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12. Unterbrechen

Viele Journalisten scheuen sich, Befragte zu unterbrechen. Sie führen dafür einen plausiblen Grund an: Die Empfänger würden es als unangenehm oder unhöflich ansehen. Da es hierzu keine empirischen Forschungsergebnisse gibt, beruht die Aussage der Journalisten auf Briefen und Anrufen von Hörer/innen und Zuschauer/innen. Wie wir jedoch wissen, stellen diese Personen eine gänzlich unrepräsentative Stichprobe der jeweiligen Empfänger dar; es ist daher nicht sinnvoll, sich auf diese – zudem kleine – Gruppe zu berufen.

Eine antwortende Person zu unterbrechen, ist angemessen oder gar notwendig, wenn sie a) unklare Ausdrücke verwendet (siehe die Aufmerksamkeitskurve in Kapitel 19), b) eine Antwort gibt, die von der Frage wegführt bzw. wegführen soll. Für den zweiten Fall schlagen wir eine Hilfe vor: Ich kann unterbrechen, ohne dass die Empfänger dies als falsch empfinden, wenn ich vermuten kann, dass auch die Empfänger merken, der Befragte weicht aus oder seine Antwort trägt nichts mehr zur Frage bei. Die Unterbrechung muss also für die Empfänger nachvollziehbar sein, z.B., weil auch sie unruhig werden.

Zum Unterbrechen empfehlen sich folgende Strategien:

• Indirektes, vorsichtiges Unterbrechen: Mund öffnen/spitzen, tief und kurz einatmen, aufrichten, evtl. Hand heben, – also zeigen, dass man „dran“ ist.

• Direktes Unterbrechen, z.B. wenn der Befragte Sätze mit „und“ verbindet oder wenn er kurz Luft holt. Die Unterbrechung sollte sehr kurzsein, am besten nur ein Fragewort: „Welche?“, „Warum?“, „Zum Beispiel“.

• Hartes Unterbrechen: „Herr/Frau Dingenskirchen ...“

• Weitere Möglichkeiten: „Reißverschlusssystem“: Das sicher zu erwartende Satzende des Befragten parallel zu dem Befragten sprechen, dann verstummt der Befragte und der Interviewer kann die nächste Frage stellen.

Mit dem Interview 20 zeigen wir ein häufig auftretendes Problem: Der Befragte antwortet zunächst auf die Frage, liefert dann aber noch mehrere weiterführende Argumente. Seine Antworten zu komplex und deshalb unverständlich. Selbst wenn Sie das Interview lesen, werden Sie innehalten und überlegen oder sogar in der Antwort zurückgehen. Beides können die linear aufnehmenden Empfänger nicht – selbst die Interviewerin nicht, was an den fehlenden Nachfragen zu erkennen ist. Die Antwort enthält zu viele Aussagen, weshalb die Interviewerin nicht entscheiden kann, wonach sie zuerst nachfragen soll. Hier ist – wieder einmal – zu prüfen, ob die Form des Interviews dazu geeignet ist, derart komplizierte Sachverhalte zu übermitteln; ein gebauter Beitrag wäre gewiss besser.

Interview 20

ZDF morgenmagazin, 18. 8. 2004 Alexandra Vacano – Prof. Dr. Bert Rürup

Anmoderation: Die Gesundheitsreform nimmt kein Ende. Das Top-Thema jetzt im ZDF-Morgenmagazin.

I: Und ich begrüße jetzt den Mann, der seit Jahren alle Parteien in Sachen Gesundheitspolitik berät. Von ihm gibt es mehrere Konzepte und auch die Kommission, die seit einem Jahr nach ihm benannt ist. Schönen guten Morgen, Bert Rürup nach Frankfurt.

B: Ja, guten Morgen. (…)

I: (lacht) Bevor wir gleich weiter über die Gesundheitsreform, äh, sprechen, äh, wollen wir uns noch einmal ein Stückchen von Axel Gräfe anschauen, der erklärt uns nämlich den derzeitigen Stand der Diskussion.

Es folgt ein Beitrag, in dem versucht wird, die beiden Konzepte

„Bürgerversicherung“ (SPD) und Gesundheitsprämie“ (Kopfpauschale, CDU) darzustellen. Leider mit so vielen verschiedene Bildern zu dem Text, dass eine Bild-Ton-Schere (s. Wember 1976) auftritt. Sie verhindert, dass die Empfänger eine klare Vorstellung von den beiden Versicherungsarten gewinnen. Diese wäre aber erforderlich, um allein die Eingangsfrage der Interviewerin zu verstehen.

I: Tja, und wir sprechen mit Bert Rürup. Herr Rürup, ähm, jetzt kocht also der Streit um den Zahnersatz noch mal hoch, man dachte ja eigentlich, es sei mehr oder minder in trockenen Tüchern, äh, was würden Sie denn, ähm, raten: Pauschale, oder sollte man es dann doch einkommensabhängig gestalten?

B: Also, was wir gegenwärtig sehen, ist ja der Streit um einen Kompromiss, der am Telefon zwischen Kanzler Schröder und Frau Merkel ausgehandelt worden ist und ich glaube, bei dem Hickhack, was Sie gegenwärtig beschreiben haben ist wohl richtig, zeigt es sich, dass es weder ein – Sie hören die Anführungsstriche – wirklich fairen Wettbewerb zwischen privaten und gesetzlichen Krankenkassen geben kann, und dass eine Mischung von unterschiedlichen Finanzierungssystemen einkommensabhängige Beiträge auf der anderen Seite und Pauschalen, äh, auf der anderen eigentlich nicht, äh, geben kann. Hier wird man sich entscheiden. Da gibt es zwei Möglichkeiten: entweder, äh, man belässt es bei der einkommensabhängigen, äh, Finanzierung und, äh, verzichtet auf die Pauschale. Das würde dann bedeuten, äh, wenn man die Lohnnebenkosten dann senken würde, dass man die Parität, äh, um etwa 0,2 Prozentpunkte nach Vorbild, äh, des, äh, Krankengeldes zu Lasten der Arbeitnehmer verschiebt, nämlich, wir haben ungefähr 3,5, äh, Milliarden Euro Ausgaben für Zahnersatz, dass wären insgesamt etwa 0,4 Beitragspunkte oder im Durchschnitt etwa sechs…

I: Mhm

B: bis sieben Euro pro Mitglied der Versicherten, und das würde

dann also diese Paritätsverschiebung nach sich ziehen…

I: Ja

B: wenn man es innerhalb des gegenwärtigen Systems bliebe oder, man verpflichtet in der Tat, äh, die Kassen, äh, diese Pau-

schale in der Größenordnung von sieben Euro einzubeziehen.

Das ist mit bürokratischem Aufwand, äh, verbunden, aber ich glaube, der bürokratische Aufwand ist eigentlich ein vorgeschobenes Argument. Ich denke, man hat vor dem Hintergrund der

Erfahrungen von Hartz Angst, den Versicherten noch einmal also eine solche Einkommenseinbuße zuzumuten, allerdings…

I: Mhm

B: äh, bei der internen Finanzierung über einkommensabhängige Beiträge hätte man auch die Belastung der Arbeitnehmer, nur wär sie dann eben einkommensabhängig, die kleine- 5 ren würden geringer und die größeren höher belastet, aber hier, glaube ich, …

I: Herr Rürup…

B: muss man einen Kompromiss finden.

I: Ja, ist also die Entscheidung über die Zahnersatzverichung, äh,

-versicherung, eine Art Vorentscheidung für das mögliche künftige gesamte System der Krankenversicherung?

B: Äh, man könnte es so sehen, ich sehe es aller…(?) nicht so, das heißt, hier zeigt es sich, dass sich unterschiedliche Finanzierungsregime nicht mischen lassen, und damit ist, würde ich sagen, auch noch keine Vorentscheidung zwischen einkommensabhängigen Beiträgen und Gesundheitsprämien gefallen.

I: Mhm (zustimmend), jetzt gibt es ja die Überlegungen in der

SPD, dass alle Bürger die Wahlfreiheit haben zwischen den verschiedenen Kassen, also zwischen gesetzlichen und privaten, was halten Sie denn davon?

B: Das macht im Prinzip Sinn, nämlich eine derartige Zweiteilung des Gesundheitsmarktes, wie wir sie haben, durch diese Pflichtversicherungsgrenze, die kann man analytisch nicht begründen, die gibt es meines Wissens auch nur noch in einem Land, das ist Chile. Sie ist historisch gewachsen, aber sie ist natürlich ein, äh, juristisches Faktum, auf das sich natürlich auch die PKV beruhen, berufen kann, so, und wenn man nun, äh, diesen, äh, Öffnung macht, bedeutet das natürlich, da muss man sich im Klaren drüber sein, dass man der privaten Versicherung natürlich die Rechtsform belässt, aber sie ihres gegenwärtigen Geschäftsmodells, das heißt der Kalkulation mit risikoabhängigen, äh, Prämien und mit Kapitaldeckung einfach beraubt, und das heißt, wenn man das macht, äh, würde das das Ende der gegenwärtigen PKV bedeuten. Nun, wie gesagt, so ein gemeinsamer Markt macht Sinn, aber Sie wissen, das Gegenteil von gut gemeint ist noch nicht gut, dass heißt, wenn man so einen Vorschlag macht, muss man natürlich auch prüfen, ob das verfas sungsrechtlich (Schlucken) tragfähig ist, nämlich… I: Mhm

B: die PKV kann sich auf das Grundrecht auf den eingerichtet und ausgeübten Gewerbebetrieb berufen, dann muss man natürlich diskutieren, äh, wie geht man mit den Privatversicherten um, die nicht in diese neue Bürgerversicherung, äh, wechseln wollen, und was macht man mit den 80 Milliarden Euro Alterungsrückstellungen, die gegenwärtig in der PKV da sind, das heißt, die spannenden Fragen sind damit natürlich nicht geantwortet, hier ist wie gesagt nur ein neues Feld der Diskussion eröffnet worden. Bislang…

I: Herr Rürup…

B: hat sich die Diskussion…

I: Eine spannende Frage ist ja jetzt auch noch, Sie sind ja eigentlich SPD-Mitglied, äh, favorisieren aber das CDU-Modell, nämlich, äh, der Kopfpauschale, also 169 Euro für jeden, ob Sekretärin oder Chefarzt, äh, Einkommensschwache sollen bezuschusst werden. Wie soll denn das finanziert werden, durch Steuererhöhungen dann am Ende? (…)

Anmerkungen

1: Mit „Zahnersatz“ nimmt sie zwar den letzten Teil des Beitrags auf, stellt dann aber die Frage nach pauschal oder einkommensabhängig. Das ist irritierend, denn im Beitrag geht es generell um die Finanzierung der Krankenversicherung. Zudem nimmt sie nicht die beiden Stichworte „Bürgerversicherung“ und Kopfpauschale auf, sondern wählt „einkommensabhängig“ für die Bürgerversicherung. Das erschwert es den Empfängern, sofort die beiden Modelle zu erkennen.

2: Ob die Interviewerin es ebenso wenig verstanden hat wie die Empfänger? Hier sollte sie auf die Frage zurückkommen: „Welches Modell – Bürgerversicherung oder Kopfpauschale – bevorzugen Sie?“

3: Das „Ja“ bestärkt den Befragten darin, weiter zu sprechen. Spätestens hier hätte eine Nachfrage kommen müssen (s. Anm. 2).

4: Woher kommen die sieben Euro? Wer soll das verstehen? Warum also unterbricht sie nicht und fragt nach?

5: Erneut kein Eingriff; s. Anm. 2 und 4.

6: Versuch, den Befragten zu unterbrechen.

7: Jetzt erst wird klar, dass die Interviewerin die Zahnversicherung als Modell für die Krankenversicherung verwenden wollte (s. Anm. 1).

8: Die Antwort des Befragten legte nahe, die Zahnversicherung sei kein Modell für die Krankenversicherung insgesamt. (Also war das ein schlechter Einstieg der Interviewerin.) Das hätte mit einer interpretierenden Nachfrage festgehalten werden müssen: „Die Zahnversicherung ist also kein Modell für die Krankenversicherung?“ Stattdessen führt die Interviewerin ein neues Thema ein, obgleich die zuvor behandelten zu möglicherweise korrekten, aber unverständlichen Antworten geführt haben.

9: Die Unterbrechung gelingt. Leider kommt nun noch ein neues Thema: wie die Kopfpauschale finanziert werden soll. Und: wenn die Interviewerin doch offenbar weiß, dass der Befragte das Modell der Kopfpauschale vorzieht, – warum fragt sie nicht in der ersten Frage danach? Das wäre ein viel klarerer Einstieg gewesen.

Fazit: Die Form des Interviews eignet sich nicht, wenn man so viele Themen hat wie die Interviewerin. Besser wäre: Die Interviewerin lässt das Interview nicht vorbereiten, sondern spricht selbst mit dem Befragten. Sie vereinbart mit ihm, nur einen Punkt (Warum ist Kopfpauschale Ihrer Ansicht nach besser?) zu behandeln und bitte ihn um einfache Antworten, anderenfalls würde sie ihn unterbrechen.

Was aber tun, wenn die Redaktion darauf besteht, ein Interview mit dem ausgewiesenen Experten zu führen? Dann helfen nur zwei Ratschläge: 1. Das Interview auf einen Punkt zu beschränken: „Welches Modell hält der Experte für geeigneter“ 2. Mit dem Befragten das Interview absprechen und ihn um einfache Antworten bitten. In jedem Falle sollten Sie interpretierende Nachfragen stellen, damit die Interviewerin als Stellvertreterin der Empfänger sich vergewissert, ob sie die Antwort verstanden hat.

Wie schwierig es ist, am Telefon zu unterbrechen, zumal dann, wenn man keine Legitimation, d.h. keine Fragen, hat, das zeigt das nachfolgende Beispiel (21); der Befragte ist wieder ein Professor.

Interview 21

NDR 2 Frühkurier, 4. 12. 1985

Manfred Schmidt – Prof. Dr. Erich Saling

Anmoderation: Wir kommen nun zum Thema Hausgeburten, die ja wenn ich das richtig sehe ´ne Zeitlang sogar mal wieder gut in Mode gekommen waren. In Berlin begann gestern ein deutscher Kongress für perinatale Medizin, also die Medizin rund um die Geburt. Dazu begrüße ich den Geburtsmediziner Prof. Erich Saling in Berlin.

I: Guten Morgen Herr Professor. B: Ja, guten Morgen.

I: Sie sprachen gestern von „hausgeburtlichen Abgründen“. Das klingt ja nun sehr finster.

B: Ja nun schön, das ist aus dem Text herausgerissen. Ich habe gestern bei der Eröffnungsansprache äh erwähnt, dass die Hausgeburten doch immer wieder diskutiert werden. Sie sind ja nicht allzu häufig. Aber von einigen äh wie ich auch sagte verantwortungslosen Medienvertretern wurde ja regelrecht Propaganda für die Hausgeburt betrieben, ohne auch nur mit einem Wort auf die Risiken hinzuweisen. Äh wir haben aufgrund dessen, das war nämlich beim letzten Kongress vor zwei Jahren haben wir dann eine Befragung deutscher Kliniken vorgenommen (…), bin ich auf diese Hausgeburtshilfen-Abgründe gekommen.

I: Ah ja.

B: Denn wir wissen, dass heute in einer modernen Klinik, die äh unter Nutzung aller technischen Möglichkeiten arbeitet, kaum mehr ein Kind unter der Geburt zu sterben braucht. Es braucht auch kaum mehr ein Kind äh eine Frau, eine Mutter in einen Schock zu kommen, zum Beispiel einen Verblutungsschock.

I: Mhm 2

B: Und da haben wir eben Nachrichten bekommen. Wir haben 113 Fälle genannt bekommen, in 52 Fällen von so genannten abgebrochenen Hausgeburten, das heißt, wo man merkte, dort geht es nicht gut, hat man diese Frauen dann in die Klinik transportiert. Wir wissen aus den Erfahrungen in Holland, aber auch aus unseren Erfahrungen der Bundesrepublik, dass das natürlich die Fälle sind, wo am häufigsten was passiert. Die werden dann im Notfall schnell noch in die Klinik gebracht. Na ja, und von diesen z.B. 52 Fällen mit abgebrochenen Hausgeburten, da gab es sechs tote Kinder, dann gab es äh mhm 18 Fälle wo äh die Kinder… (hier blenden wir uns für 60 Sekunden aus), das waren aber nicht die gleichen wie die vorhin genannten, zwölf Kinder im Erstickungszustand, dann zwölf Frühgeborene, äh, also wie gesagt, diese ganze Statistik, ich will sie nicht weiter fortsetzen,

I: Mhm

B: zeigt eindeutig, dass die Hausgeburten doch mit weit größeren Gefahren verbunden sind in der Tat, also real gesehen, als es immer wieder so schön in den Medien dargestellt wurde. Man äh geht ja davon aus, dass die psychologischen Bedingungen zu Hause gut sind und vergisst dabei, man überbetont die und vergisst dabei, dass doch ernste Gefahren für Mutter und Kind bestehen.

I: Ja, Herr Saling, wenn ich das so richtig verstehe, also eine entschiedene Warnung vor den Hausgeburten. Ich wollte aber doch

ganz kurz zum Schluss noch mal fragen… (…)

Anmerkungen

1: Das ist ganz ungeschickt, einem Professor bzw. generell einem Befragten so das Feld zu überlassen: Hier ist es eine Aufforderung, den Vortrag vom gestrigen Abend hier noch mal zu halten – und das tut der Befragte auch prompt.

2: Ahjas und mhms sind untaugliche Unterbrechungssignale am Telefon. Der Interviewer hätte hier mit einem kräftigen „Herr Professor” oder besser noch „Herr Saling” eingreifen müssen. Die erste Antwort, begleitet von den (bestärkenden) hmm's des Interviewers, ist 3'35'' lang!

3: Selbst wenn dem Interviewer danach ist, darf er sich nicht gemein machen mit dem Befragten, gegen dessen Thesen es ja eine ganze Reihe von Gegenthesen gibt. Die hätte der Interviewer vortragen müssen.

 
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