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4. Doppelfragen

Vermeiden Sie zwei Fragen in einer:

• „Sind Sie nun mit Ihrem Konzept zufrieden und wie hat es sich bewährt?“

• „Wie oft können Sie als Reservist gezogen werden und wie sieht es mit den Kosten aus?“ – „Wie wird man Groupie? Wie kommt man auf die Idee?“

• „Herr Backmann, worauf werden sich die Entwicklungen im Automobilbau in den nächsten Jahren konzentrieren? Werden weiterhin Höchstgeschwindigkeiten im Vordergrund stehen?“

• Die Folge solcher Doppelfrage (Fragenkette) ist: Die befragte Person ist verwirrt, weil sie nicht weiß, auf welche der beiden Fragen sie antworten soll; ebenso sind die Empfänger verwirrt. Häufig antwortet die Befragte nur auf eine der beiden Fragen, nämlich die letztere und/oder die angenehmere.

Eine inhaltlich und formal sehr ausgeprägte Kontroverse findet im nächsten Interview (9) statt. Das Besondere sind die Rückfragen des Befragten und seine zensierenden Kommentare, aber auch die strittigen Fakten.

Interview 9

ARD (BR) Report, 25. 9. 1984

Günter von Lojewski – Hans-Jochen Vogel, SPD

I: Meine Damen und Herren, im Hamburger Studio des Norddeutschen Rundfunks begrüße ich jetzt Hans-Jochen Vogel, den Führer der sozialdemokratischen Opposition im Bundestag. Guten Abend, Herr Vogel.

B: Guten Abend, Herr von Lojewski.

I: Herr Vogel, der Eindruck verdichtet sich, wie wir eben gesehen 1 haben, dass der Friedensbewegung die Motivation ausgeht und vielleicht auch der Zulauf. Meine erste Frage also, warum unterstützt die SPD, warum fordert die SPD gerade jetzt ihre Mitglieder

auf, den Friedensherbst noch zu … sich am Friedensherbst noch zu beteiligen?

B: Warum sind Sie so ungenau, Herr von Lojewski? Sie sind doch deutlicher Unterscheidung fähig. Sie wissen doch ganz genau, dass wir vor der Manöverbehinderung gewarnt haben. Sie haben ja an einer versteckten Stelle Ihres Berichtes selber Erhard Eppler zitiert, der vor der Beteiligung an den Behinderungen gewarnt hat. Sie wissen doch ganz genau, dass wir keine Behinderungen und keine Gewalttätigkeiten befürworten. Dass wir davor warnen. Warum stellen Sie einen Zusammenhang zur SPD her? Wir haben aufgefordert, dass die Kundgebungen Sozialdemokraten Gelegenheit geben, sich daran zu beteiligen. Und ist es nicht eine glänzende Sache, wenn junge Menschen darauf aufmerksam machen, dass der Raketenwettlauf ein Wahnsinn ist, wenn Menschen ihrer Überzeugung Ausdruck geben. Sie unterstützen doch auch, wenn Fernfahrer an den Grenzen für ihre Sache demonstrieren, mit Blockaden, das befürworten Sie doch. Warum ist etwas dagegen einzu-

wenden, wenn junge Menschen und andere protestieren, friedlich, bei Versammlungen und Kundgebungen, nicht bei Manöverbehinderungen, sagen, macht ... nein, Entschuldigung, jetzt darf ich was sagen ... macht diesem Wahnsinn ein Ende. Das sagen doch die Staatsoberhäupter von fünf Ländern aus vier Kontinenten auch, das sagt doch der Präsident von Mexiko, von Tansania, von Indien genauso, das sagt der Papst. Warum dürfen die Menschen ihre War-

nung nicht hinaus rufen und artikulieren, darum geht's doch. 2

I: Herr Vogel, ich glaube nicht, dass wir den Menschen dieses Recht abgesprochen haben und mein versteckter Hinweis auf Herrn Eppler war immerhin in der Moderation ... Frage ...

B: ... bitte noch mal aufgreifen, damit ... I: Ja.

B: ... Sie mir das bestätigen, dass der erste, der vor Gewalttätigkeiten gewarnt hat, und vielleicht ist darauf auch die geringe Beteiligung zurückzuführen, Erhard Eppler war, wollen wir das den Zuhörern und Zuschauern nochmals ganz deutlich sagen, damit da nicht so alles ineinander gemischt wird ...

I: Herr Vogel, ist es richtig, dass die SPD auch der Friedensbewe gung angeboten hat, mit 100.000 Mark ihr einen Kredit zu geben? 3

B: Dies ist eine längst dementierte falsche Behauptung. Warum wird sie wiederholt?

I: Weil sie öffentlich geäußert worden ist und dort kein Dementi bisher zu lesen war in der Frankfurter Allgemei...

B: Aber Herr Lojewski, was für Zeitungen lesen Sie? Selbstverständlich ist das dementiert worden. Es stimmt nicht. Lesen Sie die Nachrichten dpa nicht? Lesen Sie keine Agenturen, Herr Lojewski?

I: Doch, die lese ich...

B: Das kann ich aber nicht glauben. Ich schick' sie Ihnen, ich stelle 4

sie Ihnen zur Verfügung. I: Okay.

B: Und in Ihrer nächsten Sendung werden Sie Ihren Zuschauern, weil Sie ein fairer Mann sind, das Dementi, das dpa veröffentlicht hat und die anderen Agenturen, im Bild zeigen, davon bin ich überzeugt.

I: Herr Vogel, ich hab eine Frage, ist es denkbar ...

B: Hab ich Ihre Zusage, dass Sie das Dementi zeigen? I: Äh, wenn ich es finde in den Zeitungen...

B: Nein, ich schick's Ihnen, I: Danke schön.

B: Ich schick's Ihnen. I: Ja.

B: Sie zeigen's, ja? I: Wenn es...

B: Wunderbar.

I: Wenn es bis heut erschienen ist, ja. B: Ja.

I: Herr Vogel, halten Sie es für denkbar, dass sich die Sozialdemokratie gleichsam wieder hinter Godesberg zurückentwickelt? Ist 5 der Eindruck verkehrt, dass es wieder eine Stimmung auch geben könnte gegen Verteidigungsbereitschaft insgesamt?

B: Der Eindruck ist völlig verfehlt. Wir gehen nicht hinter Godesberg zurück. Wir wollen unser Programm in den Punkten ergänzen, in denen neue Fragen ...

(...)

I: Herr Vogel, in einer Studie, die sich die SPD viel Geld hat kosten lassen, heißt es einerseits...

B: Was heißt viel Geld? Wie viel bitte?

I: Nach auch nicht dementierten Berichten auch etwa 500.000 Mark. 6

B: Darf ich Ihnen das Dementi auch dazu schicken? Sie werden einen großen Teil Ihrer nächsten Sendung mit Dementis bestreiten müssen.

I: Können Sie freundlicherweise sagen, wie teuer die Studie war? B: Jedenfalls wesentlich weniger.

I: Also, in einer Studie, die die SPD gegenwärtig...

B: Warum haben Sie so viel Vorurteile gegen die SPD, Herr Lojewski?

I: Ich habe keine Vorurteile...

B: Untertreiben Sie doch nach unten. Sagen Sie eine sehr billige Studie. Warum müssen Sie sagen, 'ne sehr teure?

I: Weil ich bisher nur eine Zahl kenne und Sie mir keine andere Zahl nennen.

B: Hätten Sie mich angerufen vorher. Sie kennen mich doch sonst auch.

I: Wir haben ja darüber gesprochen, Herr Vogel. B: Nein, darüber kein Wort.

I: Also, Herr Vogel, in einer Studie, die der SPD gegenwärtig vorliegt, heißt es einerseits, die Partei könne noch immer Wähler an die Grünen verlieren, andererseits heißt es, es seien für sie eher Wähler am Rande der Union zu gewinnen. Verlangt das von der

Partei nicht einen Spagat, der einen Menschen fast überfordert? 7

B: Aber was wollen Sie? Die Sozialdemokraten haben seit ihrer Gründung integriert, zusammengeführt. Die Arbeitnehmer …(…)

Anmerkungen

1: Wir befinden uns in einem kontroversen Interview; hier müssen Thesen besonders gut belegt werden; „Der Eindruck” ist zweifellos kein Beleg.

2: Diese Antwort ist 1´30'' lang.

3: Warum fragt der Interviewer danach, wenn er es hätte doch recherchieren können und müssen?

4: Dieser Teil ist quälend. Der Interviewer hätte an dieser Stelle sagen müssen:

„Herr Vogel, nach meinen Informationen gab es kein Dementi. Wir können das hier nicht klären, sondern berichten darüber in der nächsten Sendung”. Eigentlich müsste der Interviewer nun eine weitere Frage stellen.

Von Lojewski hätte zu diesem Zeitpunkt sogar eine/n Mitarbeiter/in beauftragen können, bei dpa prüfen zu lassen, ob ein Dementi vorliegt. Wir haben uns bei dpa erkundigt und erfahren, dass man auch bei dem damaligen Stand der Technik 5 bis 7 Minuten benötigt hätte, um festzustellen, ob ein Dementi vorlag oder nicht. Die Antwort wäre also noch rechtzeitig in die laufende Sendung gekommen.

5: Wie viele Empfänger verstehen „hinter Godesberg”? Außerdem wird schon wieder mit einem „Eindruck” als Beleg für die These gearbeitet.

6: Diese Zahl ist nicht so ganz recherchiert, sonst würde der I härter reagieren.

7: Unglückliche Formulierung. Besser wäre es gewesen, mit einer Zahl oder zwei Zahlen aus der Studie „Planungsdaten für die Mehrheitsfähigkeit der SPD” das Dilemma der SPD, wie es die Studie darstellt, zu belegen, um dann die Frage zu stellen: „Wie soll die SPD dieses Problem lösen, Herr Vogel?” Dazu hätte der Interviewer allerdings die Studie haben müssen, zumindest aber den Artikel über diese Studie („Planungsdaten“ 1984) aus dem SPIEGEL 38, September 1984 „Sowohl-Als-auch”.

Fazit: Insgesamt leidet das Interview darunter, vier verschiedene Themen zu behandeln, aber keines davon richtig. Das Interview hätte vollständig mit dem einzigen Thema der genannten Studie und den Folgerungen, die die SPD daraus zieht, geführt werden können. So aber ist das Interview im Grunde ein Kommentar, was deutlich wird, wenn man die vier Fragen des Interviewers hintereinander liest. Nachtrag: Sowohl die Angabe, die SPD habe den Grünen einen Kredit in Höhe von DM 100.000 angeboten (Anmerkung 3) als auch die Kosten der Studie (Anmerkung 6) sind korrekt, wie „Report” in seiner nächsten Sendung mitteilte. Vogel

hat in beiden Fällen schlicht die Unwahrheit gesagt.

 
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