhütungsmittel von ihm kaufen möchte?“

4: Leider kann sich die Interviewerin nicht von ihrem vorbereiteten Bild trennen. (An sich gut, ein Bild zu wählen, wiewohl hier das Verkaufen und das Beraten schon vermengt werden.) Weil sie vermutlich schon mit der Formulierung der Frage (die Szene in der Apotheke) beschäftigt ist, hört sie nicht die ganz andere Interpretation des Befragten.

5: Hier offenbart sich noch einmal das Dilemma der fehlenden genauen Lektüre oder Recherche. Tatsächlich kommt weder der Begriff „Verhütungsmittel“, schon gar nicht „Kondom“ im Text vor. Hier hätte die Interviewerin immer noch die Möglichkeit, vor allem mit geschlossenen Fragen, eine eindeutige Interpretation hervorzuholen. „Heißt das, (...der Papst hat nichts dagegen..,) dass katholische

Apotheker Verhütungsmittel (Anti-Baby-Pillen, Pessare, Kondome) verkaufen dürfen? Ja oder Nein?“

6: Die bischöfliche Korrektur von „leider“ zu „Gott sei Dank“ ist auch eine Nachfrage wert! („Wieso Gott sei Dank?“) Außerdem lässt der Befragte schon gar keine Frage mehr zu.

7: Gut, wenigstens insofern, als die Interviewerin sich mit einer offenen Frage zu einem anderen Aspekt Luft verschafft!

8: Bei der begrenzten Sendezeit führt die rhetorische Drohung „bei längerer Diskussion“ offenbar dazu, dass die Interviewerin auch nicht nachfragt, was denn

„das letzte Wort darüber noch nicht gesprochen“ genau bedeutet? („Was meinen Sie damit?“ oder „Heißt das, dass Sie meinen, die katholische Kirche wird doch eine Empfängnisverhütung erlauben?“

9: Der Befragte tauscht nun die Rollen: er fragt.

10: Gut, dass die Interviewerin den Versuch des Befragten, das Interview abzumoderieren, nicht akzeptiert.

Wie notwendig und nützlich die Recherche für ein kontroverses Interview ist, zeigte bereits das Interview von Lojewski – Vogel. Noch deutlicher wird dies an dem folgenden Interview 25, einem typischen Rechtfertigungsinterview. Dem Interview liegt eine gründliche Recherche zugrunde, deshalb ist die lange Anmoderation gerechtfertigt. Sie zeigt nicht nur den Empfängern, sondern auch dem Befragten, dass die Interviewerin genau Bescheid weiß, er mithin nicht wird ausweichend antworten können. Aber er versucht es dennoch – aber ohne Erfolg, denn die Interviewerin wiederholt die Frage. Darüber hinaus ist das Interview ist auch ein Dokument zum Sport in der DDR.

Interview 25

RIAS TV morgenmagazin, 16. 11. 1990 Anne Preun – Prof. Dr. Joachim Weiskopf

Anmoderation: Morgen erfolgt der Zusammenschluss beider olympischer Komitees hier in Berlin. Einer der Vizepräsidenten soll Prof. Joachim Weiskopf werden. Ein Mann, der in den vergangenen Tagen in die Schlagzeilen rückte. Seit Juni ist er NOKPräsident der Ex-DDR, zuvor war er Kanu-Präsident, und in diese Zeit fallen die Vergehen, die man ihm vorwirft. In seinem Verband wurden Sportler und Sportlerinnen aus ideologischen Gründen schikaniert und mit Berufsverbot belegt. Das heißt unter anderem Nicht-Teilnahme an den Olympischen Spielen. Einige Beispiele: Jürgen Eschert, der Gold in Tokio holte, wurde 1971 mit einem US-Pulli erwischt, der Rausschmiss erfolgte. '75 holte man ihn als Olympiatrainer zurück. Das Ende dieser Karriere kam, als beim Geburtstagskaffee seiner Tochter Westbesucher erschienen. Thomas Kersten, er trainierte damals bei Eschert, er wurde dann entfernt wegen Beziehungen zum Klassenfeind. Hintergrund: Die Stasi wollte Kersten anheuern, seinen Trainer zu beschatten. Der Fall Glöckner-Rö-Rösiger, ein Trainer und eine Sportlerin. Beide recht erfolgreich auf dem Sprung nach Olympia. Als die Sportlerin ohne ihr Wissen bei einer Olympia-Qualifikationsveran-staltung Besuch vom West-Opa erhielt, wurden sie und ihr Trainer suspendiert. Der Mann, der dieses zu verantworten hat und NOK-Vizepräsident werden will, ist zu Gast im Studio. Ich sag' „Danke“ Professor Joachim Weiskopf, dass Sie zu uns gekommen sind.

I: Sind diese Fälle, die ich als Beispiel genannt hab', erfunden 1 oder hat es sie gegeben?

B: Sie hat es gegeben.

I: Welche Rolle haben Sie in diesen Fällen gespielt?

B: Es hat aber noch viel mehr Fälle gegeben, man, das ist eben diese schreckliche Erblasten, die ja aus dieser ehemaligen DDR alle

tragen.

I: Welche Rolle haben Sie denn in diesen Fällen gespielt?

B: Ich muss dazu sagen, dass man wissen sollte, dass der DDR- 5 Sport damals von einem hauptamtlichen Apparat geleitet wurde,

und die Generalsekretäre innerhalb des DTSP auch die so genannten staatlichen Leiter waren. Wenn also von der Staatssicherheit Anweisungen aus Sicherheitsgründen kamen, jemanden aus dem Sport herauszunehmen, wurde es auf der hauptamtlichen Strecke durchgeführt und festgelegt. Die Ehrenamtlichen, und da gab es viele, dazu gehörte auch der Präsident eines jeden Verbandes, ist von diesen Entscheidungen informiert worden, aber er hat keine Entscheidungsbefugnis gehabt.

I: Der Verantwortliche, wie Sie sagen, ist dann damals Ihr Sekre- 6 tär, der Knut Fleisch ..., der Kurt Fleischmann gewesen. Welche Verantwortung sehen Sie denn aus heutiger Sicht für sich damals, heute?

B: Ich habe schon mehrfach, auch in diesem Zusammenhang jetzt betont, aus der Verantwortung können wir uns alle nicht herauslösen, und ich bin bereit, auch zu sagen, dass ich die Verantwortung trage. …

(…)

I: Rehabilitiert worden sind zwei Sportler und ein Funktionär auf dieser Versammlung, nämlich der Herr Zensler als Funktionär, der dann Ihr Nachfolger geworden ist als Kanu-Präsident und die beiden Sportler sind Glöckner-Rö-Rösiger gewesen. Was haben die

denn bekommen als Rehabilitierung? Einen warmen Händedruck? 7

B: Das öffentliche Nennen, äh, ich wäre Ihnen sehr dankbar, wenn Sie mir einen Vorschlag machen könnten, was wir noch tun könn-

ten.

I: Äh, da werden Sie Verständnis für haben, dass das nicht mein Problem ist, sondern das ist Ihr Problem als Verantwortlicher des

Kanu-V-Verbandes, des, der Sie da gewesen sind. Und Sie sagen, wenn Sie andere Sportler auch rehabilitiert haben, dann nennen Sie mir doch Namen. (...)

Anmerkungen

1: Strategisch wichtig und richtig, sich zu Beginn der Kontroverse bestätigen zu lassen, dass die Informationen in der Anmoderation korrekt sind. Hätte die Interviewerin nämlich mit einer anderen Frage begonnen und die Information in der Anmoderation wäre nicht völlig korrekt gewesen, hätte der Befragte erst einmal die Anmoderation korrigiert und die Frage nicht beantwortet. Zudem wäre dies psychologisch für die Position der Interviewerin schlecht gewesen.

2: Sehr gute Fortsetzung. 3: Ausweichende Antwort.

4: Völlig richtig: Die Interviewerin wiederholt die Frage. 5: Wieder ausweichende Antwort.

6: Richtig: wieder zu seiner Verantwortung zurück. 7: Gute provokante (geschlossene) Frage.

8: Der Versuch, sich durch eine Gegenfrage zu entziehen.

9: Richtige Reaktion: Die Frage an den Befragten zurückzugeben. Nur hätte die Interviewerin sie dann nicht mit dem „Und Sie sagen...”-Satz fortführen sollen, sondern eine knappe Frage anhängen sollen, weil die „Und Sie sagen ...”-Frage dem Befragten (leider) die Chance gibt, die Interviewerin zu korrigieren.

Ein Gegenbeispiel: Es gibt Fälle, in denen es sinnvoll ist, nicht nachzuhaken, sondern die Antwort stehen zu lassen. Das ist allerdings nur dann gerechtfertigt, wenn sich die befragte Person selbst bloßstellt. So hat wohl Gabriele Krone gedacht, als sie in einem Bericht über die Verschmutzung des Mains ein Interview mit einem Vertreter der Firma Hoechst führte (Interview 26).

132 Grundlagen

Interview 26

ARD Monitor, 9. 11. 1982

Gabriele Krone – N.N., Pressesprecher Hoechst AG

Bericht über Verschmutzung des Mains: „Obwohl den Behörden bekannt ist, dass hier in Griesheim CNB produziert wird und im Abwasser anfällt, gibt es keine festgelegten Grenzwerte für die Einleitung dieser Substanz in den Main. Man vertraut auf die neuen Turmkläranlagen, die Ende nächsten Jahres vollständig in Betrieb gehen sollen. Im Werk Griesheim selbst gibt es zwar vor und hinter der Kläranlage automatische Messstationen, der CNB-Gehalt wird aber beispielsweise nur alle vier Wochen bestimmt. Und die Messergebnisse in der fraglichen Zeit waren von Hoechst nicht zu erfahren.“

I: Sie kontrollieren regelmäßig Ihre Abwässer. Dann hätten Sie doch als erste die überhöhten Werte feststellen müssen.

B: Frau Dr. Krone, bevor ich auf Ihre Frage eingehe, lassen Sie mich etwas zur Giftigkeit von Chlornitrobenzol sagen. In den Konzentrationen, in denen das Chlornitrobenzol hier bei uns in den Main eingeleitet wird, mit der Griesheimer chemischen Produktion, ist es weder bakterientoxisch noch fixt fischtoxisch, sondern es ist sogar weit von diesen Grenzen entfernt. Nitrochlorbenzol ist außerdem nicht hochgiftig, es ist nicht mutagen und es ist auch nicht kanzerogen. Wenn man die Giftigkeit überhaupt einmal vergleichen will, mit Stoffen, die in ganz normalen Lebensmitteln drin sind, dann ist der Vergleich gestattet, bei der akuten Toxizität zum Beispiel mit Coffein im Kaffee oder im Tee oder mit Allylsenföl im Senf oder beispielsweise auch mit dem Kumarin, dem Geschmacksprinzip der Waldmeisterbowle.

I: In welchen Konzentrationen leiten Sie denn normalerweise ein?

B: Wir leiten normalerweise in Konzentrationen um einhundert Kilogramm pro Tag ein. Es können Schwankungsbreiten – produktionsbedingt – zwischen fünfzig und zweihundertfünfzig Kilogramm eingeleitet werden.

I: Halten Sie es für ausgeschlossen, dass im fraglichen Zeitraum mehr als normal Chlornitrobenzol von Griesheim aus in den Main beziehungsweise in den Rhein gelangt ist?

B: Die Abwässer des Betriebes werden in drei Reinigungsstufen gereinigt. Diese drei Reinigungsstufen garantieren, dass nicht mehr Chlornitrobenzol über das übliche Maß hinaus in den Main eingeleitet werden können. Wenn in Holland von fünf Tonnen die Rede ist, dann stammen sie keinesfalls von Hoechst.

Gewiss hätte man auch hier nachfragen können, ob bei dieser Qualität der Einleitungen die Firma Hoechst nicht besser gleich die Flüssigkeit in Flaschen abfüllen und als Ersatz für Bowle anbieten sollte. Aber man kann es auch stehen lassen und davon ausgehen, dass die Empfänger den Schwindel merken und den Vertreter der Firma Hoechst für unglaubwürdig halten. Damit hätten die Empfänger im Übrigen Recht gehabt. Wenig später, am 10. 1. 1984, war auf der ersten Seite der Frankfurter Rundschau zu lesen: „Anklage gegen amtlichen Wasserschützer erhoben. Hoechst AG durfte Grenzwerte überschreiten“. Einem Dezernenten für Wasserrecht beim

Regierungspräsidium in Darmstadt wurde vorgeworfen,

„die von der Landesregierung in Wiesbaden festgesetzten Grenzwerte eigenmächtig um hundert Prozent heraufgesetzt und somit dem Chemiekonzern einen entsprechend größeren Spielraum bei der Einleitung von Schadstoffen zugestanden zu haben. ... Obwohl die Wasserschutzpolizei bei Kontrollen in 127 Fällen Schadstoffkonzentrationen in den firmeneigenen Messstellen feststellte, die über den Landesgrenzwerten und sogar über den eigenmächtig festgesetzten Werten lagen, hatte der Oberregierungsrat keine Anzeige erstattet“.

Kontroverse Interviews können, wie alle Interviews, von Interessen der Teilnehmer geprägt sein. Folgt man einem Bericht von Sibylle Zehle (Manager Magazin, Heft 5, Mai 1997), so war das in dem folgenden Interview (Interview 27) der Fall. Der Interviewer, Ulrich Wickert, musste beweisen, dass er ungeachtet eines früher gedrehten Werbevideos für die Deutsche Bank dieser kritisch gegenüber treten könne; der designierte Sprecher des Vorstandes, Rolf-E. Breuer, sollte das Haus aus einer „kommunikativen Krise“ heraus führen. So ging es um mehr als „nur“ die gescheiterte Übernahme des Thyssen-Konzerns durch die Krupp AG.

Interview 27

ARD tagesthemen, 24. 3. 1997

Ulrich Wickert – Rolf Breuer, designierter Sprecher der Deutschen Bank (Nachfolge Kopper)

Anmoderation: Die Demonstration gegen die Banken findet also statt. Besonders die Deutsche Bank war bei dem Angriff von Krupp auf Thyssen beteiligt und zwar auf beiden Seiten. Die Bank wollte Krupp mit Krediten bei der feindlichen Übernahme helfen und gleichzeitig saß die Deutsche Bank im Aufsichtsrat von Thyssen. Dazu Fragen an Rolf Breuer, designierter Chef der

Deutschen Bank. Guten Abend Herr Breuer. B: N´abend Herr Wickert.

I: Bedauern Sie, dass es nun nicht mehr zur Übernahme kommt?

1

B: Nein, im Gegenteil. Ich bin ausgesprochen erleichtert mit

dem Ergebnis des heutigen Tages. Wir haben nach einer Reihe von Verhandlungen doch in einer Atmosphäre eskalierender Emotionen zu einem Teilergebnis gefunden, das dazu geeignet ist, den Stahlstandort Deutschland insbesondere an Rhein und Ruhr zu sichern.

I: Aber können Sie sich nicht erklären, warum es zu diesen Eskalationen der Emotionen kam? 2

B: Doch. Ich habe ausgesprochen volles Verständnis für die Ängste der Stahlarbeiter in dieser Sache. Andererseits muss man ja auch berücksichtigen, dass die Tonne Stahl sowohl bei Thyssen wie bei Krupp in keiner Weise wettbewerbsfähig ist mit der gleichen Tonne Stahl wie bei British Steel oder bei Usinor Sassilor in unseren Nachbarländern produziert wird. Diese wirtschaftliche Schwierigkeit ist nicht wegzudiskutieren und dazu gilt es, Lösungen zu finden, und zwar gemeinsam.

I: Nun ging es am Anfang ja gar nicht darum, nur den Stahlbereich zusammenzulegen, sondern Krupp wollte mit ihrer Hilfe

den gesamten Konzern Thyssen übernehmen und dann Teile da 3

von verkaufen. Halten Sie das für gut?

B: Ob gut oder nicht gut, das zu beurteilen ist nicht die Aufgabe des Bankiers. Der Bankier ist der Mittler zwischen Kunden, privaten und industriellen auf der einen Seite und den Kapitalmärkten auf der anderen Seite. Wir prüfen Konzepte auf finanzielle Plausibilität, aber nicht mehr und in diesem Falle das Konzept war wirtschaftlich plausibel und wir haben den Auftrag zur Beratung angenommen. Beratung ist unsere Aufgabe, nichts anders.

I: Na gut, es gibt aber doch so etwas wie die guten Sitten, und verstößt es nicht gegen die guten Sitten, wenn Sie auf der einen Seite beraten, auf der anderen Seite jemand im Aufsichtsrat ha- 4 ben?

B: Ich denke nein. So funktioniert unser System und nach meiner jahrzehntelangen Erfahrung ohne irgendwelche Brüche. Wir haben hier keine Fälle gehabt, wo solche Interessenkonflikte nicht in ...

I: Aber das ist doch ein klarer Interessenkonflikt, wenn sie mit Krupp ein Geschäft machen und gleichzeitig im Aufsichtsrat von Thyssen jemand von ihnen sitzt!

B: Natürlich, aber Interessenkonflikte muss man managen können und wir in der Bundesrepublik im Gegensatz zu Amerika, die ein ganz anderes System haben, beherrschen das bis jetzt.

I: Na ja, also ich glaube nicht, dass es in der Öffentlichkeit Verständnis dafür gibt. 5

B: Ich bin da etwas anderer Meinung fürchte ich.

I: Nun ist es doch so gewesen, dass aus den Kreisen von Thyssen offensichtlich auch Informationen herausgekommen sind, möglicherweise, weil man das nicht so geschätzt hat, wie sie da vorgegangen sind.

B: Das kann ich weder dementieren noch bestätigen. Richtig ist, dass die ganze Operation zur Unzeit, nämlich vorzeitig, an das Licht der Öffentlichkeit gedrungen ist. Zu einer Zeit, wo man die erforderlichen Vorgespräche nicht voll inhaltlich hat führen können. Wenn das gelungen wäre, wäre viel zerschlagenes Porzellan vermieden worden.

I: Wie das denn?

B: Man hätte vorher abgleichen können. Man hätte vorher ... I: Mit wem hätten Sie abgleichen können?

B: ... den Überraschungseffekt etwas nehmen können.

6

I: Mit wem hätten Sie abgleichen können?

B: Mit allen Beteiligten, die sich jetzt am Verhandlungstisch getroffen haben.

I: Aber so ist doch eine ganz gute Lösung herausgekommen. B: Wie eingangs gesagt, ich bin erleichtert und zufrieden.

I: Ja aber erleichtert und zufrieden, weil es vorher raus gekommen ist und dann die Verhandlungsmöglichkeit vorhanden war?

B: Ich denke, wenn man vorher hätte ausreichend sprechen können, wäre man zu einem Ergebnis gekommen, ohne dass so viel Emotionen erforderlich gewesen wären und das hätte uns allen gut getan

I: Vielen Dank, Herr Breuer.

B. Gerne.

Anmerkungen

1: Der Interviewer stellt eine geschlossene Frage, von der er genau weiß, dass der Befragte sie mit „Nein“ beantworten wird. Der Befragte wird nicht zugeben, dass die Deutsche Bank ihr Ziel nicht erreicht hat. Das ist strategisch sehr geschickt, denn nach dem Nein gibt in fast allen Fällen eine Begründung für das Nein.

2: Der Interviewer will nicht über ökonomische Motive reden, sondern über die von Arbeitslosigkeit bedrohten Arbeiter und die empörte Öffentlichkeit. Er wählt also einen Begriff, ein Argument, das der Befragte gerade benutzt hat, aus und fragt – offen – nach einer Begründung: Eskalation der Emotionen.

3: Der Interviewer bleibt, geschlossen, auf der moralischen Ebene („Halten Sie das für gut?”), klebt nicht an der von dem Befragten ausgelegten Leimrute: „Lösungen finden, gemeinsam”. Hier könnte der naive Interviewer weiterfragen mit

„Was wäre denn für Sie eine optimale Lösung?”. So muss der Befragte einräumen, dass sich ein Bankier nicht von ethischen Überlegungen leiten lässt, „gut und nicht gut” sind keine Bewertungsgrößen für einen Bankier.

4: Wieder eine Frage nach der Moral, auf die der Befragte nicht vorbereitet ist.

5: Der Interviewer zieht sich hinter das Unverständnis und dem “nicht Gutfinden“ der (?) Öffentlichkeit zurück. Der Befragte kann nur noch einräumen, dass er es bedauert, dass es so früh raus gekommen ist. Und dass wenig Emotion allen gut tut!

6: Geschickt: Der Interviewer lässt sich nicht abbringen und wiederholt seine Frage.

Ein besonderes – wiewohl alltägliches – Problem sind Interviews mit Politikern. Sie werden befragt, zu aktuellen Ereignissen Stellung zu nehmen,

d.h. sie aus ihrer Sicht zu bewerten, Probleme zu benennen, oft auch Lösungen anzubieten oder Lösungsvorschläge anderer Parteien oder Personen zu kommentieren. („Der wirtschaftpolitische Sprecher der SPD hat gestern vorgeschlagen, die Mehrwertsteuer auf 20 Prozent zu erhöhen, um die Schuldenlast abzutragen. Ist das auch für Ihre Partei ein guter Vorschlag?“) Politiker/innen antworten nun meist nicht präzise mit „Ja“ oder „Nein“, sondern nehmen die Frage als einen Themenvorschlag, zu dem sie sich in irgendeiner Weise äußern, zumeist vorsichtig, nicht festlegend, deshalb allgemein und wenig verständlich. Das zwingt die Interviewer/innen, nachzufragen, bis sie/er meint, die Empfänger könnten nun wissen was die/der Politiker/in meint. Ein gutes Beispiel für diese Probleme ist das nachfolgende Interview 28. Nach den Anmerkungen geben wir einige Ratschläge.

Interview 28

Deutschlandfunk Informationen am Morgen, 30. 9. 2008 Jochen Spengler Karl Theodor zu Guttenberg, CSU

I: Wir bleiben in Berlin. Am Telefon dort ist nun der CSU Bezirksvorsitzende in Oberfranken, der Bundestagsabgeordnete Karl Theodor zu Guttenberg. Guten Tag Herr Guttenberg.

B: Guten Tag Herr Spengler.

I: Gestern hieß es noch in München, personelle Konsequenzen sind nicht notwendig. Was hat sich seit gestern eigentlich Neues ergeben, dass Erwin Huber jetzt doch als CSU-Chef zurücktritt?

B: Es wurden in meinen Augen zwei sehr richtige und auch kluge Signale gesetzt, zum einen hat ein, ähm, Parteivorsitzender Ver-

antwortung übernommen und er wurde nicht, äh, zur Verantwortung gezogen. Und das ist etwas, was uns im Stil möglicherweise auch von anderen Parteien unterscheidet.

I: Das ist aber keine Antwort auf meine Frage. Meine Frage warja, ähm, warum nicht schon gestern?

B: Weil gestern zunächst einmal im Vordergrund stehen sollte, ein offener Austausch über Inhalte über auch mögliche Versäumnisse in den letzten Monaten, um darauf aufbauend dann auch weitere Schritte dann entsprechend installieren zu können.

I: Und der zweite Punkt, den Sie noch ansprechen wollten.

B: Der zweite Punkt war das Signal des Aufbruchs und äh, es war Aufbruchssignal, das jetzt gesetzt werden musste. Das habe ich auch gestern bereits betont und nicht eines, dass erst am 25. Oktober stattfinden sollte und von daher war es richtig und klug, am heutigen Tag die entsprechenden Entscheidungen schon vorzubereiten.

I: Ehe wir auf Herrn Seehofer kommen, Herr Guttenberg, was

hat Erwin Huber falsch gemacht?

B: Ich halte es für völlig schäbig, alleine Herrn Huber verantwortlich zu machen für das Wahlergebnis, das desaströs war vom vergangenen Wochenende. Es tragen viele Mitverantwortung für das Ergebnis, das entsprechend darstellt.

I: Was haben Sie denn falsch gemacht, dann frag' ich doch mal so.

B: Ich hab beispielsweise auch immer wieder möglicherweise etwas zu sehr in kleinen Themen verzettelt und äh, es hat immer mal wieder die große Botschaft gefehlt, es hat immer wieder gefehlt auch die Emotionen der Menschen anzusprechen und es hat möglicherweise auch gefehlt, ein Profil der Volkspartei zu zeigen, die wir einmal waren. Und hier ist Aufholbedarf und da können wir alle daran mitwirken.

I: Trotzdem war Erwin Huber nicht von Beginn an eine Fehlbe- setzung?

B: Nein, das seh ich nicht so. Er war einer, der sich um diese Umstände tatsächlich sehr bemüht hat. Der in schwierigen Zeiten für die Partei eingetreten ist und das auch mit Nachdruck betrieben hat.

I: Wer war vor allen Dingen unzufrieden? War das vor allem die CSU-Gruppe im Bundestag, der Sie auch angehören?

B: Nein, man hat quer durch die Partei in den letzten beiden Tage gemerkt, dass es Erschütterungen gab. Dass das Ergebnis natürlich auch entsprechende Konsequenzen nach sich ziehen musste und, dass wir insbesondere aufpassen dürften, dass uns eine Parteibasis bei verlängerten Diskussionen nicht irgendwann um die Ohren fliegt. Und von daher war es ganz ganz entscheidend, das wir auch entsprechende Schritte in diesen Tagen im besten Miteinander und eben nicht im inszenierten Gegeneinander auf den Weg gebracht haben.

I: Was spricht aus Ihrer Sicht für Horst Seehofer?

B: Horst Seehofer ist einer, der das Wechselspiel zwischen der Bundes-, der Landespolitik, auch die europäische Sphäre sehr gut kennt und von daher den Grundanspruch der Partei auf all diesen Ebenen eben nicht nur präsent zu sein, sondern auch mit einer starken wahrnehmbaren Stimme zu sprechen, darstellen kann. Das ist etwas, was er in den vergangenen Jahren immer wieder gezeigt hat und er ist jemand, der einen hohen, und das ist auch gar nicht so unwichtig, einen hohen Bekanntheits-, teilweise auch Vertrauensbonus mitbringt, den wir für die Bundestagswahl und ich sage auch die Gesamtunion für die Bundestagswahl dringend braucht.

I: Das heißt, er hat den Rückhalt, gerade der CSU-Landesgruppe,

den Erwin Huber nie hatte.

B: Erwin Huber hatte in vielen Punkten auch den Rückhalt der CSU-Landesgruppe. Jetzt kann man aber natürlich sagen, dass Horst Seehofer selbst Teil der CSU-Landesgruppe ist und es wurde heute deutlich, dass ihm dieser Rückhalt gänzlich gilt.

I: Horst Seehofer hatte ja nicht so viele Anhänger in der Fraktion im bayrischen Landtag. Wird sich das ändern?

B: Das wird man sehen müssen. Das muss man natürlich dann auch von der Landtagsfraktion als solches abfragen. Die tagt morgen und man hört, dass da auch entsprechende Diskussionen im Gange sind.

I: Das umstrittene Privatleben Seehofers, das ihm in der Partei im vergangenen Jahr sehr geschadet hat, ist das vergessen?

B: Nun, offensichtlich gelingt das, was auch notwendig ist, dass man auch Dinge noch zu trennen weiß und, dass man gewisse Dinge nicht in Bereiche hineinzieht, wo sie eigentlich nichts zu suchen haben. Von daher glaube ich auch, das ist ein gutes Signal.

I: Kommen wir auf den Ministerpräsidenten Beckstein – bleiben oder nicht?

B: Das ist eine Frage, die hat die Landtagsfraktion zu entscheiden, da können wir noch so kluge Kommentare von Bundesseite abgeben. Das ist eine ureigenste Entscheidung der Landtagsfraktion.

I: Dann hätte ich aber trotzdem gerne einen klugen Kommentar von Ihnen dazu.

B: Ein Ministerpräsident kann und soll dann bleiben, wenn er wirklich mit einer klaren und großen, am besten mit einstimmigen Mehrheit von der Landtagsfraktion getragen wird. Dann hat er die Legitimation und dann kann man ihn als Gesamtpartei auch entsprechend stützen.

I: Ist er ein guter Ministerpräsident?

B: Ich habe Ihn im letzten Jahr als einen guten, zum Teil auch erstklassigen Ministerpräsident erleben dürfen und einer, der sich mit aller Kraft für diesen Freistaat eingebracht hat, der natürlich einen großen Teil seines Jahres auf den Wahlkampf verwenden musste.

I: Wäre es nicht dennoch Zeit, jetzt für die junge Generation ein Zeichen zu setzen, zum Beispiel mit Ministerpräsident Söder?

B: Die junge Generation muss sich mehr einbringen und äh, sie sollte das auch wahrnehmen. Da gibt es durchaus einige Köpfe, aber man sollte die Dinge auch nicht übereilen, man sollte jeweils nach der Eignung sehen, die tatsächlich auch gegeben ist. Und von daher sollen diejenigen, die sich berufen fühlen, sich selbst auch offen dazu äußern.

I: Ich danke Ihnen. Das war der Bundestagsabgeordnete Karl Theodor zu Guttenberg, CSU-Bezirksvorsitzender in Oberfranken. Dankeschön für das Gespräch Herr Guttenberg.

B: Danke Ihnen Herr Spengler.

Anmerkungen

1: Guter Einstieg mit einer offenen Frage, um die Gründe zu erfahren.

2: Die äh's deuten darauf hin, dass der B sich nicht so ganz sich nicht so ganz sicher ist.

3: Sehr gut: Hörer/innen erfahren, dass der B die Frage nicht beantwortet hat, dann wir die Frage erneut gestellt.

4: Ganz präzise ist die Antwort nicht. Aber der I will vorankommen. 5: I könnte nachfragen: Aufbruch wozu?

6: B weicht aus, I fragt zu Recht nochmals.

7: I hätte auch auf die „Botschaft“ eingehen können, das hätte aber Zeit gekostet;

„Fehlbesetzung“ ist stark.

8: Die offene Frage wird in eine geschlossene verändert. Von hier arbeitet der I fast nur noch mit geschlossenen Fragen, um den B festzulegen und um Zeit zu sparen.

9:. „aus Ihrer Sicht“ – viel besser als allgemein zu fragen.

10: Das Statement geht noch einmal gut, besser wäre gewesen „Heißt das ...?“ 11: Schön zugespitzt.

12: Gut – da kann B nicht ausweichen.

Aufschlussreich ist dieses Interview in mehrfacher Hinsicht. Zum einen deshalb, weil der I die zu diesem Zeitpunkt nach Lage der Nachrichten diejenigen Fragen stellt, die an diesem Vormittag aktuell und wichtig waren. Zum zweiten, weil er seinen roten Faden hält. Zum dritten, weil das Interview ein generelles Dilemma der Interviews mit Politikern belegt: Statt sich mit klaren Antworten zu profilieren, geben viele Politiker unge-

naue Antworten, die bestenfalls Signale nach innen, zur Partei, sind. Im Grunde müsste der I bei jeder Antwort

- nachfragen und bitten, die Antwort zu präzisieren,

- die Antwort „übersetzen“, indem er eine Interpretation vornimmt und

- diese dem B als interpretierende Nachfrage stellt.

Die zuletzt genannte Strategie wäre für die meisten B die einzig richtige. Wenn wir allerdings so vorgehen, dann wird das Interview sehr eng, weil die meiste Zeit damit draufgeht, immer wieder nach zu fragen – auf Kosten der breiteren Information, die vermutlich das Ziel des Interviews war. Im Extremfall wird in einem Interview von 2'30'' nur eine Aussage geklärt.

 
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