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13. Kontroverses Interview

Der Befragte soll sich in einem solchen Interview für eine Entscheidung, eine Meinung oder einen Plan rechtfertigen: Warum wird die AltenpflegeVersicherung eingeführt? Warum ist der Bischof gegen die soziale Indikation? Warum soll Frankfurt eine „autofreie Stadt“ werden? Das kontroverse Interview ist keine Form der Überredung oder Überzeugung. Es ist keine Sache des Gewinnens oder Verlierens – es ist eine Suche nach Wahrheit und/oder dient der Rechtfertigung des Befragten. Das Urteil fällt nicht der Interviewer, sondern der Empfänger. Gehen Sie also nicht in das Interview mit dem Ziel, zu gewinnen.

Die (Teil-)Kontroverse ist auch in fast jedem Informations-Interview sinnvoll. Auch wenn Sie der gleichen Ansicht sind wie die Befragte, so ist es produktiv, eine Gegenposition einzunehmen, damit die Befragte gezwungen ist, ihre Position klarer zu formulieren. Das ist den meisten Befragten sogar sehr angenehm, weil es ihnen die Möglichkeit gibt, ihre Position präziser zu formulieren (oder formulieren zu müssen).

Informationsinterview und kontroverses Interview sind keine Gegensätze, sondern die Enden eines Kontinuums:

Wir schlagen daher vor – und das hat sich auch in zahlreichen Trainingsinterviews bewährt –, auch in Informations-Interviews Fragen zu stellen, die Rechtfertigungen erfordern oder den Befragten mit Gegenpositionen konfrontieren, was wir als „Stachel“ bezeichnen. So ist es langweilig für die Empfänger, wenn der Interviewer in einem Interview mit einem Vertreter von amnesty international die gleiche (moralische) Position bezieht. Spannender wird es, wenn er fragt:

„Ist nicht angesichts zahlreicher terroristischer Anschläge eine Folter sinnvoll?“ oder weicher: „Müssen Sie nicht angesichts zahlreicher terroristischer Anschläge über das Folterverbot nachdenken?“ oder eine Vertreterin von Greenpeace: „Vom Walfang leben viele Menschen. Wollen Sie denen die Arbeitsplätze [den Lebensunterhalt] wegnehmen?“ Die Interviewerin nimmt in solchen Fällen Meinungen auf, die öffentlich vertreten werden oder die sie zumindest mit guten Gründen bei einem Teil der Bevölkerung vermutet, und mit diesen Argumenten muss sich der Befragte nun auseinandersetzen. Dazu ein Interview zur Finanzmarktkrise in Zypern.

Interview 22

ARD tagesthemen, 17. 3. 2013

Ingo Zamperoni – Wolfgang SchäubleAnmoderation nach einem Beitrag zum Thema „Zypern in derKrise“

I: Die zyprische Regierung hatte die Wahl zwischen Pest undCholera. Entweder die Banken – und damit wohl das ganze Land– pleitegehen zu lassen, oder eben dieser Sonderabschlag, ohneden es kein Hilfspaket aus Brüssel geben wird. Zypern hat sichauch deswegen dazu durchgerungen, weil es auch noch eine weitereOption ausschließen wollte – das sogenannte Bail-in, bei demdie Banken bei ihren Gläubigern Schulden erlassen bekommen.Ein solches Bail-in könnte negative Auswirkungen auf die WirtschaftZyperns haben. Wir haben vor der Sendung ein Gesprächmit Finanzminister Schäuble geführt, in dem er genau diese Entscheidungerläutert. Und in Berlin begrüße ich den Bundesfinanzminister.Guten Abend, Wolfgang Schäuble

B: Guten Abend, Herr Zamperoni.

I: War das eigentlich Ihre Idee, an die privaten Sparkonten derZyprioten ran zugehen?

B: Nein, das war die Position der Bundesregierung und des, unddes Internationalen Währungsfonds, dass wir den wesentlichenTeil äh der Mittel, die für die Sanierung der Banken notwendigsind, von den Eigentümern und den Gläubigern der Banken, dassind die Anleger, bekommen müssen, aber natürlich hätten wir dieEinlagensicherung respektiert, die äh Konten bis zu Hunderttausendgesichert, aber diejenigen, die kein Bail-in wollten, das wardie zyprische Regierung, auch die europäische Kommission unddie EZB, die haben sich für eine …für diese Lösung entschiedenund das müssen sie nun dem zyprischen Volk erklären.

I: Aber mit dieser Lösung, ist da nicht eine Tür geöffnet, die sichvielleicht nicht mehr schließen lässt? Könnten also auch andereEuro-Krisenländer so eine Zwangsabgabe liefern, droht ihnendas?

B: Es gibt kein Land (amüsiert), in dem der Bankensektor imVerhältnis zum Volkseinkommen, zur gesamtwirtschaftlichenLeistungskraft, in einem solchen Maße zu groß ist – das ist ja dasProblem – in Zypern haben wir ein massives Bankenproblem –und es war eben klar – das haben wir ja immer gesagt, das sagenalle, äh, wenn Banken insolvent werden, dann können dann nichtdie Steuerzahler das Risiko übernehmen, das müssen dann schondiejenigen, die in guten Zeiten mit Banken und Geldanlagen Geldverdienen, die tragen auch das Risiko.

I: Das heißt, Sie versprechen, dass Zypern ein Sonderfall bleibt,und es nicht auch, wenn es mal hart auf hart kommt, auch unstreffen könnte?

B (amüsiert): Die Lage bei uns in Deutschland ist doch völliganders. Jedes Land war bisher in in in der Euro-Krise immer sehrspezifisch, ganz besonders in in Zypern haben wir nun diesesbesondere äh Problem, das ist außerordentlich hoch, und deswegenwar es klar, in Zypern geht es nicht ohne eine äh massiveBeteiligung der Eigentümer, aber vor allen Dingen eben auch derAnleger bei den Banken – anders ist das nicht zu schaffen, wennman die Insolvenz vermeiden will.(…)

I: Aber warum geht das nicht auch etwas sozial verträglicher, miteinem Freibetrag etwa?

B: Das ist eine Entscheidung, die muss äh dann auch der zyprischeGesetzgeber treffen, treffen, aber wir brauchen eben, wirhaben eine bestimmte Summe gebraucht, und wenn man auf dereinen Seite nicht zu hoch gehen wollte in der Belastung der großenInvestoren, dann kommt man auf die Summe nur, wenn man,wenn man sie breit anlegt – und das war genau eine der Abwägungen.Ich sage noch einmal, das ist eine Entscheidung, diediejenigen getroffen haben, die ein Bail-in im engeren Sinne abgelehnthaben.

I: Und was machen Sie, wenn der zypriotische Gesetzgeber„Nein“ sagt?

B: Dann werden die zypriotischen Banken nicht mehr zahlungsfähigsein, und dann kommt Zypern in eine sehr schwierige Lage.Abmoderation I: Es wird auf jeden Fall eine spannende Woche.Vielen Dank, Bundesfinanzminister Wolfgang Schäuble.B: Bitte gerne, Herr Zamperoni.

Anmerkungen

1: Gutes Beispiel für einen Einstieg mit einer geschlossenen Frage, auf die mit Sicherheit ein „Nein“ folgt und somit das Interesse des Publikums steigert. Die Frage verspricht, dass wir erfahren, welche Lösungen B in solchen Situationen bevorzugt.

2: Hier bietet sich eine Frage im Tenor der ersten an, die B zu einer Bewertung zwingt: „Wenn ich Sie richtig verstanden habe, wollten Sie das nicht?“

3: Das wäre eine gute Schlussfrage.

4: Jetzt nutzt B die geschlossene Frage zum Zeitschinden. Das ist eine Wiederholung des oben Gesagten.

5: Auch hier ist eine Interpretation naheliegend: „Sie hätten also lieber die großen Investoren stärker belastet?“ Und dann die Schlusssequenz mit der Frage, ob dies auch in Deutschland passieren könnte.

6: Diese offene Frage als letzte zu stellen ist gefährlich, weil keine Nachfrage mehr gestellt werden kann. Die Zeit ist vorbei und so kann der Interviewer auch nicht mehr auf die Nicht-Antwort reagieren, etwa mit: „Und was dann?“

Zusammenfassend: Konzentration auf zwei Aspekte, aber andere Reihenfolge (mit Zypern beginnen und dann nach Deutschland, weil das das Interessanteste für den tagesthemen-Zuschauer ist). Gute Festlegungen, aber noch mehr interpretierende Nachfragen hätten die tatsächliche Position des B deutlicher erkennen lassen. So gibt es letztlich keine befriedigende Antwort auf das, was der I mit seiner ersten Frage herausfinden wollte.

 
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