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5. Fragen-Anordnung: Der Trichter

Eine gute Lösung, um den Befragten festzulegen, ist der Trichter. Er beginnt mit einer allgemeinen, offenen Frage (o) und endet mit einer speziellen, geschlossenen Frage (g).

„Was verstehen Sie unter Mitbestimmung?“ (o)

„Was sollten die Gewerkschaften tun, um die Mitbestimmung auszubauen?“ (o)

„Einige sagen, die Arbeitgeber sollten im Aufsichtsrat eines Betriebes die Mehrheit haben, andere, Arbeitgeber und Arbeitnehmer sollten gleich stark vertreten sein. Was meinen Sie?“ (o)

(Evtl.: „Warum meinen Sie das?“)

„Sie sind also für eine gleich starke Vertretung?“ (g)

Um den Trichter anzuwenden, muss der Interviewer zu Beginn der Abfolge von Fragen wissen, mit welcher Frage der Trichter enden soll: Es ist in jedem Falle eine geschlossene Frage, die den Befragten auf ein „Ja“ oder

„Nein“ festlegt.

Einen solchen Trichter wendet Friedman in seinem Interview mit Jürgen Rüttgers an, zu dem Zeitpunkt Spitzenkandidat der CDU für die Landtagswahl in NRW (Interview 10). Er fragt zunächst (schon geschlossen) danach, wie der Befragte die Äußerung des Papstes beurteilt und dann direkt nach seiner Meinung; dabei legt er den B mit den beiden letzten Fragen fest.

Interview 10

N24 Studio Friedman, 22. 4. 2005

Michel Friedman – Jürgen Rüttgers, CDU

I: Zum gleichberechtigten Respekt aller Kirchen sagt Benedikt XVI: „Die katholische Kirche ist allen anderen Kirchen überlegen.“ Hat er Recht?

B: Er sagt, dass das, was er glaubt und das, was seine Kirche glaubt, das Richtige ist. Und ich finde, das darf er auch.

I: Ich sage noch einmal: Die katholische Kirche sei allen anderen Kirchen überlegen.

B: Ich hab' das schon verstanden. Er sagt, das ist das Richtige, und wenn's das Richtige ist, dann muss er zwangsläufig sagen, dass das andere nicht richtig ist.

I: Und was sagen Sie?

B: Ich glaube, dass wir wieder lernen müssen, dazu zu stehen, dass wir wieder etwas für wahr und etwas für unwahr halten. Ich bin Katholik, und ich glaube, dass unser christliches Menschenbild das Richtige ist und nicht vergleichbar ist mit Menschenbildern, die es anderswo auf der Welt gibt.

I: Aber wir sprechen von dem Begriff „überlegen“. Ist die katholische Kirche und ihr Menschenbild anderen Religionen überlegen?

B: Ich glaube, dass es das Richtige ist, wenn Sie wollen auch

„überlegen“. (…)

Die Äußerung von Rüttgers fand ein lebhaftes Echo bei den Parteien und in der Presse. So titelte der Kölner Stadt-Anzeiger „Wirbel um Rüttgers' Christen-Zitat“ und „Rüttgers stößt auf heftige Empörung“ (23./24. 4. 2005). Im Bericht heißt es „Rüttgers wies am Abend alle Behauptungen zurück, er habe andere Religionen abwerten wollen. Er wolle einen gleichberechtigten Dialog und respektvollen der Religion miteinander“.

Verbandssprecher und Funktionäre neigen dazu, auch in Interviews Formulierungen zu verwenden, die aus ihren jeweiligen Positionspapieren stammen. Sie sind meist so gehalten, dass noch ein Interpretationsspielraum bleibt. Diese Formulierungen können wir jedoch den Empfängern nicht zumuten, eben weil sie mehrdeutig und deshalb nicht anschaulich sind. Im folgenden Interview (11) zum Thema: „Schließung von Bundeswehrstandorten“ gelingt es der Interviewerin mit hartnäckigem Aufwand, die zunächst sehr abstrakten Formulierungen des Gewerkschaftlers auf eine anschauliche Ebene herunter zu holen.

Interview 11

ZFP-Trainingsseminar, 14. 12. 2004 Karin G. – Bernd Kleimann, ver.di

I: Die Nachricht war ein Schock: Anfang November verkündete Bundesverteidigungsminister Peter Struck, dass hundertfünf Bundeswehrstandorte geschlossen werden, vierzehn davon in Niedersachsen. In vielen Fällen trifft es gerade die Standorte mit wenig Arbeitsplätzen, Varel etwa oder Goslar. Jetzt wo der erste Schock verdaut ist, beginnt das Nachdenken darüber, wie der Abzug der Bundeswehr weniger schmerzhaft gestaltet werden kann. Bernd Kleimann, Sie sind bei der Gewerkschaft ver.di

zuständig für die Bundeswehr. Was kann man denn machen, 1 damit der Abzug der Soldaten aus den Kasernen nicht so weh

tut?

B: Also der Punkt ist, äh, dass wir vor Ort insbesondere für die Zivilbeschäftigten, ähm, Beschäftigungsmöglichkeiten finden müssen. Wir haben das Problem, dass sehr viele Kolleginnen und Kollegen, äh, den Streitkräften nicht werden folgen können, weil sie in der Region gebunden sind, und die wir auch aufgrund des Arbeitsplatzabbaus in der Bundeswehr eben weiterbeschäftigen müssen.

I: Ja und was heißt das jetzt genau? Was werden Sie da konkret 2 tun?

B: Also wir fordern, dass zum einen im finanziellen Bereich Mittel vom Bundesverteidigungsministerium und von der Landesregierung zur Verfügung gestellt wird…

I: Was soll mit dem Geld gemacht werden? 3

B: Wir glauben, dass vor Ort Möglichkeiten entwickelt werden müssen, um zum einen in einem ersten Schritt, äh, bei der Standortschließung die wegfallenden Arbeitsplätze zu ersetzen im Rahmen einer Beschäftigungsgesellschaft, dass aber diese Beschäftigungsgesellschaft auch genutzt werden muss, um Beschäftigte zu qualifizieren für andere Arbeitsplätze.

I: Was sollen die denn da lernen in der Beschäftigungsgesellschaft? 4

B: Also das wird sehr unterschiedlich sein, denke ich, das wird auch, äh, regional, un, ähm, äh, unterschiedlich zu beantworten sein, äh…

I: Zum Beispiel, nehmen wir doch mal eine Region raus, Goslar zum Beispiel.

B: Nehmen wir Goslar. Dort ham wir den Naturpark Harz mit erheblichen Problemen ökologischen Bereich, wo wir glauben, dass die handwerklich ausgebildeten Arbeiterinnen und Arbeiter der Bundeswehr sehr gut nach einer entsprechenden Umschulung zum Einsatz kommen könnten.

I: Das heißt, die werden dann, äh, statt irgendwie bei der Bundeswehr zu arbeiten, werden die dann Parkbänke aufstellen, oder wie?

B: Zum Beispiel, das wär' eine Möglichkeit, aber, äh, unsere Kolleginnen und Kollegen sind natürlich neben dem Thema Parkbänke aufstellen auch zu vielen anderen Dingen qualifiziert, will nur sagen, sie sind nicht fremd in der Frage Geländebetreuung, äh, dass heißt Gestaltung von…

I: Also Rasenmähen oder Frösche ansiedeln?

B: Richtig, aber auch, äh, Zäune aufstellen, Zäune reparieren oder ähnliches, und wenn da das eine oder andere noch an Ausbildung dazukommt, bin ich sehr optimistisch, dass sie Möglichkeiten finden werden.

I: Aber damit kann man ja nicht alle unterbringen. 5

B: Nein, natürlich nicht. Äh,…6

I: Was soll mit den andern passieren?

B: Also, zum einen werden wir, äh, über den Tarifvertrag, äh, ein Stück zum sozialverträglichen Arbeitsplatzabbau, äh, beitragen können, das heißt über Altersteilzeit, Abfindungsregelungen und Härtefallregelungen wird ein großer Teil der Kolleginnen und Kollegen quasi vorzeitig die Bundeswehr verlassen, aber, das wird eben nicht bei allen möglich sein, äh, einige werden auch in der Lage sein, den Armeen zu folgen, ah nd für den Rest müssen wir eben in der Tat vor Ort gucken.

I: Ja, jetzsch bleiben wir noch mal bei den Möglichkeiten, die sich daraus ergeben, vielleicht aus dem Abzug der Bundeswehr, was gibt es denn noch für Möglichkeiten, die Ökologie, der Tourismus ist das eine, was gibt's noch?

B: Ich denke, dass gerade im Service-, äh, Bereich weitere Möglichkeiten sitzen in den Dienstleistungsbereichen, will nur mal sagen…

I: Zum Beispiel…

B: äh, wenn man die Versorgungssituation in Niedersachsen im Kindertagesstättenbereich betrachtet, dort kann etliches nachgelegt werden, dort gibt es 'n hohen Bedarf, und ich glaube, dass die eine oder andere Kollegin oder der Kollege auch bereit sind, in diese Richtung an Umschulungsmaßnahmen, äh, sich zu beteiligen.

I: Das heißt, die Verwaltungsangestellte geht in den Kindergarten dann. (...)

Anmerkungen

1: Gute Anmoderation, richtige Vorstellung des Befragten und die offene Frage zu Beginn ist bei einem vierminütigen Interview, das zunächst einmal nur informieren soll, auch in Ordnung. Das „man“ ließe sich präziser fassen mit „welche Ideen haben Sie“ oder „welche Vorschläge gibt es von ver.di?“

2: „Beschäftigungsmöglichkeiten finden“ – wer hätte das gedacht. Da das nicht anschaulich genug ist, muss der Interviewer nachfragen; in diesem Fall ist die zweite Frage („was heißt das genau – was werden Sie tun“) die bessere.

3: Die Antwort ist korrekt, aber vermutlich nicht das, was der Interviewer hören wollte. Deshalb das schnelle Nachfassen, um zunächst zu erfahren, welche inhaltlichen Vorstellungen die Gewerkschaft hat.

4: Der Interviewer setzt nach, damit die Empfänger endlich eine Vorstellung davon bekommen, in welchen Jobs die Menschen weiter arbeiten können sollen. Und schließlich hilft auch hier das Mittel der Wahl, die Frage nach dem Beispiel – und siehe da: es funktioniert, mit Hilfe einer interpretierenden Nachfrage.

5: Und jetzt ein kleiner Stachel („aber…“, s. S. 114), den wir ja gerne auch in solchen Informationsinterviews spüren wollen, und sofort fühlt sich der Befragte gefordert, gibt die Vorlage („Nein!“), was die folgende Frage geradezu erzwingt. 6: Der Befragte will sich wieder in Grundsätzliches retten, aber das lässt der Interviewer nicht zu und fragt richtigerweise wieder nach einem Beispiel und auch

hier einer interpretierenden Nachfrage. Manchmal ist es zäh, aber das „nicht locker lassen“ zahlt sich aus, und auch für den Befragten wird es oft als Hilfe empfunden. So auch hier.

 
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